PERSÖNLICHE EINDRÜCKE

DAS VERGANGENE JAHRHUNDERT
BETREFFEND

GEDANKEN  ZUR  HEUTIGEN  ZEIT
-  aus der Sicht von 1995  -

Wenn ich mir Gedanken über die heutige Zeit machen will, stellt sich als Erstes die Frage, ob die heutige Zeit denn anders ist als die gestrige Zeit. Wenn dies zu bejahen ist, muss ich mich fragen, was sich denn in den letzten Jahrzehnten in unserem täglichen Leben verändert hat, um die heutige Zeit anders zu machen.
Ja, unsere heutige Zeit ist tatsächlich anders als die Vorangegangene. Es war also nicht immer so, wie es jetzt ist. Die Hauptveränderung, an die ich unwillkürlich denke, ist aber nicht plötzlich gekommen, sondern sie hat sich über viele Jahrzehnte weiterentwickelt. Es handelt sich hierbei um die ständig wachsenden Erwartungen und Wünsche, die alle Teile der Bevölkerung heute an ihre Mitmenschen, in zunehmendem Maße aber an die Allgemeinheit, vertreten durch den Staat, haben. Aber, war das denn nicht immer so?
Das mit den Wünschen ist wohl im Prinzip nicht neu, nur waren die Verhältnisse vor einigen Generationen noch so, dass die Möglichkeiten zur Verwirklichung vieler Wünsche für den weitaus größten Teil der Bevölkerung nicht gegeben waren und daher die Bestrebungen und Träume in völlig andere Richtungen gelenkt wurden. Das hatte sich über viele Generationen hin nicht wesentlich geändert.
Viele Kinder lernten bereits in frühem Alter, dass die Eltern sparen mussten, um kleine Anschaffungen finanzieren zu können. Leider ging es aber oftmals auch so weit, dass die Kinder lernten, dass das Gefühl des vollen Magens nur für ganz bestimmte Tage oder als bisher unverwirklichte Wunschvorstellung besseren Zeiten vorbehalten war. In vielen Teilen der Welt ist es ja auch heute leider noch so.
Durch Erfindungen und die Entwicklung neuer Industrien verbesserten sich dann für breite Bevölkerungsschichten die Verdienstmöglichkeiten. Letztere konnten dann später mit Hilfe der Gewerkschaftsbewegung auch abgesichert werden. Gleichzeitig hiermit verbesserte sich aber auch das Angebot an Waren zu erschwinglichen Preisen. Diese Entwicklung setzte sich, zwar etwas gehemmt durch Kriege, unaufhaltsam fort.
Mit der ständig weiter fortschreitenden Industrialisierung wurden dann immer mehr Dinge, die das Leben angenehmer machen, für die breiten Massen erschlossen. Es ist sogar so, dass diese Entwicklung nicht möglich gewesen wäre, wenn nicht auch die breiten Massen an den so produzierten Dingen hätten teilhaben können. Nur durch die Massenproduktion ist es möglich, die Produkte billig, oder zumindest zu für breite Massen erschwinglichen Preisen, auf den Markt zu bringen.
Höhere Löhne und Gehälter und die dadurch gegebenen neuen Möglichkeiten brachten jetzt aber auch eine immer einseitigere Fixierung auf materielle Dinge mit sich. Eine weitere Folge hiervon war leider auch eine zunehmende, wenn auch nur gefühlsmäßige Abgrenzung, da ja viele der angestrebten Dinge allein der Person oder dem zusammengehörigen Personenkreis, nicht aber der Allgemeinheit, von Nutzen sein sollten.
Mit dem Ziel, den einmal erreichten Besitzstand weiter zu vermehren, zumindest aber zu wahren, ist man oftmals heute auch nicht gewillt, auf etwas zu verzichten oder Abstriche am bisher Erreichten hinzunehmen, selbst wenn dieses im Interesse, oft im dringenden Interesse, der Allgemeinheit liegen würde. Dass dies in der Tat so ist, beweisen uns die täglich wahrzunehmenden Schwierigkeiten unserer Politiker, wenn es darum geht, die Einnahmen des Staates, die ihm in Form von Steuern zufließen, auf die ständig wachsenden Ausgaben zu verteilen. Kaum einer ist gewillt, bei diesem Verteilungskampf zurückzustecken, ja auch die öffentlichen Verwaltungen und die Politiker selbst nicht.
Die heute bei uns erzielten Löhne, Gehälter und sonstigen Ansprüche tragen aber auch leider dazu bei, dass die daraus resultierenden Kosten uns auf den Weltmärkten zunehmende Schwierigkeiten bereiten. Dies wiederum führt dazu, dass viele Industriezweige sich sehr schwertun, zusätzliche Arbeitsplätze auf dem erreichten Niveau zu schaffen und gerade darauf warten inzwischen doch einige Millionen Deutsche. Das heißt also auch, dass es viele gibt, die nicht an dem inzwischen erreichten Stand teilhaben können.
Ein Beispiel hierfür sind die Schwierigkeiten, die wir bei der Finanzierung des Zusammenwachsens der alten und der neuen Bundesländer immer noch haben. Die Wiedervereinigung der beiden Teile Deutschlands war ja von fast allen Bevölkerungsschichten in Ost und in West begrüßt worden, doch leider stellten sich dann sehr schnell unvorhergesehene Probleme ein. Das wahre Ausmaß der notwendigen Kosten, das erst beim Anlegen unserer westdeutschen Maßstäbe an die einzelnen Teilbereiche der ineffizienten und leider oft auch kranken Wirtschaft in den neuen Bundesländern zutage trat, ist aber auch erst zu spät erkannt worden. Ein Grund für die jetzigen Probleme ist jedoch ebenso, dass das Thema der Finanzierung von einigen Politikern -vielleicht unbewusst gedanklich, aber zugleich auch der Bevölkerung gegenüber - zu lange heruntergespielt wurde. Das ist zum Teil natürlich verständlich, da sie, wie bei anderen Themen auch, den möglichen Popularitätsverlust bei einem Eintreten für unangenehme, aber notwendige Maßnahmen befürchten müssen. Bei der damals herrschenden euphorischen Stimmung in weiten Teilen der Bevölkerung wären Einschnitte, wenn klar begründet, sicherlich noch hingenommen worden, die heute, einige Jahre und viele anderslautende offizielle Verlautbarungen später, auf ständig neue Hindernisse stoßen.
