DER GROSSVATER ERZÄHLT

UND ANDERE

KURZGESCHICHTEN
Wo nur, ist im Zeitalter des Fernsehens
und der Bildergeschichten
unsere eigene Vorstellungskraft geblieben?


WIE WAR DAS FRÜHER EIGENTLICH?

Der Großvater erzählt
Ihre Erwartungen waren groß - wie so oft, wenn sie diesen kurzen Fußweg zurücklegten. Sie hatten sich heute extra beeilt mit ihren Schularbeiten, um die Großeltern, die auch auf dieser Seite der Stadt wohnten, zu besuchen. Egon, der ältere, war gerade vierzehn geworden und Ernst, Egons kleiner Bruder, war zwölf Jahre alt.
Zu Hause hatten sie ihrer Mutter noch schnell zugerufen: "Wir sind mit unseren Schularbeiten fertig und gehen jetzt rüber zu Oma und Opa. Die warten sicherlich schon."
Der Großvater, dem dieser Besuch hauptsächlich gelten sollte, freute sich ebenfalls bereits auf den Besuch der beiden Enkel, die ihn oft an seine eigene Jugend erinnerten.
Wenn er alleine war, und das war er als Pensionär den größten Teil des Tages, dann wanderten seine Gedanken immer zurück in die Vergangenheit - zu seiner aktiven Zeit. Das waren die mehr als vierzig Jahre bei der Bahn. Diese Jahre hatten ihm aber auch sehr viel bedeutet.
Es war ihm damals tatsächlich gelungen, den Traumberuf aller gleichaltrigen Jungen zu ergreifen. Er hatte die vielen Eignungsprüfungen bestanden und dann zuletzt wirklich für viele Jahre eine der großen D-Zug Lokomotiven gefahren. Ja, man hatte ihn dann später auch noch umgeschult - auf eine der neuen E-Loks. Aber das war doch nicht mehr dasselbe gewesen. So wie heute kaum noch etwas so wie früher war. Aber das konnten schließlich nur die Alten verstehen, wenn die sich noch an die lange zurückliegenden Zeiten erinnerten. Die letzten Jahre seiner aktiven Zeit hatte er sich mit der Ausbildung des Nachwuchses befasst. Das war ein guter Abschluss gewesen.
Natürlich hatten seine Söhne recht, wenn sie ihn neckten mit der ‚alten Zeit'. Aber die alte Zeit war eben seine Zeit gewesen. So manches Mal dachte er zurück an den Tag, an dem er damals, als der jüngste Lokomotivführer seiner Vaterstadt, den Mut aufbrachte und den Kaufmann Möller um die Hand der hübschen Ursula bat. Damit hatte ja alles begonnen. Aber auch so etwas läuft ja heute ganz anders. Es war vollkommen zwecklos, den jungen Leuten von heute, etwas von damals zu erzählen.
Wenn er nämlich von damals sprach, versetzte er sich unwillkürlich zurück in die alte Zeit. Nach fast fünfzig Jahren fiel ihm das oftmals selbst schwer genug. Die Zeit war ja wirklich so sehr anders gewesen. Seine jüngeren Zuhörer konnten ja aber nur die Worte verstehen. Die Bilder, die sie sich daraus zusammenstellten, waren Bilder der heutigen Zeit. So hatte das, von dem er erzählte, oftmals recht wenig mit dem zu tun, was die Zuhörer in ihrer Vorstellung daraus erstehen ließen. Gewiss, man konnte die alten Fotografien noch erklären, aber die Gefühle, die aus den Erfahrungen der damaligen Zeit entstanden waren, nein, die ließen sich nicht in Worte fassen. Er konnte das jedenfalls nicht.
Aber jetzt kamen Egon und der kleine Ernst um die Ecke. Die beiden wollten auch immer, dass er erzählte. Dann saßen sie, andächtig seinen Worten lauschend, um ihn herum. Ständig hatten sie neue Fragen. Wenn er den beiden kleinen Jungen von früher erzählte, hatte er komischerweise nie das Gefühl, dass er nicht richtig verstanden wurde. Die Kinder waren ja noch in dem Alter, in dem man alles Neue wie ein Schwamm in sich aufsaugt, selbst aber noch kaum Erfahrungen gesammelt hat. Und, sie hatten noch eine rege Fantasie. Ihre Art, die geschilderten Umstände durch mehrmaliges Hinterfragen noch verständlicher zu machen, gefiel ihm besonders. Lange war es her, seit er selbst als kleiner Junge den Erzählungen der Alten gelauscht hatte.
"Hallo, Opa!" ließ sich der kleine Ernst vernehmen und Egon meinte: "Du sitzt ja da, als wenn du schon auf uns gewartet hättest. Machen wir heute wieder einen Spaziergang durch den Wald?"
"Nun kommt man erst einmal herein. Die Oma wartet schon mit Kaffee. Dann können wir weitersehen."
Und wirklich, da kam auch die Großmutter zur Tür, die natürlich ihre beiden kleinen Enkel bereits gehört hatte. Bei Oma und Opa schmeckten auch die Kuchen immer ganz anders als zu Hause. Die beiden bekamen jetzt Kaffee mit Wasser verdünnt, denn die Oma, die selbst gerne starken Kaffee trank, sagte immer, "starker Kaffee ist nichts für kleine Kinder". Heute ließ auch der Großvater sich den Kaffee verdünnen: "Das ist ja fast schon türkischer Kaffee, den eure Oma da für uns zusammengebraut hat." "Heißes Wasser ist genügend da" meinte die Großmutter nur.
Als der Kuchenteller, trotz seiner Größe, fast völlig leer geworden war und die Großmutter auf die fragenden Blicke der beiden Kinder die Kaffeetafel aufhob, blickten diese den Großvater erwartungsvoll an.
Bedächtig trat er vor die Tür, sah forschend zum Himmel, und meinte dann: "Es sieht aus, als wenn sich das Wetter halten wird. Ich will aber lieber doch den großen Schirm als Wanderstock mitnehmen. Man kann nie wissen."
"Gehen wir wieder am Waldrand entlang, das mag ich ja am liebsten, oder durch das Dorf oder über die Felder?" wollte jetzt Ernst wissen. Egon zischte seinen kleinen Bruder an: "Nun frag nicht so viel, sonst wird Opa noch ärgerlich und überlegt es sich anders." Aber der Großvater streichelte dem kleinen Ernst über das Haar und sagte: "Lass man, Egon, wenn der kleine Ernst am liebsten am Waldrand entlanggehen möchte, dann können wir das ja machen. Also, Oma, wir drei melden uns ab. Um sieben, zum Abendbrot, sind wir aber spätestens zurück."
Die Kinder waren inzwischen schon hinausgestürmt, denn das mochten sie beide am liebsten, mit dem Opa spazieren gehen. Opa hatte immer so viel zu erzählen. Wenn sie ihn fragten, hatte er stets eine Antwort, und man konnte ihn ja alles fragen. Da waren die vielen Dinge, von denen man schon gehört, die man aber bisher nie so richtig verstanden hatte. Ihre Eltern und auch die anderen Erwachsenen hatten ja nie ausreichend Zeit für sie.
Jetzt, nachdem sie bereits ein gutes Stück zurückgelegt hatten, machte sich der Großvater aber erst einmal seinen üblichen Spaß, indem er ihre Naturkunde-Kenntnisse abfragte.
"Dort drüben steht ein einzelner Baum. Um was für einen Baum handelt es sich da?"
Egon war der Erste, der meinte, das beantworten zu können. "Ich würde sagen, Opa, dass es sich dabei um eine Buche handelt. Denn sie hat einen glatten Stamm und auch die Blätter sehen so aus."
"Stimmt, mein Junge. Doch jetzt eine Frage an deinen kleinen Bruder. Wir gehen hier jetzt ja schon eine Weile an den Getreidefeldern entlang. Kannst du uns denn sagen, um welche Getreidesorte es sich dabei handelt, Ernst?"
Der kleine Ernst, der wohl wusste, dass der Großvater immer versuchte, Kenntnisse dieser Art bei seinen kleinen Enkeln zu fördern, wurde ganz aufgeregt. "Ja Opa, ich glaube, das habe ich mir gemerkt. Bei diesen Ähren sind kaum Borsten zu sehen, das heißt doch, dass es sich um Weizen handeln muss, nicht? Denn die mit den langen Borsten ist die Gerste und mit den mittellangen, das ist der Roggen. Und das dort drüben, das ist Hafer."
"Ja, das habt ihr ja sehr gut gemacht. Die Borsten, wie du sie nennst, Ernst, heißen übrigens Grannen. Gewiss ist das alles für die meisten Kinder, hauptsächlich, wenn sie in der Stadt leben, heute nicht mehr so wichtig. Ihr könnt mir aber glauben, dass solche Spaziergänge noch einmal so viel Spaß machen, wenn man sich in der Natur so ein bisschen auskennt."
"Dürfen wir auch wieder anfangen zu fragen, Opa?" wollte Egon jetzt wissen.
"Na, denn man los. Was habt ihr denn diesmal auf Lager?"
"Als wir das letzte Mal bei dir waren," begann Egon, "erzähltest du uns von deiner Kindheit. Und dass damals alles noch so viel anders war als heute. Gingst du denn auch mit deinem Opa hier in dieser Gegend spazieren?"
"Nein, dazu kam es nie. Mein Opa, der Vater von meinem Vater, wohnte zwar nicht weit von uns, aber er war im Krieg verwundet worden und hatte ein steifes Bein. Darum konnte er nur mit Hilfe eines Stockes gehen. Trotzdem erinnere ich meinen Großvater, euren Ururgroßvater, aber als einen überaus lustigen Mann. Er war, wenn ich ihn sah, immer gut gelaunt und machte gerne einen Spaß mit uns Kindern. Ihr wisst ja aber, dass jeder zwei Großväter hat. Leider sterben die Alten oftmals, bevor die Enkel sie richtig kennenlernen können. So wie ihr aber noch den anderen Opa in Berlin habt, den Opa-Helmers, den Vater von eurer Mutti, hatte ich in eurem Alter das Glück, auch noch zwei Opas zu haben. Der Vater meiner Mutter hieß Opa-Schulze und der wohnte in Hannover. Da er jünger war als mein anderer Großvater, war er nicht im Krieg gewesen. Mit ihm machten wir auch weite Wanderungen, wenn wir bei Oma und Opa-Hannover, so nannten wir den Opa und die Oma-Schulze, zu Besuch waren."
Jetzt wollten die beiden Jungen aber mehr wissen. "Erzähl uns doch noch etwas von damals, Opa. War das Leben denn damals wirklich so viel anders als heute? Ich meine für einen kleinen Jungen zum Beispiel?"
"Ja, es war anders. Der Hauptunterschied für einen Jungen war wohl, dass man auch in den Städten noch in den meisten Nebenstraßen auf der Fahrbahn spielen konnte. Der Verkehr war damals ein ganz anderer. Es gab noch nicht sehr viele Autos. Wenn man welche sah, so waren das im allgemeinen Personenwagen. Lastautos sah man kaum, dafür aber viele Fuhrwerke, die von Pferden gezogen wurden. Ich kann mich noch gut erinnern, dass auch die Paketpostauslieferung mit einer gelben Postkutsche, mit zwei Pferden davor, erfolgte. Aber selbst die Personenautos sahen damals noch ganz anders aus. Einer meiner Onkel hatte so ein Auto, das hatte nur an der linken Seite Türen. Handbremse und Ganghebel befanden sich an der rechten Außenseite und mussten durch das Fenster bedient werden."
"Das muss aber komisch gewesen sein. Warum hatte man denn die Hebel nicht im Wagen, so wie in einem richtigen Auto?" Wollte da gleich der kleine Ernst wissen.
"Das weiß ich, ehrlich gesagt, auch nicht. Es war früher auch nicht so viel Platz vorne im Wagen. Die Motorhaube ging nach vorne schmal zu. Dadurch wurde es im Fußraum vor den Vordersitzen ziemlich eng. Aber ihr habt diese sogenannten Oldtimer ja doch auch schon gesehen."
"Ach du meinst im Museum. Aber die waren doch schon hundert Jahre alt" meinte jetzt Egon.
"Na, nun übertreibe man nicht. Hundert Jahre alte Autos sehen noch wieder anders aus, als die von denen ich euch jetzt erzähle. Schließlich bin ich ja auch noch keine hundert Jahre alt. Aber wie heute auch, gab es damals Autos, die schon zehn oder fünfzehn Jahre auf dem Buckel hatten und andere, die ziemlich neu waren. Man sah viele offene Autos, in denen Leute mit Autobrillen und leinenen Kappen saßen. Und man fuhr damals im Vergleich zur heutigen Zeit noch ziemlich gemütlich. Da gab es auch Zweisitzer, die Notsitze im Kofferraum hatten. Bei Bedarf wurde dann der schräg abfallende Kofferraumdeckel aufgeklappt und heraus kam eine Sitzbank mit Platz für zwei, wenn sie sich ganz eng zusammendrückten. Es gab auch bereits ausgesprochen schöne Autos. Mit langen Motorhauben, aus denen an den Seiten chromblitzende Auspuffrohre, eines für jeden Zylinder, herauskamen. Das waren die Autos mit Kompressor. Aber so eines hatte mein Onkel natürlich nicht."
"War dein Onkel denn ein reicher Mann, dass er damals schon ein Auto hatte?" Wollte jetzt der kleine Ernst wissen.
Nachdenklich kratzte der Großvater seinen Kopf, bevor er antwortete. "Ja, wisst ihr, ich dachte ja auch immer, dass mein Onkel ein reicher Mann sein müsste. Denn er war zu der Zeit der Einzige, den ich kannte, der ein eigenes Auto hatte. Aber das war so. Er hatte auch beruflich mit Autos zu tun und kannte sich ziemlich gut mit Motoren aus. So konnte er sich bereits damals ein preiswertes gebrauchtes Auto leisten. Außerdem war er noch Junggeselle. Später, als er meine Tante geheiratet hatte und meine Cousinen da waren, hatte er auch kein Auto mehr."
"Aber was machten denn die anderen Leute, die kein Auto hatten? Konnten die dann auch nicht in den Urlaub fahren? Es gibt doch nicht überall Eisenbahnen und mit dem Flugverkehr war es damals doch auch nicht weit her." Überlegte jetzt Egon.
"Erstmal gab es damals noch mehr Eisenbahnen als heute und zweitens dachten die Menschen früher nicht so viel ans Verreisen, wenn sie Urlaub hatten. Mein Vater hatte damals, glaube ich, zwei Wochen Urlaub. In den Sommerferien fuhren wir, wenn ich so zurückdenke, fast immer zu den Eltern meiner Mutter nach Hannover. Darauf freuten wir uns immer mächtig."
"Wart ihr damals denn arm?" Wollte jetzt Ernst aber doch etwas genauer wissen.
Jetzt musste der Großvater aber doch lachen. "Gott, Kinder, ihr könnt euch die damalige Zeit nicht so recht vorstellen. Natürlich waren wir nicht arm. Ganz im Gegenteil, es ging uns sogar ganz gut. Mein Vater hatte nicht nur Arbeit, das war auch damals nicht immer so selbstverständlich, sondern er hatte auch gute Arbeit. Er war im Büro einer unserer alten Speditionsfirmen und war dort, soviel ich weiß, für die Buchführung und das Finanzielle zuständig. Im Büro gab es jedenfalls noch drei weitere Angestellte, die ihm unterstanden. Er hatte, glaube ich, für damalige Zeiten ein ganz gutes Gehalt. Wir konnten also wahrhaftig nicht zu den armen Leuten gerechnet werden."
Der letzte Teil der Erzählung war oftmals von kurzen Schnaufern unterbrochen worden, denn es ging schon eine ganze Weile bergan. Dabei kam der Großvater langsam doch etwas aus der Puste. Sie hatten jetzt aber den höchsten Punkt ihrer Wanderung, Opas Lieblingsplatz, erreicht.
Der Weg bog scharf nach links ab und die Drei kamen zu einer kleinen Lichtung, auf der eine einsame Bank stand. "Die schönste Bank im ganzen Land" sagte der Großvater immer, wenn er auf dieses Fleckchen zusteuerte. Und ganz so unrecht hatte er damit nicht. Für den Wanderer, der den teilweise etwas beschwerlichen Aufstieg hinter sich hatte, bot sich hier ein herrlicher Ausblick über die weite Landschaft mit dem Flußbette und einigen kleinen, weit verteilt liegenden Dörfern und ganz links konnte man gerade noch die ersten Häuser der Stadt sehen.
Natürlich waren Egon und Ernst zuerst an der Bank angelangt, die genau dort stand, wo der Ausblick am schönsten war. "Das ist Neuhaus und dort drüben, das ist Wellingsdorf und hier unten am Stadtrand kann man noch das Kunze-Haus sehen, das am Ende eurer Straße steht, Opa. Schade, dass wir nicht auch dein Haus von hier aus sehen können." Das war Egon, der sich in dem weiten Gesichtsfeld einen Überblick zu schaffen versuchte.
Inzwischen hatte auch der Großvater die Stelle erreicht und nahm als Erster auf der Bank Platz. "Nun kommt man her und setzt euch auch erstmal hin. Dass man unser Haus nicht von hier sehen kann, hat mich noch nie gestört. Wenn einem so viel Schönes geboten wird, muss man nicht gleich Wünsche nach noch mehr haben."
Nachdem sie jetzt alle drei gemütlich auf der Bank saßen, ließ sich der kleine Ernst leise vernehmen: "Opa?" Als der Opa nicht gleich reagierte, sagte er noch einmal zaghaft fragend "Opa?"
Jetzt wandte sich der Opa aber, aus seinen Gedanken zurückkehrend, seinem kleinen Enkel zu. "Ja, mein Junge, was hast du denn auf dem Herzen, dass du gar so zaghaft damit ankommst?"
"Du wolltest uns immer noch die Geschichte von der Kriegsgefangenschaft weitererzählen. Du warst von dem großen Lager gerade in ein kleines Lager, das ihr Hotel nanntet, gekommen."
"Aber von früher, von dem Leben zu deiner Kindheit meine ich, musst du uns auch noch mehr erzählen." Rief jetzt Egon dazwischen.
"Na, Kinder, man nicht so stürmisch. Natürlich werde ich versuchen, für euch noch ein bisschen in meinem Gedächtnis 'rumzukramen. Also, erst einmal zu Ernst. Ich dachte, ich hatte schon alles aus England erzählt. Aber, wenn ich versprochen hatte, mehr davon zu erzählen, dann muss ich mein Versprechen ja auch halten. Aber ihr kennt ja meine Erzählungen. Da kommen mir immer neue Sachen dazwischen, die mir gerade einfallen. Denn mit dem Gedächtnis ist das so eine Sache. Auf das, an das man sich gerade erinnern will, kommt man oftmals nicht sofort. Dafür kommen dann aber viele andere Dinge, für die man im Augenblick gar keine Verwendung hat, aus der Tiefe des Gedächtnisses hervor. Das ist bei alten Leuten natürlich besonders so. Aber auch ihr kennt das mit dem Erinnern zur richtigen Zeit ja schon. Denkt daran, wenn Vokabeln abgefragt werden, die ihr vorher so gut gelernt hattet."
Bedächtig machte es sich der Opa auf der Bank noch bequemer, indem er sich zurücklehnte und ein Bein über das andere schlug.
"Also, das muss wohl Ende 1946 gewesen sein. Wir waren jedenfalls fast zwei Jahre lang in einem großen Lager gewesen, als eine kleine Gruppe, zu der auch ich gehörte, verlegt wurde. Die Engländer sagten übrigens zu unseren Lägern Camp und zu den kleinen Außenlägern, die einem solchen Camp angeschlossen waren, sagten sie Hostel. Nicht Hotel, wie du vorhin sagtest, Ernst. Zwischen so einem Hostel und einem Hotel gibt es doch gewisse Unterschiede. Im Hotel gibt es zwar auch jemand, der auf den Eingang aufpasst, das ist der Portier. Der passt aber hauptsächlich auf, wer in das Hotel hineingeht. Beim Hostel, so wie wir sie damals kannten, war das gerade umgekehrt. Da war eine kleine Mannschaft von Soldaten nur dafür verantwortlich, aufzupassen, dass alle von uns auch ja dablieben. Der Eingang war bewacht, der Zaun rundherum bestand aus Stacheldraht und abends, wenn wir in unseren Betten sein mussten, marschierte der diensthabende Unteroffizier durch die Baracken und überzeugte sich davon, dass wir auch noch alle da waren."
"Das hört sich ja doch an wie im Gefängnis, Opa." Meinte Egon.
„Wir waren ja Gefangene. Im Laufe des Jahres 1947, also zwei Jahre nachdem der Krieg zu Ende war, wurden diese strengen Regeln aber auch endlich gelockert, jedenfalls in den kleinen Hostels. Das Tor war nicht mehr bewacht, gezählt wurde auch nicht mehr jeden Abend, und wir konnten uns während unserer freien Zeit, hauptsächlich an den Wochenenden, aus dem Lager entfernen. Da hatten wir denn auch Gelegenheit, etwas mit den Menschen dort zusammenzukommen. Und die waren in den meisten Fällen sehr nett."
"Trotzdem war das sicherlich eine sehr schlimme Zeit für dich, nicht Opa?" wollte jetzt der kleine Ernst wissen.
"Ach Gott, wisst ihr, wir hatten den Krieg ja gerade hinter uns und ich gehörte zu den Glücklichen, die ihn mit heilen Knochen, wie man damals sagte, überstanden hatten. Zu Hause waren diese Jahre ja auch alles andere als einfach. Dort hatte man bei der täglichen Essenbeschaffung oftmals große Probleme, etwas, das es bei uns nicht gab. Auch in der Zeit, als in England viele Nahrungsmittel rationiert und nur auf Marken erhältlich waren, - auch dort musste sich die Bevölkerung damals für viele Jahre sehr einschränken - brauchten wir uns über das tägliche Essen keine Gedanken zu machen. Wenn unsere eigenen Köche aus den zur Verfügung stehenden Lebensmitteln dann nicht immer etwas vollbrachten, was allen von uns schmeckte, wurde natürlich gemeckert. Das gab es ja aber überall dort, wo für viele gleichzeitig gekocht wurde. Das war so beim Militär, aber auch in allen anderen Lägern, nicht nur in der Kriegsgefangenschaft. Aber das kennt ihr ja sogar schon. Denke nur an deine große Liebe für den wöchentlichen Kochfisch, Ernst."
"Musstet ihr denn immer essen, was es gerade gab, oder konntet ihr auch mal wählen?" Wollte Ernst noch wissen.
"Nein, wählen konnten wir Einzelnen nicht. Der wöchentliche Speiseplan wurde zwar, soweit ich weiß, zwischen den Köchen und der Lagerleitung abgesprochen, aber davon hörten wir nichts. Wir lasen am Eingang in den Speisesaal auf einer großen Tafel, was auf uns wartete. Da wir aber alle jung und nicht verwöhnt waren, ging es uns, gerade am Anfang unserer Gefangenschaft, meistens mehr um die Quantität, also um die Menge, als um die Qualität des Essens."
Nachdem die beiden Jungen eine Zeit lang darüber nachgedacht hatten, fragte Egon: "Und wie war das mit der Arbeit? Musstet ihr nicht arbeiten?"
"Ja, ab Herbst 1945 mussten wir arbeiten. An sich waren die meisten von uns ganz froh darüber, denn das bedeutete, dass wir auch einmal aus dem Lager herauskamen. Dadurch verging die Zeit schneller und abwechslungsreicher. Wir konnten uns dabei ja auch etwas Taschengeld, denn das war alles, was wir für unsere Arbeit erhielten, verdienen. Zuerst waren es stets größere Gruppen, sogenannte Arbeitskommandos, die morgens mit Lastwagen, zum Teil aber auch mit Bussen abgeholt wurden. Es ging dann zum Beispiel zu Baustellen, auf denen Gräben geschaufelt oder andere einfache Arbeiten, das heißt solche, bei denen man keine Kenntnisse haben musste, zu verrichten waren. Erfahrene Kameraden verlegten aber manchmal auch in den von uns vorbereiteten Gräben Abflussrohre. Andere Arbeitsgruppen wurden auf große Bauernhöfe, Farmen genannt, in der näheren oder weiteren Umgebung des Lagers verteilt."
"Was hast du denn da gemacht? Du warst doch vorher, wie du uns mal erzählt hast, nur auf der Schule und dann kurze Zeit im Büro gewesen. Konntest du denn auf einer Baustelle oder beim Bauern arbeiten?" Wandte Egon ein.
"Jeder, der jung und gesund ist, kann körperlich arbeiten. Ich war wahrhaftig nicht der Einzige, der zum ersten Mal eine Hacke, eine Schaufel oder eine Mistgabel in der Hand hatte. Natürlich merkte man die ungewohnte Arbeit unseren Händen nach kurzer Zeit an. Aber auch das ging nach einigen Tagen vorbei.
"Zuerst war ich mit einigen Kameraden auf einem Bauernhof, wo wir einen großen Hofraum ausmisten mussten. Dann haben wir auch bei der Ernte geholfen. Damals wurden die Getreidefelder ja noch mit sogenannten Mähbindern abgeerntet. Diese Maschinen schnitten die Halme, banden sie zu Garben zusammen und warfen diese Garben dann zur Seite raus. Anschließend mussten die Garben, paarweise oder zu dritt, zum Trocknen auf dem Feld zusammengestellt werden, bevor sie mit den Wagen in die Scheune gefahren werden konnten. Im Herbst wurde dann aus den trockenen Ähren mit der eigenen oder der von Hof zu Hof fahrenden Dreschmaschine das Endprodukt, das Korn, herausgedroschen und in Säcke gefüllt.
"Hast du das denn auch alles mitgemacht?"
"Ja Jungs, jede dieser Arbeiten habe ich mehrmals auf verschiedenen Farmen mitgemacht. Das ging vom Garbenaufstellen, über das Aufladen - im hohen Bogen auf den großen Wagen. Wozu schon etwas Übung gehörte, wenn man mit Hilfe der langen Gabel eine, oder sogar zwei Garben gleichzeitig, richtig oben ankommen lassen wollte. Und dann, oben auf dem Wagen, das kunstgerechte Packen der Garben, die einem von allen Seiten zugeworfen wurden. Was man da um sich herum und unter sich aufbaute, wurde immer höher und breiter. Ich habe so manchem drei oder vier Meter hoch beladenen Erntewagen besorgt nachgeblickt, wenn er da langsam über das Feld dem Hof zu fuhr. Ob das auch alles gut ging? Oder ob ich ihn vielleicht doch etwas einseitig beladen hatte. Denn während des Packens oben hat man ja nicht die Übersicht, die man anschließend von unten hat. Und beim Dreschen war ich auch mehrmals dabei. Aber ihr hört ja aus meiner Erzählung, dass selbst die Erinnerung an so manches dabei noch Spaß macht. Waren es doch alles Aufgaben, die für mich, der ja aus der Stadt kam, völlig neu waren."
"Ich weiß wirklich nicht, ob ich das machen möchte." Sagte jetzt Egon nachdenklich.
"Das bringt mich jetzt aber zu etwas ganz anderem. Wenn ihr euch an die großen Felder erinnert, an denen wir vorhin vorbeigegangen sind, könnt ihr euch auch vielleicht vorstellen, wie viel Arbeit früher damit verbunden war und wie viele Menschen daran beteiligt waren, bis der Bauer das Korn in Säcke gefüllt zum Mahlen weitergeben konnte. Er war also mit seiner Ernte nicht nur vom Wetter, sondern vom gleichzeitigen Bereitstehen ausreichender Arbeitskräfte und der notwendigen Maschinen abhängig."
"Darüber habe ich noch nie so nachgedacht. Ich habe auch noch niemals so eine Ernte, wie du sie beschreibst, gesehen." Meinte jetzt der größere der beiden Enkel.
"Ja, sicherlich werdet ihr euch jetzt wundern, dass man heute so wenig davon sieht, wenn man zur Erntezeit auf das Land kommt. Der Grund ist natürlich, dass auch auf dem Lande inzwischen die neue Zeit längst angebrochen ist. Das, was früher vielleicht ein halbes Dutzend Arbeiterinnen und Arbeiter in vielen Arbeitsgängen über Wochen verteilt machten, schafft jetzt ein einzelner. Und das oftmals an zwei oder an drei Arbeitstagen. Die modernen Mähdrescher werden nur noch von einem Mann bedient und fahren kreisförmig oder immer hin und her über die großen Felder. Gleichzeitig mäht und drischt die Maschine in einem fort. Der Fahrer braucht nur noch hier und da anzuhalten, um das ausgedroschene Korn in Säcke zu füllen, fertig für den Abtransport. Da gibt es kein separates Schneiden, Garbenbinden, Aufstellen zum Trocknen, Einfahren und aufwendiges Dreschen mehr wie früher. Der Bauer, der selbst keinen Mähdrescher hat, lässt die Arbeit von einem verrichten, der mit seiner Maschine von Hof zu Hof fährt. So wie früher, als der Mann mit seiner Dreschmaschine kam."
Nun wollte aber der kleine Ernst wissen: "Was machen denn jetzt all die Arbeiter, die früher diese vielen verschiedenen Arbeiten, von denen du uns erzählt hast, gemacht haben? Die müssen ja alle irgendeine andere Arbeit gefunden haben. Oder hat das etwas mit der Arbeitslosigkeit zu tun?"
"Gut beobachtet, Ernst. Darauf will ich gerade hinaus. Denn die Arbeitsweise hat sich ja nicht nur bei den Erntearbeiten in der Landwirtschaft in den vergangenen 40 oder 50 Jahren geändert. Überall arbeitet man heute anders, als man vorher für Jahrhunderte gearbeitet hatte. Die vielen Erfindungen in den letzten hundert Jahren sind ja auch immer weiterentwickelt worden. Und das wirkt sich überall im täglichen Leben aus. Ihr könnt euch vielleicht nicht vorstellen, dass in meiner Kindheit kaum jemand einen Kühlschrank oder etwas für die Hausfrau noch viel Schöneres, nämlich eine Waschmaschine, hatte. Ich kann mich noch gut erinnern, wie stolz ich war, als meine Mutter einmal zu Weihnachten einen Staubsauger bekam.
"So wie sich die Abläufe in unserem normalen Leben zu Hause änderten, so hat die Technik mit ihren ständigen Verbesserungen natürlich in noch viel stärkerem Maße die Arbeitswelt verändert. Darum ist es kein Wunder, wenn die vielen Arbeitsgänge, die man früher kannte, immer weniger wurden oder, wenn sie zum Teil sogar ganz verschwanden. Wenn ihr dann noch daran denkt, dass eure Oma und mehr noch eure Uroma mit der früher auch viel schwereren und zeitraubenderen Hausarbeit genug zu tun hatten und sich keine Arbeit außer Hause suchen konnten, wie das bei eurer Mutti und euren Tanten selbstverständlich ist, könnt ihr vielleicht verstehen, warum heute immer von Arbeitsplätzen, und dass zu wenig davon da sind, gesprochen wird."
Während das Thema immer schwieriger wurde, verlangsamte der Großvater den Fluss seiner Erzählung. "Aber vielleicht sollten wir doch lieber wieder von England sprechen. Das mit der Arbeit ist nicht so leicht zu erklären und noch schwerer zu verstehen."
Nachdem Egon einen Augenblick nachgedacht hatte, sagte er langsam: "Warte doch noch etwas, Opa. Denn das finde ich sehr interessant. Ich weiß nicht, ob ich das alles richtig verstanden habe. Aber, dass man durch das Einfachermachen von vielen Arbeiten anschließend mit weniger Arbeitern auskommt, - na, du weißt schon, was ich mein' - das habe ich, glaube ich, verstanden."
Selbst der kleine Ernst hatte sich schon seine Überlegungen gemacht. "Kann man dafür nicht neue Arbeiten finden, die es früher noch gar nicht gab? Denn einer muss ja doch auch die Maschinen bedienen, die die Arbeitsplätze weggenommen haben."
"Ja, du hast recht, Ernst. Es entstehen ja auch immer mehr neue Arbeiten. Aber in unserem Beispiel braucht man statt der fünf oder sechs Erntearbeiter, von denen ich euch gerade erzählte, jetzt nur noch einen, und das ist der, der die Maschine bedient. Dieser Unterschied zwischen den alten und den neuen Arbeitsgängen ist natürlich nicht in allen Fällen so krass, aber stark bemerkbar macht er sich überall - in den Werkhallen der Industrie ebenso wie in den großen Büros.
"Es gibt heute viele Arbeiten, die es früher nicht gab. Aber leider immer noch nicht so viele, dass jeder, der arbeiten will, auch Arbeit finden kann. Überlegt euch jetzt doch noch mal etwas, das dabei auch zu bedenken ist. Denn leider macht es das Ganze noch schwieriger.
"Die vielen landwirtschaftlichen Arbeiter brauchten nur gesund und kräftig genug sein, um da anzupacken, wo der Bauer oder der Verwalter es für richtig hielt. Sie bekamen im Laufe der Zeit eine gewisse Fertigkeit, weil sich die Arbeitsgänge ja während vieler Jahre immer wiederholten. Sie brauchten den Arbeitsplan aber nicht zu verstehen. Ja, selbst wenn sie ihn verstanden, konnten sie die Arbeit dadurch nicht besser machen. Sie konnten dann nur hoffen, selbst einmal Verwalter zu werden.
"Ganz anders ist das nun aber bei dem einen, der in unserem Beispiel von allen Erntearbeitern übriggeblieben ist, nämlich mit dem Bediener des Mähdreschers. Wenn der Bauer die Maschine nicht sogar selbst fährt, wird er wohl versuchen, sich einen Arbeiter zu suchen, der nicht nur fahren kann. Jetzt erwartet er von seinem einen Arbeiter, dass der beurteilen kann, wie ein bestimmtes Feld zu mähen ist. Er erwartet, dass sein Arbeiter auch eine gewisse Verantwortung für die ihm anvertraute Arbeit empfindet. Der Fahrer muss ja auf alle möglichen Hindernisse, die auf dem Feld beim Fahren sichtbar werden, richtig reagieren. Denn eine mögliche Beschädigung der großen Maschine würde nicht nur teure Reparaturen verursachen, sondern unter Umständen den Zeitplan für die Ernte durcheinanderbringen. Sicherlich erwartet der Bauer auch, dass sein Arbeiter die Arbeitsweise der Maschine versteht und kleinere und einfache Reparaturen selbst erledigen kann. Ideal wäre es natürlich, wenn der Fahrer, nachdem die Ernte zu Ende ist, sonstige Arbeiten auf dem Hof erledigen könnte."
Jetzt hielt es der kleine Ernst nicht länger aus. "Ja, was erwartet er denn sonst noch alles von dem einen Mann? Das ist dann ja gar kein Landarbeiter mehr, sondern eher ein Monteur mit landwirtschaftlichen Kenntnissen, der gut fahren kann und dazu noch die Verantwortung aufgebürdet bekommt. Du hast doch alle Erntearbeiten auch selbst mitgemacht, Opa. Meinst du denn, dass du das mit diesem Dreschmäher auch könntest?"
"Gibt es da denn keine Gewerkschaft?" Wollte jetzt auch Egon wissen.
"Kinder, Kinder, ich beschreibe euch doch hier nur ein Beispiel. Es ist ja nicht gesagt, dass es wirklich so funktioniert. Aber ihr müsst doch verstehen, dass der Bauer versuchen würde, so einen Mann zu finden und einzustellen. Hauptsächlich dann, wenn er sich unter vielen, einen auswählen kann.
"Und um jetzt auch noch deine Frage zu beantworten, Ernst: Nein, ich war ja auch nur einer von denen, die dort anpacken konnten, wo der Bauer es für richtig hielt. Ich selbst hatte doch gar keine Ahnung von der Landwirtschaft. Ich wäre also nicht der richtige Mann gewesen für den Mähdrescher, oder Dreschmäher, wie du ihn nennst, Ernst.
"Da euch das Thema Arbeit ja aber anscheinend doch interessiert, können wir noch ein bisschen weitermachen. Unser Staat hat da zurzeit große Probleme, die von einsichtigen und erfahrenen Leuten gelöst werden müssen. Nein, Jungs, ihr braucht mich jetzt nicht so erstaunt anzusehen'n. Ich weiß die Antwort auch nicht. Wir drei wollen auch nur versuchen, wenigstens die Fragen halbwegs zu versteh'n. Also gehen wir in unseren Gedanken noch ein wenig weiter.
"Die Arbeiter, die heute Arbeit haben, verdienen inzwischen viel besser als früher. Und die sonstigen Bedingungen, wie Kündigung und Urlaub, haben sich auch merklich verbessert. So haben denn auch die Arbeiter einen Anteil an den allgemeinen Verbesserungen, die die neue Zeit mit sich gebracht hat. Das haben übrigens die Gewerkschaften erreicht, Egon. Diese verbesserten Arbeitsbedingungen sind auch für die Arbeiter in sämtlichen gleichartigen Betrieben gültig. Solche strikten Vereinbarungen gibt es ja heutzutage nicht nur für sogenannte Arbeiter, sondern auch für Angestellte, ja sogar für solche im Staatsdienst. So ist es jedenfalls heute nicht mehr möglich, wie es leider früher oft geschah, dass der Arbeiter bei schlechter Bezahlung und gleichzeitig vielen Arbeitsstunden von seinem Arbeitgeber ausgenutzt wird.
"Das ist ja etwas Gutes. Der Haken daran ist nur der, dass die Arbeiten, die früher manchmal günstig erledigt werden konnten - und die es heute auch noch geben würde - jetzt nicht mehr gemacht werden können. Und zwar, weil die Preise dafür zu hoch wären. So hatte eure Uroma, also meine Mutter, früher auch mal eine Hilfe im Haushalt, als mein Bruder und ich noch klein waren. Das war möglich, obgleich mein Vater damals noch nicht so sehr viel verdiente. Heute würde eine Haushaltshilfe für eine junge Familie viel zu teuer sein.
"Eine Haushaltshilfe verdiente damals auch nicht so sehr viel. Man ging aber davon aus, dass sie sich in dieser Zeit möglichst viele Kenntnisse aneignete, die ihr bei der Gründung einer eigenen Familie später von Vorteil sein würden. Die Hausfrau versprach bei der Anstellung der Mutter des Mädchens, ihre eigenen Kenntnisse und Erfahrungen an das Mädchen weiterzuvermitteln. Ich kann mich noch ganz gut erinnern, als Mütter mit ihren Töchtern zur Vorstellung bei meiner Mutter kamen. Es sollte so ein Vertrauensverhältnis aufgebaut werden. Ähnlich war es früher bei der Einstellung von Lehrlingen in handwerkliche Berufe. Der Verdienst war gering, aber das Bewusstsein und der Stolz von einem guten Meister als Lehrling angenommen zu sein, wog dies in den meisten Fällen auf. Das zahlte sich natürlich immer erst später aus. In der Jugendzeit meines Großvaters mussten die Eltern dem Meister sogar noch Geld dafür geben, dass er sich um die Ausbildung ihres Sohnes bemühte.
"Wenn ich jetzt so an meine Kindheit zurückdenke, dann waren da aber noch so viele andere Dinge, die ganz anders waren als heute. Ihr werdet staunen, wenn ihr hört, dass damals die Post in den Städten mehrmals am Tage ausgetragen wurde und dass auch die Briefkästen öfter geleert wurden als heute. Auch wurden alle möglichen Kleinreparaturen in den meisten Fällen äußerst preiswert ausgeführt. Davon kann man heute nur noch träumen. Man muss ja jetzt bei immer mehr Dingen gleich etwas Neues kaufen, weil die Reparatur, im Vergleich mit dem Neupreis, zu teuer werden würde. Und darum lohnt sich so etwas heute nicht mehr.
"In Ländern, die wirtschaftlich und technisch nicht so weit fortgeschritten sind, könnt ihr im Urlaub noch die vielen zimmergroßen Kleinstbetriebe sehen, die nur vom Reparieren aller möglichen Sachen leben.
"In den allermeisten Fällen können sich bei uns heute diejenigen, die Arbeit haben, das teurer gewordene Leben auch leisten. Dazu gehören all die vielen Dinge, die das Leben angenehmer oder sogar leichter machen. Selbstverständlich auch die Urlaubsreisen.
"Wenn ihr jetzt mal überlegt, dass vom Staat, in Zusammenarbeit mit den Unternehmern und den Gewerkschaften, erwartet wird, dass sie gemeinsam zwei Dinge gleichzeitig sicherstellen.
"Dass nämlich einerseits die Arbeiter zu ihrem Recht kommen - dass sie also genug verdienen und dass auch die Arbeitsbedingungen gut sind - und dass auf der anderen Seite möglichst alle, die arbeiten wollen, auch Arbeit finden.
"Die Arbeitsplätze, wenn es heute mehr davon gäbe, müssten ja aber nicht nur den Arbeiter und vielleicht noch seine Familie ernähren. Gleichzeitig müssten auch möglichst alle Bedingungen erfüllt sein, die für diejenigen, die bereits Arbeit haben, vereinbart wurden.
"Der Teil der Bevölkerung, der im Besitz von Arbeit ist, möchte verständlicherweise auf nichts von dem bisher Erreichten verzichten. Darum ist die Hürde für die Schaffung neuer Arbeitsplätze ziemlich hoch. Denn, wie ihr euch vorstellen könnt, steht auf der anderen Seite das Interesse derer, die diese Arbeitsplätze schaffen und dafür bezahlen sollen. Das war in unserem Beispiel der Bauer, der einen möglichst fähigen Arbeiter einstellen wollte. Die Voraussetzung wird ja immer sein, dass der neu geschaffene Arbeitsplatz sich auch für den Arbeitgeber lohnt. Und bei diesem Arbeitgeber kann es sich um einen Betrieb oder auch um einen privaten Haushalt handeln.
Es kann sich bei dem Arbeitgeber aber auch um den Staat handeln, der der gesamten Bevölkerung gegenüber für eine wirtschaftliche und umsichtige Verwendung von Steuermitteln verantwortlich ist.
Sicherlich habt ihr auch schon von sogenannten staatlichen Hilfen gehört. Das sind vom Staat gezahlte Zuschüsse oder Vergünstigungen bei der Berechnung von Steuern. Wenn ihr davon hört, denkt immer daran, der Staat selbst hat überhaupt kein Geld. Er ist ja nur unser Verwalter und hat als solcher nur das, was er an Steuern und Gebühren einnimmt.
"Um auf unseren Bauern mit dem einen Arbeiter zurückzukommen. Was nützt es dem Bauern oder seinem einen Arbeiter, wenn der Betrieb durch die Einstellung eines zweiten Arbeiters langsam unrentabel wird. Denn, weil bei der Neueinstellung die gleichen guten Bedingungen wie für den ersten Arbeiter vereinbart werden mussten, kann der Bauer diesen Schritt auch nicht so leicht rückgängig machen.
"Vielleicht würde der Bauer dann als Nächstes überlegen, ob er nicht den Mähdrescher verkaufen sollte. Dann würde er für ein paar Tage im Sommer jemand kommen lassen, der das Ernten für ihn erledigt. Damit wäre die Hauptarbeit des ersten Arbeiters dahin. Ja, vielleicht gibt der Bauer nach diesen Erfahrungen seinen Hof auch völlig auf - weil es sich nicht mehr lohnt.
"Und unser Arbeiter, was kann der nun machen?
"Der kann nun erst einmal versuchen, dem Bauern zu beweisen, dass er der Bessere der beiden Arbeiter ist.
"Sollte er seine Arbeit aber verlieren, dann könnte er auch etwas anderes versuchen, da wir ihn ja, wie ihr meintet, zu einem Universalgenie gemacht hatten. Nämlich mit Hilfe der Bank den alten Mähdrescher des Bauern, mit dem er sich ja gut auskennt, kaufen und damit Kontraktarbeit annehmen. Natürlich nur, wenn er vorher ausreichende Gespräche mit den Bauern der Gegend geführt hat.
"Da er ja aber wohl kein Universalgenie sein wird, bleibt ihm nichts anderes übrig, als sich zusammen mit dem zweiten Arbeiter arbeitslos zu melden.
"Jetzt langt's aber wirklich für heute, denn ich glaube nicht, dass ihr diese ganzen Zusammenhänge verstanden haben könnt."
Das wollte Egon aber nicht auf sich sitzen lassen.
"Hör dir doch mal das folgende Beispiel an und sage mir dann, ob ich das Ganze nicht wenigstens einigermaßen verstanden habe, Opa.
Zum Beispiel: Ich habe Arbeit, der Ernst aber nicht.
Mein guter Lohn, mein fünfwöchiger Urlaub und meine langfristige Kündigungszeit etc. etc. sind tariflich vereinbart. Ernst möchte bei meiner Firma auch die gleiche Arbeit machen.
Die Firma sagt: Nein. Das Risiko ist uns zu groß, weil wir die Geschäftsentwicklung für das nächste Jahr noch nicht übersehen können. Es sei denn, dass du für 500 DM weniger Lohn und einer Woche weniger Urlaub arbeiten würdest und statt der langfristigen Kündigung auch eine kurzfristige akzeptieren würdest. Dann könnten wir dich einstellen.
Ernst, der nicht verheiratet ist und der auf jeden Fall lieber arbeiten will, als Arbeitslosenunterstützung zu beziehen, ist bereit zu akzeptieren.
Das Ganze geht aber nicht, weil der Betrieb keinen Arbeitnehmer zu anderen, als den Standardbedingungen, beschäftigen darf."
Der Opa war zuerst ganz baff, lachte dann aber schallend. "Ja, da hätte ich mir wohl den ganzen komplizierten Kram sparen können. Wenn mir doch auch so ein einfaches Beispiel eingefallen wäre. Aber die wirklichen Probleme sind doch viel komplizierter. Leider könnte ich euch das auch nicht alles erklären. Denn die Aspekte, die mir jetzt dazu noch einfallen, sind selbst für kluge Oberschüler, mein lieber Egon, ohne tiefere Kenntnisse der Struktur des Arbeitsmarktes nicht so einfach zu verstehen. Es geht dabei ja nicht allein um Logik, sondern auch um das Verständnis und die Emotionen der arbeitenden und nicht arbeitenden Bevölkerung ebenso wie um die, die darauf Einfluss ausüben können.
"Nachdem wir jetzt aber so viel abwechselnd erzählt, zugehört und nachgedacht haben, wird es glaube ich Zeit, den Rückweg anzutreten. Ihr wisst, dass eure Oma nichts mehr hasst als Unpünktlichkeit."
Gesagt, getan. Der Rückweg ging verhältnismäßig schnell vonstatten, da es ja immer bergab ging.
Als sie wieder an den großen Kornfeldern vorbeikamen, blieb der kleine Ernst für einen Augenblick stehen. Dann fragte er: "Waren eure Felder in England auch so groß?"
Nachdem der Opa auch noch einen prüfenden Blick über das große Feld geworfen hatte, sagte er: "Es ist zwar lange her, aber ich glaube, dass die üblichen Felder dort etwas kleiner waren."
Dann waren sie auch schon wieder in Sicht des großelterlichen Hauses. Es war fast sieben und die Großmutter hatte den Abendbrottisch schon gedeckt.
Nach dem Essen brachte der Großvater die beiden Enkel noch bis an die Ecke. Von hier war es für die beiden nur noch etwa sieben Minuten bis zur elterlichen Wohnung.
"Erzählst du nächstes Mal weiter, Opa? Ich möchte nämlich noch wissen, warum heute keiner mehr Angst vor dem nächsten Krieg hat. In der Geschichte haben wir doch gelernt, dass es immer schon Kriege gegeben hat." Wollte der kleine Ernst noch wissen.
"Und ich werde mir das noch mal gut überlegen, das mit dem Bauern und seinen Arbeitern." Ließ sich jetzt auch Egon vernehmen.
"Ja, Kinder. Und lasst euch man nicht entmutigen. Nur wer die nötige Neugier verspürt, wird sich nicht scheuen, mehr und immer mehr zu lernen."
Und nachdem die Kinder sich verabschiedet hatten und der Großvater schon wieder auf dem Heimweg war, dachte er noch:
" bei euren vielen Fragen wird es für mich auch immer schwieriger, die richtigen Antworten zu finden. Aber noch wird es schon gehen.".........


