Gerhard H. F. Lange

                                                                    75 JAHRE IM  20. JAHRHUNDERT


FORTSETZUNG:



NACH EUROPA

Anfang August l962 fuhren wir mit der damals für die HAPAG gerade neu in Dienst gestellten "Nürnberg" auf der Rückreise des Schiffes nach Europa, von Adelaide bis London mit. Das war unsere erste Fahrt auf einem Frachtschiff, die uns aber so gut gefiel, daß wir uns vornahmen, bei zukünftigen Seereisen nur Frachtschiffe zu benutzen.
Das Leben auf solch einem Schiff ist natürlich viel ruhiger als auf einem Passagierdampfer - manche meinen ja, auch langweiliger. Das kommt aber immer auf einen selbst und zu einem gewissen Grad auf die Mitreisenden an. Die Anzahl der Passagiere ist auf 10 bis 12 beschränkt und das Unterhaltungsangebot besteht - im Gegensatz zum lautstarken Vergnügungsbetrieb auf "Luxus-Linern" - aus der Gelegenheit, Shuffle-Board zu spielen, in Sonnenstühlen an Deck zu liegen und vom limitierten Bestand der Bordbücherei Gebrauch zu machen.
Die eindeutigen Vorteile liegen bei der Unterbringung und beim Service. Die wenigen Passagierkabinen liegen direkt unter dem Brückendeck; und da die meisten Frachtschiffe ihre Aufbauten mittschiffs, mit Ladeluken vorn und achtern haben, sind die Passagiere bei Seegang im angenehmsten Teil des Schiffes und stets in Außenkabinen untergebracht. Die Kabinen sind außerdem meistens sehr geräumig, natürlich mit eigenem Bad, aber auch mit großen Fenstern und nicht nur mit Bullaugen. Gespeist wird immer mit dem Kapitän, der es sich auch nicht nehmen läßt, bei besonderen Anlässen (mit Ausnahme des An- und Ablegens) interessierte Passagiere zu sich auf die Brücke zu bitten. Bei 10 Passagieren ist vieles möglich, was bei hunderten undenkbar wäre.
Nach dem Verlassen von Port Adelaide verlebten wir eine recht stürmische Nacht in der Great Australian Bight, der großen Bucht am Bauche des australischen Kontinents, die für rauhe Überquerungen bekannt ist. Nach einem kurzen Aufenthalt in Bunbury kamen wir am vierten Tag in Fremantle, dem Hafen-Vorort von Perth an. Fremantle ist jedem alten Australienfahrer wohlbekannt, es ist der australische Hafen, in dem die von Europa kommenden Schiffe stets zuerst anlegen und von dem auf der Heimreise Australien endgültig verlassen wird. Ich sage hier bewußt "alten Australienfahrer", weil heute ja kaum ein Reisender Australien von Europa kommend auf dem Seeweg erreicht.
Der Kapitän lud Ingrid und mich zu einer Fahrt nach dem etwa 15 km entfernten Perth ein. Perth, Hauptstadt des Bundesstaates Westaustralien, liegt am Swan River und ist bekannt für seine schöne Lage; vom Queens Park hat man die schönste Aussicht über die Stadt, die wir auch dieses Mal genossen.
Abends um 8 Uhr liefen wir wieder aus.
Am nächsten Morgen waren wir auf unserem Kurs in Richtung Aden bereits weit vom australischen Festland entfernt. Es dauerte dann noch 11 Tage, bis wir unsere Augen anstrengten, um die Somaliküste, das Horn von Afrika, zu erspähen.
In Aden legten wir zum Bunkern an. Das hieß, daß wir Passagiere Zeit hatten, an Land zu gehen. Aden war damals, zur Zeit der Seereisen, das, was heute für die Flugpassagiere Hongkong und Singapur sind - ein zollfreies Einkaufsparadies. Ein dort erstandenes Fernglas wurde mir zwar schon zwei Jahre später in Südafrika gestohlen, aber mein damals außerordentlich günstig eingekauftes Transistorradio spielt heute, mehr als dreißig Jahre später, noch so gut wie am ersten Tag.
Dann das Rote Meer. Hier erlebten wir, neben der zu erwartenden Hitze, auch ein ungewöhnliches Gewitter. Über den Himmel zuckende Blitze liefen nicht, wie bei uns, senkrecht zur Erde, sondern waagerecht über viele Kilometer. Ein Blitz jagte dabei den anderen, so sah es jedenfalls aus.
In Suez, dem nördlichen Ende des Roten Meeres beginnt bzw. endet der nach zehnjähriger Bauzeit 1869 eröffnete Suezkanal, der das Mittelmeer mit dem Roten Meer verbindet. Der 170 km lange Kanal ist für die meisten Schiffe befahrbar, mit Ausnahme der modernen Supertanker. Er ist jedoch nicht breit genug, um Gegenverkehr zu erlauben. Aus diesem Grund werden täglich für beide Richtungen Konvois zusammengestellt, die jeweils morgens um 6 Uhr Port Said im Norden und Suez im Süden verlassen. Die beiden Konvois treffen sich im Großen Bitter See und fahren dort aneinander vorbei. Um in einem Konvoi mitzufahren, muß das Schiff sich etwa sechs Stunden vorher - also um Mitternacht - bei der Hafenbehörde in Port Said bzw. Suez angemeldet haben. Aus diesem Grund versuchen die Schiffsführungen, möglichst spät abends am Ausgangspunkt einzutreffen, um so teure Wartezeit zu vermeiden. Zur großen Genugtuung der Passagiere klappte das bei uns nicht. So hatten wir also einen vollen Tag für eine Fahrt nach Kairo zur Verfügung.
Zur verabredeten Zeit wurden wir - sieben Passagiere und ein Steward, der sich uns anschloß - von einer Barkasse in Suez an Land gebracht, wo schon zwei Taxen auf uns warteten.
In Kairo besichtigten wir als erstes die große Mehemed Ali (oder auch Alabaster-) Moschee, von deren Terrasse aus wir einen herrlichen Blick über die Stadt hatten. Die Moschee liegt direkt neben der ehemaligen Zitadelle, deren Palast aber bereits im letzten Jahrhundert durch eine Pulverexplosion zerstört worden war. Der sogenannte Josephsbrunnen - vor den Befestigungen neben der Moschee - wurde angeblich zu Zeiten der Pharaonen in den Felsen gesprengt. Von hier fuhren wir zu den berühmten Gize- Pyramiden.
Im Anblick der Pyramiden verließen wir die Autos und bedienten uns der für die Touristen bereitstehenden Kamele oder richtiger: Dromedare. Ein arabischer Kameltreiber beugte sich zu mir und meinte, auf Ingrid deutend: "I look after her, you look after me", womit er seiner Erwartung hinsichtlich des von mir zu zahlenden Bakschischs (Trinkgeld) Ausdruck gab.
Der Ritt auf den schwankenden "Schiffen der Wüste" dauerte nur vielleicht zwanzig Minuten. Er endete an einer vormarkierten Stelle, an der so Aufstellung genommen wurde, daß wir alle nebeneinander hoch zu Dromedar mit Sphinx und Cheops-Pyramide im Hintergrund vom bereits wartenden Fotografen im Bild festgehalten werden konnten. Vorher hatten wir noch arabische Kopfbedeckungen aufgesetzt, was auf den Fotos einen ziemlich lustigen Eindruck machte.
Danach hatten die Dromedare auch schon ihre Schuldigkeit getan und gingen nach entsprechenden Zurufen und Zerren ihrer Treiber willig in die Knie, um uns wieder loszuwerden. Nach Zahlung eines reichlichen, von den Treibern natürlich als viel zu niedrig angesehenen Trinkgelds gingen wir dann zu Fuß um den Sphinx herum zur Cheops Pyramide. Das Angebot eines jungen Arabers, gegen eine Bezahlung von 5 Pfund für uns nach oben auf die Spitze der Pyramide zu klettern, nahmen wir nicht an, sondern kletterten selbst zum Eingang zu den Grabkammern in etwa 10 Meter Höhe hinauf. Der dort beginnende Gang ist sehr eng, die Luft war heiß und stickig. Einige uns entgegendrängende Touristen - blaß und verschwitzt - beschworen uns, draußen zu bleiben. Sie hatten viel Zeit im Inneren der Pyramide zugebracht, ohne aber in dem dort herrschenden Gedränge zu einer Grabkammer vorgedrungen zu sein. Da die uns zur Verfügung stehende Zeit nicht reichlich bemessen war, verzichteten wir auf den Einstieg und wanderten statt dessen zurück zu den wartenden Taxis, die uns zum Mittagessen in ein großes Restaurant an der Straße brachten.
Nach dem Mittagessen fuhren wir zum Ägyptischen Museum in die Stadt zurück und hatten dort Gelegenheit die bedeutendsten Schätze der ägyptischen Vorzeit - des alten Ägyptens der Pharaonen - zu sehen. Dann machten wir eine Fahrt durch die älteren Teile der Stadt, aßen in einem romantischen Lokal in der Altstadt zu Abend und suchten anschließend noch einen arabischen Nachtklub auf. Hier gab es billigen Fusel für teures Geld in Tassen, während auf der kleinen Bühne Bauchtanz gezeigt wurde. Das Lokal war groß und ziemlich voll, fast ausschließlich Einheimische, von denen viele aus Wasserpfeifen rauchten. Ich weiß nicht, ob es die Atmosphäre, das Getränk oder die vielen Eindrücke des Tages waren, vielleicht kam auch alles zusammen, jedenfalls wurde ich so müde, daß mir die Augen fast zufielen.
Als wir nach Mitternacht durch die Wüste wieder zurück nach Suez fuhren, schlief ich jedenfalls fest. Am Kai revoltierte dann mein Magen. Wie ich am nächsten Tag hörte, erreichte ich unser Schiff kreidebleich, mehr tot als lebendig, und nahm auch entsprechend wenig von der in den frühen Morgenstunden beginnenden Fahrt durch den Kanal wahr.
Auf unserer anschließenden Fahrt durch das Mittelmeer sah ich zum ersten Mal fliegende Fische, von denen ich in den Segelschiff-Romanen meiner Kindheit so oft gelesen hatte. Sie hatten die Größe eines kleinen Herings und flogen tatsächlich, d.h. sie lösten sich aus den Wellenkämmen, konnten an Höhe gewinnen, und flogen wohl fast 100 Meter. Ich wußte, daß sie, ähnlich wie zum Beispiel Delphine, durch den schnellen Gebrauch der Schwanzflosse ihre Bahn im Wasser so beschleunigen, daß ihre Brustflossen beim Verlassen des Wassers einen Gleitflug ermöglichen. Daß das aber wie ein richtiger Flug aussehen würde, hatte ich nicht erwartet.
Nach vier Wochen Fahrt und weiteren eintägigen Zwischenaufenthalten in Bordeaux, Antwerpen und Rotterdam trafen wir in London ein, wo wir das Schiff verließen.
In London besuchten wir als erstes Freunde aus Adelaide, die bereits seit über einem Jahr dort waren.
Nachdem wir uns die Stadt angesehen hatten, machten wir in einem Mietwagen eine Reise durch das West-Country und natürlich auch in die Cotswolds und die Gegend um Birmingham. Neben Stratford on Avon, wo Ingrid sich die Shakespeare-Stätten und die berühmte Cottage der Anne Hathaway (Frau Shakespeare) ansehen wollte, hatte ich hier dann auch Gelegenheit, ihr die Stätten meiner Kriegsgefangenschaft zu zeigen.