Das bisher Beschriebene erläutert Entwicklungen im Denken und Verhalten von uns Menschen, die, wenn einmal als negativ erkannt, vielleicht langfristig beeinflusst werden können. Abgesehen von zahlreichen Ausnahmefällen, wird der einzelne Bürger aber vom zunehmenden Egoismus in den meisten Fällen nicht direkt fühlbar betroffen. Es handelt sich ja um eine Entwicklung, an der die meisten entweder selbst beteiligt waren, oder in deren Umfeld sie aufwuchsen, bzw. viele Jahre gelebt haben. So sollten sie solche Verhaltensmuster zumindest nicht überraschen. Leider handelt es sich bei vielen der eben genannten Ausnahmefälle um Bürger unserer neuen Bundesländer, für welche die bei uns gängigen Praktiken zum Teil doch etwas überraschend kamen.
Wie an sich vorauszusehen war, wird es noch einige Jahre dauern, bis wir alle gemeinsam miteinander das Zusammenwachsen geschafft haben. Bei den Ausgebombten und später bei den vielen Flüchtlingen, direkt nach dem Kriege, ging es ja auch. Damals waren wir alle aber noch nicht so verwöhnt wie heute und darum wird es jetzt bedeutend viel länger dauern.
Ein vollkommen anderer Aspekt bei dem Thema des sich verbreitenden Egoismus darf aber auch nicht übersehen werden, nämlich die ansteigende Kriminalität. Hierbei handelt es sich um die Menschen, die etwas haben wollen, obgleich sie es sich nicht leisten können. So versuchen manche, sich diese Dinge durch unlautere Handlungen zugänglich zu machen.
Abhängige von irgendwelchen Drogen gibt es seit sehr langer Zeit. Heute jedoch, in einer Zeit der Verwöhnung, in der man nicht mehr ohne Weiteres gewohnt ist, von sich heraus auf Dinge, die das Leben angenehmer machen, zu verzichten, wird auch dieses Thema bedeutend komplexer. Da kann manch einer nicht widerstehen, sich die gewohnte Droge durch einen, oft leicht gemachten, Eigentumsdelikt zu finanzieren.
Wenn ich hier jetzt hauptsächlich negative Aspekte aufgezählt und erläutert habe, die sich jedoch keineswegs nur auf Deutschland, sondern in mindestens gleichem Maße auf die ganze sogenannte westliche Welt beziehen, so meine ich damit aber nicht, und keiner sollte das Vorangegangene so verstehen, dass ich nicht auch davon überzeugt bin, dass wir heute in einer guten, ja schönen Zeit leben. Wir Älteren haben ja die schlechte und unschöne Zeit alle noch gut in der Erinnerung. Auch treffe ich persönlich täglich auf viele nette, rücksichtsvolle und hilfsbereite Menschen aller Altersgruppen.
Bei der Betrachtung und Beurteilung der Zeiten darf man aber eines nie vergessen. Eine friedliche schlechte Zeit ist hundert- ja tausendmal besser als eine jede Kriegszeit. Es ist besser auf vieles zu verzichten, als um Söhne, Männer oder Väter bangen zu müssen. Wie schon in unserem letzten Krieg bleiben bei modernen Auseinandersetzungen ja selbst die Familien zu Hause nicht verschont.
Da ist noch ein Thema, welches in diesen Zusammenhang gehört. Das Thema heißt „Unsere Jugend". Während wir Älteren mit unserer Zeit auch mehr oder weniger gut zurechtkommen, fehlt für einen Teil unserer Jugend etwas Wesentliches. Es fehlen diesen Jugendlichen oft Ideale oder Leitbilder, denen nachzueifern viele auch gewillt wären, auf manche Annehmlichkeit zu verzichten.
Nun gibt es ja durchaus Ideale, die auch von Jugendlichen als solche erkannt und aufgegriffen werden, wie zum Beispiel auf dem geistigen, religiösen aber wohl hauptsächlich auf dem sozialen Sektor. Einem Teil der heute Sechzehn- oder Achtzehnjährigen fehlt aber der Sinn für ein Engagement in diesen Richtungen. Sie haben den Hang zur Gruppe und das Bedürfnis den anderen und sich selbst ihren Mut zu beweisen. Früher hätten manche von ihnen die Möglichkeit gehabt, als Söldner oder bei der „christlichen" Seefahrt aus dem normalen Leben auszubrechen und sich hier einer rauen, oftmals brutalen Männergesellschaft zu verdingen, in der harte, teilweise ungerechte Autorität eine Unterordnung erzwang. So unsinnig es für uns erscheinen mag, gibt es doch auch heute noch offensichtlich einige, die unbewusst nach dieser Art von Ordnung suchen. Ich sage unbewusst, weil es ja seit Langem bereits so etwas nicht mehr gibt, und wer liest heute noch die Bücher, die davon berichten?
Einigen Gruppen fällt daher nur das zeitlich Nächstliegende, die straffe Ordnung in totalitären Regimen ein. Sie kleiden sich uniform-ähnlich, geben sich selbst eine Gliederung, sind gewillt, sich bedingungslos unterzuordnen und betrachten sich als eine Art Elite. Mut wird dann, in Ermangelung anderer Möglichkeiten, in Schlägereien auf der Straße, am Rande der Fußballstadien und leider neuerdings auch, politisch beeinflusst, gegen Ausländer bewiesen. Jetzt wird offensichtlich sogar der Tod von Menschen aus den Zielgruppen mit in Kauf genommen. Andere wiederum lehnen die heutige Gesellschaft vollständig ab, was dann teilweise so weit geht, dass sie unsere Gesellschaft bekämpfen und vielleicht sogar zerstören wollen.
Oftmals fällt die Orientierungslosigkeit gewisser Jugendlicher auch mit Arbeitslosigkeit zusammen, wodurch die Situation des Einzelnen dann noch problematischer wird. Es muss aber doch Mittel und Wege geben, die Kraft und Energie dieser Jugendlichen in irgendeiner sinnvollen, auch für sie akzeptablen Weise, zu ihrem eigenen Wohl und gleichzeitigen Wohle der Gesellschaft auszunutzen und nicht darauf zu warten, dass sie Unruhe und Unheil bringen, um dann, was bleibt anderes übrig, mit großer Strenge gegen sie vorzugehen.
Ich sehe das Thema der zu den erwähnten Problemgruppen gehörenden Jugendlichen als ein äußerst Dringendes an, dem man nicht aus dem Wege gehen darf, selbst wenn es in die Gedankenwelt unserer heutigen Gesellschaft nicht hineinzupassen scheint, zumal unsere Nachbarn die gleichen Probleme haben.