DER BUND DER ARGONAUTEN


Das Treffen am Fluss
Wie gewöhnlich ging er am Fluss entlang, der hier noch mehr einem Bach glich. Der Fluss war noch nicht sehr breit. Verschiedene Bäche hatten jedoch dafür gesorgt, dass sich das kleine Flüsschen ein für die bescheidene Breite recht tiefes Bett gegraben hatte. Der Junge musste aufpassen, dass er nicht ins Wasser rutschte. Die Böschung war nämlich vom Regen noch nass und an einigen Stellen glatt oder vielmehr glitschig. Die dicht am Ufer wachsenden jungen Bäume machten es notwendig, dass er manchmal ganz dicht an die glatte Böschung kam. An einigen Stellen musste er sich sogar an den Zweigen der Bäume festhalten, um nicht zu rutschen oder das Übergewicht zu verlieren. Da er ja aber schon sehr oft hier gewesen war, kannte er sich aus.
Plötzlich hörte er in einiger Entfernung den Ruf eines Kauzes. Den Kauz kenne ich, dachte er. Wirklich, hinter der nächsten Krümmung des Flusses wurde er schon erwartet. "Da kommt ja auch der Jason. Wohl etwas verspätet, wie es seiner Stellung zukommt." Der Jason genannte trat in den kleinen Kreis der zwölf und dreizehnjähriger Jungen, zeigte auf seine alte Taschenuhr und sagte: "Die Gute ist vielleicht nicht mehr die Jüngste, aber genauer als eure Armbanduhren geht sie immer noch. Jetzt ist es eine Minute vor zwei. Um zwei hatten wir uns hier verabredet. So seid mir gegrüßt, ihr tapferen Argonauten. Es ist zwar noch etwas kalt, aber ein erfrischendes Bad im Fluss wird uns allen gut tun."
Es dauerte dann auch nicht lange, da hatten sich die Jungen ihrer Kleider entledigt und planschten übermütig im Wasser des Flusses. Anschließend rannten sie auf der kleinen Lichtung, sich gegenseitig jagend hin und her, im Bemühen schnell wieder warm und trocken zu werden. Keiner von ihnen hatte ein Handtuch dabei, aber offensichtlich hatten sie so etwas schon viele Male gemacht und hätten die Warnungen vor einer möglichen Erkältung lachend in den Wind geschlagen.
Die kleine Gruppe bestand aus insgesamt sechs Jungen. Da war Walther Schwarz, genannt Orpheus. Dieser schlanke große Junge sah klug aus. Eine Tatsache, die noch durch seine goldumrandete Brille unterstrichen wurde. Er war ein Zahnarztsohn und besuchte das hiesige Gymnasium. Dann war da Wolfgang Helmers, genannt Peleus. Der gutmütige Peleus, der sicherlich dem Vater des gewaltigen Peliden nicht sehr ähnlich war, ging auch auf das Gymnasium. Er war der Sohn eines Rentiers, der von den Einkünften seiner verschiedenen Investitionen bequem mit seiner Familie leben konnte. Dem alten Helmers gehörte übrigens das Haus, in dem einige der sechs Jungen, die jetzt hier versammelt waren, wohnten. Als Nächster war da der offensichtlich auf sein Äußeres bedachte Günther Möller. Er wurde Theseus genannt und war Schüler der Oberrealschule. Sein Vater war Makler. Dann war da der untersetzt wirkende Horst Eilers, der eigentlich gar nicht untersetzt war, sondern eher mittelgroß, aber von breiter, kräftiger Gestalt. Seine, für einen Jungen seines Alters, erstaunliche Kraft hatte dazu geführt, dass er Herakles genannt wurde. Er war der Sohn des Kutschers Eilers. Schließlich war da der rothaarige Fritz Maschner, Sohn eines Friseurs, dessen mageres Gesicht von einer großen Anzahl von Sommersprossen geziert war. Er wurde Telamon genannt. Ob aber der Vater des großen Ajax auch rote Haare und Sommersprossen hatte, ist uns leider nicht überliefert. Herakles besuchte die in der Nähe gelegene Volksschule, während Fritz Maschner zur Mittelschule ging.
Der Anführer der kleinen Schar, mit dem zusammen wir ja am Anfang auf den Rest der Gruppe stießen, hieß Rolf Hansen und man hatte ihn, seiner Stellung als Anführer der Argonauten entsprechend, Jason genannt. Der Vater hatte im Erdgeschoss eines großen Hauses eine Kolonialwarenhandlung, in der Rolf manchmal als Botenjunge mithelfen musste. Auch er war von kräftiger Statur und hatte seinen Mut vor einigen Monaten bei der Rettung eines kleinen Mädchens aus dem damals Hochwasser führenden Fluss bewiesen. Zusammen mit Fritz Maschner besuchte Rolf Hansen die hiesige Mittelschule.
Die Gruppe wurde von den Jungen übrigens nicht Gruppe genannt, eine solche Bezeichnung wäre wohl als Beleidigung angesehen worden, sondern sie war ein Bund. Sie nannten sich „der Bund der Argonauten" und hatten den Bund auch feierlich durch das eigenhändige Einschneiden in die Hand, das Vermischen und letztendlich Auflecken des gemeinsamen Blutes bekräftigt. Dazu wurden gegenseitige Treue und Verschwiegenheit gelobt. Wahlspruch und höchstes Gebot des Bundes war "Dem Schwachen zum Schutz, dem Starken zum Trutz". Sie waren also Blutsbrüder. Das mit dem eigenhändigen Einschneiden war natürlich auch nicht so einfach gewesen. Theseus war fast und Peleus war wirklich ohnmächtig geworden. Aber geschnitten hatten sie alle und das Blut ‚getrunken' hatten sie auch alle. Orpheus hatte aus der väterlichen Praxis Desinfektions- und Verbandsmittel mitgebracht und verstand sich auch in Erste Hilfe.
Geschehen war das Ganze vor fast einem Jahr im rückwärtigen Teil des Helmerschen Grundstücks.
Die jungen Argonauten wohnten in verschiedenen Nebenstraßen am Rande des Kerns einer Stadt von etwa 40.000 Einwohnern. Ihr Glück war es, dass an dieser Seite der Stadt vor dem Stadttor gleich die Wiesen und Weiden begannen, während die Umgebung der Stadt an der anderen Seite bereits bis über die alte Stadtgrenze hinaus besiedelt worden war. So war es auch nicht weit für die Jungen, den Wald zu erreichen, an dessen Rand sich der Fluss entlang schlängelte. Hier befand sich die kleine Lichtung, die sie meistens als Treffpunkt außerhalb der Stadt benutzten.