UM DAS KAP DER GUTEN HOFFNUNG

Wir hatten die letzten vier Monate des Jahres l962 in Europa Urlaub gemacht. Nach zwei Wochen in England waren wir nach Hamburg gekommen. Dort hatte ich mir ein gebrauchtes Auto gekauft, mit dem wir dann eine Tour durch Deutschland und die Nachbarregionen im Süden machten. Wir stellten im Dezember aber fest, daß uns der europäische Winter doch nicht so gut gefiel. Je kälter es wurde, desto sehnlicher dachten wir an die nächste Überquerung des Äquators.
Im November besuchten wir einen Freund, der uns von einer Geschäftsreise nach Südafrika erzählte. Er wußte von einer Reihe positiver Aspekte bezüglich des Lebens in diesem Land so interessant zu berichten, daß wir beschlossen, anstatt direkt nach Australien zurückzufahren, uns ein paar Jahre in Südafrika umzusehen. Als ich mich beim Konsulat in Hamburg erkundigte, war man auch bereit, uns einreisen zu lassen. Ingrid und ich waren ja australische Staatsbürger. Der uns beratende Vizekonsul riet uns, von den zur Wahl stehenden Zentren Durban zu wählen, weil man dort überwiegend englisch spricht.
Bereits im Januar 1963 fuhren wir an Bord der "Ommenkirk", einem Frachtschiff der Holland Afrika Linie, in Amsterdam ab in Richtung Afrika. Die sich kurzfristig bietende Möglichkeit, eine Passage nach Durban zu bekommen, hatten wir nach unseren guten Erfahrungen auf der Nürnberg sofort genutzt und sollten es auch nicht bereuen. Außer uns waren ein amerikanisches, ein holländisches und ein englisches Ehepaar sowie zwei allein reisende Damen aus England an Bord.
Es war ja eine sehr interessante Zeit, diese Zeit der Ozeanreisen, die eigentlich so richtig erst in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts anfing, aber auch bereits in der Mitte unseres Jahrhunderts endete. Anfangs standen viele dieser Reisen in Verbindung mit der Blüte der Kolonialzeit, besonders der britischen.
Unsere damaligen Reisen auf Frachtschiffen gehörten noch mehr der alten, als der neuen Zeit an. Man benötigte drei oder vier Wochen, um den Fernen Osten zu erreichen, und man hatte Zeit. Touristen im heutigen Sinne kannte man auf diesen Routen kaum, anders als auf den viel kürzeren Strecken über den Nordatlantik. Kreuzfahrten sollen heute wohl wieder das Gefühl der Seereisen von früher vermitteln, die Unterschiede sind aber doch beträchtlich.
Wir waren fast zwei Wochen unterwegs, als wir die Südspitze Afrikas vor uns hatten und am frühen Nachmittag die markanten Konturen des weltbekannten Tafelbergs in der Ferne sichteten.
Der 1.000 Meter hohe Tafelberg ist knapp fünf Kilometer vom Hafenbecken entfernt; die Stadt Kapstadt mit ihren Vororten zieht sich um den Tafelberg und den Devil's Peak herum nach Südosten. Wir sahen den Tafelberg südlich von uns - waren also noch gar nicht an der südlichsten Spitze Afrikas, denn das eigentliche Kap der Guten Hoffnung liegt am Ende einer Landzunge (Cape Point), 30 km südlich von Kapstadt. Doch auch das Kap der Guten Hoffnung ist eigentlich noch nicht der südlichste Punkt des Kontinents, der liegt vielmehr etwa 150 km östlich und heißt Kap Agulhas.
Jedenfalls waren wir jetzt erstmal in Kapstadt und freuten uns auf den Landgang, denn die "Ommenkirk" sollte dort zweieinhalb Tage liegen bleiben.
Am ersten Tag schlenderten Ingrid und ich durch das Geschäftsviertel der Stadt, rings um die Adderley Street, und nahmen dann ein Taxi zur Gondelbahn, die auf den Tafelberg führt. Von oben hatten wir einen herrlichen Blick über die Stadt und das Meer, wir konnten sogar unser Schiff im Hafen erkennen.
Am nächsten Tag fuhren wir mit einigen unserer Passagiere im Mietwagen zum Kap der Guten Hoffnung, anschließend über Somerset West nach Groot Constantia und dann zurück nach Kapstadt.
Am dritten Tag legte die "Ommenkirk" wieder ab. Wir konnten vormittags noch den Tafelberg "mit Tischtuch" sehen. Die Platte war von weißen Wolken umgeben, dies vermittelt die Illusion, daß die Bergplatte mit einem Tischtuch bedeckt war. Auf dem weiteren Weg nach Durban legten wir noch in Port Elizabeth und in East London an.
Das Land Südafrika gefiel uns ganz gut - abgesehen von den Rassenproblemen, denen man kaum aus dem Wege gehen konnte. Es fiel uns damals sehr schwer, die Gesamtproblematik objektiv zu beurteilen - wer konnte das als Fremder schon? Wohl hatte ich einmal die Gelegenheit, mich privat mit einem Mitglied der Progressiv Party (das war die kleine Anti-Apartheit-Partei der Frau Sussman) zu unterhalten, aber wenngleich wir in den Prinzipien übereinstimmten, konnte auch er sich damals keine einfache Lösung der komplizierten Problematik vorstellen. Der inzwischen erreichte Stand war jedenfalls zu der Zeit noch nicht vorstellbar. Aber wir hatten es ja damals relativ einfach, wir konnten das Land wieder verlassen...
Erst einmal bezogen wir jetzt jedoch im "London House" in der West Street, im Herzen von Durban, Quartier. Ich fand bereits kurze Zeit nach unserer Ankunft eine recht gute Stelle als Prüfungsleiter bei einer der führenden Wirtschaftsprüfungsgesellschaften Südafrikas in ihrer Durbaner Niederlassung. Auch Ingrid entschloß sich, vorläufig noch berufstätig zu bleiben, und bekam eine Anstellung im Kreditbüro bei John Orr, einer der großen Kaufhausketten des Landes. Da wir beide in der City, in unmittelbarer Nähe unserer kleinen Wohnung, arbeiteten, benötigten wir auch kein Auto.
In Durban war es eigentlich immer warm und sonnig, mit wenig oder leichtem Wind, bei Temperaturen zwischen 25 Grad und 30 Grad und einer Luftfeuchtigkeit von über 90 %. Das änderte sich auch zwischen den Jahreszeiten nicht viel. Im Sommer wurde es etwas wärmer, im Winter regnete es etwas mehr. Die Provinz Natal, deren Hauptstadt Durban ist, wird als südafrikanische Gartenprovinz bezeichnet und ist auch das Winterferiengebiet für Leute aus den höhergelegenen und damit kühleren Regionen in Transvaal und dem Orange Free State.
An das Leben in dieser ständig feuchtwarmen Luft mußten wir uns erst gewöhnen, wir waren von Adelaide ja ein eher trockenes Klima gewöhnt. Der übliche vollständige Anzug mit Oberhemd und Krawatte war in diesem tropischen Klima oftmals recht lästig. Die Büroräume der meisten Firmen waren allerdings klimatisiert, oft jedoch so kühl, daß wir die Austrittsöffnungen mit Pappe zu schließen versuchten.
An den Wochenenden, an denen wir viele Spaziergänge machten, an Bustouren teilnahmen oder uns an den mit Netzen gesicherten Badestränden der Stadt in den Wellen des Indischen Ozeans tummelten, empfanden wir das Klima als sehr angenehm. Die Sicherung der Stadtstrände hatte etwas sehr Beruhigendes für uns, die wir gewohnt waren, nur mit dem Risiko plötzlicher Haifischangriffe im Meer baden zu können.


NASHÖRNER

Wir waren auf einer Tour in einem Mietwagen durch die National Parks bzw. Wildtier-Reservate in Südafrika nach Hluhluwe gekommen. Hluhluwe liegt im Norden der Provinz Natal, 50 km südlich der Grenze zu Mozambique, dem früheren Portugiesisch Ostafrika im sogenannten Zululand.
Wir hatten von unseren südafrikanischen Freunden gelernt, daß der Name Hluhluwe so ausgesprochen wird, als stände an Stelle des "h" jeweils ein englisches "th", was wir anfangs etwas kompliziert aber sehr lustig fanden.
Dieser Wildtierpark war bekannt dafür, daß sich dort neben Antilopen, Zebras, Giraffen usf. auch noch eine größere Anzahl der stark dezimierten und von der Ausrottung bedrohten Breitmaul-Nashörner (sogen. weiße Nashörner) befanden. Im Gegensatz zu den stets angriffslustigen Spitzmaul- (schwarzen) Nashörnern sind die Breitmaul-Nashörner sehr träge und friedlich. So wurde uns gesagt; und so hatten wir es auch gelesen.
Die sichere Unterscheidung der beiden Nashornarten aus der Entfernung in freier Wildbahn ist übrigens nur den Geübten möglich, da die Nashörner nicht, wie ihre Beinamen vermuten lassen, weiß bzw. schwarz sind, sondern sie sind beide grau. Und die Maulunterschiede? - Ja, wenn man mal so dicht dran ist, daß man die mit Sicherheit erkennen kann, wird es sich wohl um ein weißes (Breitmaul) handeln, denn ein schwarzes hätte schon längst angegriffen.
Wir kamen bereits am Vormittag im Wildpark Hluhluwe, der ungefähr 250 Quadratkilometer umfaßt, an und richteten uns in dem uns zugewiesenen Rondeval (kleine runde Hütte) ein. Als wir am Nachmittag noch eine Tour durch den Park machen wollten, stellte sich heraus, daß nicht genügend einheimische Führer bereitstanden.
In den Wildparks darf man nur mit dem Auto fahren und es nicht verlassen, weil die Tiere ja tatsächlich wild sind und die größeren von ihnen teilweise sehr aggressiv und gefährlich sein können. In Hluhluwe durfte man außerdem nicht ohne einen einheimischen Führer unterwegs sein, unter Umständen jedoch zusammen mit dem Führer aussteigen. Die Wege bestehen gewöhnlich aus festgefahrenem Erdreich, ähnlich unseren Waldwegen.
Da an diesem Nachmittag nun nicht für jedes Fahrzeug ein Führer da war, verabredeten wir mit einem anderen Ehepaar, in ihrem bedeutend größeren Auto mitzufahren und unseres im Camp zu lassen.
Im Vergleich mit dem Krüger National Park war der Hluhluwe Park klein; wir konnten in einigen Stunden viele Teile befahren. Der Führer zeigte uns verschiedene Antilopenarten, Giraffen, Zebras und Gnus. Wir konnten aus der Ferne auch ein Nashorn mit seinem Jungen beobachten. Nashörner wollten wir hier hauptsächlich sehen. Das hatten wir unserem Führer eindeutig klargemacht. Und wirklich - wir hatten Glück.
Etwa 150 Meter vom Weg entfernt stand ein weißes Nashorn - wie uns der Führer sagte. Das hieß, wir konnten anhalten, aussteigen und uns dem Tier nähern. Als wir die Hälfte der Entfernung bereits hinter uns hatten, sagte der Mann plötzlich leise und eindringlich: "Es ist ein schwarzes, schnell zum Wagen zurück." Inzwischen hatte das Tier uns bemerkt und setzte sich in unsere Richtung in Bewegung. Ein uns verfolgendes Nashorn war natürlich Grund genug uns sehr zu beeilen. Wir erreichten unbehelligt den Wagen, dessen Motor zum Glück sofort ansprang.
Tags darauf trafen wir mit einem anderen Führer und in unserem Wagen auf vier Nashörner am Wegesrand. Wieder sagte der Mann: "Weiße Nashörner."
Sehr zum Entsetzen meiner Ingrid glaubte ich ihm und stieg auch mit ihm aus dem Wagen, um sie zu fotografieren. Offensichtlich waren es diesmal tatsächlich weiße Breitmaul-Nashörner. Ich konnte ein paar Aufnahmen aus unmittelbarer Nähe machen.