Nach diesen Gedanken zu unserer heutigen Zeit, die sicherlich für viele von uns als übertrieben oder zumindest für sie selbst oder ihre unmittelbare Umgebung als überzeichnet angesehen werden, muss ich noch das hervorragende Thema des Tages, ja des Jahres ansprechen. Hervorragend leider im negativen Sinn. Ich meine hiermit unsere Gefühle und unser Verhalten den Ausländern gegenüber.
Deutschland war, glaube ich, früher ein Land das dem Fremden, dem Ausländischen, mit Interesse - ja man kann vielleicht schon sagen mit Sympathie, gegenüberstand. Wer von uns Älteren hat in seiner Jugend nicht Bücher über ferne Länder und Völker „verschlungen". Als Volk hatten wir Deutschen aber, mit wenigen Ausnahmen, kaum Gelegenheit, diese Ausländer selbst kennenzulernen. Dass es sich bei diesen Ausländern, von denen wir mit Interesse lasen, in den meisten Fällen um Häuptlingssöhne oder etwas Ähnliches, nicht aber um die untersten Volksschichten fremder Länder handelte, daran dachte man kaum.
Unsere Gefühle dem Nichtdeutschen gegenüber wurden dann aber leider plötzlich sehr stark negativ beeinflusst, als uns nämlich unsere Position in Europa von unseren seinerzeitigen Machthabern näher erläutert wurde. Wir, das „Volk der Arier", waren umgeben von minderwertigeren Völkern, Knechten des Kapitalismus auf der einen Seite und Slawen auf der anderen Seite, von denen wir uns abgrenzen mussten. Ja selbst innerhalb unserer Grenzen hatten wir, wie wir jetzt hören mussten, Menschen, die, wenngleich bisher als Deutsche angesehen, doch in Wirklichkeit nichts als Fremdlinge und Schmarotzer waren. Die Tatsache, dass sie seit vielen Generationen hier bei uns wohnten und zu einem großen Teil auch zusammen mit unseren Vätern und Großvätern im Frieden das Land und seine Kultur mit entwickelt und in den Kriegen mit verteidigt hatten, zählte nicht, ja sie wurde auch überhaupt nicht erwähnt.
Wie erschreckend leicht war es doch, unser kaum politisch mündig gewordenes Volk in dieser perfiden Art gegen einen Teil der eigenen Bevölkerung, nämlich gegen die Juden, zu beeinflussen. Da nützten auch die vielen Aufgeklärten nichts. Der breiten Masse half es nur zu gut zu verstehen, warum es ihnen in der tatsächlich schweren Zeit der zwanziger Jahre so schlecht gegangen war. Aber wir haben dafür büßen müssen.
Es fiel uns nach dem Kriege dann ja auch nicht schwer, unsere Siegermächte in einem so rosigen Licht zu sehen, dass wir jetzt versuchen mussten, sie möglichst schnell zu kopieren. Leider fehlte uns immer noch die Fähigkeit, das normale Maß der Werte für die anderen und ebenso auch für uns selbst zu finden. Zugegeben - das, was viele unserer Nachbarn seit Jahrhunderten bereits hatten, nämlich einen zentralen Staat, das hatten wir damals eigentlich erst seit nicht einmal hundert Jahren. Vielleicht kann das als Erklärung für den Mangel an normaler Selbsteinschätzung angesehen werden, für das was wir in den dreißiger Jahren daraus machten, darf es als Entschuldigung aber sicherlich nicht gelten. Als Volk, als junge Demokratie, erkannten wir seinerzeit nicht, dass die Politik der Nazis im Januar 1933 in eine gefährliche Sackgasse führen musste und das, obgleich die Vorzeichen alle in diese Richtung hätten gedeutet werden müssen.
Wie stolz waren wir aber später, als wir uns und unseren jetzt befreundeten Nachbarstaaten in den sechziger und siebziger Jahren immer wieder versicherten, dass das, was bei uns im Dritten Reich geschehen war, nie wieder möglich sei. Hat sich denn hieran jetzt etwas geändert?
Im Prinzip hat sich daran nichts geändert. Auch wir haben jetzt wieder eine kleine Gruppe extremer Rechter, so wie es viele der anderen demokratischen Staaten auch haben. Wenn wir jetzt mehr davon hören, so hat das zum Teil andere Gründe.
Im unseligen Dritten Reich, in dem viele unserer Volksgenossen, selbst wenn sie damals von offizieller Seite nicht in diesen Begriff mit einbezogen wurden, ihr Leben und ihre Freiheit nur durch die Flucht retten konnten, waren die Flüchtlinge auf die Aufnahmebereitschaft der Nachbarstaaten angewiesen. Im Nachherein muss man hierzu sagen, dass es mit dieser Aufnahmebereitschaft damals auch nicht immer so sehr weit her war. Um so höher ist natürlich die Hilfe, die unseren unglücklichen Landsleuten zuteilwurde, zu bewerten und es ist ebenso natürlich, dass die Bundesrepublik eine entsprechende Hilfe für alle, die um Freiheit und Leben bangen müssen, in ihr Grundgesetz aufnahm. Als die einst selbst Betroffenen, wollen wir hier auch bestrebt sein, international mit gutem Beispiel voranzugehen und nicht nur mit anderen gleichzuziehen.
So weit so gut. Wir tun also etwas, was wir selbst, und andere auch, von uns als demokratischem Staat, aber auch als geschichtsbewußtem Volk erwarten können. Leider aber läuft auch das hier bei uns nicht so glatt, wie man es bei diesem Thema hätte hoffen dürfen. Es ist kein Wunder, wenn unsere Nachbarn wieder einmal verständnislos den Kopf über uns schütteln.
Dass spätestens zu einem Zeitpunkt, wo Fremde überall um uns herum, in öffentlichen Gebäuden, angemieteten Wohnungen, ja selbst in Schiffen und in Containern wohnen, das Gefühl bestimmter Teile der Bevölkerung den Fremden gegenüber wieder umzuschlagen droht, sollte uns nicht überraschen. Es handelt sich hierbei meistens um die Teile unserer Bevölkerung, die selbst durch das unglückliche Zusammenfallen der derzeitigen ungünstigen internationalen Wirtschaftslage mit unseren internen Wiedervereinigungsproblemen unverschuldet in das soziale Abseits gedrängt worden sind.
Nur zu verständlich ist es, dass die extremen Rechten das endlose Gerede unserer Politiker zu ihrem Vorteil ausnutzten und das Volk zu polarisieren versuchten. Dass es dabei allerdings zu so abscheulichen terroristischen Aktionen kam, die bei uns Älteren fürchterliche Erinnerungen wachrufen, hat wohl doch auch die Letzten von uns aufgeschreckt. Damals wurden solche Aktionen von oben sanktioniert, heute müssen wir aber sicherstellen, dass jeder deutlich erkennt, dass unser Staat und auch die Bevölkerung nicht gewillt sind, selbst die kleinsten Anfänge zu tolerieren.