Wie alles begonnen hatte
Es war der Fluss gewesen, der sie zusammengeführt hatte. Dort hatten sich im vorletzten Winter, als der Fluss zum größten Teil zugefroren und nur eine schmale Rinne in der Mitte sichtbar war, Jason und Telamon auf der einen Seite und Herakles und Peleus auf der anderen Seite getroffen. Damals nannten sie sich allerdings noch Rolf und Fritz bzw. Horst und Wolfgang. Gewiss, die jetzigen Argonauten waren sich vorher schon begegnet und kannten sich, soweit sie im gleichen Haus wohnten, vom Ansehen und einige von ihnen auch von der Schule her, aber sie hatten, mit Ausnahme der beiden sich jetzt gegenüberstehenden Zweiergruppen, noch keinen Kontakt miteinander gehabt. Die meisten hatten sogar noch nie mit den anderen gesprochen.
"Heda, ihr Flaschen, was wollt ihr denn an unserem Fluss?" Das war Wolfgang Helmers, der die beiden am anderen Ufer in Sicht kommenden zur Rede stellte. Rolf Hansen, nicht gewohnt sich von anderen Jungen, selbst wenn sie älter waren, etwas gefallen zu lassen, antwortete gelassen: "Wenn hier einer Ansprüche auf dieses Gebiet stellen kann, dann sind wir es wohl. Außerdem haben wir es gar nicht gerne, wenn uns so ein grüner Junge unaufgefordert anquatscht, und dazu noch so blöde."
Wolfgang war baff erstaunt ob dieser offensichtlichen Frechheit. "Komm, Horst, wollen wir es denen mal zeigen?" Aber der kräftige Horst war gar nicht so enthusiastisch. "Ach, lass die beiden Flaschen doch laufen. Die haben nur eine große Klappe, sonst nichts." Rolf, der vom anderen Ufer dieses Zwiegespräch hören konnte, sagte daraufhin laut genug, dass auch er auf der anderen Seite gehört und verstanden wurde: "Hast du wohl gehört, Fritz, die da drüben haben Schiss. Das war ja aber vorauszusehen, so wie die aussehen."

Die Herausforderung wird angenommen
Da hatte er aber die Rechnung ohne Horst Eilers gemacht. Als der hörte, dass man ihn auch noch verhöhnte, schoss ihm das Blut in die Wangen und er rief seinem Freund Wolfgang zu: "Komm, denen woll'n wir es jetzt doch mal zeigen, wer hier Schiss hat, oder es jetzt besser haben sollte. Wir geh'n rüber." So leicht war das mit dem Rübergehen aber an dieser Stelle nicht. Sofort tönte denn auch vom anderen Ufer die Stimme von Fritz: "Ihr habt nicht nur Schiss, nein, ihr seid auch ganz schön blöd. Hier kann man ja gar nicht rüber, sonst hätten wir euch schon längst in die Flucht geschlagen."
Noch wütender betrachtete Horst jetzt das Ufer, das Eis und die Rinne. Es muss gehen, man muss nur genügend Anlauf nehmen und der Absprung muss schnell und darf nicht hart sein. Ziemlich unmöglich, aber gehen muss es. Er ging wie unbeabsichtigt ein paar Schritte zurück. Plötzlich schnellte er vor und rannte über das hart gefrorene Ufer auf den Fluss zu. Trotz seiner etwas schwerfällig aussehenden Figur war er ein guter Läufer. Im Laufen schätzte er noch einmal die notwendigen Schritte ab, während sein Blick auf die schmale Rinne in der Mitte des Flusses fixiert war. Der Fluss war ja nicht sehr breit, sodass von Ufer zu Ufer jeweils zwei oder drei Schritte auf dem Eis und dazwischen der Sprung notwendig waren. Bereits beim zweiten Schritt auf dem Eis fühlte er zu seinem Schreck, dass er dessen Festigkeit überschätzt hatte. Jetzt war es aber zu spät. Der Absprung nach dem dritten kurzen Schritt gelang zwar, doch brach auch gleichzeitig das Eis unter ihm, sodass der erzielte Schwung nicht ausreichte, um ihn aus der Gefahrenzone zu katapultieren.
Bruchteile von Sekunden schwebte er so der anderen Seite entgegen. Dabei war ihm klar, dass sein Abenteuer im Wasser enden würde. Lächerliche zwei Meter hätten genügt. Es würden bei dem Absprung aber wohl nicht viel mehr als ein Meter, vielleicht sogar noch weniger werden. Und dabei sprang er auf dem Sportplatz fast niemals unter fünf Meter. Aber was nützte das jetzt. Sein einziger Vorteil war, dass er bei so einem kleinen Sprung dann auch nicht sehr hart landen würde. Aber auch da hatte er sich verschätzt. Eis ist hart und starr, nicht zu vergleichen mit normalem Gelände, gar nicht zu reden von der Sandkiste auf dem Sportplatz. All das hatte er wohl bedacht und es wäre ja auch gut gegangen, wenn das Eis an den Seiten etwas stärker gewesen wäre.
Er versuchte, mit der Hauptlast seines Gewichts auf einem Bein zu landen und sich dabei abzufedern. Obgleich ihm dies auch zum Teil gelang und er sich noch nach vorn werfen konnte, brach das Eis zuerst unter seinem Fuß und dann auch unter dem hart landenden schweren Körper. Im nächsten Moment war er im kalten Wasser. Das Wasser war hier zwar nicht sehr tief, aber es reichte ihm doch fast bis zur Brust.
Rolf und Fritz sahen staunend, was passierte. Als klar wurde, dass der andere Junge aus dem eisigen Wasser nicht alleine, oder nur sehr schwer, ans feste Ufer kommen konnte, rief Rolf: "Schnell, Fritz, den großen Ast dort drüben." Während Fritz den Ast heranschleppte, war Rolf bereits vorsichtig vom festen Ufer auf das Eis getreten. Jetzt nahm er den Ast, schob ihn zur Mitte des Flusses vor und legte sich selbst, den Ast umklammernd auf das Eis. "Komm, gib mir deine Hand und halte dich mit der anderen am Ast fest." Es war nicht einfach, dem schweren Horst aus dem Wasser zu helfen. Aber es gelang. Dann standen sich die beiden Knaben gegenüber. Horst lief das kalte Wasser an den Beinen herunter. Rolf zog dem widerstrebenden Gegner die Jacke aus, die nass und eisig war. Schnell riss er sich seine eigene Jacke runter und legte sie um den vor Kälte zitternden Jungen. "Vergessen wir mal, was vorhin war. Du musst jetzt sofort nach Hause." Horst war bestrebt, sich die fremde Jacke wieder abzustreifen und wollte auf seinen Retter losgehen. Der aber rief: "Wenn du jetzt mit meiner Jacke nach Hause gehst, verspreche ich dir, dass ich bei der nächsten sich bietenden Gelegenheit bereit bin, das Versäumte nachzuholen. Dass du Mut hast, das hast du ja bewiesen, ob du aber auch der stärkere bist, kannst du dann unter Beweis stellen."
Fritz hatte währenddessen den am anderen Ufer zurückgebliebenen Wolfgang beobachtet. Wolfgang, der zwei Schritte hinter Horst zur Überquerung des Flusses gestartet war, kam am Ufer zu einem abrupten Halt, als er gewahr wurde, dass Horst es nicht schaffen würde. Er sah, was drüben am anderen Ufer passierte. So schnell er konnte lief er am Ufer entlang bis zu einer ihm gut bekannten Stelle. Hier traten die Ufer des Flusses dichter zusammen. Die mittlere Rinne war hier zwar etwas breiter, dafür war aber auf dem Eis auf beiden Seiten nur jeweils ein einziger Schritt notwendig. Er besann sich jetzt nicht lange, sondern rannte noch einmal auf den Fluss zu. Den ersten Schritt setzte er knapp einen Meter vom Ufer auf das Eis und sein Anlauf zog ihn sofort weiter, dem anderen Ufer entgegen. Auch dort traf er wieder auf Eis, das gerade fest genug war, um ihn für den Bruchteil einer Sekunde zu tragen, bevor er sich vornüber dem festen Ufer entgegenwarf. Er landete mit dem Oberkörper auf der Uferböschung liegend. Das Ganze war nur möglich gewesen, das wusste er wohl, weil er viel leichter war, als Horst und weil er Zeit gehabt hatte, die günstigste Stelle zu erreichen.
Er rappelte sich wieder hoch und versuchte zu den anderen zu laufen. Aber ganz so reibungslos war die Flussüberquerung auch bei ihm nicht verlaufen. Erst jetzt merkte er, dass er sich am Knie verletzt hatte. Das musste bei der Landung geschehen sein. So humpelte er denn zu der Stelle, an der die anderen drei immer noch standen. Rolf war noch mit Horst beschäftigt, aber Fritz grinste ihn schadenfroh an. Das war zu viel für Wolfgang. Wütend stürzte er sich, seine Zähne zusammenbeißend, auf Fritz und schrie: "Dir werde ich es zeigen, wer hier über wen lachen kann." Rolf und Horst drehten sich beide abrupt um. Jeder redete auf seinen Freund ein. Horst sagte zu Wolfgang: "Wir sind gerade übereingekommen, den anderen Teil bei der allernächsten Gelegenheit nachzuholen. So halte dich jetzt zurück und lass uns sehen, dass wir möglichst schnell nach Hause kommen." Immer noch zitternd vor Kälte warf er Rolf die trockene Jacke wieder zu, nahm sich seine eigene nasse Jacke vom Boden und rief Rolf zu: "Wie wir besprochen haben, am kommenden Montag zur gleichen Zeit hier am Fluss." Darauf drehten sich die beiden mutigen Überwinder des winterlichen Flusses um und zogen so schnell es ging, der eine immer noch triefend vor Nässe, der andere humpelnd, der elterlichen Wohnung im Helmerschen Haus entgegen.
Bei den beiden Zurückgebliebenen war die Stimmung für Spiele an diesem Nachmittag auch vorbei. Fritz versuchte immer noch, sich über das Missgeschick der beiden anderen lustig zu machen, aber Rolf sagte nur: "Das hätte uns auch passieren können, wenn man uns so gereizt hätte und wir auch genug Mut gehabt hätten, den Sprung zu wagen." Da Fritz nicht ganz sicher war, ob er sich solch einen Sprung zugetraut hätte, sagte er dann auch nichts mehr.

Erstes Kräftemessen
Am nächsten Montag waren Rolf und Fritz als Erste an der Stelle angekommen. Sie hatten sich aber kaum umgesehen, da erschienen auch schon Horst und Wolfgang auf dem schmalen Pfad, der von der Stadt her über die Wiese führte. Alle vier grinsten sich zuerst etwas verlegen an. Dann sagte Horst: "Wie wollen wir es machen, einzeln oder zwei gegen zwei?" "Zwei gegen zwei" sagte Fritz sofort, wurde dann aber überstimmt. Man einigte sich, dass Rolf zuerst mit Horst kämpfen sollte. Anschließend sollten dann die anderen beiden kämpfen.
Beide Jungen entledigten sich ihrer Jacken und krempelten sich trotz der Kälte die Hemdsärmel hoch. Es konnte gerungen und auch geboxt werden. Auf einen Zuruf Rolfs sprangen beide gegeneinander an. Rolf versuchte seinem Gegner gleich einen Haken unters Kinn zu geben, traf aber nur das Ohr von Horst. Da der Schlag offensichtlich geschmerzt hatte, stieß der jetzt wütend eine volle Gerade in Rolfs Gesicht, was prompt die Nase zum Bluten brachte. Wie zwei junge Kampfhähne sprangen sie sich jetzt an. Horst versuchte Rolf auszuheben und niederzuwerfen, was aber misslang. Jetzt versuchte Rolf, Horst in den Schwitzkasten zu nehmen, wurde aber von diesem dabei hochgehoben und wäre auch hingeworfen worden, wenn Horst nicht gestolpert wäre. Plötzlich waren sie beide am Boden. Erst sah es so aus, als wenn Rolf die Oberhand gewinnen würde, aber dann wendete sich das Blatt. Horst saß auf Rolfs Brust. Der konnte sich nicht mehr bewegen und wartete nur noch auf die den Kampf beendenden Fausthiebe ins Gesicht. Im nächsten Augenblick war Horst auf den Beinen und hielt dem erstaunt hochblickenden Rolf seine Hand entgegen. Blitzschnell durchzuckte es Rolf. Wie vorige Woche, nur da war es umgekehrt gewesen. Noch zögernd ergriff er Horsts Hand, ließ sich dann aber von diesem auf die Beine ziehen.
Wolfgang und Fritz wussten gar nicht, was passiert war. "Warum hast Du ihn denn nicht völlig fertiggemacht?" fragte Wolfgang erstaunt. Horst sagte nur: "Hast du denn nicht gesehen, dass unser Kampf unentschieden ausgegangen ist?" Weder Wolfgang noch Fritz konnten verstehen, was damit nun wieder gemeint war. Aber da die beiden anderen offensichtlich einig waren, sagten sie dann auch weiter nichts. Nun mussten sie beide ja noch gegeneinander kämpfen.
Auf das verabredete Zeichen sprangen sie sich an. Wolfgang wurde beim ersten Zusammenprall beinahe umgeworfen. Doch dann gelang ihm ein Befreiungsschlag. Ein kurzer Hieb, der für Fritzens Nase gedacht war, landete daneben. Er landete aber so unglücklich, dass die linke Augenbraue von Fritz aufplatzte und zu bluten begann. Dieser schlug zwar wütend zurück, konnte aber bald nicht mehr zielen, da sein Gesicht blutverschmiert und die Umgebung des einen Auges bereits stark angeschwollen war. Horst sprang zwischen die beiden Kämpfenden und stoppte den Kampf. Nur widerwillig gaben die beiden sich damit zufrieden. Schließlich einigte man sich aber doch dahin gehend, dass auch dieser zweite Kampf unentschieden ausgegangen sei.
Während Rolfs Nase aufgehört hatte zu bluten, sah Fritzens Gesicht furchterregend aus. Unter Benutzung der zur Verfügung stehenden Taschentücher versuchten sie jetzt gemeinsam, die Spuren des Kampfes im Gesicht von Fritz durch das Spülen mit eiskaltem Wasser zu mildern. Sie bekamen es zwar ganz gut hin, nur die schöne bunte Färbung der Augengegend ließ sich nicht vermeiden. Angesichts dieses Schönheitsflecks fiel es Wolfgang ausgesprochen schwer, seine freche Zunge im Zaum zu halten. Lediglich dem wuchtigen Ellenbogen und den bösen Blicken seines Freundes Horst war es zu verdanken, dass der Nachmittag in Eintracht endete. Man verabredete sich wieder für den kommenden Montag.
Am kommenden und an den darauf folgenden Montagen, an denen die vier Jungen sich immer näher kamen und die einstmalige Gegnerschaft bald völlig vergessen war, beschloss man einen Bund zu gründen. Die Idee kam von Rolf, der meinte, dass man dann doch vielmehr gemeinsam unternehmen könne und dass ein Bündnis sie noch enger zusammenschließen würde. Es war Wolfgang, der den Vorschlag machte, doch noch zwei oder auch drei andere Jungen in das geplante Bündnis mit einzubeziehen. Dieser Vorschlag wurde nicht mit sehr viel Enthusiasmus aufgenommen. Rolf hielt es auch für unwahrscheinlich, dass sie so ohne Weiteres noch welche finden würden, die mutig, verschwiegen und zuverlässig wären. Doch auch da wusste Wolfgang schon die Antwort. Bei ihnen im Hause wohnten zwei Jungen, die ungefähr gleichaltrig seien. Horst unterbrach ihn jetzt und sagte: "Meinst du Walther und Günther?" Ja, die beiden meinte Wolfgang. "Der Walther geht bei mir in der Klasse und der Günther wohnt seit eh' und je neben uns." "Passen die beiden denn für ein Bündnis?" fragte Horst zweifelnd, "das sind doch zwei wohlbehütete, brave Knaben." Aber Wolfgang war bereit, sich für die beiden zu verbürgen. "Außerdem können wir ja alle noch Mutproben ablegen, als Aufnahmeprüfung."
Rolf hielt sich zurück, da er keinen der beiden kannte. So wurde denn verabredet, dass Wolfgang am nächsten Montag die beiden Kandidaten mitbringen sollte. "Führ' sie uns mal vor" sagte Fritz.

Zwei Neulinge
So kam es denn, dass der Klassenprimus Walther Schwarz bereits am nächsten Tag von seinem Klassenkameraden Wolfgang Helmers vertraulich von dem geplanten Bündnis in Kenntnis gesetzt wurde. Er ließ sich die anderen Knaben schildern und erklärte sich bereit, das mal mit anzusehen. Ähnlich erging es Wolfgang mit seinem Nachbarn Günther. Der verstand zwar nicht, warum man das so feierlich machen musste, war aber auch bereit am nächsten Montag mitzukommen.
Am Montag waren die anderen drei schon am verabredeten Platz, als Wolfgang mit den beiden Neuen in Sicht kam. "Mensch, sonne kluge Brillenschleiche passt doch bestimmt nicht zu uns" konnte sich Rolf nicht verkneifen zu sagen, als er Walther sah. Da aber sagte Horst: "Täusch dich in Walther nicht, den kenne ich auch ein bisschen. Der ist nicht so, wie du meinst." Dann waren die Drei aber schon da und wurden durch Handschlag begrüßt. Wolfgang sagte zuerst die Namen der Neuen, um dann auch die Namen der drei anderen zu nennen. Horst kannte ja Walther und auch Günther, da sie seit vielen Jahren im selben Haus wohnten. Seit sie aber auf andere Schulen gingen und die Familien des Dr.Schwarz und des Herrn Möller nichts mit der Familie des Kutschers Eilers gemein hatten, außer dass sie im gleichen Haus wohnten, hatten auch die Kinder seit Jahren kaum miteinander gesprochen. Rolf und Fritz, denen die beiden zwar vom Ansehen bekannt, sonst aber unbeschriebene Blätter waren, verhielten sich, eingedenk dessen, was Horst über diesen Walther gesagt hatte, neutral. Man werde ja sehen.
Rolf machte den Vorschlag, an einer besonders schmalen Stelle des Flusses einen großen Ast von Ufer zu Ufer zu legen, um zur Lichtung auf der anderen Seite zu gelangen. Dieser Vorschlag fand allgemeine Zustimmung. Gesagt, getan. Schon war Rolf über einen langen kräftigen Ast, den sie zusammen aufgerichtet und dann zum anderen Ufer zu umgekippt hatten, geklettert und Walther wurde als Zweiter drüben erwartet. Auch er konnte ohne Schwierigkeiten über den Ast das gegenüberliegende Ufer erreichen. Dann war Fritz an der Reihe. Die anderen beiden hatten sich unterwegs an zwei Gabeln des Astes festgehalten. Fritz meinte aber, dass er das andere Ufer auch freihändig erreichen könne, und blieb auch trotz Warnungen von beiden Ufern stur. Über der Mitte des Flusses balancierend stieß er mit einem Fuß gegen einen dicken Zweig, den er nicht beachtet hatte. Er versuchte zwar jetzt noch die nächste der beiden hochstehenden Gabeln zu erreichen, verlor aber das Gleichgewicht und fiel unter dem Gejohle der anderen ins Wasser.
Walther, vom Verhalten des Balancekünstlers so etwas Ähnliches voraussehend, war im nächsten Augenblick bereits über Fritz und zog ihn heraus. Rolf, der Sekunden nach ihm herankam, half ihm dabei. Da man sich hierdurch jedoch nicht den Nachmittag verderben lassen wollte, wurde Fritz nach Hause geschickt. Im wahrsten Sinne "wie ein begossener Pudel" zog Fritz daraufhin allein zurück zur Stadt, während der Rest der Jungen, nachdem alle anderen erfolgreich den Fluss überquert hatten, weiter zur Lichtung zog.