ERLEBNISSE IM KRÜGER NATIONAL PARK

Wie oft hatten wir gehört, daß Touristen den Krüger National Park nach mehreren Tagen wieder verließen, ohne Großwild, wie zum Beispiel Elefanten gesehen zu haben. Hier ist man ohne Führer in seinem eigenen Wagen unterwegs, darf denselben aber auf keinen Fall verlassen. Da man nur die befestigten Wege benutzen darf, bzw. auch nur kann, ist das Beobachten von Tieren zum Teil ausgesprochene Glücksache, zum Teil ist es aber auch eine Sache der Erfahrung.
Zwischen den festen Wegen dehnt sich jeweils für mehrere, oft für viele Kilometer Busch oder Steppe aus. Man kann sich also gut vorstellen, daß die Chance, einer Elefanten- oder Büffelherde in Sichtweite vom Weg zu begegnen, nicht übermäßig groß ist, besonders während der heißen Tageszeit.
Wir waren bereits seit zwei Tagen im Park und wohnten im Central-Camp Skukuza, wo wir eine kleine Hütte gemietet hatten. Das Camp ist zum Schutz vor Tieren ringsherum mit einem hohen, kräftigen Zaun umgeben, den man lediglich durch das große Tor passieren kann. Dieses Tor wird morgens um 8 Uhr geöffnet und abends um 6 Uhr wieder geschlossen, aber auch während der offenen Zeit vom einheimischen Personal bewacht.
An den ersten beiden Tagen waren uns auch hier wieder in der Hauptsache Antilopen der verschiedensten Art sowie Zebras und Wildebeests (Gnus) begegnet. Ab und zu sahen wir Gruppen großer, kahlhalsiger Geier in der Luft ihre Kreise ziehen oder auch wartend auf Bäumen sitzen; ein Zeichen, daß sie wahrscheinlich mit einem Anteil an der Beute einer Raubkatze rechneten. Ein oder zweimal sahen wir auch Hyänen, die aber in den Büschen und im hohen Gras nur schwer zu erkennen waren. Genauso war es mit der einzigen Raubkatze, die wir während unseres Aufenthalts im Park zu Gesicht bekamen, einem Leoparden, der, als wir ihn zuerst bemerkten, nicht weit vom Weg im hohen Gras entlang schlich, dann aber zwischen den Büschen verschwand.
Jeder Besucher des Krüger National Parks erhielt bei der Einfahrt Merkblätter, in denen auf das Risiko bei der Begegnung mit Großwild hingewiesen wurde. Im Wagen sei man relativ sicher, weil die Tiere sich bereits an Automobile gewöhnt hätten. In unmittelbarer Nähe z.B. von Elefanten sollte man den Motor abstellen, das Geräusch des Motors mache die Tiere nervös. Bei Herden mit Jungen sollte man besonders vorsichtig sein.
Am Abend des zweiten Tages gab es im Camp noch einen Vortrag mit Dia-Vorführungen, bei dem an Hand von Beispielen erneut die Gefährlichkeit des Großwilds erläutert wurde. Auf einem Bild sah man ein Auto, das vorne von einem Elefanten plattgetrampelt worden war. Der Elefant hatte dann noch mit dem Rüssel oder einem der Stoßzähne die Scheibe zertrümmert. Die beiden Insassen des Fahrzeugs waren, wie man uns sagte, mit dem Schrecken und dem Autoschaden davon gekommen; sie hatten sich nach unten auf den Boden des Wagens verkrochen. Der Vortragende warnte auch noch vor einem Giraffenbullen, einem Einzelgänger, der sich neuerdings in der Nähe der Wege aufhielt und nach vorbeifahrenden Autos ausschlug.
Nach diesen Warnungen hatten wir eine unruhige, schwülheiße Nacht verbracht und waren nun auf einer etwa 120 km langen Rundtour, die uns auch durch ein Elefantengebiet bringen würde. Zweimal hatten wir bereits Glück gehabt und eine Elefantenherde mit Jungen in der Nähe des Weges beobachtet. Als die Tiere dann Anstalten machten, den Weg zu überqueren, stoppte ich den Wagen so, daß wir uns jederzeit in der entgegengesetzten Richtung davonmachen konnten. Dabei war es mir möglich durch das geöffnete Wagenfenster einige Aufnahmen aus einer Entfernung von nicht weiter als vielleicht 60 oder 80 Meter zu machen.
Nachdem wir auch einer Büffelherde begegnet waren, entdeckten wir an einem Hügel aus der Ferne bereits eine Giraffe - und zwar alleine, also eine Einzelgängerin und vom Wege abgewandt, sicherlich bereit zum Ausschlagen. Es handelte sich um ein ziemlich großes Tier - ganz offensichtlich der besagte gefährliche Giraffenbulle. Der war nicht nur gefährlich, sondern auch verschlagen, tat er doch so, als wenn er sich überhaupt nicht für uns interessierte.
In einem Augenblick, in dem das Tier sich anscheinend voll auf die Auswahl besonders saftiger Blätter konzentrierte, fuhren wir schnell vorbei. Im Rückspiegel konnte ich noch beobachten, daß sich der "gefährliche Giraffenbulle" gar nicht stören ließ. Offensichtlich also ein Irrtum unsererseits - glücklicherweise...
Jetzt waren wir auf dem Wege zurück nach Skukuza, wo wir vor 6 Uhr abends eintreffen mußten, weil danach das große Tor für die Nacht geschlossen wurde. Wir hatten uns beim Beobachten der Hippos, den großen Flußpferden, zu lange aufgehalten und mußten nun die festgesetzte Geschwindigkeitsgrenze voll ausnutzen um rechtzeitig das Camp zu erreichen. Das heißt nicht, daß wir sehr schnell fuhren, denn die Geschwindigkeitsgrenze im Park lag bei 30 km/h. Aber normalerweise bleibt man weit unter diesem Wert, denn Tiere zwischen den Büschen und Bäumen oder im hohen Gras kann man nur entdecken, wenn man wirklich "schleicht"; damit meine ich, langsamer als 10 km/h fährt.
Es war wenig los in dieser Gegend heute. Wir hatten schon seit Stunden keinen anderen Wagen mehr gesehen. Der Weg vor uns führte durch eine Senke, durch die sich ein ausgetrockneter Flußlauf zog. Als wir vom Rand aus die durch die Senke führende Fahrbahn überblicken konnten, sahen wir Elefanten. Es handelte sich um eine Herde von etwa 15 oder 20 Tieren, die sich langsam in der gleichen Richtung wie wir entlang dem linken Wegrand bewegten.
Ich stoppte den Wagen und stellte den Motor ab. Dann warteten wir. Elefanten-Fotos hatte ich an diesem Tag zwar schon einige gemacht, aber ich nutzte die sich hier bietende Gelegenheit trotzdem. Nachdem wir auch diese Elefanten für etwa 10 Minuten beobachtet hatten und mein Bedarf an Elefantenbildern mit verschiedenen Objektiven voll gedeckt war, überkam uns eine gewisse Ungeduld. Was sollten wir machen, wenn die Elefanten auch weiterhin vor uns her marschierten. Ein eingehendes Studium der Landkarte zeigte, daß die Benutzung eines anderen Weges unsere Rückkehr ins Camp um etwa das Vierfache verlängern würde, ja daß wir überhaupt keine Aussicht hätten, vor 6 Uhr dort anzukommen - selbst bei völliger Außerachtlassung der besagten 30 km/h Beschränkung.
Einige Elefanten hatten jetzt auf die andere Seite an den rechten Wegrand übergewechselt - was nun? Waren die Elefanten vor uns wirklich so gefährlich? Konnte man es eventuell doch wagen? Zeitungsüberschriften, wie "Unvernünftige Europäer von Elefanten getötet", gingen mir durch den Sinn.
Als wir nach weiteren 10 Minuten immer noch dasaßen und die Elefanten links und rechts am Wegrand beobachteten, ohne daß sich die Situation geändert hatte, meinte ich, man sollte es vielleicht doch wagen. Die Elefanten hatten die tiefste Stelle der Senke bereits hinter sich und bewegten sich langsam auf der anderen Seite wieder bergaufwärts. Ich überlegte mir, daß es möglich sein müßte, ausgekuppelt und im Leerlauf mit viel Schwung die Senke zu durchfahren und erst in Höhe der Elefanten einzukuppeln und den gegenüberliegenden Hang hinaufzupreschen, bevor die Dickhäuter uns so richtig gewahr wurden. Eine letzte Abstimmung zwischen Ingrid und mir. Wir versuchten es.
Im zweiten Gang und ausgekuppelt rollten wir, immer schneller werdend, in die Senke hinein. Die ganze von uns einzusehende Strecke war nicht länger als vielleicht 300 oder 400 Meter, bis dahin, wo der Weg sich auf der anderen Seite unseren Blicken wieder entzog. Links und rechts vom Weg war lichter Baumwuchs. Und es waren eben die jungen Zweige dieser Bäume, mit denen sich die Elefanten so intensiv beschäftigten.
Wir erreichten schnell die tiefste Stelle, ohne daß man uns sichtbare Aufmerksamkeit schenkte. "Schnell", getrieben durch das Eigengewicht des Fahrzeugs auf einem nicht gepflasterten Weg, bedeutete etwa 30 bis 40 km/h. Kurz vor den ersten Elefanten mußte ich wohl oder übel einkuppeln, um nicht das bißchen Fahrt wieder zu verlieren. Der zweite Gang zog zügig an. Wir waren jetzt direkt zwischen den Elefanten. Ich gewahrte nur aus den Augenwinkeln, daß sich sämtliche Tiere beim Aufheulen des Motors dem Weg zuwandten, glaubte bei einigen Tieren auch, die Drohhaltung oder gar Angriffstellung des gesenkten Kopfes und der weit abgespreizten großen Ohren zu sehen, eine Beobachtung, die Ingrid später bestätigte. Meine Aufmerksamkeit war aber natürlich voll dem vor uns liegenden Weg und unserem Fahrzeug gewidmet, das uns auch nicht im Stich ließ. Ich konnte sogar für den Rest der jetzt sanfter werdenden Steigung in den dritten Gang schalten. Ein Blick in den Rückspiegel zeigte, daß die Tiere jetzt zwar alle auf dem Weg standen, der Abstand war aber bereits so groß, daß sie keine Bedrohung mehr für uns bedeuteten.
Um fast genau 6 Uhr fuhren wir durch das große Tor ins Camp Skukuza ein.
Einige Tage später waren wir wieder unterwegs - über Pretoria ging es nach Johannesburg und dann über Harrismith und Ladysmith zurück nach Durban.
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Im Dezember 1964, also fast zwei Jahre nach unserer Ankunft, fuhren wir auf der "Straat Cumberland", einem holländischen Frachter, der zwischen Südafrika und Australien verkehrte, zurück nach Adelaide. Dabei kamen wir wieder über Kapstadt.
Unsere Überfahrt von Kapstadt nach Fremantle führte zur Abkürzung der Strecke weit nach Süden durch die sogenannten "Roaring Forties" (die berüchtigten vierziger Breitengrade), in denen ständig starker Wind und oft Sturm herrschen. Es ist das Gebiet der großen Albatrosse, die bedingt durch ihr Gewicht, sehr starken Wind benötigen, um abheben zu können.
Ich tröstete einige Passagiere, die noch nicht in Australien gewesen waren, mit der Versicherung, daß es bei Ankunft in Fremantle sonnig und warm sein würde, wie es in Australien Ende Dezember stets ist. Nichts davon, als wir in Australien eintrafen - es war kalt und regnerisch...