Eine Vermischung dieser beiden Elemente, der Ohnmacht in den direkt betroffenen Volksschichten und der aufkommenden Lautstärke und Kriminalität der Neonazis, muss jedoch auf jeden Fall vermieden werden. Wir haben hier zwei durchaus unterschiedliche Probleme, die im Interesse unserer Bürger, einschließlich der hier bei uns lebenden Ausländer, beide jeweils einer differenzierten aber eindeutigen Antwort durch unseren Staat bedürfen. Es wäre durchaus im Sinne der Rechtsextremen, wenn beide Themen vermischt würden.
Es scheint so einfach, diese und andere komplexe Themen so zu behandeln und zu diskutieren, als wenn sich immer nur zwei einfache und für unterschiedliche Gruppen einleuchtende Meinungen konträr gegenüberstehen. Leider ist das aber bei kaum einem der sich uns in der heutigen Zeit zur Bewältigung stellenden Probleme der Fall.
Sicherlich wäre es schön, wenn wir in der Lage wären, allen Hilfsbedürftigen die an unsere Tür klopfen zu helfen, ja sie auch an unserer Gesellschaft teilhabenzulassen. Leider sind wir dazu aber nicht in der Lage. Zurzeit bereitet es uns ja noch Schwierigkeiten, auf etwas zugunsten unserer eigenen bedürftigen Bevölkerungsschichten zu verzichten. Es fällt uns immer schwerer, das sicherlich notwendige soziale Netz zu finanzieren. Je mehr wir uns aber absichern, desto attraktiver wird unsere Gesellschaft für die vielen notleidenden Menschen in unserem eigenen Erdteil und in anderen Erdteilen. Es sind dies die wirklich großen Probleme der kommenden Jahrzehnte, die nicht von einem Land alleine, sondern nur weltweit gelöst werden können.
Wir Älteren, selbst wenn wir in den dreißiger Jahren vielleicht noch zu jung waren, um Einfluss zu nehmen, können uns alle erinnern, oder sollten uns erinnern können, dass politische Abstinenz, Mitläufertum, keine Vermeidung der Mitverantwortung bedeutet. Gerade wir Älteren müssen uns Gedanken machen und über unsere Gedanken auch sprechen. Es reicht einfach nicht, wenn wir an denen, die demokratisch dafür gewählt wurden und die auch für das Treffen von Entscheidungen von uns allen bezahlt werden, nur Kritik zu üben versuchen.
Ich bin ganz sicher, dass sich die meisten unserer Politiker, ebenso wie die klar denkenden Teile unserer Bevölkerung, der hier von mir genannten Probleme bewusst sind und auch ehrlich bemüht sind, darauf Antworten zu finden. Wichtig ist dann allerdings auch, dass man sich ebenso ehrlich bemüht, die so erzielten Erkenntnisse einer parlamentarischen Einigung zuzuführen, damit die als notwendig erkannten Maßnahmen zügig durchgeführt werden können.
Für die Sicherheit unserer Bevölkerung ist der Staat verantwortlich und zur Bevölkerung gehören nicht nur Arier, wie früher einmal, sondern auch alle, die sich hier mit unserer Duldung in den letzten Monaten oder Jahren niedergelassen haben und unsere Gesetze befolgen.
„Heute" wird morgen bereits „gestern" sein und so kann ich denn nur hoffen, dass zumindest einige der Themen an die ich heute denke, morgen bereits keine mehr sind. Sicherlich sind dann aber bereits andere sichtbar geworden, denen wir uns ebenso stellen müssen.

                                                                     JETZT, MEHR ALS ZWÖLF JAHRE SPÄTER

Entsprechende Gedanken machte ich mir vor mehr als einem Jahrzehnt. Ich versuchte damals, über Schwerpunkte nachzudenken, die - meiner Ansicht nach - der Aufmerksamkeit, vielleicht sogar der Einwirkung unserer Politiker bedurft hätten. In der Hauptsache denke ich jetzt dabei an die Fürsorge, Erziehung und Bildung für unsere Kinder und Jugendlichen sowie an die Integration unserer Mitbürger mit Migrantenhintergrund..
Nicht, dass ich erwartet hätte, alle Fehlentwicklungen wären inzwischen durch behutsames Eingreifen vollkommen korrigiert worden. Ich war aber wohl auch zu naiv, für möglich zu halten, dass unsere Politiker in der Lage gewesen wären, in nur zwölf Jahren einen gangbaren gemeinsamen Weg zu finden und sich dann auch noch auf einen solchen zu einigen. Heute haben wir nicht nur noch die gleichen offenen Fragen, sondern es sind in der Zwischenzeit noch mehr drückende Probleme entstanden.
Wenn die Mittel zur Umsetzung von für die Allgemeinheit notwendigen Projekten fehlen, müssen evtl. wohlüberlegte Abstriche gemacht und begründet werden - oder es muss das Volk davon überzeugt werden, dass die Umsetzung (ohne Aufgabe anderer wichtiger Projekte) nur mit zusätzlichen Mitteln möglich ist. Und diese zusätzlichen Mittel können nur in Form von neuen oder höheren Steuern aufgebracht werden. Offenheit dem Volke gegenüber sollte das oberste Gebot sein. Das Volk könnte sich dann entscheiden, ob es gewillt ist, für noch weitergehende Übergabe der Verantwortung an den Staat die hierfür notwendigen Steuern zu zahlen oder stattdessen, dieses Geld und einen Rest an Eigenverantwortung doch lieber selbst zu behalten.


AUF DER SUCHE

Als ehemaliger Kriegsteilnehmer gehörte ich später auch zu den jungen Leuten, die von den gegebenen Verhältnissen enttäuscht, nach anderen Lebensinhalten Ausschau hielten. Ähnlich war es bereits vielen nach dem Ersten Weltkrieg ergangen.
Im Kriege war man pflichtbewusst gezwungen etwas zu tun, was den normalen Moralbegriffen zuwiderläuft. Ein Krieg hatte seine eigene Moral. Überzeugt, dass man sein Land vor einer Gefahr von außen schützen musste, zog manch einer freiwillig in einen blutigen Krieg. Er zog nicht freudig, denn das Risiko im Krieg zu sterben oder verstümmelt zu werden, war ja sehr groß. Auch zog er nicht fröhlich, sozusagen auf die Jagd nach feindlichen Soldaten, denn vielleicht hatte er vor Kurzem noch die Verwandten oder Freunde dieser Soldaten bei seinen Auslandsaufenthalten kennen und schätzen gelernt. Er war sich darüber im Klaren, dass es vielen auf der anderen Seite, der Seite gegen die er kämpfte, genau so ging wie ihm.