Die große Eiche
Auf der Lichtung angekommen, schlug Rolf vor, dass sie alle zusammen die große Eiche in der Mitte der Lichtung erklettern könnten. Dieser Vorschlag erhielt allgemeine Zustimmung. Da der unterste der Äste von keinem der Jungen ohne Hilfe erreicht werden konnte, hoben Horst und Rolf Wolfgang so hoch, dass er bequem den dicken Ast ergreifen und sich auch auf dem Bauche liegend dort oben halten konnte. Nun war es ein Leichtes für ihn sich aufzurichten und den nächsten Ast zu erreichen. Als nächster kam Walther und dann Günther an die Reihe. Als auch die beiden gut oben angelangt waren, stieg Rolf zuerst in die vor dem Bauch gefalteten Hände und dann auf die Schultern von Horst. Es war nicht schwer für ihn sich nun auf den Ast zu schwingen. Doch nun wurde es schwierig. Horst, der schwerste von den Fünfen, war jetzt alleine unten übriggeblieben. Rolf und Horst hatten die weitere Vorgehensweise aber schon geplant.
Während Walther und Günther vorsichtig weiterkletterten, war Wolfgang auf den untersten Ast zurückgekehrt und lag nun bäuchlings, sich mit den Beinen in den dickeren Zweigen absichernd, neben Rolf. Beide streckten ihre Arme, soweit sie konnten, nach unten. Auf Rolfs Zuruf machte Horst einen Satz und streckte gleichzeitig beide Arme nach oben. Rolf und Wolfgang konnten zwar jeder einen Arm ergreifen, wären aber, hätten sie nicht wieder losgelassen, durch das Gewicht von Horst mit hinuntergerissen worden. So schwierig hatten sie sich das doch nicht vorgestellt.
Nach kurzer Beratung schlang Rolf seine Beine um eine Astgabel, die das Gewicht von zwei Jungen wohl halten konnte, und ließ seinen ganzen Körper vornüber nach unten hängen. Jetzt wurde Horst aufgefordert, in die gefalteten Hände von Rolf zu steigen. Aber auch das misslang, da er die Arme von Rolf immer nach vorne wegdrückte. Letztendlich klappte es erst, als Rolf sich, zusätzlich abgesichert von Wolfgang, rückwärts nach unten hängen ließ. Jetzt hatte er Horst vor sich und konnte auch seine Arme entsprechend als Tritt halten. So waren sie denn auch bald alle oben im Baum. Rolfs Beine sahen zwar etwas zerschunden aus, aber er sagte, dass er es kaum merke.
Die anderen beiden hatten drei Meter höher gewartet und zugesehen, was sich unten tat. Jetzt ließen sie Rolf, der bereits einmal auf diesem Baum gewesen war, den Vortritt. Damals hatte er sich extra ein Seil zum Klettern mitgebracht und es war viel leichter gegangen, obgleich er alleine gewesen war. Daran sollte man das nächste Mal auch wieder denken. Leider aber wusste man ja vorher nie genau, was man an so einem Nachmittag alles anstellen würde. Er konnte sich erinnern, dass nur auf einer Seite der großen Gabelung, die jetzt vor ihnen war, der Stamm ausreichend feste Zweige zum sicheren Klettern hatte. So stieg er denn langsam weiter nach oben. Hinter ihm kletterten Walther und Günther, dann Wolfgang und am Ende Horst. Jetzt waren sie schon so hoch, dass sie einen guten Blick über das ganze Gelände bis zur Stadt hatten. Zur anderen Seite zu, hinter ihnen, sahen sie nur gegen die Wipfel des hier beginnenden Waldes. Rolf beabsichtigte hoch genug zu klettern, dass er auch über den Wald hinwegsehen könnte. Möglich müsste das wohl sein, dachte er, denn diese Eiche war der höchste Baum weit und breit. Er kam jedoch bald dahin, wo der dünner werdende Stamm anfing, beängstigend zu schwanken. Ein Blick nach unten zeigte ihm, dass Walther noch dicht hinter, bzw. unter ihm war, während die anderen weit zurückblieben.
"Günther wurde es etwas schwindelig, darum sind die anderen beiden noch bei ihm" erklärte Walther. "An deiner Stelle würde ich nicht weiter geh'n, der Stamm wird zu dünn für dich, zumal in dieser Höhe." Als Rolf ihm dann erklärte, dass er beabsichtigt hatte, über den Wald hinwegzublicken, sagte er: "Lass mich mal vorbei, ich bin bedeutend leichter als du. Vielleicht gelingt es mir, noch höher zu kommen." Vorsichtig umkletterte er Rolf, kam dann aber auch nicht viel weiter. Zwei Meter höher war es auch für ihn zu Ende. "Ich kann jetzt zwar über die meisten Bäume des Waldes blicken, es sind aber doch zu viele höhere Bäume da, die den weiteren Blick versperren." "Dann lass uns umkehren" rief Rolf. Einige Minuten später waren Rolf und Walther wieder bei den anderen.
Der Abstieg dauerte etwas länger als der Aufstieg, weil man den Platz für den nächsten Tritt nicht wie beim Aufstieg vor Augen hatte, sondern unter sich suchen musste. Vom untersten Ast sprangen alle auf den weichen Boden.
Rolf, der Walther und Günther während des Nachmittags beobachtet hatte, fragte als ersten Horst, der mit ihm zusammen etwas abseitsstand: "Was meinst du, könnten wir die beiden bei uns gebrauchen?" "Ich glaube schon. Ich kenne beide ja bereits seit einigen Jahren. Heute Nachmittag hat es mir mit ihnen Spaß gemacht. Ich glaube, die sind in Ordnung." Jetzt wandte Rolf sich an Walther: "Hast du dir mal überlegt, ob du Lust hättest, mit uns zusammen einen Bund zu gründen?" "Ich hab' mir das durch den Kopf gehen lassen." Sagte Walther. "Nach diesem Nachmittag kann ich aber nur sagen, dass ich schon Lust hätte, öfter mit euch zusammen zu sein." Zufrieden sagte Rolf daraufhin: "Schön, das freut mich zu hören." Und sich an Günther wendend, fragte er diesen: "Wie steht es mit dir, Günther, willst du auch weiter bei uns mitmachen?" Statt Günther antwortete Wolfgang: "Ich habe gerade mit Günther darüber gesprochen und er sagt, der Nachmittag mit uns hätte ihm sehr gut gefallen und er würde gerne weiter mitmachen." Günther nickte hierbei zustimmend.
"Prima" sagte daraufhin Rolf, "wann und wo treffen wir uns denn das nächste Mal?" "Ich hätte da einen Vorschlag zu machen. Ich weiß zwar, dass ich noch zu neu bei euch bin, um Vorschläge zu machen, aber vielleicht gefällt er euch." "Na, Günther, dann man raus mit der Sprache." Gespannt lauschten sie alle auf Günthers Vorschlag.
"Mein Vater hat ein Boot, weiter unten am Fluss, wo er doppelt so breit ist wie hier und wo die kleine Anlegestelle ist. Vielleicht könnten wir uns ja da treffen, und etwas mit dem Boot herumfahren?" "Was ist das denn für ein Boot?" wollte jetzt Horst wissen. "Ach, es ist nur ein großes Ruderboot, hat aber bestimmt genug Platz für uns sechs. Mein Vater benutzte es früher, um vom Boot aus zu angeln. Jetzt braucht er es schon seit Langem nicht mehr." "Klingt gut", sagte Rolf und alle anderen stimmten ihm bei. So einigte man sich denn, auf nächsten Montag um zwei Uhr an der kleinen Anlegestelle, die allen bekannt war.

Griechische Helden und die Argo
Diesmal war Günther zuerst zur Stelle, um sicherheitshalber das Boot vorher noch mal in Augenschein zu nehmen. Er war schon seit Monaten nicht mehr hier gewesen. Als Fritz und Rolf dann auftauchten, war er gerade dabei mit einer alten Blechdose das eingedrungene Wasser rauszuschöpfen. "Is wohl sonne Art U-Boot, was?" sagte Fritz. Rolf aber sah sofort, dass es sich bei dem Wasser nur um die normale Menge handelte, die man bei einem alten Holzboot erwarten musste. "Wann hast du das denn das letzte Mal gemacht?" fragte er daher nur. "Das muss irgendwann im Frühling gewesen sein. Also, etwa zwei Monate her" sagte Günther erklärend und suchte in Rolfs Gesicht nach eventueller Kritik. Aber Rolf sprang ins Boot, nahm die andere dort liegende Büchse und beteiligte sich am Schöpfen. "Das sieht ja alles doch ganz gut aus, das bisschen Wasser werden wir gleich haben." Günther war sichtlich erleichtert, dass Rolf das Boot gefiel. Dann würde es den anderen auch gefallen.
Minuten später trafen die anderen drei ein. Da sie ja im selben Haus wohnten, hatten sie sich dort bereits getroffen. "Kommt mir vor wie die Arche Noah", rief Horst. "Nein," sagte Walther, "dafür ist es wohl doch zu klein. Aber mit etwas Fantasie könnte man es ‚Argo' nennen." "Was heißt hier Argo?" wollte Fritz wissen. Wolfgang, der den Gedanken begeistert aufgriff, musste dann für diejenigen, denen die Argo kein Begriff war, die Argonauten-Sage im Telegrammstil erklären.
"Also, das war so" begann er. "Vor etwa dreieinhalbtausend Jahren, noch vor Troja, von dem ihr ja vielleicht gehört habt, bestieg eine Reihe von griechischen Helden ein Boot namens Argo, um dem Anführer Jason bei einem Abenteuer zu helfen. Das Boot Argo war zwar um einiges größer als unsere Argo hier, aber das macht ja nichts. Aus diesem einen Abenteuer wurden dann unterwegs mehrere, bei denen sie sich bewähren mussten. Diese Helden sind als die Argonauten bekannt." "Klingt ja toll, wir als alte Griechen. Hatten die denn auch Namen, außer diesem Jason?" fragte Horst.
Wolfgang, der die Sagen der alten Griechen liebte, war nur zu gerne bereit mehr darüber zu erzählen. "Außer Jason, dem Anführer, waren da unter anderem noch der starke Herakles, dann Peleus, der Vater des Achilles, und Telamon, der Vater des Großen Ajax. Ferner waren da noch Orpheus, der wundervolle Sänger, und Theseus, der spätere König von Athen, und auch noch andere."
"Ist ja toll, das waren gerade sechs. Das reicht ja. Wie wäre es denn, wenn wir uns entsprechende Namen geben würden?" fragte Fritz eifrig. "Ja, das bietet sich direkt an" fiel jetzt auch Walther ein. "Rolf wäre dann der Jason, da er ja hoffentlich auch weiterhin gewillt ist, unser Anführer zu sein. Herakles könnte natürlich nur der starke Horst sein. Peleus könnte dann mein Klassenkamerad Wolfgang sein, von dem ich gar nicht wusste, dass er die Geschichten der alten Griechen so gut im Kopf hat und .." - aber bevor er weitersprechen konnte, fiel Wolfgang ihm ins Wort: "Wenn ich Peleus sein soll, dann musst du aber der große Sänger Orpheus sein."
"Nun hört aber mal auf. Geht das nicht ein bisschen zu weit? Ich weiß auch nicht, ob ich weiterhin der Anführer sein möchte" meinte jetzt Rolf. Da war man im Kreis jedoch anderer Meinung. Horst nahm jetzt das Wort: "Ich finde die Idee von Walther gar nicht so schlecht. Dass Rolf auch weiterhin unser Anführer sein muss, dürfte doch wohl klar sein. Schließlich hatte er ja auch die Idee mit dem Bund. Und warum sollten wir uns keine solchen Namen geben, durch die nur wir uns dann identifizieren können. Mit dem Herakles, das weiß ich nicht. Wenn ihr aber meint, mache ich auch da mit. Wolfgang muss mir nur sein Buch, in dem das alles beschrieben steht, mal leihen, damit auch ich etwas darüber weiß."
Das fand zwar die Zustimmung der bisher genannten, nur Fritz und Günther hielten sich etwas zurück. "Was ist denn jetzt mit euch beiden?" wollte Wolfgang wissen. "Habt ihr keine rechte Lust dazu?" "Das schon, aber ihr habt euch schon große Namen gegeben, sodass für uns nicht mehr viel übrig bleibt." sagte Günther.
"Warte mal," rief da Walther, "meinst du im Ernst, dass Theseus, der König von Athen, und Telamon, König von Salamis und Bruder des Peleus, schlechter sind als die anderen? Ich will gerne mit einem von euch tauschen."
"So war es ja auch wieder nicht gemeint. Das kam nur alles so plötzlich. Ich habe zwar von den Argonauten schon einmal gehört oder gelesen, ich muss aber zugeben, dass ich mir nicht mehr viel darunter vorstellen konnte. Es wird wohl notwendig sein, dass wir alle diese Argonauten-Sage lesen, damit wir uns dann auch etwas mit den einzelnen Helden identifizieren können." Dieser Vorschlag von Günther wurde bereitwillig aufgegriffen. Man einigte sich dann auch darauf, dass Fritz den Namen Theseus und Günther den des Telamon erhalten sollte.

Das Bündnis
Jetzt hatte Rolf aber noch einen Einwand. "Wenn ihr euch schon alle einig seid, dann möchte ich vorschlagen, dass die Gründung unseres Bundes und die Namensgebung nicht hier an der Uferböschung, sondern mit einer kleinen Zeremonie verbunden werden. Wir könnten das zum Beispiel in einem Keller bei uns oder auch irgendwo bei euch in eurem Haus machen."
"Ich hab da eine Idee" sagte jetzt Wolfgang. "Bei uns auf dem Grundstück haben wir hinten ein Gebäude, in dem der Vater von Horst seinen Wagen und die Pferde unterbringt. Da ist noch ein kleiner Raum, der jetzt eigentlich nicht benutzt wird. Ich bin sicher, dass mein Vater uns erlaubt, dort etwas für uns herzurichten. Einen alten Tisch und mindestens sechs Stühle sollten wir dort auch finden. Wir dürfen nur keinerlei offenes Feuer, zum Beispiel Kerzen, dort benutzen, wegen des im Nebenraum befindlichen Heues und wegen der Pferde. Wir wollen unsere Versammlungen ja aber nur am Nachmittag abhalten."
Das fanden alle gut und so wurde denn ein Tag in der kommenden Woche festgelegt. Fritz machte dann noch den Vorschlag, eine Blutsbrüderschaft einzugehen. Diesem Vorschlag wurde erst zugestimmt, als Walther zusagte, Desinfektionsmittel und Verbandszeug aus der Praxis seines Vaters mitzubringen.
An diesem Nachmittag wurde das Boot erst einmal von allen eingehend begutachtet und man beriet, was man für eine Fahrt auf dem Fluss noch benötigte. Heute begnügten sich alle damit, sich auf die Plätze zu verteilen und über die geplante erste Fahrt der Argo zu sprechen. Aus der Gruppe der sechs Jungen war damit der Bund der Argonauten, bestehend aus Jason (Rolf), Herakles (Horst), Peleus (Wolfgang), Orpheus (Walther), Telamon (Günther) und Theseus (Fritz) geworden.
Bevor sie sich Wochen später dann wieder am Fluss trafen, hatten sie das Bündnis bereits mit ihrem Blut besiegelt. Jeder von ihnen hatte inzwischen die Argonauten-Sage gelesen und war stolz auf seinen neuen Namen, dem er Ehre zu machen gedachte.....