WIEDER IN ADELAIDE

In Adelaide wurden wir von alten Freunden abgeholt, bei denen wir dann auch zuerst wohnten. Mit meinen Qualifikationen und der zusätzlichen Auslandserfahrung sollte es jetzt nicht zu schwierig sein, eine anspruchsvolle Anstellung zu finden.
Höhere Erwartungen lassen sich aber bekanntlich schwerer verwirklichen als bescheidenere. Jetzt suchte ich eine Anstellung im Management - und das bei einem inzwischen bedeutend schwieriger gewordenen Arbeitsmarkt. Ich fand aber doch etwas:
In einer kleinen Firma, die das Management einiger Gesellschaften übernommen hatte, wurde ich kaufmännischer Leiter. Es war eine gute Stellung, nur bot sie keinerlei Zukunftsperspektive. Wie auch immer - ich hatte erst einmal Arbeit...
Privat knüpften wir dort wieder an, wo wir 1962 aufgehört hatten. Unsere Wochenenden verbrachten wir am Wasser. Mein Freund hatte jetzt ein großes Sportboot mit einem starken Außenbordmotor, vorzüglich geeignet, auch mehrere Skier gleichzeitig aus dem Wasser hochzuziehen.
Meine anfänglichen Versuche dauerten nie sehr lange, da die Kraft eines 100 PS Außenbordmotors sehr schnell einen so gewaltigen Zug auf die Leine, auf meine Arme und auf die senkrecht vor mir aufgerichteten Skier übertrug, daß diese Kraft nur für kurze Zeit durch die gewaltigen Wassermassen gebremst werden konnte, die ich vor mir herschob. Doch als ich dann die Skier nicht ganz so senkrecht, sondern leicht nach vorn geneigt hielt, passierte plötzlich das, was man mir immer versprochen hatte: ich zog mich hoch und das Boot, befreit von dem störenden Bremsdruck, raste los und ich mit ihm. Der Fahrer nahm zwar das Gas zurück, nachdem der erste Widerstand überwunden war, aber für mich war der doch letztlich unerwartete Übergang vom Wasserschieben zum über dem Wasser Dahinrasen sehr aufregend. Die Angst vor der Geschwindigkeit bei einer Wende verursachte am Anfang noch viele Stürze. Aber mit der Zeit meisterte ich auch das.
Ingrid, die nie richtig Schwimmen gelernt hatte, wurde eines Tages überredet, es doch auch einmal zu versuchen. So mußte ich zusehen, wie sie beim ersten Versuch wie nach dem Lehrbuch aus dem Wasser gezogen wurde. Selbst ganz überrascht, machte sie trotzdem eine gute Figur und kam beim zweiten Versuch bereits zu einer eleganten Landung ins seichte Wasser. Sie war zu Recht stolz und wollte gleich wieder starten. Aber, in den Kreis der Wasserskier aufgenommen, mußte sie jetzt auch warten, bis sie wieder an der Reihe war.
Für mich bedeutete das, daß ich, um weiterhin vor ihr zu bleiben - und welcher Ehemann möchte das, zumindest beim Sport, nicht? - jetzt unbedingt auf einen Ski (Single Ski) überwechseln mußte. Das klappte zwar, aber es dauerte nicht sehr lange, da war Ingrid mir wieder auf den Fersen.
Das waren schöne Zeiten. Richtig zufrieden fühlten wir uns erst, wenn wir zerschunden und lahm das Wochenende am Montag noch spürten. Krönung war oft ein Picknick am Strand, bei dem Speck über dem Feuer an selbstgeschnitzten Spießen gebraten und das Fett auf die mit Paprika vorbereiteten Brotscheiben getröpfelt oder abgestrichen wurde. Unsere Freunde waren nämlich Ungarn und hatten diese Methode des Speckbratens als Erinnerung an ihre Kindheit mit nach Australien gebracht.
Alles hat einmal ein Ende. Wegen der schon erwähnten mangelnden Zukunfsperspektive planten wir nach Deutschland zurückzukehren. 1968 erkundigte ich mich beim deutschen Generalkonsulat in Melbourne, welche Formalitäten für eine Rückkehr notwendig seien. Die Antwort war nicht gerade ermutigend. Wir waren jetzt bereits seit zehn Jahren Australier und damit Ausländer, durften also nur zu Besuch, ohne Erwerbstätigkeit, in die Bundesrepublik einreisen, falls wir nicht beim Verlassen Australiens bereits Arbeit in Deutschland nachweisen konnten. Eine Genehmigung nach der Einreise in Deutschland konnte unter keinen Umständen erteilt werden. Das, so wurde uns angedeutet, würde sehr streng gehandhabt. Es handelte sich also offiziell nicht um eine Rückkehr in die "angestammte" Heimat, sondern um eine Einwanderung von Ausländern aus einem nicht-europäischen Land. Ich schrieb an einige große, mir dem Namen nach bekannte Gesellschaften in Deutschland und erhielt auch prompt freundliche Antworten, daß ich sie doch zu einem persönlichen Gespräch besuchen möchte, wenn ich in Deutschland wäre. Das eine ließ sich also mit dem anderen nicht vereinbaren.
Der beruflichen und persönlichen Risiken bewußt, entschlossen wir uns, doch einfach zu fahren. Ich besorgte uns erst einmal eine einjährige Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigung für Großbritannien, um, wenn notwendig, von dort aus die Einwanderung nach Deutschland zu beantragen, sofern ich in Deutschland Arbeit finden sollte.
Zum Glück konnten wir beide das Risiko bewußt in Kauf nehmen, weil wir ja unabhängig waren, beide lange genug in englisch-sprachigen Ländern gelebt und gearbeitet hatten, und so annahmen, zur Not auch in Großbritannien Fuß fassen zu können.
Wir verkauften, was wir konnten, verschenkten, was wir mußten, und bereiteten uns vor, über Asien nach Europa zurückzukehren.


DURCH ASIEN

Seit über einer Stunde beobachtete ich schon den Sonnenuntergang vor mir. Dies war möglich, weil ich am Fenster eines Düsenflugzeugs saß und wir der Sonne hinterher nach Westen flogen. Wir waren auf dem Wege von Hongkong nach Kalkutta. Von dort wollten wir weiter nach Katmandu ins Himalaja-Gebirge fliegen.
Wir hatten bereits die erste Etappe unserer Reise, nämlich eine Woche Hong Kong, hinter uns. Dort hatte alles vorzüglich geklappt. Air India hatten unsere Ankunft dem chinesischen Agenten avisiert und der verhalf uns nicht nur zu einem guten Hotelzimmer in einem der oberen Stockwerde mit Hafenblick, sondern arrangierte auch Touren für uns zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten. Einer der Höhepunkte war die Fahrt mit einem Tragflügelboot zur portugiesischen Stadtkolonie Macao.
Etwas, was mich besonders beeindruckt hatte, war die von unserem Balkon zu beobachtende Gymnastik der Chinesen. Vor unserem Hotel lag ein kleiner Park, in dem chinesische Männer jeden Morgen auf dem Weg zur Arbeit Ihre uralte Gymnastik, das sogenannte chinesische Boxen, absolvierten. Darunter auch Geschäftsleute in dreiteiligen Anzügen, die ihre Aktenkoffer und Jacketts ablegten, um sich dann einzeln oder in kleinen Gruppen diesen langsamen Übungen hinzugeben.
Als der Agent anläßlich eines uns zu Ehren arrangierten Abschiedsessens hörte, daß ich vergeblich bei allen Photogeschäften versucht hatte, ein bestimmtes Objektiv für meine Nikon Kamera zu erstehen, half er mir auch dabei.
So war es uns im bisherige Verlauf unserer Asienreise sogar besser als erwartet ergangen und wir sahen nun voll Spannung den weiteren Etappen entgegen.
Neben Ingrid saß eine Amerikanerin, die nach Thailand flog, aber im nächsten Monat auch Katmandu besuchen wollte. Als sie von unseren Plänen hörte, sagte sie spontan: "Tell Boris, I'm coming."
Natürlich wußten wir, wer Boris war. Er hatte das Hotel Royal in Katmandu, hieß mit vollem Namen Boris Lissanevitch oder so ähnlich, und war eine bekannte Persönlichkeit in Nepal. Von seinem Hotel aus hatten Hillary und andere ihre Expeditionen zum Mt. Everest begonnen. Zugegeben, das Royal war nicht das erste Hotel am Platze, da waren inzwischen andere, modernere, aber es hatte ohne Zweifel am meisten Charakter. Es war einer der zum Hotel umgewandelten vormaligen Paläste herrschender Familien. All das wußten wir und versprachen auch, Boris zu grüßen, wenn wir ihm begegnen sollten.
Die Sonne war inzwischen untergegangen, es war aber noch früher Abend, als wir in Bangkok, der Hauptstadt Thailands, ankamen. Beim Landeanflug hatten wir einen herrlichen Blick auf die bereits hell erleuchtete Stadt mit ihren Tempeln.
Hier hatten wir genügend Zeit, um im Terminal eine Kleinigkeit zu uns zu nehmen und uns etwas zu erfrischen.
Es war schon spät, kurz vor Mitternacht, als wir dann in Kalkutta, der bevölkerungsreichsten Stadt Indiens, landeten. Ein alter, klappriger Omnibus brachte uns in die Stadt und hielt vor unserem Hotel, dem altehrwürdigen Great-Eastern, in dem ein halbes Jahrhundert vor uns viele bedeutende und berühmte Weltreisende gewohnt hatten. Jetzt war es nicht mehr ganz auf dem neuesten Stand, aber was für ein Hotel! Unser Zimmer war wohl etwa 40 m² groß. An einer Wand stand ein riesengroßes Himmel-Doppelbett mit vier gewaltigen Säulen, die den "Himmel" in etwa zweieinhalb Meter Höhe trugen. Schrank und Kommode waren entsprechend. Zwei Fenster erlaubten einen Blick über die Stadt, das heißt über die etwas verwahrlosten Dächer. In der Ferne sah man die Kuppel eines Palastes. Gegenüber den Fenstern führte eine Tür ins Bad, das in seiner Größe zu den beeindruckenden Maßen des Zimmers paßte. Das Zimmer hatte - ein Zugeständnis an die neue Zeit - eine Klimaanlage und das weiß-gekachelte Bad heißes und kaltes Wasser. Man konnte sich aber gut vorstellen, daß hier noch um die Jahrhundertwende die Bediensteten mit Eimern heißen Wassers die Wanne gefüllt oder aber den damals noch vorhandenen Badeofen angeheizt haben.
Als wir nach Mitternacht vor dem Hotel ankamen, mußten wir über viele am Boden schlafende Menschen hinwegsteigen, die den größten Teil des Fußwegs bedeckten. Ein Heer von armen Menschen, das geduldig, fatalistisch und ohne Hoffnung dahinlebt, zusammen mit heiligen Kühen, die oft mehr Schutz und Ansehen genießen.
Es gibt auch kleine Händler, Angestellte und Beamte, die dem Zwischenraum zwischen den ganz Armen und den ganz Reichen ein gewisses Gefälle geben, die sichtbare Armut aber ist deprimierend.
Als wir am nächsten Vormittag wieder zum Flughafen kamen, wurde ich gleich zweimal daran erinnert, wie unerfahren in Asien ich noch war:
Bei Vorlage unserer Flugtickets teilte mir ein Angestellter mit, daß der Flug leider bereits ausgebucht sei. Meinem Geschimpfe hielt er jedoch nicht lange stand. Anders der Chef der Paßkontrolle, der unsere Pässe an sich nahm und in seinem Büro verschwand. Als unser Flug zum wiederholten Mal aufgerufen wurde, bekam ich so eine Wut, daß ich den Beamten mit diplomatischen Schwierigkeiten drohte.
Nach vielen späteren Reisen in Afrika und Asien kann ich heute kaum noch verstehen, daß ich damals nicht auf die Idee kam, unauffällig mit einem Geldschein zu winken...
Unser Flug ließ uns den Ärger aber schnell wieder vergessen. Wir saßen in einer alten Fokker Friendship, einem sogenannten Hochdecker, bei dem sich die Fenster unter den Tragflächen befinden, und hatten so einen guten Blick zuerst auf das Delta des Ganges und später auf die Gipfel und in die Täler des Himalaja.
Katmandu, die Hauptstadt Nepals, liegt in einem Hochtal des südlichen Himalaja. Wir mußten erst den Südrand des Gebirges überfliegen, sahen dann das fruchtbare Tal mit seinen vielen Terrassen unter uns, aber auch weiter nördlich die vielen - noch weit höheren - schneebedeckten Bergspitzen.
Der kleine Staat Nepal - fernab der großen Verkehrswege - ist von einem Ring gewaltiger Gebirgszüge umgeben. Tourismus existierte damals erst seit knapp zehn Jahren - es war immer noch ein sehr exotisches Ziel. Bis zur Mitte der fünfziger Jahre gab es keine Straßenverbindung zwischen Indien und Nepal, sondern nur Trägerpfade. Im Katmandu Tal waren aber zur Zeit unseres Besuchs bereits eine Reihe von Straßen, hauptsächlich zwischen den alten Zentren Katmandu, Patan und Bhadgaon, voll ausgebaut.
Als wir - außer uns alles Inder und zwei Japaner - auf dem kleinen Flughafen von Katmandu gelandet waren, wartete bereits ein Wagen des von uns gebuchten Hotels "Panorama" auf uns.
Das "Panorama" lag direkt in der Mitte der Stadt, was zu der Zeit nicht unbedingt ein Vorteil war, denn die Straßen des alten Stadtzentrums waren zum großen Teil ungepflastert. Der Hotel-Manager geleitete uns in unser im ersten Stock gelegenes Zimmer. An der Treppe hingen alte Bilder nepalesischer Könige. Die Könige Nepals stammen seit vielen Jahren vom kriegerischen Volk der Gurkhas; sie standen die meiste Zeit unter dem Einfluß bedeutender Familien, hauptsächlich der Ranas, die angeblich Könige gemacht, abgesetzt und manipuliert haben sollen. Heute findet man verstreut über das Tal viele ehemalige Paläste der Rana-Familie, die zum Teil jetzt als Hotels ausgebaut und genutzt werden. Das "Panorama" gehörte nicht dazu.
Unser Zimmer war wieder ziemlich groß, enthielt drei Betten, Schränke und ein separates Bad. Es war ein überaus interessantes Hotel, die Leute waren sehr freundlich und unter den Hotelgästen waren, wie wir hörten, auch viele Amerikaner und Engländer. Trotzdem sagte es uns - hauptsächlich wegen einiger recht "abenteuerlicher" Tischsitten - nicht zu.
So machten wir uns denn am nächsten Morgen in einer Fahrrad-Rikscha zur Hotelsuche auf den Weg. Als erstes fiel uns natürlich das "Royal" von Boris ein. Wir dirigierten unseren "Driver" also dorthin. Das "Royal" liegt an einer der Ausfallstraßen der Stadt, in einem kleinen Park, wie es sich für einen ehemaligen Rana-Palast gehört.
Boris hatte leider kein Zimmer. Er bot uns jedoch an, für uns beim Hotel "Shanker" anzurufen. Dort hatte man ein Zimmer. Wir fanden das "Shanker" in der gleichen Straße, etwa einen Kilometer weiter außerhalb. Wieder ein großer Park und ein Gebäude, das noch größer schien als das "Royal". Das Zimmer war akzeptabel, wir buchten für den Rest der Woche. Diese alten Paläste ergaben nach Umwandlung natürlich keine modernen Hotels. Alles war alt und nichts war ganz hundertprozentig, aber es hatte Stil. Wir zogen noch am späten Vormittag um und fühlten uns während des Restes unseres Aufenthalts in Katmandu auch ganz wohl.
"Ganz wohl" ist aber, wie mir gerade einfällt, etwas übertrieben, weil Ingrid drei Tage lang krank war und ich sie nur mit trockenem Brot und Tee ernähren konnte. Wer kennt diese, auch als Montezumas Rache bekannte Reisekrankheit, die Magen und Darm angreift, nicht. Statt Montezuma war es hier vielleicht der Yeti, der sich an den Eindringlingen rächte, tatsächlich aber wohl der Genuß irgendwelcher exotischer Früchte und - Eindrücke von Ghats am Ufer des heiligen Bagmati River, wo Sterbende im Kreis ihrer männlichen Angehörigen auf den Tod warteten, während die Reste anderer vor sich hin kohlten. Auch dort hatte man uns hingeführt. Der Geruch von verbranntem Fleisch ließ uns für Tage nicht los.
Wer einmal in Katmandu war, kennt die großen Stupas von Swayambhunath und Bodhnath mit ihren in alle Himmelsrichtungen blickenden Augen, riesige halbkugelförmige Steingebilde, die angeblich eine Reliquie Buddhas enthalten und durch einen Turm gekrönt sind.
Eines Morgens ließen wir uns schon um 4 Uhr von einem Taxi abholen und in die Berge hinter Nagarkot fahren, wo wir auf den Zeitpunkt direkt vor Sonnenaufgang warteten, auf den Moment also, in dem die Sonne die Berge von hinten anstrahlt und den Himmel darüber bereits erhellt. Und plötzlich zeichneten sich dann auch die Konturen von hohen Bergen ab, deren uns zugewandte Seite noch im Schatten lag: Mt. Everest, Lhotse, Gaurisankar und noch einige andere, deren Namen ich vergessen habe.
Es war ein wirklich erhebender Augenblick, die höchsten Berge der Erde in weniger als 100 km Entfernung vor sich zu haben - sichtbar aber nur für etwa fünf Minuten. Dann wurde es oben so hell, daß sie sich bald nicht mehr vom Himmel abhoben. Und als dann die Sonne noch höher stieg, war es mit dem schönen Bild gänzlich vorbei...
Wir verließen Nepal nach einer Woche wieder, um uns jetzt in Nord-Indien die Zentren der Mogul-Kaiser, bzw. was davon noch übrig war, anzusehen. Wir wußten von Old Delhi, Agra und natürlich auch von Fatehpur Sikri, der verlassenen Stadt Akbars.
Der Urvater der Moguldynastie war wohl Timur, der mongolische Eroberer, der Südrußland, Persien, Teile der Türkei und auch Nordindien mit Delhi im 14.Jahrhundert eroberte. Zur Absicherung seiner Eroberungen und mit dem Ziel, weiteren Einfluß auch in China zu erlangen, heiratete Timur eine Prinzessin aus Dschingis Khans Nachkommenschaft. Er verließ jedoch Nordindien wieder, ohne die Herrschaft dort anzustreben.
Eigentlicher Begründer des Mogulreiches ist sein Nachkomme Babur, der 150 Jahre später aus Kirgisien über Afghanistan nach Nordindien eindrang und Delhi zu seiner Hauptstadt machte.
Die Mogul-Herrscher waren für ihre Zeit hochgebildet. Sie brachten Baumeister aus Persien in das Land und Baburs Enkel Akbar (der Große), selbst ein Mohammedaner, ließ, wie berichtet wird, Vertreter anderer Religionen, darunter auch einen Jesuiten Pater, kommen, um mit ihnen zu diskutieren.
Höhepunkt des Mogulreiches war die Zeit Akbars in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Sein Enkel Schah Dschahan baute ein Grabmal für seine bereits früh gestorbene Lieblingsfrau Mumtaz Mahal, das ganz aus weißem Marmor mit eingelegten Halbedelsteinen verzierte Taj Mahal (oder Tadsch Mahal), das Agra, die neben Delhi zweite Stadt der Moguls, weltbekannt machte.
Noch sichtbare Spuren der Mogul-Kaiser, die im 18. Jahrhundert bereits an Macht und Bedeutung verloren, finden sich außer im Taj Mahal, vor allem im Red Fort in Delhi, im Red Fort in Agra, in der von Akbar erbauten, 40 km von Agra entfernten Stadt Fatehpur Sikri, sowie in monumentalen Grabmälern der einzelnen Herrscher und ihrer Frauen.
Wir waren fünf Tage in Delhi und sechs Tage in Agra, genug Zeit, um auch die hauptsächlich in und um Delhi noch sichtbaren und zum Teil weit vor die Mogulzeit zurückreichenden Sehenswürdigkeiten kennenzulernen.
In Agra ließ ich mir von einem Vertreter des Innenministeriums eine Sondererlaubnis geben, auch in das Innere und auf den Balkon des Torgebäudes (Gateway) zum Taj Mahal geführt zu werden. Der Herausgeber einer amerikanischen Photo-Zeitschrift hatte nämlich von dort aus besonders schöne Bilder vom Taj Mahal gemacht und darüber berichtet.
Die indischen Beamten bestanden darauf, daß wir nicht nur in den 1. Stock und auf den Balkon, sondern auch auf das Dach stiegen. So sind wir denn um die berühmten 22 Kuppeln - 20.000 Arbeiter sollen angeblich 22 Jahre am Taj Mahal gearbeitet haben - herumgelaufen, um besondere Aufnahmewinkel zu finden. Leider war der Himmel bedeckt, so daß die Aufnahmen letztlich doch nicht so wurden, wie wir uns das vorgestellt hatten.
Am Ende unserer so ereignisreichen Zeit in Nepal und Indien, flogen wir von Agra über Jaipur nach Bombay und von dort aus nach Deutschland...