Aber er ging. Überzeugt davon, dass es notwendig war. Denn sonst hätten die Politiker doch wohl nicht zu den Waffen gerufen.
Leider war es oftmals erst nach einem Krieg, dass Zweifel aufkamen. Man stellte Fragen und suchte Antworten. Abertausende hatten aber jetzt selbst dazu keine Gelegenheit mehr, sie waren im Krieg gefallen. Eine noch größere Anzahl war jetzt notgedrungenermaßen so mit sich und den erlittenen körperlichen oder auch seelischen Verletzungen beschäftigt, dass sie fürs Erste keine Fragen mehr stellte.
Und die anderen? Die, die ‚heil' aus dem Krieg zurückgekommen waren? Die fanden es oftmals schwer, sich im Alltagsleben wieder zurechtzufinden. Die Werte waren hier jetzt wieder ganz andere. Nach vielleicht jahrelangem notgedrungenen Verzicht auf fast alle Annehmlichkeiten war man jetzt plötzlich mit dem ‚Tanz um das Goldene Kalb' konfrontiert. Vergessen sind Begriffe wie Gemeinnutz. Jetzt steht der Eigennutz wieder ganz alleine vorn.
Es war daher kein Wunder, wenn viele junge Leute jetzt erstmals nach einem weitergehenden Sinn des Lebens fragten. Sie suchten für sich selbst Antworten. Antworten, die ihnen ihre Kirche, die sie in den Krieg begleitet hatte, offensichtlich nicht geben konnte.
Wie viele vor mir, las auch ich über Buddhismus und nahm an Yoga-Kursen teil. Vollkommen kuriert wurde ich davon erst, als ich bei einer Nepal-Reise einmal einem jungen Schweizer in einem der dortigen Tempel begegnete. Er war ein buddhistischer Mönch geworden. Vielleicht, aber auch nur vielleicht, war er das mit all der Zufriedenheit und der Klarheit von Geist und Seele, die er gesucht hatte, auf jeden Fall aber auch mit all dem Gammel und Schmutz, die solch ein Leben dort unwillkürlich mit sich bringt.
Einige Jahre später sah ich mich jedoch nochmals der fernöstlichen Gedankenwelt gegenüber. Inzwischen hatte man nämlich mit großem Erfolg angefangen, überall südasiatische Heilslehren zu verbreiten. In vielen Teilen der westlichen Welt entstanden Sekten, von denen eine schillernder war als die andere. Die Aufnahmebereitschaft war erstaunlich groß.
So war der Maharischi Mahesch Yogi, der Lehrer der Transzendentalen Meditation, denn auch in unsere Stadt gekommen. Ich selbst sah ihn jedoch nur im Fernsehen bei seiner Ankunft am Flughafen. Wenngleich mich die Transzendentale Meditation auch interessierte, so störte mich doch das ständige Gekicher des alten Mannes. Es war dies offensichtlich eines seiner Markenzeichen und der Beweis für einen entspannten Geist und eine entsprechend gelöste Seele. Aber es erinnerte mich, ganz respektlos gesprochen, doch auch sehr an leichten Wahnsinn. Der Maharischi hielt in einem Saal seines Hotels einen Vortrag und lud danach einige wenige zu einer kurzen Privatunterweisung einzeln auf sein Zimmer. Das heißt, er wählte sich die erlauchte Schar nicht selbst aus. Man musste sich hierzu, bei gleichzeitiger Zahlung eines ansehnlichen Spendenbetrags für die vom Maharischi geleitete Bewegung, vormerken lassen. Wie gesagt, ich sah mir den Mann nicht selbst an, aber zwei meiner Freunde hatten sogar Privataudienzen.
Am Tag darauf berichteten mir meine Freunde eingehend von dem, was sie am Vortage erlebt hatten. Während es sich bei dem Vortrag des Maharischis um die allgemeine Erläuterung von Sinn und Zweck der Transzendentalen Meditation handelte, wurden bei der anschließenden Einzelunterweisung ganz persönliche Hilfen, in Form von auf die Persönlichkeit abgestimmten Schlüsselwörtern, gegeben. Dieses, nur für die eine Person bestimmte Wort sollte das Erreichen des meditativen Zustands fördern. Offensichtlich war anschließend fast jeder, der es bis zur Einzelunterweisung hatte kommen lassen, von der Gangbarkeit und Richtigkeit des neuen Weges überzeugt. Wie bei allen Versuchen in diese Richtungen verlieren die meisten jedoch schnell das Interesse. Wenn sich nämlich herausstellt, wie viel Mühe und Konzentration über eine lange Zeit notwendig sind, bevor man selbst für sich gewisse Fortschritte zu erkennen glaubt.
Meine beiden Freunde hatten jedenfalls ihr Wort, mit dem sie operieren sollten, aus dem Munde des Meisters selbst entgegengenommen und waren auch nicht gewillt, dieses, Ihr persönliches Wort, untereinander oder auch mir gegenüber preiszugeben. Die Routine der Übungen, die im Allgemeinen im Sitzen auf einem festen Stuhl mit möglichst steiler Rückenlehne, ähnlich wie beim autogenen Training, praktiziert werden, konnten sie mir zwar beschreiben, aber darüber hatte ich auch schon genug gelesen.
Einige Monate später, nachdem ich inzwischen nicht mehr viel über die Meditationsübungen gehört hatte, fragte mich einer dieser beiden Freunde, ob ich nicht Lust hätte, zu einem Diskussionsabend mitzukommen. Der für unsere Stadt zuständige Maharischi-Jünger, der vor einigen Tagen erst von einem Lehrgang in Indien zurückgekommen war, sollte sich den Fragen der bisher weniger erleuchteten stellen. Interessiert war ich ja auch immer noch und so sagte ich zu, wenigstens für kurze Zeit mitzukommen. Mein Freund versprach andererseits, es mir nicht übel zu nehmen, wenn ich ihn tatsächlich nach kurzer Zeit bereits alleine zurücklassen würde.