DIE WANDERUNG

Der erste Tag
Seit dem frühen Morgen waren sie jetzt unterwegs. Ein Beobachter hätte sie wohl für eine seltsame Gruppe gehalten. Man konnte sich vielleicht sogar schwer vorstellen, dass sie überhaupt gemeinsam unterwegs waren. Trotzdem handelte es sich aber um ein fest zusammengeschweißtes Trio. Beobachter bekamen die Drei auch - wenn es sich irgendwie vermeiden ließ - gar nicht zu Gesicht. Man wollte bei diesem Unternehmen, jedenfalls am ersten Tag, unter sich sein. War es doch schwer genug für die Drei, sich an die Anstrengungen solch einer Wanderung zu gewöhnen, zumal sie ja auch vollkommen unterschiedliche Konditionen hatten. Dem einen machte der Marsch selbst schon zu schaffen, der zweite litt unter der großen Hitze, ja, und der dritte, der hatte seine Schwierigkeiten, sich an die unterschiedlichen Befindlichkeiten seiner beiden Kameraden zu gewöhnen. Sie hatten sich aber vorgenommen, das Abenteuer - als solches sahen sie die Wanderung an - gemeinsam zu bestehen.
Der Erste, der sich jetzt am Waldrand ins Gras warf, war der kleine etwas dickliche Mops Rollo. "Jetzt langt es mir erstmal, ihr beiden habt ja auch viel längere Beine. Ich muss mich ausruhen."
"Wenn es nur nicht so fürchterlich heiß wäre", seufzte der große afghanische Windhund Emir und setzte sich neben Rollo.
Nero, der kräftige Rottweiler, setzte sich schließlich auch zu seinen Gefährten, meinte jedoch: "Wenn wir so weitermachen, können wir unsere Wanderung wohl vergessen. Ihr seid ja auch viel zu verweichlicht für so ein Unternehmen. Sieh du dich doch nur an, Rollo. Du bist fast so dick und phlegmatisch wie dein Herr."
Rollo machte ein beleidigtes Gesicht und erwiderte, immer noch kurzatmig: "Nun fang du bloß noch an, etwas über meinen Herrn zu sagen. Mit ihm können eure beiden sich doch überhaupt nicht vergleichen. Du weißt doch, dass Emirs Herrchen ein hirnschwacher Dandy ist. Na, und über deinen Herrn brauchen wir ja wohl nicht reden?"
Jetzt mischte sich auch Emir in das Gespräch: "Was soll denn das blöde Gequatsche von Herr und Herrchen. Ich kann euch beiden nur sagen, dass mein Willy wirklich elegant ist. Und außerdem ist er sehr nett. Natürlich ist er ganz anders als eure beiden Herren, wie ihr sie nennt, als Rollos Professor und dein Kohlenhändler, Nero."
"Ist ja gut, ihr beiden, ich wollte auch nichts Negatives über eure Herren und Meister sagen. Nur führt das Leben im Haushalt eines Professors oder eines Vertreters eben wohl automatisch dazu, dass ihr beide euch immer weiter vom normalen Hundeleben entfernt. Ich kann euch nur sagen, dass ich ..."
"Nun fang du doch bloß nicht schon wieder von deinem gesunden Leben auf dem Hof des Kohlenhändlers an. Das brauchen wir jetzt gerade noch. Ich habe ja gleich gesagt, dass es schwierig werden wird, solch ein Unternehmen tatsächlich gemeinsam durchzuführen. Der Professor sagt auch immer, seit es keine uneingeschränkt respektierte Autorität mehr gibt, ist das Zusammenleben bedeutend komplizierter geworden."
"Was hat das denn mit uns zu tun, wer sollte denn da uneingeschränkt respektierte Autorität haben?" begehrte jetzt Emir auf. "Wir haben doch alle die gleichen Rechte und keiner ist besser als der andere."
Nero hatte sich das ruhig angehört und sagte jetzt: "Das ist wohl wahr, zumal wir drei ja so grundverschieden sind. Rollo ist so klug, du Emir bist so schön und ich bin so stark. Auf der anderen Seite fehlt jedem von uns etwas von dem, was der andere im Überfluss hat. Wir sollten also unsere Aufgaben auch entsprechend unseren Veranlagungen verteilen. Da wo Klugheit notwendig ist, sollte Rollo das Wort führen. Wo aber Schönheit gefragt ist, sollten wir uns auf Emir verlassen. Ich wäre dann zuständig für alles, was meiner Kraft bedarf. In Bezug auf diese unsere persönlichen Aufgabengebiete sollte jeder von uns dann auch eine gewisse Autorität genießen"
"Hört sich ja vernünftig an. Nur, selbst ich will meinem durchaus verehrten Herrn nicht so weit folgen, dass ich es für richtig hielte, wenn die Autorität in jedem Fall uneingeschränkt respektiert wird. Ich bin zwar nicht besonders schön, noch bin ich sehr stark, trotzdem möchte ich auf diesen Gebieten auch gehört werden. Andererseits bin ich es zwar gewohnt, den manchmal eigenartigen Gedankengängen meines Professors zu folgen. Das fällt mir, wie ich zugeben muss, oftmals schwer, in einigen Fällen gelingt es mir sogar gar nicht. Darum halte ich es für wichtig, dass, wenn gedacht werden muss, ein jeder von uns Dreien dabei mithilft. Selbstverständlich will ich meine große Erfahrung hierbei einbringen und die Hauptverantwortung übernehmen."
"Das ist ja ganz fantastisch. Ihr beiden habt euch das wirklich schön ausgedacht. Nach eurem Plan würde dann aber für mich wohl kaum etwas übrigbleiben. Denn, wann würde das, was ihr meine Schönheit nennt, von ausschlaggebender Bedeutung für uns sein?"
"Aber das ist doch ganz klar, mein lieber Emir. Deine Verantwortung wird sogar die Größte sein. Denn immer, wenn wir mit Menschen zusammenkommen, müssen wir beide uns auf dich verlassen. Du weißt doch so gut wie wir, dass es bei Menschen in den meisten Fällen nur auf das Äußere ankommt. Die meisten Menschen halten mich doch für hässlich und ausgesprochen spießig. Nero hingegen wird von den meisten Menschen mit Vorsicht betrachtet, ja vielen flößt er sogar Angst ein. Du aber bist für die Menschen so etwas wie ein edler Hund. ‚Edel' ist etwas, was von den Menschen hochgehalten wird. Wenngleich sich der Begriff nicht nur auf das Äußere bezieht, tut er es sicherlich bei der Beurteilung von uns Hunden. Kein Mensch würde auf die Idee kommen, von mir als einem edlen Hund zu sprechen. Bei dir ist das aber etwas ganz anderes. Aus diesem Grund werden die Menschen, die weder Nero noch mir ihr spontanes Vertrauen entgegenbringen würden, dir voll vertrauen. Und das kann für uns drei unter Umständen sehr wichtig sein."
Nachdem Rollo nun auch Emir von seiner Zuständigkeit und Wichtigkeit überzeugt hatte, machte man sich zum Aufbruch bereit.
Die Sonne stand schon tief am Horizont als die Drei an den Rand einer kleinen Ortschaft kamen. Es waren die gleichen beiden wie vorher, die jetzt wieder aufbegehrten. Emir sagte: "Spartanisch leben ist ja vielleicht ganz gesund, nur habe ich jetzt so ganz allmählich Hunger. Der Willy setzt mir nämlich um diese Zeit immer mein Essen hin."
"Die Haushälterin bringt auch dem Professor um diese Zeit immer sein Essen, das heißt sie serviert im Esszimmer für ihn. Das ist gleichzeitig das Zeichen, dass auch mein Napf in der Küche bereitsteht. Sparta ist weit weg und die dortige harte Schule hat, wie ich glaube von meinem Professor gehört zu haben, den Spartanern langfristig auch nicht so sehr viel gebracht."
"Mein Kohlenhändler hat nie etwas über diese Spartaner gesagt. Daher kann ich dazu auch nichts sagen. Mit dem Essen war das bei uns aber nie so regelmäßig. Es kam sogar vor, dass man mich ganz vergaß. Das war aber nur, wenn Besuch da war und, wie dann üblich, viel getrunken wurde. Trotzdem finde ich es auch vernünftig, wenn wir uns das mit dem Essen jetzt mal überlegen. Ja, wir sollten das tun, bevor es ganz dunkel wird."
Rollo, eingedenk seiner erhöhten Verantwortung, setzte sich jetzt und überlegte. "Ich schlage vor, dass wir uns jetzt teilen. Jeder von uns versucht auf seine Weise, etwas zu essen zu bekommen. Da das Bevorraten und Herumtragen von Rationen für uns sehr schwierig sein würde, denke ich ein jeder sollte versuchen, sich irgendwo sattzuessen. Später können wir dann unsere Erfahrungen austauschen. Sicherlich habt Ihr auch die Turmuhr schlagen gehört. Wir sollten uns dann spätestens um 10 Uhr wieder hier an dieser Stelle treffen"
"Abgemacht", sagte Nero und "abgemacht" sagte auch Emir. Ohne viel Zeit zu verlieren, machten sich beide sofort auf den Weg.
So einfach hatte Rollo sich seine erste Herausforderung nun doch nicht vorgestellt. Er hatte einen Vorschlag gemacht und die anderen hatten ihn befolgt. Es war nicht einmal zu einer Diskussion gekommen. Und dabei liebte er doch Diskussionen. Der Vorschlag, den er gemacht hatte, war verhältnismäßig einfach gewesen, da die Notwendigkeit ihn mehr oder weniger diktierte, denn Essen mussten sie ja. Betroffen war er aber schon etwas, dass die anderen beiden so losgezogen waren, als wenn sie genau wussten, wie der Vorschlag in die Tat umzusetzen sei. Rollo musste sich nämlich eingestehen, dass er selbst bisher keine Ahnung hatte, wie er nun vorgehen müsse. Vielleicht würde sich etwas ergeben. Jetzt blieb nichts anderes übrig, als sich auch schleunigst auf den Weg zu machen.
Die kleine Ortschaft sah wie die meisten kleinen Ortschaften am frühen Abend aus. Es waren kaum Menschen auf der Straße. In einem Fenster sah er eine kleine schwarz-weiße Katze sitzen, die ihm interessiert nachschaute. Obgleich er sich der Lächerlichkeit solcher Schaustellungen bewusst war, konnte er nicht umhin, sich in Positur zu setzen. Er marschierte also für kurze Zeit mit vorgepreßtem breiten Brustkorb und besonders festen Schrittes daher. Als Mops hat man wirklich nicht viele Möglichkeiten zu imponieren. Vielleicht war die Katze ja beeindruckt. Aber was weiß eine kleine Hauskatze schon von den Gefahren der großen weiten Welt.
Nun hätte er sich doch beinahe offenen Auges, geradewegs, wenn auch nicht ins Verderben, so doch in Gefahr begeben. Zu seinem Glück war die Gefahr in der Gestalt eines sich wie rasend gebärdenden großen Hundes jedoch durch einen festen Zaun, an dem er gerade entlang marschierte, von ihm getrennt. Auf der anderen Seite des Zauns sprang und rannte ein großer schwarzgoldener Schäferhund wütend bellend hin und her. In solchen Augenblicken sehnte er sich nach der Gesellschaft seiner beiden Kameraden. Hauptsächlich Nero beeindruckte andere große Hunde, aber auch Menschen, durch seine ruhige Kraft, dass man sich zusammen mit ihm nie zu fürchten brauchte.
Als er jetzt an einer nur angelehnten Tür vorbeiging, stieg ihm der angenehme Duft einer leckeren Mahlzeit in die Nase. Er konnte nicht widerstehen und näherte sich langsam der Tür, hinter der dieser Duft hervorquoll. Als er sich durch den Spalt der Tür schob, sah er einen quadratischen kleinen Hof vor sich, der von hohen Häuserwänden eingerahmt war. Drei dieser Wände waren vollkommen fensterlos. Nur an der ihm am nächsten liegenden Wand befanden sich einige kleine Fenster und auch eine offene Tür. Aus dem untersten der Fenster und aus der Tür strömte der Duft auf den kleinen Hof. In der Mitte des Hofes stand ein kleiner Terrier vor einer riesigen Schüssel dampfender Fleischsuppe.
Misstrauisch wurde Rollo betrachtet. Da er aber nicht größer als der Terrier war und anscheinend auch keinerlei Gefahr bedeutete, wurde Rollo jetzt eingehend beschnuppert, was er auch geduldig über sich ergehen ließ.
Offensichtlich war der Terrier mit dem Ergebnis seiner Prüfung zufrieden. Er begab sich zurück zu seiner großen Schüssel und erwartete nun von Rollo, dass dieser sich ihm anschloss. Es bedurfte denn auch nicht zu vieler auffordernden Blicke, bis Rollo sich zu seinem neuen Bekannten neben die Schüssel setzte. Wenngleich sein Magen laut und vernehmlich knurrte, merkte Rollo schnell, dass das Essen noch zu heiß war. So saß man denn da und schnupperte den verführerischen Duft ein. Dabei bedurfte es zumindest für Rollo bestimmt keiner Verführung, um mit sich ständig steigerndem Heißhunger dem ersten Bissen entgegenzusehen. Es sah so aus, als wenn eine tüchtige Portion Fleisch in dieser Suppe war. Dann war es wohl mehr ein Gulasch, das heißt ein angeblich ungarisches Gericht, das die Haushälterin manchmal für den Professor zubereitete. Ob man wirklich immer noch nicht konnte? Jetzt merkte er, dass die Verständigung mit dem fremden Terrier ganz gut klappte. Man sprach hier zwar etwas anders als zu Hause, aber doch nicht so anders.
Rollo hörte dann vom Terrier, dass sich hinter der duftenden Tür und dem unteren Fenster die Küche eines Restaurants befand und dass sein neuer Bekannter hier täglich gut versorgt wurde. Eigentlich hatte auch er nichts mit dem Restaurant und den dazugehörenden Menschen zu tun. Er kam aber bereits seit zwei Jahren hierher und war, den Eindruck hatte er jedenfalls, der Liebling des Kochs, eines dicken Italieners. Die Portionen waren meistens so reichlich, dass er oft sogar etwas in der Schüssel zurücklassen musste.
Jetzt war es aber soweit. Rollo stürzte sich auf die Mahlzeit, dass für kurze Zeit die ganze Vorderseite seines kleinen Kopfes im Gulasch verschwunden war. So schien es jedenfalls. Plötzlich setzte er sich erschrocken zurück und leckte sich beschämt sein Gesicht sauber. Wenn ihn die Haushälterin oder gar sein Professor so gesehen hätte. Selbst seinem neuen Bekannten gegenüber war es ihm jetzt peinlich, dass er sich hatte, so gehen lassen. Das, so hörte er den Professor oftmals sagen, sei der Zeitpunkt, wo man sein wahres Gesicht zeigt. Seine Selbstbeherrschung galt es auch oder gerade in Situationen der Not zu beweisen. Beschämt leckte er noch einmal über sein wahres' Gesicht.
Der Terrier war so mit sich selbst und dem Essen beschäftigt, dass er von Rollos kleiner Krisensituation nicht das Geringste mitbekommen hatte. So machte denn auch Rollo sich wieder an das Essen, diesmal aber an seine gute Kinderstube denkend. Es war genügend für beide in der Schüssel. Als jeder der beiden seine Seite saubergeleckt hatte, setzten sie sich zufrieden zurück.
Jetzt musste aber auch Rollo erst einmal erzählen, wer er denn sei und woher er käme. Mit Staunen hörte der Terrier von der Wanderung der drei Freunde. Nein, so etwas möchte er wohl doch nicht mitmachen. In dieser kleinen Ortschaft kannte er sich aus. Da wusste man, was man hatte. Das wollte er, auch nur für ein paar Tage, nicht mit irgendwelchen Ungewissheiten während einer solchen Wanderung eintauschen.
Während sie noch neben der jetzt leeren Schüssel lagen und miteinander sprachen, hörte Rollo in der Ferne die Kirchturmuhr halb zehn schlagen. Genüsslich streckte er sich noch einmal, bevor er sich von seinem neuen Bekannten verabschiedete. Er versprach, falls sein Weg ihn nochmals an der Ortschaft vorbeiführen sollte, am Abend in dem kleinen Hof vorbeizuschauen. Dann machte er sich auf den Weg zurück zu der Stelle, wo man sich am frühen Abend getrennt hatte. Wie würde es den anderen beiden ergangen sein?
Der Mond war inzwischen aufgegangen, sodass man den Weg gut finden konnte. Als Rollo den Treffpunkt erreichte, war Nero schon da. Er hatte es sich gemütlich gemacht und lag im hohen Gras. Der Abend war noch warm und Nero war ganz schläfrig, als er Rollo jetzt begrüßte. Gerade als er sich genüsslich streckend zum Aufstehen anschickte, läuteten die Glocken im Ort zehnmal. Man müsste also auch bald mit Emir rechnen können, wenn alles bei ihm geklappt hatte.
So war es denn auch. Nach höchstens einer Minute hörten die beiden ein rasch näherkommendes Hecheln und wirklich stand kurz darauf Emir, noch etwas außer Atem, vor ihnen.
"Da hab ich es ja doch noch einigermaßen pünktlich geschafft. Ich befürchtete schon, dass ich mich verspäten würde. Seid ihr beiden schon lange da?"
"Ich bin auch gerade erst angekommen, aber Nero hat anscheinend den ganzen Abend hier verbracht. Habt ihr beide denn auch gegessen? Am besten, jeder erzählt mal, wie es ihm ergangen ist. Also, ich fang mal an." Und Rollo erzählte seinen beiden Freunden, was er an diesem Abend in der Ortschaft erlebt hat. Dabei erwähnte er die Begegnung mit der Katze und dem Schäferhund aber nicht, da er befürchtete, dass die anderen beiden seine feineren Gefühle doch nicht verstehen würden.
Als Nächster war jetzt Nero dran. "Ja, was soll ich euch viel erzählen? Alles klappte wie am Schnürchen. Ich fand heraus, dass die Ortschaft zwei Schlachterläden hat. Beim ersten waren sämtliche Türen geschlossen, so ging ich denn weiter zum zweiten. Dort hatte ich Glück. Man war gerade beim Aufräumen und die Tür zum Hof stand offen. Ehe sie mich richtig gewahr wurden, hatte ich einen großen Knochen mit noch viel Fleisch dran erfasst und war auf der Flucht. Es gab viel Geschrei und Geschimpfe, aber hinterhergelaufen ist nachher doch keiner. Für sie war es auch nicht so ein wertvolles Stück. Noch einmal könnte ich das allerdings wohl nicht machen. Ich hatte auch Glück, denn die Schlachter haben oftmals recht unsympathische Hunde und auf einen Kampf um einen Knochen wäre auch ich nicht so scharf gewesen. Jedenfalls war ich danach verhältnismäßig früh wieder hier und habe dann ganz gemütlich meine Beute genossen. Ein Stück von dem großen Knochen habe ich sogar für unser gemeinsames Frühstück aufgehoben. Nun bin ich aber gespannt, wie Emir zu seiner Abendmahlzeit gekommen ist."
"Ja, ich kann mir vorstellen, dass ihr jetzt gespannt seid. - Auf dem Weg in die Ortschaft habe ich mir das noch einmal überlegt, was ihr mir vorhin gesagt habt. Hauptsächlich Rollo, mit seiner Einschätzung meiner Wirkung auf die Menschen. Entsprechend plante ich mein Vorgehen für den Abend. Und wirklich, irgendwie hattet ihr anscheinend Recht, denn es hat tatsächlich funktioniert. In der Mitte der Ortschaft befindet sich ein kleiner Park, in dem Kinder spielen und Leute spazieren gehen. Das heißt, als ich ankam, war schon fast alles vorbei. Es begann nämlich schon zu dunkeln und die Leute wollten offensichtlich nach Hause. Trotzdem habe ich mich da aber noch etwas umgesehen.
"Ich stellte mich neben eine kleine Gruppe, die gerade aufbrechen wollte. Ein kleiner Junge streichelte mir über den Rücken. Seine Mutter, die das sah, rief: ‚Lass um Gottes Willen den fremden Hund in Ruhe, sonst wirst du noch gebissen.' Ein Mann, der das hörte, sagte aber: ‚So ein edles Tier beißt doch nicht. Das würde es nur in Selbstverteidigung tun.' Dann pfiff er leise durch seine gespitzten Lippen, so wie Willy das ab und zu auch tut. Da dieser Mann schon etwas älter war und einen sehr friedlichen Eindruck machte, ging ich zu ihm hin. Er streichelte mir den Kopf und inspizierte dann mein Halsband. Erst dachte ich, dass er mir das Halsband stehlen wollte. Aber er sah es sich nur an. Dann sagte er doch wahrhaftig: ‚Hast dich wohl etwas verlaufen und wirst jetzt sicher Hunger haben.' Da er sich auch zum Fortgehen anschickte, blieb ich in der Nähe und wartete. So sehr nahe an mich ran wollte ich ihn aber nicht wieder kommen lassen, denn ich hatte plötzlich Angst, dass er mich mit meinem Halsband irgendwo festmachen könnte. Der Willy benutzt zwar nie eine Leine, aber man sieht doch oft, dass Hunde an so einer Leine geführt werden. Es gibt sogar Hunde, die haben auch zu Hause eine Leine an ihrem Halsband. Das habe ich jedenfalls gehört.
"Als er mir jetzt etwas zurief und dann anfing fortzugehen, folgte ich ihm. Ich hielt aber immer einen Sicherheitsabstand, dass er mich nicht nochmals am Halsband greifen konnte. Er wohnte anscheinend in einem Haus mit einem großen Garten. Dort ging er jedenfalls rein. Nachdem ich sichergestellt hatte, dass ich auch bei geschlossener Gartentür leicht über die Mauer flüchten konnte, falls dies notwendig sein sollte, folgte ich ihm auch da. Er blieb ab und zu stehen, um sich zu vergewissern, dass ich auch noch da war. Dann ging er in das Haus hinein. Ich blieb in einiger Entfernung sitzen und wartete.
"Es verging nur kurze Zeit, dann kam er wieder heraus. Hinter ihm kam jetzt aber noch eine Frau aus dem Haus, die eine große weiße Schürze umhatte und einen großen Napf in der Hand hielt. Die Frau wollte zu mir hingehen. Er sagte aber, sie solle den Napf auf den Boden stellen, ich würde dann schon kommen. Ich verhielt mich erstmal abwartend. Es sah aber alles ganz sicher aus. Der Mann war inzwischen wieder ins Haus gegangen und rief nun auch der Frau zu, sie solle ins Haus kommen.
"Jetzt ging ich aber hin, um mir den Napf und seinen Inhalt näher zu betrachten. Der Napf war wirklich groß. Er war mehr als halb voll mit einem mächtigen Batzen Fleisch und verschiedenen Wurststücken. Ich kann euch beiden sagen, meine Augen gingen über. Selbst zu Weihnachten, wo Willy immer spendabel ist und sich nicht lumpen lässt, habe ich noch nie so einen Schmaus vor mir gehabt. Ich versicherte mich noch mal, dass ich auch wirklich vollkommen unbeobachtet war und keinerlei Gefahr für mich bestand. Dann schnupperte ich und nahm ein paar ganz vorsichtige kleine Häppchen ins Maul. Aber auch der Geruch und der Geschmack waren gut. Ohne irgendwelchen Beigeschmack. Man hat ja auch schon davon gehört, dass böse Menschen fremde Hunde einfach vergiften. Hier schien aber wirklich alles in Ordnung zu sein. Als nun meine Bedenken vollständig zerstreut waren, schluckte ich den ersten Bissen hinunter. War das ein Genuss. Ich verbrachte nun mindestens zwei Stunden in dem Garten, da ich die große Portion nicht auf einmal essen konnte. Zweimal kam der Mann aus dem Haus und sah nach mir. Einmal rief er sogar die Frau heraus, dass sie sich das auch ansah. Ich weiß nicht, ob das die Frau von dem Mann war oder die Köchin. Aber das ist ja auch egal. Nach diesem guten Essen wurde ich müde und musste darum aufpassen, dass ich dort nicht einschlief. Dann hörte ich plötzlich, dass die Kirchturmuhr Viertel vor zehn schlug. Also bellte ich nochmals ein kurzes Dankeschön in Richtung des Hauses. Aber dort war man wohl inzwischen mit anderen Dingen beschäftigt. Dann rannte ich los. Ja, und da bin ich nun."
Die drei Freunde waren mit dem Ablauf des ersten Tages wirklich zufrieden. Wenn der zweite Tag auch so gut verlief, würde man um diese Zeit morgen Abend wieder zu Hause in der gewohnten Umgebung sein. Für zwei Tage von zu Hause fortzulaufen, war gewagt genug. Die anderen beiden würden sicherlich mit einer strengen Ermahnung davonkommen, aber der Nero würde wohl ebenso sicherlich von seinem Kohlenhändler Prügel bekommen. Aber das hatte Nero bisher immer gut überstanden, denn an sich schlug der Kohlenhändler nur ungern und auch nie sehr hart zu.
Jetzt legten sich die Drei aber ins weiche Moos, und da es ja noch immer warm war, schliefen sie auch nach kurzer Zeit bereits fest.

Der zweite Tag
Emir war als Erster wach. Interessiert schaute er sich in der Umgebung um, kam dann aber, als er nichts Aufregendes finden konnte, zurück und weckte die anderen beiden. Nero war sofort hellwach, denn er hatte gemerkt, dass Emir bereits auf war. Nur bei Rollo dauerte es etwas, bis auch er soweit war. Hatte er doch gerade noch so schön geträumt.
Nero streckte sich und trabte dann zum nahen Bach, um ein erfrischendes Bad zu nehmen. "Herrlich", rief er, "kommt doch her, das ist das Richtige zum Wachwerden". Doch Emir und Rollo standen nur und staunten. Nicht für ein Stück saftige Rinderlende wären sie zu Nero in den kalten Bach gesprungen. So warteten sie denn, bis Nero sich wieder zu ihnen gesellte, nachdem er sich vorher noch kräftig geschüttelt hatte.
Die beiden hatten den letzten Teil von Neros Erzählung noch nicht vergessen und blickten ihn daher jetzt erwartungsvoll an. Etwas völlig Unerwartetes nahm jedoch ihre Aufmerksamkeit plötzlich gefangen. Vergessen war der Rest von Neros Knochen. Alle drei blickten gespannt auf die Straße zur Stadt, die in einiger Entfernung von ihrem Rastplatz vorbeiführte. Auf dieser Straße kamen langsam fünf Planwagen daher, die von jeweils zwei Pferden gezogen wurden. - Die waren aber schon früh unterwegs.
Rollo sagte: "Das sind Zirkuswagen, so etwas habe ich schon mal gesehen. Da müssen auch Tiere dabei sein"
Weder Nero noch Emir konnte sich unter dem Begriff Zirkus etwas vorstellen. So war es denn an Rollo, den beiden anderen zu beschreiben, was er selbst darüber wusste. Es war schon lange her, dass er mit seinem Professor, der damals von einem Freund begleitet wurde, an einem Zirkus vorbeigekommen war. Trotzdem konnte er sich noch ganz gut erinnern, was er dabei von den beiden gehört und auch selbst gesehen hatte.
"Also, ein Zirkus besteht aus einer Gruppe von Menschen und einer Gruppe von Tieren, die zusammen von Ort zu Ort fahren und Kunststücke vorführen. Um diese Kunststücke zu sehen, müssen die anderen Menschen dann Geld bezahlen."
Das brachte Emir sofort auf die Idee: "Vielleicht könnten wir dann ja auch mal zum Zirkus gehen. Was müssen die Tiere denn da können?"
Auch darüber hatte Rollo etwas gehört. "Erstens müssen die Tiere alle möglichen Tricks können, wie zum Beispiel Wettläufe auf zwei Beinen oder durch feurige Reifen springen. All das müssen sie immer dann machen, wenn die Zirkusleute das wollen. Die geben Kommandos, und wenn das Tier nicht will oder nicht kann, bekommt es Schläge. Und zweitens bekommen die Tiere kein Geld für diese Kunststücke. Das Geld erhalten nur die Zirkusmenschen."
Das war denn doch nicht das, was Emir sich darunter vorgestellt hatte. "Wenn das stimmt, was du da erzählst, dann ist das doch sehr ungerecht."
Jetzt mischte sich auch Nero ein, der bisher still zugehört hatte. "Wenn ich euch manchmal so reden höre, kann ich nur feststellen, dass ihr vom wirklichen Hundeleben keine Ahnung habt. Ihr denkt, nur weil der Professor und der Willy euch beide, bei Kost und Logis auch noch gut behandeln, dass das das Normale ist. Ihr wisst, wie es mir oft ergeht. Aber auch ich bin noch fein raus. Es gibt viele Hunde, die leben wild, ohne ein Zuhause. Die können nur betteln oder klauen. Stellt euch aber nicht vor, dass das dann so geht wie bei uns gestern Abend. Ich bin nur mit euch beiden losgezogen, weil ich glaube, dass man für zwei Tage auf sein Glück vertrauen kann. Schlimmstenfalls wären wir am Ende des zweiten Tages ausgehungert wieder zu Hause angekommen und unsere Herren hätten uns zurückgenommen, ja sich vielleicht sogar noch gefreut
"Vielleicht sind aber diese Zirkustiere auch gar nicht so schlecht dran. Denn auch unter den Zirkusleuten gibt es sicherlich sogenannte Tierfreunde. Wenn die Tiere also gut zu essen bekommen, versucht manch eines gern dafür auch Kunststücke zu machen. Was sollen die Tiere denn auch mit Geld?"
Jetzt hatte aber Emir doch Einwände. "Was passiert denn aber, wenn die Tiere zu alt werden, um weiterhin Kunststücke zu machen? Wir können doch beruhigt in unsere Zukunft blicken, denn uns wird man doch wohl behalten bis zum Ende. Das hab ich mir jedenfalls immer als vollkommen selbstverständlich vorgestellt. Die Zirkusleute, die mit Hilfe der Tiere aber nur Geld verdienen wollen, werden die älteren Tiere, mit denen man kein Geld mehr verdienen kann, vielleicht sogar fortjagen. Ob die sich dann aber noch an das wilde Leben, von dem du, Nero, sprachst, gewöhnen können? Denn auch das kann man sich ja nur vorstellen, wenn man noch nicht alt ist. Wirklich, wenn man mal alt ist, muss man sein Zuhause haben."
"Na, dann gehen wir also nicht zum Zirkus. Ich wüsste auch nicht, was für außergewöhnliche Fertigkeiten ich dort anbieten könnte", Schloßstraße jetzt Rollo das Thema.
Nachdem sie alle drei etwas an Neros Knochenrest herumgenagt hatten, bemerkten sie plötzlich, dass sie aus der Ferne beobachtet wurden. Unter einer Baumgruppe standen ein paar verwahrloste Hunde. Sie hatten offensichtlich Hunger und warteten, ob vielleicht etwas von dem Knochenstück übrig bleiben würde.
Nero hatte sie zuerst gesehen und sagte zu den anderen beiden: "Das ist ja ein jämmerlicher Anblick. Mit dem Zirkus haben die wohl nichts zu tun. Das sind solche verwilderten Hunde, die kein Zuhause haben. Lassen wir Ihnen das, was vom Knochen noch übrig geblieben ist. Ist leider nicht mehr viel dran, aber mehr haben wir ja auch nicht."
"Jetzt weiß ich auch, warum immer von ‚armen Hunden' gesprochen wird." Meinte jetzt der erstaunte Emir. "Die wären ja wohl auch nicht einmal in der Lage, sich so eine Mahlzeit zu verschaffen, wie wir gestern. Kaum ein anderer Hund und bestimmt kein Mensch würde ihnen trauen."
Der gutmütige Rollo meinte: "Wenn wir die gestern getroffen hätten, dann hätte man ihnen noch etwas mitbringen können. Aber jetzt haben wir ja auch nicht mehr als das Knochenstück. Am besten wir ziehen weiter, dann können sie sich über das, was noch da ist, hermachen. Ich hätte jetzt doch keinen Appetit mehr, nachdem ich das gesehen habe."
Da sie heute nach Hause zurück wollten, ohne jedoch den gleichen Weg wie gestern zu benutzen, hatten sie wieder eine ganz schöne Wegestrecke vor sich.
Zuerst mussten sie ein Waldstück mit viel dichtem Unterholz durchqueren. Emir ging voran, dann folgte Rollo und den Abschluss machte Nero. Rollo hatte es beim Vorwärtskommen natürlich am schwersten. Emir suchte aber den jeweils gangbarsten Weg aus.
In der Ferne hörten sie jetzt auffälliges Knacken des Unterholzes. Was immer es war, es kam rasch näher. Da war es. Ein Rehkitz stutzte kurz, als es sie sah, wich etwas von der alten Richtung ab, setzte dann aber seinen Weg fort. Das Knacken im Unterholz kam aber immer noch näher. Da kam also noch jemand. Jetzt erschien ein großer Jagdhund, der so vom Jagdeifer erfasst war, dass er die unerwartete Begegnung zuerst gar nicht richtig einzuordnen wusste. Direkt vor Emir kam er zum Stehen. Gerade wollte er sich wütend auf den guten Emir stürzen, der ihm offensichtlich seine Jagd verdorben hatte, als er das heisere Gekläffe und das warnende kurze Bellen der beiden anderen hörte.
Sein starrer Blick war jetzt auf Nero gerichtet, der sich nach vorne neben Emir gestellt hatte. "Was fällt euch denn ein. In diesem Wald habt ihr doch nichts zu suchen. Ich kenne alle Hunde in der Umgebung, euch habe ich aber noch nie hier gesehen. Wartet nur, bis mein Jäger kommt. Dann könnt ihr euch mit einer Ladung Schrot im Rücken ja mal überlegen, ob es ratsam ist, in unserem Revier herumzustreichen."
Jetzt trat auch Rollo nach vorne. "Das ist ja wohl das Erbärmlichste, was es gibt. Ein Hund hilft den Menschen, ein anderes Tier, und dann noch so ein kleines, wie dies junge Reh, zu töten. Du mieses Vieh, versuch doch mal, es mit uns aufzunehmen."
Erstaunt sah der große Jagdhund den kleinen runden Rollo an. Zugegeben, Rollo hatte da eine etwas große Klappe gehabt, aber er war so wütend, dass er vielleicht nicht einmal an die sichere Deckung durch seine beiden größeren Freunde gedacht hatte.
Als der Jagdhund sich laut bellend entfernte, wohl um seinen Jäger zu holen, sahen auch unsere drei Freunde zu, dass sie weiter kamen. Denn auf ein Treffen mit dem fremden Jäger wollten sie es nicht ankommen lassen.
Ihr Weg führte sie jetzt dicht an der Landstraße entlang. Sie waren noch nicht viel weitergekommen, als sie ein Schild sahen. ‚Zugang zu den Waldgebieten nur nach vorheriger Genehmigung durch die Gemeindeverwaltung' stand in großen Lettern auf diesem Schild. Überlegend standen sie davor.
"Da habt ihr's" meinte Emir, "man muss erst um Erlaubnis fragen, bevor man in den Wald gehen darf."
Jetzt wollte Nero wissen: "Sag mal Rollo, was ist das eigentlich, diese sogenannte Verwaltung?"
Jetzt war der kleine Rollo in seinem Element. Schwierige Fragen seiner Freunde beantworten, ja das machte Spaß. Es war doch gut, dass sein Herrchen so klug war. Es ließ sich ja auch gar nicht vermeiden, dass ein Professoren-Hund so ein kleines bisschen von den Überlegungen und Gesprächen der klugen Herren abbekam. Dieses bisschen war aber unter Hunden eine ganze Menge.
"Ja, so eine Verwaltung, das ist eine Stelle, die für viele Menschen gleichzeitig das macht, was jeder Einzelne nicht selbst machen könnte." Begann Rollo seinen Vortrag, wurde aber sofort von Emir unterbrochen: "Ich kann mir nicht vorstellen, dass da so sehr vieles ist, was mein Willy, oder nehmen wir doch mal deinen Professor, nicht selbst machen könnte. So sehr viel klüger können die bei der Verwaltung doch auch nicht sein."
"Sind sie auch nicht. Bestimmt nicht klüger als mein Professor. Aber das ist auch nicht immer notwendig. Ihr müsst euch vorstellen, dass es Angelegenheiten gibt, die nicht nur einen alleine, sondern eine Vielzahl von Menschen betreffen - nehmt doch zum Beispiel mal die Verwaltung des gemeinschaftlichen Geldes. Ebenso gibt es vieles, was nicht jeder Einzelne für sich entscheiden kann. Denn dann würde es ja möglicherweise ein großes Durcheinander geben. Für solche Aufgaben wird dann die Verwaltung für die Gemeinschaft tätig."
"Ja, aber," meinte jetzt Nero, "besteht denn diese Verwaltung nicht auch nur aus ganz normalen Menschen? Die werden doch immer in ihrem Sinne - also im Interesse der Mitglieder dieser Verwaltung - entscheiden. Sicherlich dürfen die Hunde der Verwaltung auch durch diesen Wald laufen."
"Verständlicherweise ist es wichtig, dass die Verwaltung ihre Aufgaben uneigennützig ausübt. Könnt ihr euch vorstellen, dass die kleinste Gemeinschaft, die sogenannte Familie ist? Auch in der Familie gibt es eine Person, die das Geld verwaltet und für den täglichen Bedarf einkauft. Stellt euch vor, sie oder er würde immer zuerst ins Café oder ins Wirtshaus gehen und erst dann von dem, was noch übriggeblieben ist, für die Familie einkaufen. Ihr seht, es fängt bereits im einzelnen kleinen Haushalt an. Nicht umsonst wird auch die Verwaltung von Geld bei den um vieles größeren Gemeinschaftsgruppen ‚Haushalt' genannt. Damit nun sichergestellt ist, dass die Verwaltung nicht für sich selbst, sondern für die Gemeinschaft arbeitet, gibt es genau festgelegte Regeln. Das sind zum Beispiel die Gesetze, die das Zusammenleben innerhalb der Gemeinschaft möglichst genau festlegen."
Rollo war ganz stolz, wie er das so ´rausgebracht hatte, aber Nero meinte nur gelangweilt: "Wen interessiert das denn schon. Ich dachte du würdest jetzt etwas über das, was die Leute ‚Politik' nennen, sagen. Davon hört man ja so viel, dass ich auch gerne wüsste, was das denn eigentlich ist."
Emir fand Rollos Vortrag ziemlich gut. Darum sagte er jetzt: "Das mit der Verwaltung hast du wirklich ganz toll erklärt, Rollo. Jetzt kann ich mir darunter auch etwas vorstellen. Natürlich sind da noch viele Fragen. Aber sag mal, hat denn das mit der Verwaltung nicht auch irgendwie etwas mit der Politik, von der Nero etwas wissen möchte, zu tun?"
Wenn Rollo von Neros Meinung über seine Erläuterungen zur Verwaltung enttäuscht war, so ließ er es sich nicht anmerken. Um so mehr freute er sich aber über das, was Emir sagte.
"Ja, du hast recht, Emir. Politik und Verwaltung haben tatsächlich etwas miteinander zu tun. Nicht umsonst nennt man die  Verwalter der größeren Gemeinschaften, zum Beispiel der Gemeinden und Länder oder der Bundesrepublik auch Politiker, das heißt nichts anderes als die für den Staat oder das Gemeinwesen Zuständigen."
"Ja, und die Parteien, wo kommen die da nun ´rein?" wollte Nero jetzt wissen.
"Nun hört aber allmählich auf. Schließlich bin ich ja nur der Hund des Professors," ließ sich jetzt Rollo hören. Aber auch darüber hatte er etwas gehört - ein guter Hund hört eben alles.
"Du hast vorhin bezweifelt, Nero, dass die sogenannten Verwalter, als ganz normale Menschen, immer vollkommen uneigennützig handeln würden. Da dieses ja aber äußerst wichtig für das Funktionieren solch einer Verwaltung ist, gibt es auch Regeln, die als Leitfaden für die Verwaltung aufgestellt werden. Diese Regeln müssen natürlich im Sinne und im Interesse der ganzen Gemeinschaft - soweit dies eben möglich ist - aufgestellt werden."
"Da hast du es. Solche Regeln gibt es ja gar nicht. Als wenn die ganze Gemeinschaft immer nur das Gleiche will." warf jetzt auch Emir ein.
"Aber seid doch nicht so ungeduldig. Wartet doch ab. Also, jetzt sind wir da, wo die Parteien in diese Geschichte mit hineinkommen. Da nicht jeder Bürger ständig gefragt werden kann, wählt man einige aus, denen die Bürger vertrauen. Diese müssen dann alle aufkommenden Fragen besprechen, bis sich eine Mehrheit für eine Entscheidung gefunden hat. Um auch hier nicht eine Vielzahl vollkommen verschiedener Meinungen und Interessen entstehen zu lassen, bildet man Gruppen. Das sind die sogenannten Parteien. Diese Parteien sind nun nicht nur in der Bürgerversammlung tätig, dem sogenannten Parlament, von dem es eines in jeder Gemeinde, in jedem Land und schließlich das wichtigste, das Bundesparlament, gibt, sondern die Parteien sind auch ständig dabei, die nächsten Wahlen vorzubereiten. Und da auch die Meinungen der einzelnen Gruppen oft sehr weit auseinanderklaffen, ist es für jede Partei wichtig zu versuchen, bereits vor der Wahl eine Mehrheit der Bürger von den Vorzügen ihrer Pläne, sie nennen das ihr Programm, zu überzeugen. Eine jede Partei ist bestrebt, im nächsten Parlament die meisten Vertreter zu haben. Diese Vertreter werden dann versuchen, durch die Mehrheit ihrer Stimmen das als neues Gesetz einbringen, was sie als Partei ihren Wählern vor der Wahl versprochen haben - oder auch etwas anderes."
Nach kurzem Nachdenken meint Nero: "Ach, darum wird also überall so viel von Parteien geredet und gestritten. Das Ganze hört sich nicht so sehr vertrauenerweckend an, finde ich. Aber vielleicht gleicht sich ja das Risiko durch die große Anzahl der Verantwortlichen etwas aus. Ich meine, dass dann auch genügend wirklich gute und wachsame Leute dabei sein müssten."
Emir ist ganz stolz auf seinen Freund Rollo. "Das muss man dir lassen, erklären kannst du uns das wirklich gut. Ich möchte wissen, ob alle Professoren-Hunde so klug sind wie du, Rollo."
Aber Rollo hatte jetzt andere Sorgen. Sie waren nämlich die ganze Zeit, wenn auch nicht sehr schnell, weitergewandert. Jetzt warf er sich vollkommen erschöpft ins Gras. Solange er am Erzählen gewesen war, ging es ja noch, aber jetzt musste er sich erst einmal ausruhen. Er spürte, dass sie seit dem Morgen, nur unterbrochen durch kurze Pausen, unterwegs waren. Wie schon am ersten Tag bedurfte es nur dieses Hinweises, und auch der gute Emir spürte plötzlich die Anstrengung der Wanderung.
Nero blickte kurz nach dem Stand der Sonne und dann auf die umliegenden Hügel. "Wir sind zwar tüchtig marschiert, wie ihr aber an der Umgebung sehen könnt, sind wir trotzdem noch weit entfernt von unserer Stadt. Sicherlich sind wir heute durch unsere angeregte Unterhaltung doch nicht so schnell vorwärtsgekommen wie gestern. Wenn ich mich nicht irre, müssen wir noch um das Ende dieser Hügelkette, bevor wir die Stadt sehen können. Ich vermute dort drüben bei den Bäumen einen kleinen Bachlauf. Vielleicht können wir uns da ja etwas erfrischen."
Und wirklich hatte Nero, der in diesen Dingen ja doch etwas erfahrener war als die anderen beiden, recht mit seiner Vermutung. Das Wasser war kühl und es schmeckte gut.
So kam man denn überein, zuerst etwas im Schatten der Bäume auszuruhen, dann aber kräftig auszuschreiten, um möglichst noch vor Dunkelheit die Stadt und die jeweiligen Zuhause der Drei zu erreichen.
Bevor sie jetzt wieder aufbrachen, wollte jeder noch etwas zu ihrer Wanderung, ihrem Abenteuer, sagen. Es war nämlich abzusehen, dass sie Mühe haben würden, vor Sonnenuntergang zu Hause anzukommen.
Emir war der Erste, der seinen Gefühlen Ausdruck verleihen wollte. "Ich weiß, ihr werdet mich vielleicht auslachen, aber sagen möchte ich es jetzt doch."
Nero konnte sich nicht zurückhalten: "Wenn du noch etwas zu sagen hast, dann leg man los. Deine Einleitung hat unsere Erwartungen schon auf ein Höchstmaß gesteigert."
Aber Rollo meinte begütigend: "Lass ihn man, Nero. Ich möchte nämlich auch noch etwas sagen, solange wir noch Zeit dafür haben. Also schieß los, Emir."
"Ach, ihr macht das so spannend. Was ich sagen wollte, ist, dass unsere Wanderung mir sehr gut gefallen hat. Selbst, wenn sie ungewohnt anstrengend war, so haben wir doch sehr viel erlebt in den zwei Tagen. Mehr als in vielen Wochen zu Hause. Ich hatte auch nicht erwartet, dass ich so viel Neues lernen und kennenlernen würde. Wenn ihr wieder einmal loszieht, denkt auch an mich."
Selbst Nero, den so leicht nichts aus der Ruhe bringen konnte, war von Emirs kleiner Rede berührt. Ihm lagen solche Aussprachen überhaupt nicht. Das versuchte er jetzt zu überspielen, indem er lächelnd zu Emir gewandt sagte: "Du bist zwar ein verweichlichter Schönling, wie ich immer schon gesagt habe, aber als Freund und auch als Gefährten auf so einer Wanderung möchte ich dich nicht missen. Wenn ich noch mal losziehen sollte, dann nur mit euch beiden."
"Also, wie sollte es anders sein, jetzt erwartet ihr beiden wohl von mir, dass ich die richtigen Worte finde, um unsere Wanderung zusammenfassend abzuschließen. Und das, obgleich wir noch gar nicht zu Hause sind. Da dies aber die letzte Möglichkeit ist, in Ruhe darüber zu reden, will ich auch meinen Senf dazugeben. Zu allererst möchte ich euch beiden zustimmen. Wenn ich noch einmal in meinem Leben so etwas Anstrengendes wie eine Wanderung unternehmen sollte, dann nur zusammen mit euch. Wie Emir schon sagte, es ist erstaunlich, was man auf so einer Wanderung alles erleben kann. Denkt nur zurück an gestern Abend oder an den Zirkus oder an unser Abenteuer im Wald. An die verwilderten Hunde mag ich euch gar nicht erinnern. Wir haben es ja wirklich gut, wir drei. Denn wir sind doch ziemlich sicher, dass man uns zu Hause nicht nur wieder aufnehmen wird, sondern wir hoffen oder erwarten sogar, dass man sich freut, uns wiederzuhaben. Gerade nach solchen Erlebnissen sollten wir aber gelernt haben, dass das gar nicht so selbstverständlich zu sein braucht. Deshalb dürfen wir es auch nie übertreiben. Es ist gut, wenn man als Genosse eines Menschen geduldet wird. Da, wo man aber sogar wahre Zuneigung findet, sollte man versuchen, auch den Menschen unsere Dankbarkeit zu zeigen. Ich habe mir gerade vorgenommen, auch der Haushälterin meines Professors gegenüber nicht mehr so fies zu sein. Selbst, wenn sie ja dafür bezahlt wird, uns zu versorgen."
Wenngleich ein Teil dieser kleinen Rede für die beiden Freunde zu anspruchsvoll und daher nicht voll verständlich war, bellten beide doch kurz ihre Zustimmung - was einem menschlichen "hört, hört" entsprochen hätte.
Danach beeilten sie sich, so schnell es ging, durch die jetzt immer bekannter werdende Gegend ihr Ziel, ihr Zuhause, zu erreichen.....