IN STUTTGART

Warum flogen wir eigentlich nach Stuttgart? Keiner von uns beiden war bisher jemals dort gewesen, wir kannten auch niemanden, hatten uns aber gedacht, als Norddeutsche sollten wir versuchen, in Süddeutschland, dem Urlaubsziel vieler Norddeutscher, seßhaft zu werden.
Mit Wohnraum sah es allerdings schlimm aus. Wir zogen nach einigen Tagen im Hotel in ein sogenanntes Gästehaus.
Vollkommen unerwartet dagegen war für uns die Lage auf dem Arbeitsmarkt. 1969 begann ja der wirtschaftliche Aufschwung.
Schon die erste Firma, bei der ich eher zufällig an einem der nächsten Nachmittage anrief, war bereit mich einzustellen, Werbung oder Interne Revision. Was wußte ich von Werbung? So gut wie nichts. Aber von Revision wußte ich eine ganze Menge...
Und wie stand es mit der Aufenthaltsgenehmigung und der Arbeitserlaubnis? Mußten wir wirklich erst nach London übersiedeln?
Als ich mich in der Schlange der Gastarbeiter langsam zum Amtszimmer der Fremdenpolizei in Stuttgart vorschob, war ich mir wohl bewußt, daß ich viel weniger Aussicht hatte als die um mich herum wartenden Italiener und anderen EG-Ausländer. Ich kam ja aus keinem EG-Staat. Als ich dann vor dem "Allgewaltigen" stand, suchte der in seinen Listen nach und fand, daß Australien ja eines der Ausnahmeländer war, drückte einen Stempel in meinen Paß und die Sache war erledigt...
Natürlich mußten wir unsere Genehmigungen zuerst jährlich, später alle fünf Jahre erneuern lassen. Als dann aber die Situation auf dem Arbeitsmarkt schlechter wurde und ich tatsächlich befürchten mußte, daß man mich als Nicht-EG-Ausländer eines Tages vor die Tür setzt, wurde mir das Risiko zu groß. Ingrid und ich beantragten die Naturalisierung. Dem stand auch nichts im Wege - außer dem "Eintrittsgeld". 75% der durchschnittlichen Brutto-Monatsverdienste waren an der Kasse zu bezahlen. Da half es auch nichts, daß ich einmal für Deutschland im Krieg gewesen war. Auf Grund meiner Eingabe machte man dann bei uns doch eine Ausnahme und reduzierte die Forderung um 30%.
In den siebziger und frühen achtziger Jahren war ich in der Bundesrepublik erst Konzernrevisor, dann Prüfungsleiter und später Manager mit jeweils sehr interessanten Aufgaben, die zum Teil auch im Ausland lagen. Diese Arbeit - ebenso wie zahlreiche Konferenzen mit Vertretern anderer europäischer Gesellschaften - gab mir oft Gelegenheit meine englischen bzw. australischen und südafrikanischen Erfahrungen einzubringen.
Die Verbindung zu unseren Freunden in Adelaide blieb über die vielen Jahre bestehen. Mehrmals kamen sie nach Deutschland, wie zum Beispiel zu den Olympischen Spielen 1972. Einmal, 1979, flogen wir für sechs Wochen nach Australien. Weil wir einen großen Teil unserer jungen Jahre dort verbracht hatten und unsere Freunde auf uns warteten, hatten wir auch vor, nach meinem Arbeitsleben wieder zurückzukehren.
1986 wollten wir - als Deutsche, also als Ausländer - wieder nach Australien einreisen und uns dort niederlassen. Bei einer ersten Anfrage bei der Botschaft hörten wir, daß wir keine der Voraussetzungen erfüllten und daher, trotz unserer ehemaligen Staatsbürgerschaft, auch keine Aussicht hätten, mehr als ein Besucher-Visum zu erhalten. Ich schrieb dann einen erklärenden Brief an den australischen Bundesminister für das Einwanderungswesen in Canberra und bat um Ausnahmeregelung für uns. Ungefähr zehn Tage später erhielt ich ein kurzes Schreiben vom Büro des Ministers, in dem mir mitgeteilt wurde, daß der Minister sich des Falles angenommen habe und wir in Kürze wieder von der Botschaft hören würden. Als wir gebeten wurden, zur Botschaft zu kommen, stellte sich heraus, daß wir jetzt aufgrund einer neuen Regelung zu einem privilegierten Kreis gehörten, der genau auf uns zugeschnitten schien. Wir konnten wieder zurückkehren. Auch die frühzeitige Wiederannahme der Staatsbürgerschaft wurde uns anheim gestellt.
So kam es, daß ich 1986 in den vorzeitigen Ruhestand ging, um noch möglichst viele Jahre in Australien verleben zu können. Zum Erstaunen meiner Kollegen kündigte ich zu meinem 61. Geburtstag und ließ mich auch nicht überreden weiterzumachen...


UND WIEDER: AUSTRALIEN

Nachdem wir die Formalitäten mit der Botschaft erledigt hatten, ließen wir im September 1986 einen Container beladen, der dann langsam auf dem Seeweg nach Adelaide gebracht wurde, während wir über Singapur und Sydney dorthin flogen. Die beiden Zwischenstops dehnten wir jeweils für ein paar Tage aus, um die Länge des Fluges nicht zu strapaziös für uns werden zu lassen. Freunde hatten für uns einige Jahre vorher bereits ein kleines ebenerdiges Reihenhaus gekauft, das bisher vermietet war, jetzt aber auf uns wartete.
So waren wir denn Ende 1986 wieder an der Stätte unserer jungen Ehe und unserer Jugend angelangt. Natürlich war jetzt alles ganz anders als früher. Das Land nicht so sehr, aber Stadt und Bevölkerung hatten sich verändert, wie auch wir uns in den 18 Jahren verändert hatten.
Das Reihenhaus sagte uns nicht zu. Wir verkauften es also und kauften uns ein kleines Einfamilienhaus mit großem Garten. Dann fanden wir aber auch, daß die sommerlichen Temperaturen von bis zu 40 Grad im Schatten für uns nicht mehr angenehm waren.
Wir wußten aus Erfahrung, daß es drei bis fünf Jahre dauert, ehe man sich akklimatisiert hat. Erst dann hat man sich soweit an die neuen Verhältnisse gewöhnt und sich innerlich gleichzeitig von den alten entfernt, daß man auch bei einem Zurück wieder Jahre benötigt. Sollten wir nun hierbleiben, wo wir in Gedanken doch oft noch in Deutschland waren? Für mich persönlich unerwartet, fühlte auch ich jetzt ein gewisses Heimweh, ein Heimweh nach einer Gegend, wo wir keine Einwanderer, nicht einmal "Zugereiste" waren...