Etwa hundert Anhänger bzw. Interessierte an der Transzendentalen Meditation hatten sich in einem großen Saal eingefunden und warteten auf das Eintreffen des ‚kleinen' Meisters. Es handelte sich um ein bunt gewürfeltes Publikum aller Altersgruppen und, soweit ich beurteilen konnte, auch der verschiedensten sozialen Schichten, das sich anhand des zurückgekehrten Jüngers ein Bild von der Überzeugungskraft der Lehre machen wollte. Der Jünger war ein junger Mann unserer Stadt, der, vom Maharischi ausgewählt, zwei oder drei Monate lernend und meditierend am Standort der Sekte in Indien zugebracht hatte. Mir war dieser Mann vorher nicht bekannt und auch mein Freund kannte ihn früher nicht.
Endlich kam der große Augenblick. Der Begnadete betrat den Saal durch einen der Eingänge im Rücken des wartenden Publikums und schritt dann sehr langsam inmitten einer kleinen Schar von Eingeweihten durch den Mittelgang auf das Podium zu. Es handelte sich um einen Mann von etwa 35 Jahren, der mit Hemd und Hose bekleidet war und einen Blütenkranz um den Hals hatte. Während er sich dem Podium näherte und noch als er dasselbe betrat, kicherte er vor sich hin. Da war es also wieder, dies Markenzeichen des Maharischis, das irre Gekicher.
Die nachfolgende Diskussion war für mich dann schon nicht mehr besonders interessant. Hätte er nicht gekichert, wäre ich vielleicht länger geblieben. So aber entschuldigte ich mich nach wenigen Minuten bereits bei meinem Freund, der durchaus verstehen konnte, dass ich nicht begeistert war.
Warum nur hatte man das Gekicher als so wesentlich angesehen, dass man es an die Jünger weitergab oder aber als so unwesentlich, dass es gar nicht auffiel, wenn Jünger auch darin versuchten dem Meister zu folgen.
Jahre später versuchte ich mich in autogenem Training, das ich aber auch nur bedingt beherrsche. Es kommt mir auch nicht darauf an, ungekannte Kräfte freizusetzen, sondern lediglich darauf, mich möglichst gezielt entspannen zu können.
Wenn man es letztendlich geschafft hat, selbst alt zu werden und auf dem Wege dahin Gelegenheiten wahrnahm, unsere Welt und die bunte Vielfalt des unterschiedlichen Lebens auf sich einwirken zu lassen, dann ist da so viel, über das man nachdenken kann. Man braucht dann nicht mehr bewusst zu suchen, so wie in jungen Jahren...


UND WAS WIR ÄLTEREN DEN JÜNGEREN GENERATIONEN BERICHTEN SOLLTEN 
SOLANGE WIR NOCH DIE GELEGENHEIT DAZU HABEN

In diesem Fall war es meine Antwort auf die Frage einer 17-Jährigen Schülerin:
Ja, in einem ehemaligen Konzentrationslager war ich auch schon zweimal. Ich fand es auch sehr bedrückend, hauptsächlich, wenn man weiter als das, was man dort vor sich sieht und vielleicht lesen kann, denkt. Es war wirklich ein schwarzes Kapitel in unserer Geschichte, aber es gehört mit dazu. Es waren deutsche Mitbürger (keine ausgesuchten Kriminellen), die andere Deutsche misshandelten und töteten. Und nur weil diese einer anderen Gruppe (Juden, Sozies, Kommunisten, Homosexuelle etc.) angehörten und man den SS-Soldaten/Polizisten (Tätern) sagte, dass es sich dabei um sogenannte minderwertige Lebewesen handele. Sie hätten ebenso gut alle, die zufällig unsere Nachnamen haben, aussortieren und einsperren können. Unglaubwürdig, wie es klingen mag, habe ich von diesen schrecklichen Geschehnissen erst nach dem Krieg in englischer Gefangenschaft erfahren. Und da glaubte ich es dann anfangs nicht. Ich kann mich gut erinnern, dass ich zu meinen Kameraden sagte, „jetzt, wo der Krieg zu Ende ist, können sie uns ja alle Greuelmärchen erzählen und uns für alles schuldig erklären". Es waren damals Unterhaltungen mit Soldaten der Ostfront, die manches Unglaubliche glaubhaft machten.
Jeder wusste über das Vorhandensein von sogen. „Konzentrationslagern" Bescheid. Darüber sprach man auch in der Bevölkerung und machte vielleicht sogar unbedachte Scherze. Wir stellten uns darunter aber Lager, ähnlich den ursprünglich im Burenkrieg von den Engländern aufgemachten und von uns Deutschen (wir fühlten uns damals als Burenfreunde) immer angeprangerten „Concentration Camps", vor, in denen Leute, die unseren schweren „Verteidigungskrieg" hintertrieben oder dagegen hetzten, (vorübergehend) eingesperrt wurden. Offensichtlich haben andererseits aber doch sehr viele Deutsche gewusst oder gemerkt, was vor sich ging.
Das war aber unter meinen Freunden und auch späteren Kameraden bei der Wehrmacht, wie es mir im Rückblick erscheint, nicht der Fall. Denn sonst wäre wohl auch unter sehr engen Freunden und Kameraden (wir waren ja alle Schicksalsgenossen in diesem fürchterlichen Krieg) darüber gesprochen worden. Zu meinem Glück bin ich während dieser schlimmen Zeit niemals in die Lage gekommen, etwas Unehrenhaftes tun zu müssen, noch bin ich jemals Zeuge solcher Vorgänge gewesen. Ich muss jetzt aber auch ehrlich sagen, dass ich nicht weiß, ob ich nicht auch in irgendeiner Weise (und wenn nur als nicht eingreifender Zeuge) schuldig geworden wäre. Jetzt kann sich kein Jüngerer die damalige Zeit wirklich vorstellen und verstehen, dass nicht alle damals aktiv dagegen ankämpften. Das für die Zeit typische Beispiel der Geschwister Scholl zeigt, wohin Einzelaktionen führten. Heute kann sich jeder nur vorstellen, dass er selbst als Widerstandskämpfer aktiv und dann (wie es bei Aufdeckung stets geschah) erschossen worden wäre. Aber wenn es um Leben oder Tod geht, ist nun einmal nicht jeder gewillt, ein toter Held zu sein, zumal diese Aktivitäten Einzelner ja nicht das Geringste an der Lage änderten.
Doch wieder zurück zu den allgemeinen Verhältnissen. Nichts ist schlimmer und gefährlicher als der „Mob der Straße" (wenn sie nicht bei den Sozies oder Kommunisten mitmarschierten, waren sie meist bei der SA. Die sogen. „Straße" liebte die Zusammenrottungen und auch die Prügeleien), zumal dieser Mob hier noch den Parteien diente und dann später vom Staat benutzt wurde. Ja, einige davon konnte man nach Jahren vielleicht sogar in verantwortlichen Ämtern wiederfinden.