ES SIND DOCH NUR TIERE


Werner war zusammen mit seiner Frau zum Flughafen gefahren, um dort ihren gemeinsamen Freund abzuholen. Leider war es für sie nicht möglich gewesen, zusammen zu fliegen. So mussten sie ihn jetzt abholen. Sie waren für lange Zeit in Afrika gewesen. Dort hatten sie ihn kennengelernt und Werner hatte Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, um zu erreichen, dass er sie beide nach Deutschland begleiten konnte. Das war gar nicht so einfach gewesen und er musste viele Atteste beibringen, um zu beweisen, dass sein Freund auch kerngesund war. Aber letztendlich hatte alles geklappt und hier waren sie jetzt, um ihn abzuholen. Irmgard, seine Frau, war besorgt, ob er sich denn auch in dem kleinen Reihenhäuschen wohlfühlen würde. Er, der doch die afrikanische Weite gewohnt war.
Irmgard im Wagen zurücklassend strebte Werner jetzt aber nicht zur Ankunftshalle, sondern zu einem separaten Eingang mit dem Schild Veterinär Station'. Nachdem er zwei Türen hinter sich hatte, befand er sich plötzlich in einem ganz eigenartigen Bereich. Der kurze Gang mit Türen rechts und links endete in einem mittelgroßen Raum, in dem Kartons, Kisten und einige kleine Käfige lagerten. In diesen unterschiedlichen Behältern waren Tiere, die aus Übersee mitgebracht oder auch kommerziell eingeführt worden waren. Der Gedanke, was sich hier um ihn herum alles befand, gab ihm ein komisches Gefühl. Wenn er daran dachte, dass auch sein Freund Benno hier irgendwo sein musste, machte ihn das schaudern. Unerfahren, wie Werner in diesen Dingen war, hatte er zuerst gedacht, dass sie alle drei zusammen fliegen könnten. Und jetzt dies.
Eine der Türen ging auf und ein Mann in weißem Kittel kam heraus. Als er Werner dort stehen sah, sagte er freundlich: "Sicherlich wollen sie eines der Tiere, die wir hier haben, abholen. Kommen Sie doch bitte hier in mein Büro." Er folgte dem Mann in ein großes Büro, in dem auch eine junge Frau saß und schrieb. Jetzt wendete der Mann sich wieder an Werner: "Ich bin Dr. Schwarz und für die tierärztliche Abfertigung der hier ankommenden Tiere zuständig. Haben sie irgendwelche Papiere in Händen?"
Werner hatte die in Windhook ausgefertigten Papiere von der Fluggesellschaft und vom dortigen Tierarzt bereits in der Hand und übergab sie jetzt an Dr. Schwarz. Der sah sich den Inhalt der Dokumente sorgfältig an. "Sie möchten also ihren kleinen Hund hier bei uns abholen, Herr Weser? Es freut mich immer, wenn ich sehe, dass eines unserer vielen Tiere in gute Hände übergeben werden kann. Bei einigen Fällen habe ich da ja meine Zweifel."
Dann gingen sie zusammen in einen Raum, in dem sich nur einige kleine Körbe und Käfige befanden. Wie Dr. Schwarz erläuterte, waren dies die Haustiere von Fluggästen. In den Körben befanden sich kleine Hunde und auch einige Katzen. Offensichtlich war Werners Stimme erkannt worden, denn aus einer Ecke hörte man jetzt ein klägliches Jaulen und Winseln. Das Bellen war dem kleinen Benno anscheinend auf der Reise vergangen.
Dr. Schwarz öffnete einen der Körbe und heraus sprang tatsächlich Benno, der zwar einen recht verschüchterten Eindruck machte, der aber, nach Ansicht des erfahrenen Tierarztes, die Reise gut überstanden hatte. "Selbstverständlich sind die Tiere alle durch die lange Reise in einem geschlossenen Behälter etwas verschüchtert, das sollte sich aber innerhalb kurzer Zeit mit dem vertrauten Herrchen oder Frauchen geben. Ihr Benno ist ganz offensichtlich gut beieinander. Wenn ich sie richtig verstanden habe, so wartet ihre Gattin im Wagen auf sie beide. Ich würde daher vorschlagen, dass sie ihn dort erst einmal abliefern und dann zurückkommen, um noch einige Papiere zu unterschreiben."
Werner ging also, begleitet von Benno, hinaus zum Wagen, wo die Wiedersehensfreude bei Benno und seinem Frauchen, wie erwartet, stürmisch zum Ausdruck gebracht wurde. Sicherlich war die Reise noch nicht völlig vergessen, aber im Augenblick anscheinend doch verdrängt. Es war schön, den kleinen Hund, der ja eigentlich ein vollwertiges Familienmitglied war, wieder heil nach Hause bringen zu können, selbst wenn es für ihn ein neues Zuhause war. Werner und Irmgard hatten noch keine Kinder. In Afrika hatten sie es für nicht ratsam gehalten. Aber das konnte sich jetzt ja auch ändern. Jetzt würden sie sich wieder zu dritt den neuen Gegebenheiten stellen.
Er bat seine Frau, mit dem Hund nach Hause zu fahren, da er hier noch gebraucht würde und anschließend in der Stadt noch etwas zu besorgen hätte. Er würde sich dann der öffentlichen Verkehrsmittel bedienen. Am Morgen hatte er für den Hund extra eine durchsichtige Verspannung zwischen den Rücksitzen und dem Gepäckabteil des Kombis anbringen lassen. Jetzt stellte er den schon wieder frech bellenden Benno nach hinten, damit er Irmgard nicht beim Fahren hinderlich war. Aber diese Art des Transports kannte Benno von vielen gemeinsamen Touren in Afrika. Beruhigt winkend, überzeugte Werner sich noch, dass Irmgard sicher in den Verkehrsstrom einscherte, und begab sich dann wieder zurück ins Büro von Dr. Schwarz.
Nach Erledigung der restlichen Formalitäten war Werner gerade im Begriff sich zu verabschieden, als die Tür aufging. Herein trat ein gut gekleideter Mann, der sich hier anscheinend auskannte. Die junge Frau, der er auch ganz offensichtlich gut bekannt war, begrüßte ihn: "Guten Tag Herr Dr. Meier-Schulze. Ich bin gerade bei ihrer Abfertigungsliste. Es dauert nur noch ein paar Minuten." Dr. Schwarz blickte sich um: "Tag Herr Meier-Schulze, mal wieder eine Ladung wilder Tiere für ihr Institut?" "Ach Herr Schwarz, man kann halt nie genug davon bekommen. Aber Werner, bist du's? Nach all den Jahren treffe ich dich hier."
Erstaunt drehte auch Werner sich jetzt um und erblickte seinen alten Schulkameraden Reginald-Adalbert Meier-Schulze, der in der Schule wegen seines, wie seine Schulkameraden damals meinten, spleenigen Namens immer Rea Meischuh genannt worden war. Werner hatte wohl gehört, dass dieser inzwischen ein nach internationalem Ansehen strebender Wissenschaftler geworden war. Um so erstaunter war er jetzt, ihn hier auf dem Flughafen in der Tierabteilung zu sehen. "Mensch Reginald-Adalbert, dass ich dich treffe. Du bist der Erste aus der alten Zeit, den ich in Deutschland sehe. Ich habe gerade meinen Hund, mit dem ich viele Jahre in Afrika zusammen war, abgeholt. Du aber scheinst ja oft hierherzukommen." "Ja" sagte dieser, während er erst seine Krawatte zurechtzupfte und dann an seine Brille fasste. Offensichtlich unbewusste Angewohnheiten. "Ich habe hier ein kleines Institut und befasse mich mit Verhaltensforschung. Ich arbeite an einer langen Beweiskette von Tierversuchen, um bestimmte Verhaltensmuster zu beweisen. Aus diesem Grunde bin ich oft hier, da man ja leider immer nur jeweils eine beschränkte Anzahl von Tieren auf einmal importieren darf. Überall versucht man, uns durch immer neue Regeln zu verärgern. Wie man im Englischen, in dem du ja, wie ich gehört habe, zu Hause bist, sagt: "There is Red Tape, wherever you look, all around you."
"Also immer noch der Alte. Ich kann mich erinnern, dass du früher bereits wenig Verständnis für die überall zu beachtenden aber notwendigen Regeln hattest. Trotzdem freut es mich aber, dich nach so langer Zeit mal wiederzusehen. Was willst du denn diesmal hier abholen?"
Jetzt schaltete sich Dr. Schwarz wieder in das Gespräch ein. "Der Herr Dr. Meier-Schulze wird hier heute von elf kleinen Affen und achtundzwanzig Vögeln erwartet. Sie, Herr Weser, können gerne mitkommen und sich unseren Zoo einmal ansehen."
"Halt stop, Herr Schwarz" protestierte Reginald-Adalbert jetzt, "ich erwarte fünfzehn Affen und fünfzig Vögel. Meine Dokumente sind da ganz eindeutig. Durch die leidige Mengenbegrenzung sind das schon wenig genug. Da können sie mir nicht noch einmal die Hälfte unterschlagen." Nach kurzem Überlegen fügte er hinzu: "Sagen sie mal, sie wollen doch wohl nicht damit andeuten, dass der Rest unterwegs krepiert ist? So teuer, wie diese Viehcher heutzutage sind. Diese Verbrecher bringen mich noch um mein Geld, denn sie wissen, dass eine Transportversicherung zu teuer ist." Nervös fasste er erst an seine Brille, um dann seine Krawatte zu befingern. "Ich schlage vor, wir schauen uns das mal zusammen an" sagte Dr. Schwarz und setzte sich schon in Bewegung.
Wenn Werner dachte, dass der Raum, den er beim Hereinkommen gesehen hatte, alle Tiere beherbergte, so wurde er jetzt eines Besseren belehrt. Sie durchquerten denselben, gingen über einen kleinen Hof und waren dann in einem noch größeren Raum. Hier befanden sich einige Käfige mit größeren Tieren, in der Hauptsache aber Stapel von flachen Gebinden, in denen anscheinend Küken und Vögel aller Art transportiert wurden. Dafür war es allerdings erstaunlich ruhig hier. Dr. Schwarz, dem Werners forschend fragende Blicke aufgefallen waren, trat jetzt an so einen Stapel heran und öffnete eines der Gebinde. Es handelte sich hierbei um eine Art flachen stabilen Spezialkarton. "Vögel aus den Urwäldern Südamerikas" sagte er und ließ Werner einen Blick hineinwerfen. Dieser fuhr erschrocken zurück. Was er sah, erinnerte ihn nicht an wilde Urwaldvögel, sondern eher an die Auslage einer Geflügelhandlung zur Weihnachtszeit, nur dass sich hier noch hie und da etwas bewegte.
Erschrocken blickte er Dr. Schwarz an. Dieser aber meinte nur lakonisch: "Am Anfang war ich ebenso entsetzt, wie sie es jetzt sind. Jetzt aber, zwei Jahre und viele Tausend Tiere später, habe ich mich daran gewöhnt. Wie habe ich am Anfang gegen diese Art der Tiertransporte protestiert. Ich habe Berichte und Eingaben gemacht und konnte einfach nicht verstehen, dass sich keiner, kein Amt und keine Behörde, dafür interessierte. Es hat alles nichts genützt. Offensichtlich sind die Tiere, alle die nicht unter die derzeitigen Importverbote fallen, so billig und die Gewinnspanne so groß, dass man mit einem Ausfall von 50% oder manchmal sogar noch mehr immer noch gut leben kann."
Werner schüttelte sich: "Aber die Tierquälerei, die damit verbunden ist. Es handelt sich doch um Lebewesen, so wie wir." "Ja" sagte Dr. Schwarz, "nur, dass sie nicht schreien können oder wenn sie es tun, hört man einfach nicht hin." Reginald-Adalbert wurde während dieser, aus seiner Sicht gefühlsduseligen Unterhaltung immer nervöser. Er wollte endlich seine Tiere sehen. "Kommen sie endlich Herr Schwarz, wenn wir noch lange hier herumstehen, sterben vielleicht noch ein paar von meinen Tieren."
Die Vögel waren in flachen Kartons ‚verpackt', jeweils zehn in einem. Als Dr. Schwarz einen davon öffnete, zeigte sich ein jämmerliches Bild. Dicht zusammengedrängt in einer Ecke saßen die Tiere und alles war voll von Kot und losen Federn. Es war kein Wunder, wenn ein großer Teil selbst die kurze Flugreise nicht überlebt hatte. Es waren jetzt nicht mehr achtundzwanzig, sondern nur noch fünfundzwanzig Tiere.
Dann strebte er einer Ecke des Raumes zu, in der einige leichte Holzverschläge standen. Als sie näher herankamen, vernahmen sie leises Quieken. Fachmännisch öffnete Dr. Schwarz eine der Kisten, sodass der Inhalt sichtbar wurde. In der Kiste befanden sich zwei verstörte kleine Affen, die sich vor lauter Angst, völlig artfremd wie Dr.Schwarz erklärte, äußerst aggressiv verhielten. Fauchend zeigten sie ihre Zähne. Es sah ganz so aus, als wenn sie miteinander gekämpft hatten, so zerzaust waren sie. Dr. Schwarz zeigte jetzt auch auf Bisswunden. "Heute Morgen lebten hier noch drei" sagte er, "der Dritte war wohl der Schwächste und wurde von den anderen beiden totgebissen. Ich weiß wirklich nicht, was man an ihnen noch erforschen kann. Es sei denn die Erkenntnis, dass Gefangenschaft, Luftreise und der Aufenthalt in ungeeigneten Behältnissen dazu führen, dass sie wahnsinnig werden und sich gegenseitig töten."
Reginald-Adalbert wurde jetzt wirklich ärgerlich. "Ich werde mich bei der Fluggesellschaft beschweren. Ein Tag Verspätung ruiniert mir meine ganze Kalkulation. Da plagt man sich ab, ja man kann schon sagen, da opfert man sich auf für die Menschheit und verliert letztendlich auch noch sein Geld dabei. Das ist einfach zu viel. Du, Werner, als Unbeteiligter musst meine Lage doch verstehen." Jetzt war Werner aber erstaunt. "So wie ich das Ganze bisher verstand, geht es doch nur darum, diese Testreihen für den Abschluss deines Buches zu vervollständigen."
So aber wollte Dr. Meier-Schulze die Angelegenheit nun doch nicht angesehen haben. "Die Veröffentlichung meines Buches wird bereits in Amerika mit Ungeduld erwartet. Wer weiß, was davon abhängt." Werner konnte das immer noch nicht verstehen. "Verstehe ich das richtig, dass die Tiere nach den Tests getötet werden? Dass also auch die, die diese Quälerei auf dem Transport überlebt haben, letztendlich alle dran glauben müssen?" "Aber mein lieber Werner, das kann man doch so nicht sehen. Sie dienen doch der Menschheit, und wenn wir sie am Ende töten müssen, so geschieht das auf eine ganz humane Weise."
Allseits betretenes Schweigen. Jetzt konnte Werner nicht mehr. Er gab Dr. Schwarz kurz die Hand und bedankte sich, dann nickte er seinem ihm völlig unverständlichen ehemaligen Schulkameraden Reginald-Adalbert Meier-Schulze zu und verließ fast schon fluchtartig die Tierabfertigungsstation und das Flughafengelände.....