RUND UM AUSTRALIEN

Wir hatten uns ein Wohnmobil gekauft und unternahmen drei lange Reisen in den Norden, sogenannte Winterreisen, um das im Winter kühler und schlechter werdende Wetter des Südens gegen das zur gleichen Zeit angenehm warme Wetter in Nordaustralien einzutauschen. So machten es mit uns viele andere, die es sich zeitlich leisten konnten. Da man auf so einer Reise leicht zwischen 10.000 und 15.000, oft aber auch mehr als 20.000 Kilometer zurücklegen kann, benötigt man natürlich auch die entsprechende Zeit - zwei, drei oder vier Monate. Wir trafen aber auch Leute, die bereits seit über einem Jahr unterwegs waren.
Das australische Inland zu lieben, heißt auch Augen für die einzigartige Schönheit dieser kargen Landschaft mit ihren ausgetrockneten Flußläufen, den Eukalyptus-Bäumen - die hier in vielen verschiedenen Arten vorkommen - zu haben. So genügsam, wie es die australischen Ureinwohner sein mußten, so genügsam sind auch die australischen Pflanzen und Bäume und die einheimischen Tiere. Sie alle mußten sich im Laufe der Jahrtausende an das Land mit seinen oft extremen Temperaturen und dem ständigen Wechsel zwischen Regen, Dürre und ausgedehnten Bränden gewöhnen.
Auf unseren Touren durch Australien konnten wir oft Känguruhs beobachten, die man - ähnlich den Emus - meist allein oder aber in Kleingruppen sieht. In allen Teilen des Landes trifft man auf große Scharen von Kakadus, deren Farben von Gegend zu Gegend verschieden sind. Dingos - die australischen Wildhunde, die etwa die Größe von kleinen Schäferhunden haben - sieht man sehr selten, aber nachts kann man sie manchmal hören. Eidechsen hingegen und andere Kleintiere - wichtiger Nahrungsbestandteil der Ureinwohner, wenn sie in traditioneller Art (beim "Walk About" zum Beispiel) leben - sind überall zu finden.
Natürlich gibt es auch Schlangen, Skorpione und andere für uns unangenehme Arten. Ich habe jedoch weder in meiner Zeit auf der Cattle Station - wir schliefen damals ja fast nur auf einer Decke am Boden -, noch jetzt während unserer Inland-Touren persönliche Erfahrungen mit ihnen machen müssen.
Für viele ist die lange Fahrt zum weit entfernten Ziel im Norden nur ein langweiliges Übel, das man eben durchstehen muß. Für Ingrid und mich waren diese Fahrten immer ein wichtiger Teil des Ganzen. Wir machten oft Picknick an ausgetrockneten Flußläufen im Schatten der pittoresken Fluß-Eukalytusbäume - den Red River Gums -, an Stellen, die für andere vollkommen uninteressant zu sein schienen.
Das Hauptziel der älteren Generation aus Sydney, Melbourne und Adelaide war Nord-Queensland mit der langen tropische Pazifik-Küste, der das berühmte Barrier Reef (ein über 1500 km langes Korallenriff) vorgelagert ist. Die Hauptstadt Brisbane liegt ganz im Süden des Bundesstaates, fast 2000 km von Mossman und Daintree, dem oberen Ende der befestigten Küstenstraße, entfernt.
Man ist dort oben im Norden zwar fern großer Städte, doch wird die Landschaft während der Trockenzeit, im Süd-Winter, stark besucht von Touristen. Im Sommer, etwa von November bis März, ist es in dieser Region feucht-heiß. Die Nordostküste ist auch das Gebiet der höchsten Niederschläge und der Wirbelstürme. In den tropischen Waldgebieten des extremen Nordostens sieht man viele Arten seltener bunter Vögel und Schmetterlinge, während sich am Meer die Palmen in der leichten Brise wiegen - Südsee-Idylle.
So wie aber im Paradies die Schlange lauerte, so gibt es auch in diesem Paradies Gefahren, tödliche Gefahren sogar:
Über uns herrlich blauer Himmel mit einzelnen Schäfchenwolken, unter uns weißer Sand, soweit wir blicken können, hinter uns schlanke hohe Palmen und vor uns der Pazifik mit sanften Brandungswellen. Am Horizont romantisch aussehende Inseln und weit draußen, den Blicken entzogen, das Korallenriff, das die hohen Wellen des Meeres zur leisen Brandung herabmildert. Was kann da schon gefährlich sein? Mit Haifischen muß man schließlich auch im Süden rechnen.
Hier sind es die Box Jelly Fische, eine Quallenart, die so giftig ist, daß ein leichter Stich innerhalb von 10 bis 15 Minuten zum Tode führen kann. Diese Quallen soll es nur hier oben, in tropischen Gewässern nördlich von Rockhampton und auch nur in den Monaten Oktober/November bis März/April geben. Aber kann man sich darauf verlassen? Fast in jedem Jahr hört man von Todesfällen. Ich kann mich erinnern, daß ich bereits 1954 in Darwin vor diesen Quallen gewarnt worden war. Jetzt konnte ich den Gedanken an sie beim Schwimmen im Meer nie ganz verdrängen.
Wir fühlten uns niemals so ganz sicher, zumal wir beim Muschelsuchen an einsamen Stränden oft auch in die Mündungen kleiner Bäche gingen, wo meist die besten Funde gemacht werden konnten. Da wir dabei auch einmal die markanten Schleifspuren von Krokodilen sahen, waren wir später immer auf der Hut.
Bei einem Ausflug von Cairns aus zu den 40 oder 50 km weit entfernten äußeren Stellen des Korallenriffs habe ich auch geschnorchelt. Man konnte das Riff mit den vielen verschiedenen Arten von Korallen und den bunten großen und kleinen Fischen auch mit einem U-Boot oder einem Glasbodenboot erkunden. Die eindeutig schönste Methode war ohne Zweifel das Schnorcheln. Die Korallen, die wir als starre, steinartige Gebilde kennen, sind unter der Meeresoberfläche teilweise so dünn, daß sie sich wie Zweige im leichten Seegang hin und herwiegen. Sie haben bizarre Formen und herrliche Farben, die mit der Farbvielfalt der Fische konkurrieren. Es ist wirklich ein einmaliges Erlebnis.
Das war der Nordosten, den wir einmal von der Mitte her, von Tennant Creek im Nord-Territorium, über Mount Isa, und das zweite Mal von Süden, über New South Wales kommend, erreichten. Es ist in der Tat das populärste Urlaubsgebiet des Kontinents.
Bei unserer zweiten Reise verfolgten wir auf dem Rückweg die ganze Ost- und Südostküste über Sydney, Melbourne bis zurück nach Adelaide.
Um aber Australien wirklich kennenzulernen, muß man natürlich auch die Gebiete des extremen Nordens und des riesigen Westens mit einbeziehen. Aus diesem Grund machten wir eine dritte Reise, die wieder über Alice Springs diesmal ganz hinauf bis Darwin und dann der Küste entlang um ganz Westaustralien führte. Von Anfang Juni bis Mitte September waren wir unterwegs.
Hier im Nordwesten erschloß sich uns eine vollkommen andere Landschaft. Seit 1986 war eine Straße, die zwar in Küstennähe, oft aber doch 50, 100 oder auch mehr Kilometer von dieser entfernt verläuft, fertig. Die Camping Plätze waren meistens mehr als 200 km, zum Teil auch noch weiter voneinander entfernt, so daß man keine große Auswahl hatte. Mit Benzin und Wasser war es natürlich genau so. Man mußte die täglichen Etappen sorgfältig planen, weil es nicht alle hundert Kilometer eine Tankstelle gab.
Einen besonders schönen Strand hat die alte Perlenstadt Broome, die sogenannte Cable Beach, an die ich mich gern erinnere. Dort gelang es mir nämlich zum ersten und einzigen Mal, auf dem gemieteten Surfboard liegend, von weit draußen mit den großen Wellen bis direkt an den Strand zu surfen. Es handelte sich hierbei um Wellenreiten und nicht um das hier bei uns besser bekannte Windsurfen. Ja, ich weiß wohl, daß die Surfer um Sydney herum die noch höheren Pazifikwellen, auf dem Board stehend, bis zur Vollendung auszunutzen verstehen. So gut war ich nie. Ich kann mich auch noch erinnern, wie stolz ich einige Jahre zuvor nach einer ausgedehnten Beach-Fallschirmrunde an der Nordküste von Penang war, als nach vielen wohlgemeinten Warnungen dann doch alles klappte und ich weder in den Bäumen, noch im Wasser, sondern wie vorgesehen am Strand landete.
Hier im Westen wurde übrigens nicht von irgendwelchen Gefahren im Wasser gesprochen. Vielleicht gab es hier ja auch keine oder man wollte die Leute, die sich in diese Gegend verirrten, nicht abschrecken.
Neben den kleinen Ansiedlungen an der Küste sahen wir auf unserer Route auch andere, für Australien jedoch berühmte Regionen, wie die Ord River Stauseen oder die Bungle Bungles, eine spektakuläre Bergformation, die wir in einem kleinen Flugzeug erkundeten, den Fitzroy River mit der oft überschwemmten Fitzroy Crossing und letztendlich, für uns am beeindruckendsten, die Hamersley Range.
Diese Hamersley Range ist eine Bergkette im Nordwesten, die etwa 150 bis 200 Kilometer südlich der Straße liegt und nur über zwar feste, aber extrem staubige Wege zu erreichen ist. Die Berge sind zwischen 800 und 1.200 Meter hoch und werden von unzähligen Schluchten durchzogen. Wie so oft waren wir beide in diesen Tagen die einzigen, die in einem Tagesmarsch die Hauptschlucht bis zu ihrem Ende verfolgten. Es war ein sehr anstrengender, aber auch lohnender Ausflug. Trotz der enormen Hitze, die hier oben im Nordwesten ständig herrscht, war das Wasser, das wir auf unserer Kletterpartie durch die Felsschluchten hier und da durchqueren mußten, eiskalt. Nur dort, wo die Wasseroberfläche in der Sonne lag, wurden die oberen Schichten erwärmt.
Ein besonderes Erlebnis an der Westküste hatten wir in der Bucht von Monkey Mia, die bekannt dafür ist, daß dort etwa ein Duzend Delphine zweimal am Tag ins seichte Wasser kommen. Es hatte sich eingebürgert, eine kleine Menge Futter an diese Tiere zu verteilen, so wenig jedoch, daß sie nicht davon abhängig wurden. Es durften auch nur die bei der Verwaltung des Strandes in kleinen Behältern gekauften Fische verfüttert werden. Natürlich holte ich auch für Ingrid solch ein kleines Eimerchen mit drei oder vier Fischen.
Wir brauchten nicht lange warten. Die Delphine kamen, man könnte fast sagen, zum Schmusen. Wir standen im knietiefen Wasser, in das auch die Tiere langsam hineinglitten, um sich dann an unseren bloßen Beinen zu reiben. Mit leicht zur Seite gedrehtem Kopf, schwammen sie nicht nur dorthin, wo die bekannten Eimer sichtbar waren. Es schien, als wenn sie sich ihre Kontaktperson selbst aussuchten. Sie ließen sich sogar streicheln. Überrascht und verwundert mußten wir uns immer wieder sagen, daß wir hier ja nicht am Aquarium, sondern am offenen Meer standen und die Delphine nicht zahm, sondern "wild" waren.
Auf der Weiterfahrt nach Perth versäumten wir auch nicht, uns die schöne Landschaft an der Mündung des Murchison Rivers und die oft beschriebenen Pinnacles im Nambung National Park bei Cervantes, zwischen Perth und Geraldton, anzusehen. Bei den Pinnacles handelt es sich um Sickerungen von Muschelkalk, die später aufgrund ihrer Härte nach Erosion der sie umgebenden weicheren Gesteinsarten als bizarre monumentartige Gebilde übrigblieben. Das Ganze erinnert etwas an die weit spektakulärere Landschaft des amerikanischen Bryce Canyons.
Mitte September kamen wir auch von dieser dritten Tour gut wieder nach Adelaide zurück, nachdem wir uns ebenfalls auf dieser Seite die ganze Küste, auch den äußersten Südwesten, angesehen hatten. Unser Wohnmobil hatte in den etwas über zwei Jahren mehr als 60.000 km zurückgelegt.
Australische Sehenswürdigkeiten, an die der von Europa kommende Tourist in erster Linie denkt - wie Ayers Rock, den wir im Laufe der Jahre zweimal bestiegen, die Olgas sowie die großen Städte des Landes - sahen wir auch auf unseren Touren, zum großen Teil hatten wir sie aber bereits in früheren Jahren kennengelernt.