Ich selbst war vor dem Kriege so mit dem normalen Aufwachsen, den Schwierigkeiten in der Schule und der Anpassung an Spielgefährten und Freunde später in den Jugendorganisationen (Jungvolk/HJ) beschäftigt, dass ich, als Spätentwickler (und vielleicht Idealist und Träumer?) genug mit mir und meinem direkten Umfeld zu tun hatte und (wie ich jetzt zu meinem Leidwesen viel zu spät einsehen muss) viel zu naiv für Gespräche mit meinem Vater war.
Wie es überhaupt dazu (zu dieser Zeit, die uns soviel Unheil brachte) kommen konnte, kann man ohne Kenntnis der und Verständnis für die Geschichte vor und nach dem Ende des Ersten Weltkriegs nicht verstehen.
Wir hatten, entgegen vielen gegenteiligen Meinungen, diesen Krieg weder gewollt, geplant noch angefangen. Die damalige Politik nach Bismarcks Entlassung war nicht in der Lage unsere Position inmitten all der anderen europäischen Mächte auszubalancieren. Durch ungeschickte Schachzüge der Politiker und unglückliche Äußerungen unseres leider etwas angeberischen Kaisers lavierten wir uns in eine Lage, die uns nach Sarajewo leider keinen ehrenhaften Ausweg mehr ließ. Unserem Kaiser Wilhelm konnte man wohl wirklich nicht nachsagen, dass er einen Krieg mit Frankreich und seinen Vettern in England und Russland gewollt hätte. Aber die Mächte um uns herum hatten sich in den letzten 10 - 15 Jahren vor 1914 durch Geheimverträge zusammengefunden und abgesichert. Wir waren damals ein sehr erfolgreiches und aufstrebendes Industrieland, das sogar - den Engländern zum Trotz - eine eigene große Kriegsflotte haben wollte. Das alles zusammen war letztendlich wohl zu viel. Zumal wir Deutschen ja leider (d.h. zu der Zeit unser Kaiser) oft viel, oder besser „zu viel", und dann auch gerne „groß" reden - „uns dicketun", wie man so schön sagt - und damit schafft man sich ja nicht nur Freunde.
Wir verloren den Krieg, nachdem wir an allen Fronten erfolgreiche und zum Teil leider auch nicht so erfolgreiche Schlachten geschlagen hatten. Einen Krieg sah man damals anders an als heute. Kriege hatte es immer gegeben. Kaum eine Generation kam ohne einen kleinen oder manchmal auch großen Krieg aus. Die Zeit vor 1914 hatte uns sogar eine verhältnismäßig lange Periode des Friedens gebracht, sodass Kaiser Wilhelm II  bis kurz vor dem Krieg als der Friedensfürst angesehen und von großen Teilen des Volkes, als solcher geliebt wurde. In den Schulen lernte man damals z. B.: „Der Kaiser ist ein lieber Mann // Er wohnet in Berlin // Und wär es nicht so weit von hier // Dann ging ich heut noch hin".
Jedenfalls verloren wir den Krieg und der Kaiser musste abdanken und das Land verlassen. Zurück blieb Anarchie. Plötzlich waren wir, das seit Jahrhunderten obrigkeitshörige Volk, eine Republik. Zudem gab es Deutschland als zusammenhängendes Staatsgebilde, ja erst knapp 50 Jahre (seit 1871). Alle andern um uns herum, hauptsächlich die Engländer, Franzosen und Russen, hatten einen einheitlichen Staat seit vielen Jahrhunderten. Das Volk tat sich schwer, jetzt selbst die Zügel und die Verantwortung zu übernehmen.
Entsprechend den demokratischen Gepflogenheiten mussten Parteien gebildet und Abgeordnete gewählt werden. Aber wir als Volk fanden uns nicht so schnell in das für uns Ungewohnte. Plötzlich war der einzelne Bürger dazu aufgerufen, eine ihm vielleicht völlig unbekannte, von seiner politischen Richtung oder seiner Partei, aufgestellte Person, als „seine Vertrauensperson" zu wählen, die für ihn seine Interessen mit vertreten sollte. Entsprechend sahen die ersten Jahre im Deutschen Reichstag aus. Auf den Straßen gab es Aufmärsche der verschiedenen Parteien, die meistens mit Schlägereien endeten.
Haupthindernis für eine einigermaßen normale Nachkriegsgesellschaft waren jedoch die uns aufgezwungenen Reparationen, u. a. die Auslieferung aller Kriegsschiffe und größeren Handelsschiffe, der moderneren Maschinen, und dazu Unsummen an Geld. Zur Übernahme unserer Steinkohle und Ausnutzung unserer noch vorhandenen Stahlindustrie wurden große Teile des rechtsrheinischen Industriegebiets von den Franzosen besetzt. In Kürze, der uns von den Alliierten aufgezwungene „Vertrag von Versailles".
Als Verlierer konnten wir nicht viel verhandeln, d.h. wir wurden zu den eigentlichen Verhandlungen nicht einmal mit hinzugezogen, sondern mussten uns nur anschließend das Ergebnis anhören - und unterschreiben. Dass die Unterschreibenden dann anschließend in Deutschland nicht übermäßig  populär waren, ist nur zu verständlich. Der geschürte Hass den Siegermächten gegenüber war willkommene Wahlkampfmunition. Es wurde oft gewählt und Regierungen wurden ebenso oft wieder gestürzt. Zum Teil durch die Knebelungen des „Friedensvertrags", zum Teil aber auch durch die ständigen Wechsel und die stets neuen (leider vergeblichen) Versuche, eine stabile Regierung zu bilden, lag Deutschland politisch und wirtschaftlich am Boden.
Die Inflation (Geldentwertung, zum Teil um ein Vielfaches an einem einzigen Tag) zu Anfang der zwanziger Jahre, sowie die sich Ende des Jahrzehnts von Amerika her auswirkende Weltwirtschaftskrise vergrößerten die Probleme für die „auf Abruf" gewählten Regierungen, aber mehr noch für große Teile des einfachen Volkes. Die damaligen Verhältnisse waren für viele sogar
noch schlimmer als die ersten Jahre nach dem Ende des letzten, des Zweiten Weltkrieges. Es gab zwar nicht die zerstörten Städte wie 1945, aber die Länge und die Aussichtslosigkeit dieser politisch chaotischen Zeit machten für die vielen Arbeitslosen und ihre Familien den täglichen Kampf ums Überleben ständig schwieriger. Bei jedem Regierungswechsel erhoffte das Volk eine Besserung. Paradoxerweise war das aber auch für einige wenige die Zeit der „Goldenen Zwanziger". Heute können wir uns, basierend auf Filmen und Bildern, den Luxus leichter vorstellen als den Hunger, unter dem ein bedeutend größerer Teil der Bevölkerung zu leiden hatte.