NUR EIN TAG IN SAMS LEBEN


Die Sonne hatte ihren höchsten Punkt erreicht und die Hitze schien unerträglich. Aber nicht nur die Luft war heiß, auch der Boden und ganz besonders die Steine waren heiß.
Obgleich Sam erst zwölf Jahre alt war, hatte er in seinem jungen Leben bereits viele solche Trockenzeiten hautnah miterlebt, die sich in so manchen Jahren mit sintflutartigen Regenfällen und weitverbreiteten Überschwemmungen abgelöst hatten. Der Grund für Sams intensive Wahrnehmung des meist unbarmherzigen Wetters war die Tatsache, dass er den weitaus größten Teil seines Lebens draußen im Freien zugebracht hatte. Aber auch im Inneren ihres kleinen Hauses, wie er die Behausung, in der er mit seiner Mutter lebte, nicht ohne Stolz nannte, war er nie vollkommen geschützt vor den Auswirkungen des Wetters. Gewiss, das Haus linderte etwas die sengende Hitze der Trockenzeit und auch die Kühle der Regenzeit, aber es dauerte nie lange, bevor sich die Temperatur im Haus der Außentemperatur angeglichen hatte. Dies war hauptsächlich in den Hitzeperioden der Fall. Das war auch der Grund, warum er mit seiner Mutter, solange er zurückdenken konnte, sich draußen aufgehalten hatte.
Während des Tages war es im Schatten der Bäume bedeutend angenehmer und nachts spürte man die willkommene Kühle. Im Inneren des Hauses war es in dieser Zeit immer gleichmäßig und unerträglich heiß. In der kühlen Regenzeit aber war es nur dann nicht nasskalt, wenn seine Mutter oder neuerdings auch er ein offenes Feuer angemacht hatte. Der große Nachteil war dabei jedoch immer, dass der Rauch des offenen Feuers nur durch die Tür oder durch die undichten Stellen im Dach abziehen konnte, dies aber anscheinend nur tat, wenn im Innenraum kein Platz für noch mehr Rauch vorhanden war. So schien es ihm immer. Inzwischen wusste er, dass Feuer zum Brennen eine Luftzufuhr benötigte und die frische Luft offensichtlich durch die Tür kam. Also musste der Rauch versuchen, durch das Dach zu entweichen. Dies war bei der Planung des Hauses aber nicht vorgesehen. Vielleicht war sein Onkel ja doch nicht so ein großer Baumeister, wie er in seinem kindlichen Stolz immer gedacht hatte. Aber selbst vor dem Regen konnte das Haus keinen vollständigen Schutz bieten. Sam kannte zwar jetzt die Stellen, an denen es stets durchtropfte, und während des Regens fühlte er sich im Haus auch geborgen und war dankbar, dass es auch für seine Mutter und ihn ein Entkommen aus den tagelangen starken Regenfällen gab.
In der kalten Zeit war es schön, sich fest in seine Decke zu wickeln und von der Sonne zu träumen. Die Decke hatte er von seiner Mutter erhalten, als er alt genug war alleine zu schlafen. Zuerst mochte er diese Decke gar nicht, da sie ja das sichtbare Zeichen war, dass er nicht mehr bei seiner Mutter schlafen durfte. Es fiel ihm sehr schwer, sich daran zu gewöhnen. Hauptsächlich in den so richtig unangenehmen Nächten war es immer herrlich gewesen, sich stets noch dichter an seine Mutter drücken zu können. Aber diese Zeit lag jetzt ja schon einige Jahre zurück und mittlerweile war er auch stolz und dankbar für seine inzwischen alte Decke geworden, wusste er doch, dass längst nicht alle Jungen seines Alters eine eigene Decke hatten. Denen blieb nichts anderes, als sich mit Geschwistern eng zusammen liegend eine gemeinsame Decke zu teilen. Für die Jungen war das Warmbleiben aber eigentlich kein so sehr großes Problem, selbst wenn man sich mit mehreren eine Decke teilen musste. Er war aber bereits alt genug, um zu wissen, dass die Kälte für die Alten ein wirkliches Problem war.
Sam hatte nur seine Mutter. Er wusste, dass seine Eltern aus einer anderen Gegend gekommen waren, aber er wusste nicht woher. Solange er erinnern konnte, hatten sie hier in diesem Tal gelebt. An seinen Vater, der von anderen Männern getötet worden war als Sam gerade ein Jahr alt war, konnte er sich eigentlich nicht erinnern. Da waren, wenn er zurückdachte, immer nur seine Mutter und er und manchmal noch Männer, die er Onkel nannte. Diese waren nett zu seiner Mutter und auch zu ihm gewesen und es war einer von ihnen, der zusammen mit einigen anderen dies Haus gebaut hatte.
Sam nannte es immer das Haus, obgleich er wusste, dass es nicht eigentlich vergleichbar war, mit den meisten anderen hier im Tal. Aber der Bau des Hauses war das Erste, was er genau erinnern konnte. Vorher hatten sie unter einem der großen Bäume gelebt, geschützt durch viele Zweige, die zwei Erwachsenen notdürftigen Schutz vor Wind und Regen boten. Sam war damals so klein, dass er noch ein Teil seiner Mutter gewesen war. Er wusste zwar von dieser Zeit, erinnern konnte er sie aber nicht. Seine Erinnerung und damit sein bewusstes Leben fing mit dem Bau des Hauses an. Daran hatte er bereits Anteil genommen, ja er hatte sogar mitgeholfen.
Wie stolz war er gewesen, als die kleinen Steine, die er gesammelt hatte, zum Ausfüllen der Wände zwischen den Holzstücken, die den Rahmen des kleinen Hauses bildeten, benutzt wurden. Aber viel öfter hatte er geweint, weil seine kleine Mithilfe nur belacht wurde. Die Männer machten ihre Witze über die kleinen Steine, die er anschleppte; ganz freundschaftlich zwar, aber es hatte ihn doch sehr verletzt. All das liegt jetzt Jahre zurück.
Dann waren da die verschiedenen Hochwasser gewesen. Die Leute im Tal, mit denen zusammen sie hier lebten, hatten ihre Häuser in bequemer Entfernung zum Wasser, zum Fluss, gebaut. Der Fluss war immer das Zentrum des Lebens in ihrem kleinen Tal gewesen. Die größeren Jungen hatten mit ihren Händen ein flaches Becken gegraben, in dem Sam zusammen mit anderen kleinen Kindern spielen konnte. Dort waren sie ganz sicher. Der Fluss, der hauptsächlich nach dem Regen viel Wasser führte, war an dieser Stelle schnellfließend und hatte sich in Millionen von Jahren ein tiefes Bett gegraben. Sam hatte seiner Mutter nie so recht geglaubt, wenn sie ihn vor der Tiefe des Flusses warnte und einmal wäre er tatsächlich fast ertrunken, wenn nicht einige mutige, schnell entschlossene größere Jungen eingegriffen hätten.
Das größte Erlebnis seiner Kindheit war aber doch die große Überschwemmung. Trotz der großen Geschwindigkeit, mit der das Wasser durch das Tal floss, war es immer dichter an den oberen Rand der Uferböschung herangekommen, um dann zuerst an einer Stelle und schließlich an vielen Stellen über das Ufer zu fließen. Es dauerte nicht lange, bis ein großer Teil des Tales überschwemmt war. Überschwemmungen konnte er einige erinnern, doch diese war die schlimmste gewesen. Es war zwar keiner ertrunken, aber viele, die ihre Häuser in den tief gelegenen Teilen errichtet hatten, verloren doch ihre ganze Habe. Sam und seine Mutter waren hiervon verschont geblieben, weil ihr Haus auf einem kleinen, nur wenige Meter hohem Erdhügel am Rande des Tales lag. Für Sam und die anderen kleinen Kinder waren das aufregende Tage gewesen. Die tragische Auswirkung für einige der Talbewohner hatte damals noch keinen Zugang zu der kleinen Welt der Kinder gefunden. Inzwischen war er aber alt genug geworden, um die mögliche Gefahr des Flusses zu verstehen.
Da war aber etwas, was ihn seit Langem beschäftigte. Er war nicht besorgt oder beunruhigt, war sich aber andererseits nicht sicher, ob er nicht doch vielleicht Anlass dazu habe. Es handelte sich um die Tatsache, dass er und seine Mutter auch nach den vielen Jahren, die sie jetzt hier lebten, immer noch Fremde in dieser eng verbundenen Gemeinschaft der Talbewohner waren. Er wusste, dass er anders war, als die Jungen mit denen er täglich hier spielte. Oft schon hatten sie ihn mit besonderen Namen bedacht. Wann immer er seine Mutter fragte, hatte er bisher niemals eine Erklärung darüber erhalten, was denn der Unterschied war. So nahm er an, dass es etwas mit seiner Familie zu tun hatte, vielleicht auch, wo sie herkamen. Könnte es sein, dass auch der Tod seines Vaters damit etwas zu tun hatte? Es war ihm nicht entgangen, dass seine Mutter von den Bewohnern des Tales nicht wie andere Frauen respektiert wurde. Wenn gemeinsame Arbeiten zu verrichten waren, hatte seine Mutter stets die Arbeiten machen müssen, die kein anderer tun wollte.
Als Sam sich jetzt dem Flussufer näherte, sah er eine Gruppe Jungen, für die er selbst durch einige dichte Büsche noch nicht sichtbar war. Einer seiner Spielkameraden sagte gerade: "Sie sollten überhaupt nicht hier sein, sie gehören nicht in unser Tal."
Ein anderer erwiderte: "Aber sie waren doch immer hier, solange wir alle zurückdenken können."
Ein kleiner dicker Junge sagte jetzt: "Meine Mutter sagt, dass sie zu denen gehören, die früher ab und zu zu uns ins Tal kamen. Sie kämpften mit unseren Leuten und sollen sogar einige mit sich fortgenommen haben."
"Ja, ich habe auch davon gehört. Sie sollen ja sogar anders aussehen wie wir. Ihre Haut hat nicht die normale Farbe. Man sagt, sie seien rosa."
"Oh, ich weiß nicht, ob man das alles glauben soll" sagte jetzt ein anderer.
Der kleine dicke Junge wollte sich aber nicht zufriedengeben: "Ist euch die Farbe von Sams Haut noch nie aufgefallen? Zugegeben, sie ist nicht rosa, aber doch viel heller als unsere. Besonders nach einer kühlen Zeit, ohne viel Sonne. Ich sage euch, sie hätten längst getötet werden sollen. So sagt mein Vater jedenfalls."
"Das ist ausgesprochener Blödsinn. Du kannst doch unmöglich wollen, dass Sam und seine Mutter getötet würden, oder?"
"Ich weiß es nicht, aber mein Vater sagt, dass alle, die keine normale Hautfarbe haben, nicht gut sein können und nur Unglück in unser Tal bringen. Man weiß nie, was man von denen zu erwarten hat. Alle ehrlichen Leute haben schwarze Haut. Wissen wir denn, was sie wirklich sind?"
Sam wartete nicht ab, was noch alles gesagt werden würde. Benommen, wie er war, konnte er sich kaum bewegen. War das das Ende seines Lebens und das seiner Mutter? Wenn die Erde sich in diesem Augenblick unter ihm geöffnet hätte, dann hätte er sich fallen lassen und alles wäre vorbei gewesen. Aber nichts passierte. Die Sonne brannte immer noch auf die Erde und auf alles, was sich auf ihr befand. An wen könnte er sich wenden? Seine Gedanken überschlugen sich, sein Herz klopfte wie wild und er fühlte sich am Ende seiner Kräfte.
Er widerstand dem Verlangen, sich auf den Boden zu legen. Orthu, dachte er, Orthu. Was würde Orthu sagen? Durfte er überhaupt mit Orthu reden? Würde Orthu ihm zuhören? Er hatte noch nie mit Orthu gesprochen. Orthu war der Älteste im Tal, älter als irgendeiner von den anderen. Er wurde von allen respektiert und alle hielten sich an Orthus Worte. Nicht, dass er Befehle erteilte, aber bei wichtigen Fragen oder Streitigkeiten galt immer, was Orthu dazu zu sagen hatte. Er lebte für sich alleine am äußersten Ende des Tales und Sam hatte gehört, dass Leute sagten, Orthu sei zusammen mit den allerersten Siedlern ins Tal gekommen. Sicherlich war das übertrieben, denn so alt konnte selbst Orthu wohl nicht sein. Sam hatte ihn nur einige Male aus der Entfernung gesehen, als seine Mutter Nahrung hinbrachte. Er wurde von den verschiedenen Frauen des Tales abwechselnd verpflegt. Sam konnte sich erinnern, dass Orthu ihm sehr alt und gebrechlich vorgekommen war, mit weißem Haar und einem dünnen Gesicht, das mit unzähligen Falten und Fältchen durchzogen war. Es war Orthu, an den er sich wenden musste. Wenn irgendein Mensch ihm einen Rat geben konnte, dann konnte das nur Orthu sein.
Sam hatte selbst bemerkt, dass er nicht so schwarz wie alle anderen war. Er wusste, dass sein Körper, obgleich dunkelbraun während der heißen Trockenzeiten, doch viel heller als der der anderen Kinder war. Weder seine Mutter, noch sonst einer, hatte jemals mit ihm darüber gesprochen, sodass er selbst bisher auch keinen Grund gehabt hatte, darüber nachzudenken. Von der Hautfarbe her hatte er sich auch noch niemals anders gefühlt als alle anderen Kinder, mit denen er spielte.
Jetzt hatte sich all das geändert. Plötzlich war er sich bewusst, dass er nicht nur aus einer anderen Gegend kam und sich dadurch von den Talbewohnern unterschied, nein, er war sogar minderwertig, weil er ja nicht einmal die normale Hautfarbe hatte. Alle Menschen waren ja schwarz, nur er nicht. Hieß das etwa, dass er in gewisser Weise mit einem der Tiere verglichen werden musste, obgleich er doch sonst so war, wie all die anderen Jungen. Er hatte mit ihnen zusammen gelernt Kleinwild zu jagen, Feuer auch bei nassem Wetter zu entfachen und er hatte all die alten Geschichten, die von den Alten auf die Jungen übergehen, gelernt. Warum nur konnte er nicht so schwarz sein wie alle anderen Menschen?
Einzig und allein Orthu würde ihm einen Rat geben können. Er musste jetzt sofort zu ihm. Er sprang vorwärts und rannte in einem großen Halbkreis um die Siedlung herum, mit dem Ziel, das äußerste Ende des Tales zu erreichen, ohne von den Bewohnern gesehen zu werden. Er rannte so schnell er konnte auf die Stelle zu, von der er wusste, dass Orthu sie um diese Tageszeit regelmäßig aufsuchte. Er würde jetzt, geschützt vor der Sonne, unter den weit herabhängenden Zweigen des großen Baumes oberhalb des Tales sitzen. Es fiel ihm nicht schwer, das Dorf ungesehen zu umgehen, da sich keiner in der Mittagshitze draußen aufhielt. Um diese Zeit waren es gewöhnlich nur die Kinder, die meist am Fluss zusammenkamen.
Jetzt näherte er sich dem großen Baum und er konnte Orthu auch bereits dort sitzen sehen. Er saß im Schatten des Baumes und seine Augen blickten über das Tal. Die Talbewohner sagten, dass er fast vollkommen erblindet sei. Sein feines Gehöhr hatte aber die sich nähernden schnellen Schritte wahrgenommen und er richtete seine Augen dem heranhastenden Jungen entgegen. Schließlich stand Sam vor Orthu. Seine Gedanken waren noch wild durcheinander und er hatte große Mühe ruhig zu atmen. Er war vollkommen erschöpft und dann begann er, zu weinen. Seit seinem Fall von den Felsen, die er versucht hatte, alleine zu erklimmen, als er sieben Jahre alt war, hatte er nicht mehr geweint.
Tränen liefen über sein Gesicht, als er jetzt versuchte zu sprechen. Bevor er aber etwas herausbrachte, sagte der alte Orthu:
„Warum bist du gekommen?"
Sam stotterte: "Ich bin .."
"Ich weiß, wer du bist. Du bist der Sohn der Witwe. Was willst du?"
Unterbrochen durch sein Schluchzen erzählte er Orthu, was er gerade am Fluss überhört hatte. Orthu saß, nachdem er sich angehört hatte, was Sam zu sagen hatte, wie in Gedanken verloren unter seinem Baum. Nach einer, für Sam endlos erscheinenden Zeit sprach Orthu zu ihm.
"Setze dich dort hin," dabei zeigte er auf eine Stelle an seiner Seite, "und ich werde dir eine Geschichte erzählen. Eine Geschichte über das, was hier im Tal geschehen ist." Er sprach sehr langsam und leise. Jetzt machte er eine Pause und blickte in die Ferne.
"Ich weiß, dass die Leute sagen, ich sei blind. Aber in meinem Alter sieht man nicht nur mit seinen Augen. Was meine Ohren hören, zusammen mit dem, was meine Nase riecht und meine Haut empfindet, gleicht das allmählich nachlassende Sehvermögen meiner Augen aus. Formen und Schatten können auch meine Augen immer noch wahrnehmen, aber im Laufe vieler Jahre habe ich gelernt, mich mehr auf die Wahrnehmung meiner anderen Sinne zu verlassen. Wenn ich jetzt über das Tal blicke, kann ich den Fluss hören, ich rieche die Vegetation um mich herum und ich fühle die Sonne auf meiner Haut. Das zusammen gibt mir ein Bild des Tales, das ich zusammenfüge mit den Bildern, die ich für viele, viele Jahre mit meinen Augen gesehen habe. Früher konnte ich mir nicht einmal vorstellen, dass man von hier oben den Fluss hören könnte. Jetzt kenne ich alle die verschiedenen Geräusche, die verschiedenen Gerüche und ich kenne das Wetter von verschiedenen Gefühlen auf meiner Haut."
Sam fürchtete sich, etwas zu sagen. Er befürchtete, die Gedankengänge des alten Mannes zu unterbrechen. Hatte Orthu vergessen, warum Sam hier war?
Der Alte fuhr fort. "Ich war immer dagegen. Aber am besten erzähle ich dir die ganze Geschichte, so wie sie sich damals zugetragen hat.
"Wir waren bereits seit vielen Jahren hier, als eine andere Gruppe von etwa 30 Männern mit einigen Frauen und Kindern in, für unsere Verhältnisse, primitiven Booten den Fluss herauf kam. Sie suchten auch einen Platz um sich dort niederzulassen und zu siedeln. Wir waren ihnen damals zahlenmäßig weit überlegen, ja, wir hatten wohl fast doppelt so viele Männer bei uns. Den Fremden gefiel unser Tal und sie wollten es mit uns teilen. Wir aber meinten, dass das Tal zu klein für uns alle sei, und sahen möglichen Zwist zwischen den beiden Gruppen voraus. Sie hatten zwei Gefangene bei sich, einen Mann und eine Frau, die zusammenzugehören schienen.
"Die Frau war schwarz, aber der Mann hatte die helle Farbe der Fremden, die ich einmal als ganz kleiner Junge, als ich etwa so alt war, wie du jetzt bist, gesehen hatte. Das war zu einer Zeit, als wir noch mit vielen Familien zusammenwohnten. Noch bevor ich mit einer kleinen Gruppe fortzog und wir dann dieses Tal fanden. Die hellen Fremden brannten damals unsere Hütten nieder und töteten viele. Nur die jungen und starken Männer wurden von ihnen mitgenommen. Wir Kinder waren zusammen mit einer Reihe alter Männer und vielen Frauen in einem Versteck in den nahen Bergen, von wo wir aber alles hatten beobachten können.
"Hier bei den Neuankömmlingen war also einer von ihnen, der offensichtlich mit einer schwarzen Frau zusammen war. Wir trieben die anderen wieder in ihre Boote und verfolgten sie ein Stück den Fluss abwärts. Als wir dann ins Tal zurückkehrten, sahen wir zu unserem Erstaunen, dass sich die beiden Gefangenen befreit hatten und hier geblieben waren. Die Frau warf sich damals den Ältesten zu Füßen und bat für sich und den Mann, im Tal bleiben zu dürfen. Sie sagte, dass wenn wir sie fortjagen würden, sie unweigerlich von der anderen Gruppe getötet werden würden.
"Eine lange, hitzige Debatte unserer Männer entbrannte daraufhin. Einige waren dafür, sie sofort zu töten, da sie ja nur Unglück ins Tal bringen könnten. Die meisten Männer wollten sie fortschicken und nur einige wenige waren dafür, sie im Tal mit aufzunehmen. Ich selbst war dafür, sie fortzuschicken.
Dann geschah es, dass einer der Ältesten von einer Frau hörte, die Fremde erwarte ein Kind und dass ein Fortsenden sicheren Tod für Mutter und Kind bedeuten würde. Obgleich unsere Frauen keinerlei Hilfe bei der Geburt benötigen, so brauchen sie doch die Unterstützung der Familie. Darauf begann erneut eine lange Beratung und am Ende fand sich eine Mehrzahl, die für den Verbleib der Fremden war. Die Mehrzahl war allerdings sehr knapp.
"Zwei Monate später wurdest du geboren. Sie nannten dich Sam nach deinem Vater. Ungefähr ein Jahr später wurde dein Vater dann getötet, in der Nacht nach einem unserer Feste. Deine Mutter hätte in den anschließenden Jahren einen anderen Mann nehmen können, es bewarben sich genug, aber sie lehnte dies deinetwegen stets ab. Sie lehnte es auch ab, dir von deinem Vater zu erzählen, bevor du alt genug seist, um das Vorgefallene wirklich zu verstehen. Es tut mir leid, dass du das jetzt von anderen hören musstest. Aber vielleicht bist du doch schon alt genug, um das Wichtigste zu verstehen.
"Du bist in der Vergangenheit als der Sohn eines Hellhäutigen angesehen worden und du wirst in der Zukunft so angesehen werden. Das ist so, obgleich deine Haut ungefähr so dunkel wie die deiner Spielkameraden ist. Du sprichst unsere Sprache und hast unsere Rituale und alles andere von uns gelernt. Es widerstrebt mir, dir zu sagen, was du tun musst, aber ich kann dir nur den guten Rat geben, fortzuziehen und zu versuchen Menschen zu finden, deren Haut nicht ganz so dunkel wie die unsere ist. Ich weiß, dass es früher solche weiter unten am Fluss gegeben hat.
Du kamst zu mir. So nimm meinen Rat mit dir, wenn du mich jetzt wieder verlässt. Geh irgendwo hin, wo man nichts von deinem Vater weiß."
Während der folgenden Nacht versorgte sich Sam mit Proviant. Er wusste, dass Orthu, sollte er verschwunden sein, seine Mutter aufklären würde. Dann nahm er eines der leichten Boote, an deren Herstellung er selbst noch mitgewirkt hatte, und brach auf, um ein neues, eigenes Leben zu suchen.
Er musste Menschen finden, die nicht viel dunkler als er selbst waren und die, da sie nichts von seinem Vater wussten, ihm keine Vorurteile entgegenbringen konnten, sondern ihn als einen von sich anerkennen würden.
Er war ja nur ein kleiner Junge, der, außer den Talbewohnern, keine anderen Menschen kannte. Darum konnte er sich auch nicht vorstellen, wie schwer das war, was er sich vorgenommen hatte...