ZU HAUSE

Während unserer zweiten Tour 1987 war ein Freund und während unserer dritten 1988 noch ein anderer Freund gestorben. Natürlich hatten wir weiterhin gute Freunde in Australien, aber, wie bereits beschrieben, verspürten wir jetzt den Drang, doch lieber in Deutschland alt zu werden.
Im April 1989 flogen wir nach Deutschland. Diesmal benutzten wir die Pazifik Route. Wir blieben einige Tage auf Hawaii und machten eine Überlandreise quer durch die Vereinigten Staaten. Das Inland mit seinen vielen Naturparks beeindruckte uns so sehr, das wir uns eine ausgedehnte Tour durch den äußersten Südwesten als nächstes Reiseziel vornahmen. Diese, sicherlich unsere letzte große Fernreise, machten wir dann im September und Oktober 1993.
Einen Monat nach Verlassen Australiens kamen wir wieder in Europa an. Bevor wir in die Bundesrepublik einreisten, blieben wir noch ein paar Tage in London. Unsere neuen Pässe in Händen, brauchten wir uns diesmal um keine Sondergenehmigung zu sorgen. Bereits in London wurden wir als einreisende EG-Bürger an einem Sonderschalter durchgeschleust.
Wir fanden auch eine für uns passende Wohnung im Hamburger Stadtteil Wandsbek. So war ich denn nach langjähriger Abwesenheit wirklich in die alte Gegend zurückgekehrt und zufrieden, wieder in meiner angestammten Heimat zu sein.
Oftmals bin ich weitergezogen, wo andere anscheinend für ihr ganzes Leben Zufriedenheit gefunden hatten. Sicherlich hätte ich, hauptsächlich in materieller Hinsicht, mehr daraus machen können. Ich glaube aber nicht, daß ich glücklicher geworden wäre.
Über viele Jahre habe ich als Ausländer in fremden Ländern Toleranz und Freundlichkeit, ja auch Freundschaft erfahren. Darum empfinde ich es als höchst erschreckend, wenn Fremden- und Ausländerfeindlichkeit jetzt hier bei uns zu einem Problem werden. Alle legal in den letzten Monaten, Jahren und Jahrzehnten zu uns gekommenen Ausländer, die sich in Deutschland mit ihren Familien niedergelassen haben und uns in der Vergangenheit ja auch durchaus willkommen waren, müssen von uns allen respektiert werden. Wir sollten alles daransetzen, sie voll zu integrieren, soweit das noch nicht geschehen ist.
Erfahrungen während der Nazi-Herrschaft - in der Millionen von Juden, nur weil sie Juden waren, umgebracht wurden und gleichzeitig deutsche Emigranten im Ausland Zuflucht suchten und fanden - sollten selbstverständlich dazu führen, daß wir bei der Gewährung von Asyl nicht nur mit anderen Staaten gleichziehen, sondern besonders sensitiv gegenüber Verfolgten, die an unsere Tür klopfen, sein müssen. Es liegt an unseren Politikern, den Zustrom von Ausländern so zu steuern, daß alle unsere Bevölkerungsschichten diesem Zustrom nicht nur materiell, sondern auch emotionell gewachsen bleiben. Politischer Extremismus muß im Keime erstickt werden.
Wir Älteren, selbst wenn wir in den dreißiger Jahren vielleicht noch zu jung waren um Einfluß zu nehmen, können uns alle erinnern, oder sollten uns doch erinnern können, daß politische Abstinenz Mitverantwortung nicht aussschließt. Gerade wir Älteren müssen uns Gedanken machen und über unsere Gedanken auch sprechen.
Wir können nicht unsere individuelle Verantwortung für unser Leben anderen Leuten - der Gemeinschaft - aufbürden, wenn wir uns nicht vorher bemüht haben, unseren Teil der Verantwortung selbst zu tragen.
Es geht nicht, daß wir bei der Regelung unserer mitmenschlichen Beziehungen - bei der Kindererziehung, am Arbeitsplatz, im Straßenverkehr, ebenso wie beim Zusammenleben mit unseren Nachbarn - ständig nur auf den Staat blicken, andererseits aber davon überzeugt sind, mehr Freiheit beanspruchen zu müssen.
Die Bedeutung von ehrenamtlichen Aufgaben habe ich in anderen Ländern erlebt. Dort werden viele Probleme der Unterprivilegierten und Hilfsbedürftigen in der Gemeinde von den besser gestellten Einwohnern selbst gelöst. Gerade in schwierigeren Zeiten sollte jeder, der es sich zeitlich und finanziell leisten kann, auch bei uns noch mehr darüber nachdenken, wo er - nicht nur finanziell - etwas für Hilfsbedürftige tun kann.
Natürlich versuchte ich auch in dem mir noch verbleibenden Rahmen etwas zu bewirken. So war ich zum Beispiel für viele Jahre registrierter "Senior Experte", selbst wenn meine sehr allgemeinen Erfahrungen dabei nicht zum Einsatz kamen. Es handelt sich dabei um das freiwillige unentgeltliche Einbringen beruflicher Erfahrungen in Regionen, die einer solchen Hilfe bedürfen. Diese Hilfe wird von der Bundesrepublik und von anderen westeuropäischen Ländern gesteuert.
Ich war auch als vom Amtsgericht bestallter Betreuer (früher Vormund) für eine in einem Heim befindliche Person tätig. Außerdem war ich im "Kinderschutzbund" und versuchte, im örtlichen Kinderhaus einmal in der Woche zum großen Teil ausländischen Kindern bei der Bewältigung ihrer Schulaufgaben beobachtend und, wo notwendig, auch beratend zur Seite zu stehen und noch jüngere auf die Schule vorzubereiten.
Diese ehrenamtlichen Aufgaben haben mir viel Spaß gemacht. Ich freue mich, daß ich Gelegenheit dazu hatte und noch dazu in der Lage war.