Unter den vielen im Reichstag vertretenen Parteien war auch seit Mitte der zwanziger Jahre eine anfangs eher kleine Partei, die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (die NSDAP).  Zu Beginn der Dreißiger müssen die vielen Reden und Versprechungen wohl einen positiven Widerhall in der Bevölkerung gefunden haben. Man suchte ja dringend nach einer Führung, die Deutschland wieder in einigermaßen geordnete Verhältnisse zurückbrachte. Jedenfalls stimmten Anfang 1933 genügend Wähler für die NSDAP, dass diese in Koalition mit den Deutschnationalen eine Regierung bilden konnte. So wurde denn Adolf Hitler am 30. Januar 1933 vom greisen Reichspräsidenten, dem Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg zum Reichskanzler ernannt. Es waren nicht nur große Teile des Volkes, die sich endlich eine Besserung erhofften, es war auch das Großkapital, die Industrie und nicht zuletzt das Militär. Nach dem, was in den zwanziger Jahren gewesen war, konnte es sich nur bessern - noch schlechter konnte es eigentlich nicht werden. Außerdem - und das ist in diesem Zusammenhang äußerst wichtig - dachte man tatsächlich, dass man zur Not auch diese Regierung (wie die vielen anderen in den vorangegangenen Jahren) wieder stürzen könne. Und das war leider ein fataler, folgenschwerer Irrtum.
Die Nazis brachten es fertig, durch ein sogen. Ermächtigungsgesetz die uneingeschränkte Gewalt im Staat an sich zu bringen und hatten innerhalb kurzer Zeit durch euphorische Versprechungen, gepaart mit ersten spürbaren wirtschaftlichen Verbesserungen, dem Großteil des Volkes den Mut zu einem sich lohnenden neuen Aufbruch gegeben. Das hatte positive Auswirkungen im ganzen Volk. Die Beschränkungen durch den Vertrag von Versailles, und damit auch die Rheinlandbesetzung, wurden kurzerhand einseitig für erledigt erklärt und es gab plötzlich Arbeit beim Bau der Reichsautobahnen, sowie auf den Werften und im aufkommenden Zeitalter der Kraftfahrzeuge wurde sogar ein Auto für das Volk (für ganze 999 Reichsmark), der sogenannte Volkswagen von Prof. Porsche, entworfen und vorgestellt. Zwar war dieses Auto zuerst nur für die Wehrmacht lieferbar, aber jeder konnte mit einem Sparvertrag seinen Anspruch für später (das war dann bald „nach dem Krieg") anmelden. Doch, neben „Kraft durch Freude" (den sogen. „KdF-Reisen" für die arbeitende Bevölkerung auf neuen großen Kreuzfahrtschiffen oder mit der Reichsbahn zu für viele Bürger noch nie vorher erlebten Urlaubsreisen), wurden, zuerst unbemerkt, auch radikale Veränderungen im Staat und im Volk vorbereitet.
Das Volk und vor allem die Jugend wurden organisiert und den neuen Idealen entsprechend ausgerichtet. Alle jene, die an einen eventuell immer noch möglichen Regierungssturz gedacht hatten, waren inzwischen „gleichgeschaltet" worden oder sie saßen bereits irgendwo in einem Lager. Anderseits erinnere ich aber auch an die Olympischen Spiele 1936 in Berlin, als die Welt bei uns zu Gast war, um in scheinbar harmonischer Weise die Wettkämpfe auszutragen. Und tatsächlich gab es viele ausländische Gäste, die, überzeugt vom offensichtlich guten Willen des neuen Deutschlands, an eine zukünftig gute Verständigung zwischen den Völkern glaubten.
Alles schien sich - nicht nur intern, sondern auch international - zum Besten gewendet zu haben.
Dass dieses positive Bild aber nur die zur Schau gestellten Verhältnisse widerspiegelte, hatten inzwischen einige Bürger, die nicht in dieses Bild hineinpassten, erfahren müssen. Diese Erkenntnis übertrug sich damals  aber noch nicht auf die Allgemeinheit des Volkes, die ja größtenteils auch nur die „Schau" (den offensichtlichen wirtschaftlichen Aufschwung und die verbesserten Lebensbedingungen) sahen. Für viele kam das Erwachen spät, für gar zu viele leider viel zu spät. Die Aussichten, eine Änderung von innen zu erwirken, waren aber mit ziemlicher Sicherheit schon damals aussichtslos. Das Reich war bereits voll durchorganisiert.

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     Es ist immer schwer, sich eine Zeit vorzustellen oder zu versuchen, sich in eine Zeit hineinzuversetzen, die so weit zurückliegt. Dies ist so, weil sich die Empfindungen, Eindrücke und Beurteilungen ständig ändern. Besonders stark trifft dies auf den Unterschied zwischen unserer heutigen Zeit und der damaligen zu, in der zum Beispiel Begriffe wie Ehre und Treue nicht nur in der Ehe, sondern auch nach draußen im Leben einen Wert und eine Bedeutung hatten, bzw. haben sollten.
Alles in der Geschichte verläuft langsam. Veränderungen ergeben sich innerhalb langer Perioden, die, zumindest für die, die in dieser Zeit leben, als stabil, ja als normal betrachtet werden. Aber keine Periode ist normal, also auch die unsere nicht. Selbst wenn wir seit über 60 Jahren in einer „Wohlgehgesellschaft" ohne direkte, unser Land beeinflussende Kriege leben, so ist das immer nur ein Übergang. Was sind 60 oder 100 Jahre, wenn wir die uns bekannte Geschichte betrachten. Die Zeit der Kriege, die es über Jahrtausende seit Menschengedenken gab, ist vielleicht und hoffentlich auch für lange Zeit vorbei  - sie kann aber durchaus wiederkommen. Schließlich hat sich die Menschheit immer schneller verdoppelt und die entwickelte Welt macht immer weitere Fortschritte.
Uns soll es auch weiterhin nach Möglichkeit immer noch besser gehen und wir wollen auch noch länger etwas davon haben. Aber irgendwann werden wir das alles gegen den hungrigen Rest der Welt verteidigen müssen. Denn zum Teilen sind wir ja selbst innerhalb unseres eigenen Staates nicht freiwillig bereit.

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