DER SCHLÜSSEL


Entfernten sich die Schritte, oder kamen sie nicht doch näher? Er hatte das Gefühl, als wenn er immer nervöser und unruhiger wurde. Warum konnte er sich nur nicht entscheiden? Dreimal war er jetzt schon an dieser Ecke vorbeigekommen. Der Wind kam eiskalt durch die vom Wasser heraufführende Straße und trieb ein paar alte Zeitungsseiten über die Fahrbahn. An der Haltestelle des Omnibusses warteten jetzt zwei Personen. Er blickte sich um. Niemand war ihm gefolgt. Seine Einbildung hatte ihm nur wieder einmal einen Streich gespielt.
Als er sich jetzt der Haltestelle näherte, sah er, dass es sich bei den beiden Wartenden um zwei ältere Frauen handelte. Wurde er doch beobachtet, oder war es nur Zufall, dass sich beide zu ihm umgedreht hatten? Dicht an der Häuserwand bleibend, versuchte er möglichst unauffällig vorbeizukommen. Zu seiner Erleichterung bemerkte er jetzt, dass sich die Frauen nur aus dem Grunde in seine Richtung gedreht hatten, um dem unangenehmen Wind ihren Rücken zuzuwenden. Beide hatten ihre Mantelkragen hochgeklappt und jetzt hörte er auch Gesprächsfetzen. Die eine wollte wohl ihren Sohn oder einen anderen Verwandten besuchen, während die andere etwas zum Ausgang der letzten Wahl sagte. Aber offensichtlich waren sie sich bei diesem Thema nicht einig. Ja, sie stritten sich anscheinend. Ganz deutlich hörte er die eine jetzt sagen: "Ich weiß nicht, was sie sich von diesem Wechsel versprechen? Für uns bleibt doch alles beim Alten." Ihn sahen sie nicht an, sie schienen ihn gar nicht bemerkt zu haben.
Frierend zog er die alte Jacke noch enger um seinen Körper. Ob er auch diesmal wieder so einen schlimmen Winter vor sich hatte? Bis vor vier Wochen war es ihm ja noch ganz gut gegangen. Er hatte Gelegenheit gehabt, in seinem gelernten Beruf zu arbeiten. Aber leider kam das nicht oft vor. Es war in den letzten beiden Jahren das zweite Mal gewesen, dass man ihn gebrauchen konnte. Es war sein Pech, dass die Arbeit immer nur für kurze Zeit reichte. Andere hatten da mehr Glück. So sagten sie jedenfalls. Das letzte Mal waren es aber doch fast drei Monate gewesen.
Hatte er nun alles richtig gemacht? Er war sich nicht sicher. Aber wer A sagt, muss auch B sagen. Das war eine alte Weisheit, die er sich immer wieder im Stillen vorgebetet hatte. Traf das aber auch in diesem Fall zu?
Er war inzwischen wieder umgekehrt. In der Ferne sah er den Omnibus verschwinden, der die beiden Frauen mitgenommen hatte. Jetzt hörte er aber ganz deutlich Schritte hinter sich. Immer näher kamen die Schritte. Krampfhaft umfasste er seinen wertvollen Tascheninhalt. Plötzlich hörte er eine Stimme neben sich. "Was macht denn ein so gut aussehender Mann, an so einem miesen Abend hier auf der Straße?" Ein junges Mädchen lächelte ihn von unten herauf an. Warum musste sie sich nun gerade an ihn heranmachen? Er, der immer auf die Zeichen von ‚oben' achtete, so meinte er jedenfalls, wurde jetzt noch nervöser. Das letzte Zeichen, vor zwei Monaten, hatte er doch auch erkannt und richtig gedeutet. Aber für Mädchen hatte er jetzt doch wirklich keine Zeit und übrigens auch gar kein Geld.
Die Kleine ging immer noch neben ihm her und blickte ihn mit ihren großen Augen fragend an. "Mach schon, Junge, es ist ungemütlich hier draußen. Komm mit mir, ich mach's uns bei mir gemütlich." Aber er hatte es sich inzwischen anders überlegt. "Tut mir leid, Kleines, aber ich habe weder die Zeit noch das Geld, um mit dir zu kommen." "Tu doch nicht so, ich bin auch mit wenig an so einem Abend zufrieden." "Nein, hau ab. Ich hab' keine Zeit für dich, vielleicht ein andermal." Erst wollte sie noch weiter auf ihn einreden, dann besann sie sich aber doch eines Besseren und wandte sich mit einer frechen Redewendung von ihm ab.
Er hatte jetzt auch den anderen Mann gesehen und es war ihm ganz recht, dass sie die Straße überquerte, um ihr ‚Glück' dort zu versuchen. Der Andere hatte dadurch keine Gelegenheit, ihn näher zu betrachten. Man konnte doch nicht vorsichtig genug sein.
Da war wieder die Haltestelle, aber diesmal war kein Wartender in Sicht. Es waren jetzt bereits fast vier Stunden vergangen, seit er sein Zimmer verlassen hatte. Um, wie er es nannte, die Unkosten niedrig zu halten, war er den ganzen Weg durch die Stadt zu Fuß gegangen. Zu Hause hatte er sich einige Stücke Wurst eingesteckt, die er bequem unterwegs essen konnte. Sehr lange würde diese Mahlzeit wohl nicht vorhalten, denn er hatte auch mittags nichts zu sich genommen. Das Essen am Morgen sollte ja am gesündesten sein, hatte er mal gelesen. Das passte im Augenblick gut zur Lage seiner Finanzen. Frühstück aß er gerne, er kam sich dann immer vor wie einer von den anderen. Die anderen waren die, die Arbeit hatten, ständig Arbeit hatten, und sich daher auch ein gutes Leben leisten konnten.
Auch heute Morgen hatte er seine Cornflakes mit Milch, die er besonders liebte, gegessen. Anschließend noch zwei Eier mit Würstchen - zugegeben es waren die allerbilligsten, die man bekommen konnte - und Toast mit dünn Butter aber mit viel Marmelade, von der er einen ganzen Kübel zu Hause hatte. Leider reichte dieses Frühstück nie für den ganzen Tag. Irgend so ein Professor hatte zwar geschrieben, dass man mit einem guten Frühstück im Allgemeinen genug für den ganzen Tag zu sich genommen hatte, aber was heißt schon ‚im Allgemeinen'. Bei ihm funktionierte es jedenfalls nicht. Wenngleich er es jetzt schon seit über einem Jahr versuchte, hatte er doch am frühen Nachmittag immer mächtigen Hunger. Jetzt hatte er den Trick mit der überaus preiswerten Hartwurst herausgefunden. Davon steckte er sich immer einige Stücke in die Tasche, wenn er nachmittags unterwegs war. Heute hatte er sich aber auch mehr als gewöhnlich angestrengt, der weite Weg und dann diese Zeit der Unentschlossenheit. Anscheinend zehrte das nicht nur an seinen Nerven, sondern machte ihm auch körperlich zu schaffen.
Dort vorne das Haus. Aber nein es sah ihm nur ähnlich. Er musste noch mindestens einen Kilometer gehen, bis er das Haus wieder erreichen würde. Das Haus lag ja doch nicht weit von dem großen Bekleidungsgeschäft, das jetzt schon seit mehreren Jahren zugemacht hatte. Türen und Fenster des Erdgeschosses waren mit Brettern zugenagelt. Und was für ein feines Geschäft war das gewesen. Oftmals hatte er seinerzeit, in den längst vergangenen Jahren als er noch ständig Arbeit hatte, vor den Schaufenstern dieses Bekleidungsgeschäftes gestanden und hatte sich die begehrenswerten Auslagen angesehen.
Da war der Tag gewesen, an dem die neuen Matrosenjacken aus England im Fenster hingen. Auch damals war er an einigen Tagen hintereinander in diese Straße gekommen, bevor er sich entschloss, die warme Jacke aus dunkelblauem Kammgarn zu kaufen. Zuerst hatte er sie ja nur sonntags getragen, aber als das mit Maria dann nicht mehr klappte, sie redete am Ende immer nur von ihren verpassten Chancen, zog er die gute Jacke auch zur Arbeit an. Beim ersten Mal war das mehr aus Zufall passiert. Wie hatten die anderen ihn damals aufgezogen, von wegen der feinen Jacke. Aber dann hatte er sich daran gewöhnt, die Jacke auch zur Arbeit zur tragen und die anderen gewöhnten sich auch daran, ihn so zu sehen und fanden nichts mehr dabei.
Noch zwei Querstraßen, rechnete er sich aus, dann müsste der Block mit dem ehemaligen Bekleidungsgeschäft und mit seinem Haus kommen. Natürlich war es nicht sein Haus, aber zurzeit bedeutete dieses Haus alles für ihn. Er konnte an nichts anderes denken. Wegen dieses Hauses war er nun schon seit dem frühen Nachmittag unterwegs. Er durfte gar nicht daran denken, dass er vor zwei Tagen schon einmal zwei Stunden in dieser Straße verbracht hatte, nur um möglichst unauffällig mehrmals an dem Haus vorbeizugehen.
Er hatte sich vorgestern, so wie heute, eine Zeit gewählt, an der verhältnismäßig viele Leute hier unterwegs waren. So sehr viel war hier ja nie los, aber es waren einige Gewerbebetriebe in dieser Gegend und dazwischen ziemlich viele, meist ältere Wohnhäuser. Jetzt war aber nicht nur die Geschäftszeit vorbei, sondern inzwischen waren alle Leute zu Hause, selbst die wenigen, die noch letzte Einkäufe zu machen hatten, waren verschwunden.
An der nächsten Ecke stand ein Schutzmann. Er sah ihn ganz deutlich unter der Straßenlaterne stehen und in seine Richtung blicken. Sonst, außer ihm selbst und jetzt dem Schutzmann, war ja auch weit und breit niemand zu sehen. Seine Stirn wurde feucht und die alte Mütze fing wieder an, zu drücken. Auch sein Atem ging jetzt plötzlich anders. Es war doch immer das Gleiche. Er war ja noch nie ein so richtig cooler Typ gewesen, immer wurde er gleich nervös. Das Schlimmste war aber, dass die, die ihn kannten, es sofort bemerkten. Was sollte er jetzt tun? Umkehren konnte er nicht gut, das wäre sofort aufgefallen. Die Mütze abnehmen und sich mit dem Taschentuch die Stirn und das Gesicht trocken reiben konnte er jetzt auch nicht.
Der Schutzmann kam ihm langsam ein paar Schritte entgegen und legte seine Hand an die Mütze. "Mieser Abend heute, nicht? Ist Ihnen vielleicht irgendetwas da hinten aufgefallen. Soll'n mal wieder so'n paar Burschen mit den Autos 'rumgemacht haben." Er merkte, wie sich jetzt auch ein leichter Druck auf seine Brust legte. Er konnte kaum atmen. Offensichtlich sah man es ihm aber nicht an, sonst hätte der Schutzmann ganz anders mit ihm geredet. Er musste sich jetzt Mühe geben. "Ja, sie haben recht, es ist sicherlich nicht schön, an so einem Abend Dienst zu haben. Wie viele sollen es denn gewesen sein?" Der Schutzmann blickte ihm jetzt voll ins Gesicht, das leider auch noch von der Laterne etwas beleuchtet wurde. Er schien aber mit dem, was er sah, zufrieden zu sein. "Tscha, die sagten was, von vier oder fünf. Sollen wieder mal ganz junge Burschen sein." "Nee, Herr Schutzmann, das tut mir leid, dass ich ihnen da nicht weiterhelfen kann. Aber ich habe in den letzten fünf oder zehn Minuten, die ich von der vorletzten Haltestelle bis hierher brauchte, keine Menschenseele gesehen. Ich bin nämlich in den falschen Bus eingestiegen, und muss jetzt zurück zum Rathaus, um den richtigen zu erreichen. Und das bei diesem kalten Wetter." Entweder war der Schutzmann kein besonders guter Menschenkenner, oder aber er spielte seine Rolle tatsächlich so überzeugend. Jedenfalls legte der Schutzmann noch einmal die Finger der rechten Hand an seine Mütze und sagte: "Schon gut. 'Wünsch ihnen trotzdem einen schönen Abend." Dann drehte er sich um und ging in der entgegengesetzten Richtung langsam davon.
Er musste sich sehr zusammennehmen, um jetzt ganz normal weiterzugehen. Am liebsten wäre er ja gelaufen, so befreit fühlte er sich. Aber schon fühlte er wieder den Druck auf der Brust. Außerdem trugen seine Beine ihn nur noch sehr mühsam. Eben war doch alles noch ganz in Ordnung gewesen. Man wird eben alt, sagte er sich, war aber doch etwas besorgt, dass seine Nerven ihm so zusetzten.
Noch ein Häuserblock, dann musste er da sein. So schnell es ging, hastete er weiter. Was aber, wenn er da angekommen war? Würde er es tun? Würde er sich trauen? Es ist doch zum Wahnsinnigwerden, nach all den Plänen und den Vorbereitungen. Das konnte doch nicht alles vergebens sein. Wieder dachte er zurück, an den Tag, der für ihn und sein weiteres Leben so entscheidend sein sollte.
Zusammen mit einem anderen, Sammy hatte der geheißen, war er schon früh von der Firma aufgebrochen. Sie sollten einen eiligen Job erledigen. Ein kleiner Händler hatte gestern Abend spät angerufen. Er hatte seinen Fahrer, seinen einzigen Angestellten, entlassen müssen, weil das Vertrauensverhältnis zwischen beiden nicht mehr so war. Näher hatte er sich darüber nicht ausgelassen, er wollte aber sofort, gleich am nächsten Tag, ein neues Sicherheitsschloss installiert haben. So hatte der Boss denn noch am Abend Sammy und ihm den Auftrag gegeben, am kommenden Morgen als Erstes mit einem der besten Schlösser, das sie vorrätig hatten, zu dem Mann zu fahren und das Schloß, zusammen mit einer von den neumodischen Schließanlagen, welche die Tür gleichzeitig an beiden Seiten sicherte, zu installieren.
Für die beiden gelernten Schlosser war das ein verhältnismäßig leichter Auftrag. Sie würden sogar noch Zeit haben, am Mittag für eine halbe Stunde in das Wettlokal am Marktplatz zu gehen und sich dort die Einläufe der ersten Pferderennen anzuhören. Vielleicht war ja doch wenigstens etwas für ihn dabei, denn er wusste bereits, dass die Aushilfsarbeit am Ende der übernächsten Woche wieder mal zu Ende sein würde. Da wäre denn ein kleiner Gewinn durch das Einlaufen der Pferde in der von ihm vorhergesagten Reihenfolge durchaus willkommen.
Vor Ort stellte sich dann heraus, dass sich die alte Tür nicht für die neue Schließanlage eignete. Der Händler entschied sich denn auch gleich für eine neue schwerere Tür. Die Arbeit war trotzdem bis zum Mittag fertiggeworden, da man zwar auf die Lieferung der neuen Tür warten musste, dafür aber keine Zeit für das umständliche Umarbeiten der alten Tür benötigte. Zum neuen Schloß gehörten zwei Schlüssel, die die beiden auch dabei hatten. Der Händler wünschte aber noch einen zusätzlichen, einen dritten Schlüssel. Bei dem Schloß handelte es sich um ein kompliziertes System, für das zusätzliche Schlüssel nicht ohne Weiteres erhältlich waren. Nach einem langen telefonischen Streit zwischen dem Händler und dem Meister sollte dann aber doch noch ein weiterer Schlüssel angefertigt und nachgeliefert werden. Da Sammy für einen anderen wichtigen Auftrag am Nachmittag eingeplant war, sollte er nun das Anfertigen und Liefern des zusätzlichen Schlüssels übernehmen.
Während ihrer Arbeit im Geschäft des Händlers hatte er beobachtet, dass sämtliche Einnahmen sofort in eine große Kassette gelegt wurden. Diese Kassette stand hinter einem undurchsichtigen Vorhang in einem Regal. Er hatte von Sammy gehört, dass die Kassette vor einigen Jahren schon einmal bei einem Einbruch gestohlen worden war. Daraufhin war dann ein neues Sicherheitsschloß installiert worden, eben das Schloß, das sie jetzt ersetzten. Warum nur wurde diese Kassette nicht in einem verschließbaren Schrank, am besten natürlich einem Stahlschrank, aufbewahrt. Auch dazu gab es eine Geschichte, die er sich aber nicht so genau gemerkt hatte, da er in seinen Gedanken noch bei der Kassette war. Er hatte wohl bemerkt, dass ganz erkleckliche Beträge ihren Weg in die Kassette fanden und beim Wechseln großer Scheine, kamen immer einige Bündel zutage. Man konnte aber sehen, dass sich am Boden der Kassette noch viele solche Bündel befanden. Er hatte auch bemerkt, dass der Händler darauf bedacht war, dass sein Hantieren mit der Kassette keine Aufmerksamkeit erregte.
Verstehen konnte man das Ganze aber doch nicht. Es sollte jetzt ja wieder einige, hauptsächlich ältere Leute geben, die den Banken nicht trauten. Gewiss, es hatten im letzten Jahr zwei Banken Pleite gemacht, aber er selbst würde sein Geld, wenn er welches hätte, doch lieber bei einer Bank aufbewahren. Leider war er ja aber nicht in der glücklichen Lage, dass er sich darüber Gedanken machen musste. Oder noch nicht.
Am späten Vormittag waren er und Sammy dann noch wie geplant in das Wettlokal gegangen. Es zahlte sich aber doch nicht aus. Seine Einlaufwette stimmte nur zur Hälfte, das eingesetzte Geld war also verloren. Zum Glück hatte er nicht viel riskiert, denn er musste jetzt, mit dem ihm bereits bekannten Ende seiner jetzigen Beschäftigung ständig im Kopfe, auch wieder auf das Kleingeld aufpassen. Wie schnell konnte man doch Geld ausgeben. Unwillkürlich musste er an seine Pläne denken und er hatte ein ganz flaues Gefühl in der Magengegend.
Nachmittags war der Meister dann mit Sammy zusammen zu einem größeren Job gegangen. Ihn ließen sie zurück mit der Mahnung, ja dafür zu sorgen, dass der Händler noch am Nachmittag seinen zusätzlichen Schlüssel bekam.
Also hatte er sich an die Arbeit gemacht. Aber schon seit dem Zeitpunkt, als er im Wettsalon seinen Einsatz verloren hatte, musste er immer wieder an die Kassette denken. Wie von einer inneren Stimme getrieben, beeilte er sich am Nachmittag mit der Arbeit. Er machte jedoch nicht nur einen zusätzlichen Schlüssel, nein er machte gleich zwei. Das fiel, ja es konnte gar nicht auffallen. Wenn er sich nur entsprechend beeilte. Auch die hierfür notwendigen hochwertigen Rohlinge unterlagen keiner zu strengen Kontrolle. Man hielt sie zwar verschlossen in einem Stahlschrank, aber ohne genaue Mengenkontrolle. So hatte er sich denn, bevor der Meister ging, statt einen, gleich zwei Rohlinge geholt und dann den Schlüssel dem Meister zurückgegeben.
Er hatte zwar schneller als gewöhnlich gearbeitet, hatte sich andererseits aber so viel Mühe gegeben wie selten zuvor. Ja er konnte sich nur noch an ein einziges Mal erinnern, an dem er sich auch so abgeplagt hatte, um besonders gut zu arbeiten. Das war vor fast zwanzig Jahren bei seiner Gesellenprüfung gewesen. Er hatte daraufhin auch mit ‚lobenswert' bestanden. Genützt hatte ihm das aber letztendlich doch nichts. Beim Militär war er mit den falschen Typen zusammengekommen und anschließend hatte eigentlich nichts mehr so recht geklappt.
Er war also am Spätnachmittag mit seinen zwei Schlüsseln losmarschiert und gerade rechtzeitig zum Geschäftsschluss beim Händler angekommen. Der Empfang war entsprechend, da der Händler ihn viel früher erwartet hatte. Trotzdem hatte er jetzt aber zum Einpassen genügend Zeit, denn der Händler war mit seinen Waren, von denen er am Nachmittag eine neue Lieferung hereinbekommen hatte, vollauf beschäftigt. Beide Schlüssel passten. Er musste aber an beiden noch eine Kleinigkeit abfeilen, um ein leichtes Schließen zu erreichen. Zufrieden übergab er den einen Schlüssel an den Händler und ließ sich auch noch eine gesonderte schriftliche Empfangsbestätigung geben. Das wurde zwar bei Spezialschlössern meistens so gemacht, war jedoch an sich nicht zwingend vorgeschrieben. Er wollte aber ganz sichergehen, dass sich in Verbindung mit diesem Job keine Nachfragen ergaben.
An all das dachte er jetzt, als er sich der letzten Straßenecke näherte. Er ging jedoch nicht sofort weiter, da er plötzlich das dringende Bedürfnis verspürte, seine Nerven durch das Rauchen seiner vorletzten Zigarette zu beruhigen. An sich war das so geplant, die Letzte wollte er dann nämlich im Anschluss an die getane ‚Arbeit' genießen. Er konnte ja nicht gut gleich anschließend losziehen und Zigaretten kaufen.
Er suchte sich einen Windschutz hinter einem Häuservorsprung. Es war ein schäbiges altes Haus, direkt an der Ecke. Die Firma, die hier mal ihre Räume gehabt hatte, gab es wohl längst nicht mehr. Die unteren Fenster waren alle mit Brettern vernagelt, was man bei den oberen wohl nicht für notwendig angesehen hatte. Die Fenster der oberen Stockwerke hatten keine Scheiben mehr und selbst die Rahmen schienen nicht mehr vollständig zu sein. Aber das interessierte ihn jetzt eigentlich nicht, er nahm es nur am Rande wahr. Er wollte ja auch nicht länger hier stehen bleiben, nur eine Zigarettenlänge. Seine Hände zitterten, als er die zerdrückte Packung aus der Tasche zog. Es waren wirklich noch zwei Zigaretten drin. Hastig angelte er sich eine heraus. Er fühlte wieder diesen Druck auf der Brust. Das war etwas Neues, es beunruhigte ihn jetzt doch etwas. Noch zehn, fünfzehn Minuten dann war alles vorbei, versuchte er sich zu beruhigen.
Er hatte doch ein Feuerzeug eingesteckt. Ungeduldig riss er sein Taschentuch aus der Jackentasche. Er hörte ein kleines metallenes Geräusch neben sich auf dem Gehsteig, stellte dann aber zu seiner Beruhigung fest, dass er das Feuerzeug in der Hand hielt. Schnell zündete er sich seine Zigarette an. Das war nicht so ganz einfach, er wurde immer nervöser und seine Hände zitterten so stark, dass er sich Gedanken machte, ob er denn überhaupt werde aufschließen können. Gierig zog er den Rauch aus der Zigarette, deren anderes Ende für einen kurzen Moment hell erglühte.
Er hatte die Zigarette erst halb aufgeraucht als ihn seine Unruhe dazu trieb den Rest auf die Straße zu werfen. Er blickte ihr nach und sah, dass sie gerade in ein Siel, neben dem er gestanden hatte, fiel. Jetzt drängte es ihn aber vorwärts. Er bog um die Ecke und sah das Haus auf der anderen Straßenseite liegen. Links daneben lag das alte Bekleidungsgeschäft. Nichts rührte sich auf der Straße und auch in den Häusern schien alles ruhig. Wer sollte auch um diese Zeit in dieser Gegend sein. Seine rechte Hand suchte jetzt in der Jackentasche nach dem Schlüssel. Das Taschentuch war so groß, dass er den Schlüssel gar nicht sofort fühlen konnte. Da war das Feuerzeug, wo aber war der Schlüssel? Vor ein paar Minuten hatte er ihn doch noch in der Hand gehalten. Während der letzten drei oder vier Stunden hatte er doch immer wieder nach ihm gefühlt. Er musste doch da sein. Er nahm das Feuerzeug und steckte es in die andere Tasche in der wirklich nur, davon hatte er sich überzeugt, die Zigarettenschachtel war. Dann nahm er das Taschentuch, hielt es hoch, nichts. Die Tasche war jetzt auch leer. Das konnte doch nicht sein.
Er griff noch mal in die Tasche. Es war nichts mehr drin. Ihm drohte schwindelig zu werden. Auf dem Boden lag auch nichts. Er hätte es ja auch hören müssen, wenn der Schlüssel wirklich zu Boden gefallen wäre. Aber hatte er nicht vor Kurzem etwas fallen hören? Seine Gedanken jagten wie wild zurück über die letzten Sekunden, Minuten. Er musste jetzt ganz ruhig bleiben. Nur nichts übereilen. Langsam, Schritt für Schritt, ging er zurück zur Ecke, dahin wo er eben noch gestanden hatte. Nichts, außer ein paar schmutzigen, vom letzten Regen durchnässten Abfällen, war auf dem Boden zu sehen. Jetzt war er wieder genau da, wo er eben gestanden hatte, als er seine Zigarette rauchte. Auch da nichts. Aber da fiel sein Blick wieder auf das Siel und in seinem Inneren hörte er wieder das leise metallene Geräusch, als wenn Metall auf Metall trifft. Das konnte doch nicht sein. Er war jetzt so aufgeregt, dass er kaum noch eines gezielten Gedankens fähig war.
Er musste sich gegen die alte Häuserwand lehnen und seine Gedanken sammeln. Er konnte genau erinnern, dass er den Schlüssel das letzte Mal fühlte, als er die Straße überquerte, um sich ein geschütztes Plätzchen zu suchen. War er sich da auch ganz sicher? Er konnte genau erinnern, dass er, als er ans Rauchen dachte, in der Tasche den Schlüssel und das Feuerzeug gefühlt hatte.
Also musste der Schlüssel hier, an dieser Stelle, heruntergefallen sein. Das konnte aber nur da gewesen sein, als er sein Feuerzeug suchte und in seiner Ungeduld das Taschentuch aus der Tasche gezogen hatte. Das würde mit diesem Geräusch, das er mehr im Unterbewusstsein wahrgenommen hatte, übereinstimmen. Aber das würde ja dann heißen, dass er den Schlüssel nicht nur in seiner Ungeduld fallen ließ, sondern dass dieser dann auf den Rand des Siels gefallen und da er nicht mehr zu sehen war, in das Siel gefallen war.
War denn nun alles aus, der Plan, die ganze Arbeit und die Aufregung der letzten Tage. Er fühlte, dass er ohnmächtig werden würde. Schnell setzte er sich auf den Rest einer alten Treppe, die zur zugenagelten Haustür hinaufführte. Es war zu viel für ihn. Langsam schwanden ihm die Sinne und er bemühte sich, nicht nach unten sondern auf die Stufe zu gleiten.
Plötzlich gab es einen Knall. Erschrocken fuhr er zusammen, bemühte sich dann aber, sich aus seiner unbequemen Lage aufzurichten. Halb erfroren und mit noch schmerzender Brust gelang es ihm auch halbwegs.
Da saß er in seinem Bett. Das erste Licht des frühen Morgens drang durch die zugezogenen Vorhänge. Die Bettdecke war am Fußende zusammengestampft und neben ihm auf dem Fußboden lag das große dicke Buch, das er, es auf der Brust balancierend, gehalten hatte. Es war kalt im Zimmer und ihn fror.
Er hatte da ja einen schlimmen Traum gehabt. Bei der Studie des dicken Buches, der interessantesten Einbrüche des Jahrhunderts, ein Thema über, das er morgen einen Vortrag halten sollte, war er wohl eingeschlafen und hatte das Buch, das ihm schwer auf der Brust gelegen hatte, jetzt fallen gelassen.
Aber, was war denn das mit dem Schlüssel. Wieso hatte er denn von einem Schlüssel geträumt?
Ach ja, Maria hatte ihn gestern Abend spät noch angerufen und ihm gesagt, dass sie ihm morgen ihren Schlüssel bringen würde, damit er während ihrer Abwesenheit auf ihre Wohnung und auf ihre Pflanzen Obacht geben kann. Besonders eindringlich hatte sie ihn ermahnt, den Schlüssel nicht zu verlieren.
Sie kannte ihn eben....

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