AUSTRALIEN UND DAS LEBEN DORT

Australien ist ein sehr großes Land, ein eigener Kontinent, dessen Besiedelung sich jedoch auf einen dünnen Streifen entlang der Küste - hauptsächlich der Südostküste, die Ende 1700 und Anfang 1800 als erste kolonisiert worden war - beschränkt. Das Innere des Landes wurde und wird immer noch für Viehzucht, überwiegend aber überhaupt nicht genutzt.
Angefangen hatte alles im August 1770, als sich Captain James Cook von einer Beobachtung der Sonnenfinsternis (durch die vor der Sonne vorbeiziehende Venus) aus dem Süd-Pazifik nach Westen auf den Heimweg machte. Begleitet wurde er auf dieser Reise von einer größeren Anzahl von Wissenschaftlern, unter anderen dem jungen später berühmten Botaniker Joseph Banks, der von dieser Reise die ersten Zeichnungen australischer Pflanzen und Tiere mit nach England brachte. Captain Cook war der erste, der die australische Ostküste erkundete, aufzeichnete und für die englische Krone in Besitz nahm. In den Jahrhunderten vorher waren Teile der australischen Küste zwar schon verschiedentlich von Europäern gesichtet worden, es war jedoch zu keiner intensiveren Erkundung oder Inbesitznahme gekommen.
Erst Captain Phillip, der 1788 mit einer Flotte von England kommend, die Kolonie New South Wales, wie damals die ganze Ostküste genannt wurde, jetzt auch praktisch in Besitz nahm, begann als erster Gouverneur die Besiedelung des neuen Kontinents. In den ersten Jahrzehnten waren es in der Tat hauptsächlich Sträflinge, die dorthin deportiert wurden. Bereits Anfang des neunzehnten Jahrhunderts wurden jedoch weitere Kolonien mit freien unabhängigen Siedlern gegründet. Der durch die Meuterei auf der Bounty weltweit bekannt gewordene Captain Bligh war anschließend übrigens auch einmal für einige Jahre Gouverneur von New South Wales.
Die verhältnismäßig langsame und immer noch spärliche Besiedelung des australischen Kontinents ist auf die klimatischen Gegebenheiten zurückzuführen. Die Trockenheit der Landflächen im Inneren, in denen so gut wie jegliche Vegetation fehlt, ist so groß, daß die geringen Niederschläge sehr schnell in der trockenheißen Luft verdunsten. In den fünfziger Jahren dieses Jahrhunderts wurden gigantische Bewässerungsvorhaben durch das Stauen von Flüssen im östlichen Randgebirge in Angriff genommen, die aber auch nur die immer noch am dichtesten besiedelten Gebiete im Südosten versorgen können. Abgesehen von der Nord/Südverbindung zwischen Darwin und Adelaide beschränken sich die Verkehrswege fast ausschließlich auf die Küstenregionen.
Die einzelnen Teile Australiens, die ja zu verschiedenen Zeitpunkten kolonisiert worden waren, wurden 1901 zu einem Staatenbund, dem Commonwealth of Australia, zusammengeschlossen. Die Entwicklung in den einzelnen Staaten verlief oftmals recht unterschiedlich. Dies führte dazu, daß die Bedingungen, zum Teil aber auch die Gesetze, verschieden waren. Für das Zusammenwachsen später besonders erschwerend wirkte sich zum Beispiel die unterschiedliche Spurbreite der einzelnen Eisenbahnen aus. Im Laufe der vergangenen vierzig Jahre wurde aber vieles vereinheitlicht. Trotzdem muß man sich heute noch an die unterschiedlichen Geschwindigkeitsregeln im Straßenverkehr anpassen.
Durch die vielen Erzvorkommen im Inneren Australiens sind in den letzten Jahrzehnten in vielen Teilen des Landes neue Zentren entstanden und auch durch Verkehrswege erschlossen worden. Das riesige Gebiet in der oberen Mitte des Kontinents ist bisher kein eigener Staat, sondern wird als Territorium von der Bundesregierung in Canberra verwaltet.
Die Wirtschaft Australiens basiert immer noch zum großen Teil auf der von den Europäern eingeführten landwirtschaftlichen Primärproduktion, die aber durch die klimatischen Gegebenheiten problembehaftet ist und dem Land mangels besseren Wissens aufgezwungen worden war. Getreide wächst zwar in den Randzonen, doch haben die Farmer ständig gegen Trockenheit, Überflutungen oder Insekteninvasionen zu kämpfen. Ähnlich geht es mit der Viehzucht. Man benötigt unverhältnismäßig große Gebiete, um die Herden zu halten und entsprechende Maßnahmen, um Seuchen zu bekämpfen. Trotzdem sind die Getreide- und die Wollproduktion für die Entwicklung Australiens ausschlaggebend gewesen. Es wird allerdings immer schwieriger, diese Produkte bei der immer stärker werdenden Konkurrenz auf dem Weltmarkt gewinnbringend zu verkaufen. Ein gewisser Ausgleich hierfür ist im zunehmenden Export der australischen Bodenschätze gefunden worden.
Natürlich gibt es in Australien auch eine Sekundärindustrie.
In den ersten Jahrzehnten nach dem letzten Krieg wurden große Anstrengungen unternommen, um die Industrialisierung des Landes zu fördern und dadurch der Volkswirtschaft eine breitere und sicherere Basis zu schaffen. Es gab eine eigene Automobilproduktion, die zwar durch Schutzzölle gestützt wurde, es gab aber auch Werften und Maschinenfabrikation.
Das war vor vierzig Jahren. In der Zwischenzeit hat sich langfristig nur die Gewinnung von neuen Bodenschätzen positiv entwickelt. Der Dienstleistungssektor indessen wird im Hinblick auf den in den letzten Jahren ständig zunehmenden Tourismus auch immer wichtiger. Australien, das man früher nach wochenlanger Schiffsreise erreichte, ist jetzt mit allen Teilen der Welt durch regen Flugverkehr verbunden.
Entsprechend diesen Entwicklungen hat sich auch das Leben in Australien verändert. Als wir in der ersten Hälfte der fünfziger Jahre dort ankamen, hatte Australien ca. 9 Millionen Einwohner, d.h. weiße Australier, denen weniger als hunderttausend Eingeborene gegenüberstanden. Inzwischen hat sich die Zahl - sowohl der Weißen wie auch der Eingeborenen - jedoch bedeutend erhöht. Es gab damals in Australien so gut wie keine Arbeitslosigkeit. Ganz im Gegenteil. Nach einer wirtschaftlichen Rezession nach dem Kriege war man auf den Zustrom von Einwanderern angewiesen, um die notwendigen Aufbau- und Ausbauvorhaben zu bewältigen.
In allen Bereichen der gewerblichen Wirtschaft wurde der Lohn wöchentlich gezahlt und es gab auch eine wöchentliche Kündigungsfrist. Der wöchentliche Mindestlohn wurde periodisch von einer staatlichen Kommission neu festgesetzt und für die verschiedenen Industrien angepaßt. Der Verdienst entsprach damals umgerechnet etwa dem deutschen Durchschnittsverdienst. Das Leben war durch preisgünstige Basis-Lebensmittel etwas billiger. Teurer, etwa doppelt so teuer wie in Deutschland, waren sämtliche Importartikel, einschließlich Autos und allen Elektroartikeln.
Der normale Australier wohnte in seinem eigenen Haus mit Garten, das er durch günstige Kreditbedingungen bei einer Minimalanzahlung über 30 Jahre finanzierte.
Die private Krankenversicherung (damals gab es keine staatliche) konnte man seinen Ansprüchen durch die Wahl verschiedener Tarife anpassen. Sie war preiswert und vergütete einen Teil der belegten Auslagen entsprechend dem gewählten Tarif. Für die Altersversorgung gab und gibt es auch heute noch eine staatliche Einheitsrente, die jedoch beim Überschreiten bestimmter Vermögens- und Einkunftsgrenzen entfällt. Rentenansprüche werden durch die Zahlung der Einkommensteuer finanziert, richten sich aber nicht nach dem Verdienst. Wohlhabende, deren Vermögen zum Lebensabend über den festgelegten Grenzen liegt, finanzieren die Rente durch ihre Steuern zwar mit, haben letztendlich aber keinen eigenen Anspruch. Sie müssen sich in Australien durch Lebensversicherungen oder Wertpapiere selbst absichern.
Obgleich auch die australische Stadtbevölkerung europäischen Ursprungs war - Eingeborene sah man nur im Inneren des Landes - waren die Unterschiede gegenüber Deutschland groß. Auch dies war aber von Stadt zu Stadt verschieden, wobei ich immer die großen Städte meine. Sydney, Melbourne, Adelaide etc. waren auch nach europäischen Begriffen große Städte. Dazwischen jedoch lag das weite Land, das bereits jenseits der äußeren Stadt- oder Vorortsgrenzen begann und bis zur nächsten Großstadt nur durch entlegene kleine Zentren (oft nach hundert oder mehr Kilometern) unterbrochen wurde. Zu unserer Zeit war der "Durchschnitts-Australier" - bedingt wohl überwiegend durch die Eigenheiten des Landes - ruhig, zurückhaltend, aber freundlich und natürlich hilfsbereit. Eine Eigenschaft, die in den ehemaligen Kolonien wichtig war. Das gesellige Leben fand in der Familie statt. Als Folge waren die Straßen der Städte abends nach 6 Uhr, nachdem die Pubs geschlossen hatten, leer.
Solange ich im Inneren des Landes arbeitete, merkte ich davon verhältnismäßig wenig; ich befand mich ja, mit Ausnahme der Station- und Farmzeit, im Kreise von vielen europäischen Einwanderern. Als ich mich dann aber in Adelaide niederließ, konnte ich mich an das ungewohnte Stadtleben nur mit Hilfe von anderen sogenannten Neu-Australiern gewöhnen. Ähnlich wie in unseren deutschen Städten die Gastarbeiter oder Ausländer, hatten auch wir bestimmte Punkte in der Stadt, an denen wir uns trafen und bevorzugt aufhielten. Eine ausländische, nicht verstandene Sprache, die dazu auch noch etwas lauter und temperamentvoller von Gruppen junger Menschen gesprochen wird, hat wohl immer eine besondere Wirkung, hauptsächlich auf ältere Leute. Man liebte uns vielleicht nicht, aber man tolerierte uns in der Hoffnung, daß auch wir uns einmal anpassen würden.
Es dauerte lange, bis man sich an die Sitten und Gebräuche, die überwiegend mit aus England übernommen worden waren, gewöhnte. Die Sprache hatte ich ja in den ersten anderthalb Jahren einigermaßen gelernt, wenngleich ich sehr lange - viele Jahre - bewußt daran feilen mußte. Die Sitten und Gebräuche lernte ich natürlich nur im ständigen Umgang mit australischen Familien.
Mancherlei war damals für einen ungelernten Arbeiter nicht wichtig, konnte aber unter Umständen von ausschlaggebender Bedeutung sein, wenn man beruflich oder auch gesellschaftlich weiter nach oben wollte.
Für Ingrid und mich lag das Leben ja noch vor uns; wir waren gewillt fröhlich zuzupacken. In unserem gemieteten Zimmer standen damals zwei alte Waschtische mit Marmorplatte, ein Doppelbett, ein großer Schrank sowie ein Tisch und ein Sessel. Mit unseren Freunden und weiteren jungen Ehepaaren benutzten wir gemeinsam eine große Küche mit drei Gasherden. Wir Männer ließen am Sonnabend die Lehrbücher liegen und wetteiferten in der alten Waschküche um die weißeste Wäsche - natürlich ohne Waschmaschine. Die großen Stücke wurden von uns sogar mit der Wurzelbürste geschrubbt.
Da wir ja erst langsam unseren einfachen Hausstand anschaffen mußten, legten wir jede Woche einen Teil unseres anfangs bescheidenen Verdienstes für notwendige Anschaffungen an. Weil es allen so ging und wir uns ja zielbewußt auf ein anspruchsvolleres Leben vorbereiteten, machte uns das auch nichts aus.
Jetzt ist das Leben in Australien anders geworden. Es gibt viele Arbeitslose. Der Verdienst entspricht nicht mehr ganz dem deutschen Durchschnittsverdienst, die Häuser sind jetzt so teuer und die Zinsen so hoch, daß sehr viele junge Paare nur noch eine Wohnung oder ein Apartment mieten können.
Die australische Ökonomie hat zur Zeit ein vergleichsweise niedriges Niveau, so muß auch dort rigoros gespart werden. Die Qualifikationsgrenzen für die Rente werden immer restriktiver. Vermögensbewegungen der letzten drei Jahre vor Rentenbeginn (mit 65 Jahren) muß man offenlegen. Die Banken sind den Finanzbehörden gegenüber auskunftspflichtig. Ja selbst deutsche Minimalrenten von ein paar hundert Mark führen bereits zu Abzügen bei den Rentenzahlungen. Man muß erklären, daß man keine, bzw. welche Versorgungsansprüche man hat und wird bei Gegenbeweis mit Rückzahlung und Strafe bedroht. Das heißt also, daß man entweder viel oder nichts haben muß. Das Wohnhaus wird übrigens nicht berücksichtigt. Freunde, die bereits Rente bezogen, mußten vor einer Europareise Rechenschaft über die Finanzierung ablegen, weil Kontenstände ja auch jährlich gemeldet werden müssen.
Trotzdem lebt es sich in Australien auch jetzt noch gut, wenn man sich mit den herrschenden strengen Regeln arrangieren kann.
Ich möchte keinem jungen Menschen abraten, nach Australien zu gehen. Es ist ein herrliches Land, hauptsächlich wenn man jung ist und die Schönheit des Landes voll genießen kann. Nur muß man genau wissen, was auf einen zukommt.
Die Einwanderungsbedingungen sind jetzt so, daß man entweder genug Geld zum Leben oder aber einen Mangelberuf haben muß.



ERINNERUNGEN AN VERGANGENE WEIHNACHTEN


Wenn ich die religiöse Bedeutung dieses Festes einmal etwas in den Hintergrund treten lassen darf, dann hat Weihnachten, so wie wir es kennen und feiern, stets in der Hauptsache etwas mit unseren Mitmenschen zu tun - mit den Mitgliedern der eigenen Familie, mit Verwandten, Freunden, Bekannten oder vielleicht auch manchmal mit Unbekannten, deren Weg den unseren zufällig kreuzt.
Insbesondere als Kind steht man diesen Eindrücken des Weihnachtsfestes mit offenem Herzen gegenüber. Im späteren Leben ist es dann oft die Weihnachtszeit, die unsere Gedanken zurückgehen lässt zu vergangenen Festen und zu den Menschen, mit denen wir diese Weihnachten zusammen verlebten.
Aus der Vielzahl der Weihnachten will ich hier jetzt die Erinnerung an einige und an die Menschen, die dabei waren, zurückrufen:
1930 ...... Aufgeregt kam mein kleiner Bruder angelaufen und flüsterte: "Jetzt ist er da". Zusammen liefen wir an das Fenster nach vorne, dann an das Küchenfenster nach hinten, hörten jedoch von unserer Großmutter, dass der Weihnachtsmann bereits die Nachbarn gerade verlassen hatte und schon wieder unterwegs sei. Also hatten wir ihn wieder verpasst ......
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1942 ..... Wir waren planmäßig mit unserer Arbeit fertiggeworden - die Zufahrtsstraßen und die Gehwege auf dem Gelände des Reichsarbeitsdienst-Kommandos Schleswig-Holstein in Kiel waren vom reichlich gefallenen Schnee so gut es ging befreit. Abends saßen wir dann zusammen und feierten Weihnachten - Hans Sell aus Fockbek, Finke aus Barmbek, ich selbst aus Wandsbek und all die anderen, die auch aus Hamburg oder Schleswig-Holstein kamen. Wir waren zusammen von unserem Arbeitsdienstlager in Ostenfeld bei Husum zu Kurierdiensten hierher nach Kiel abkommandiert. Trotz der kurzen Entfernung, für jeden von uns nach Hause, mussten wir auch zu Weihnachten hierbleiben. Deutschland befand sich ja sei drei Jahren im Kriegszustand mit all seinen Nachbarn und da konnte eben nicht jeder zu Hause feiern.
Es wäre dies das letzte Weihnachtsfest zusammen mit meinen Eltern gewesen - Dezember 1942. Niemand in Hamburg konnte damals ahnen, geschweige denn sich vorstellen, was dieser fürchterliche Krieg ein halbes Jahr später anrichten sollte .......
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1947 .....  Bei einer englischen Familie - die Großeltern hatten Besuch von ihren erwachsenen Kindern, die mit den Enkelkindern zu Weihnachten ins Elternhaus gekommen waren - war auch ich als Kriegsgefangener zu Gast. Nach zwei Weihnachten im Lager zusammen mit den Kameraden war ich diesmal, wie viele von uns, einer englischen Familie zugeteilt worden. Eine Gruppe interessierter Leute aus den umliegenden Ortschaften hatten sich zusammengetan und versucht, Weihnachtseinladungen für Kriegsgefangene zu vermitteln.
Wir waren alle zusammen in der Kirche gewesen, hatten zu Abend gegessen und fanden jetzt, ein jeder neben seinem Teller, einen zusammengefalteten Zettel. Dann ging es der Reihe nach. Jeder musste den Zettel auseinanderfalten und laut vorlesen. Darauf standen in Reime gefasste Hinweise, wo man ein Geschenk finden würde.
Auch neben meinem Teller lag so sein Zettel: "Gerhard my boy, search near a cue, you will find something there, that's intended for you" (Gerhard, mein Junge, suche in der Nähe eines Billardstocks, dort wirst du etwas finden, das für dich bestimmt ist). Ich wusste zwar nicht, was ein oder eine "cue" in diesem Fall bedeutete, wurde aber von den um mich sitzenden hilfsbereiten Familienmitgliedern aufgeklärt.
Beim besten Willen kann ich mich heute nicht mehr erinnern, was ich in der Nähe des Billiardstocks fand. Viel wichtiger aber war, mit welchem Verständnis diese Familie einen deutschen Kriegsgefangenen an ihrer Familienfeier zu Weihnachten nicht nur mit teilnehmen ließ, sondern in ihren Kreis aufnahm. Krieg, Gefangenschaft, Feindesland waren jedenfalls während dieser Stunden vergessen.
                                                  *  *  *
1954 ..... Ich hatte mir auch eine Kerze gekauft und befand mich jetzt inmitten vieler Menschen, die in der Dämmerung des ersten Weihnachtstages auf dem Rasen am Torrens River saßen und Weihnachtslieder sangen (Carols by Candle Light). Unweit von mir, auch allein, saß ein blonder junger Mann, mit dem ich ins Gespräch kam. Es war dies mein späterer Freund Oskar, ein Deutscher, der, wie ich, während des Krieges Flugzeugführer gewesen war.
Ich befand mich für einige Tage in Adelaide, der Hauptstadt des Bundeslandes Südaustralien und wohnte in einem Hotel in der Innenstadt. Um Mitternacht war ich allein in der überfüllten anglikanischen Kathedrale gewesen und verlebte jetzt noch den Rest der Zeit in der Stadt, bis ich übermorgen wieder mit dem Zug zurück "aufs Land" fahren musste. Ich arbeitete auf einer 200 km südöstlich von Adelaide gelegenen Farm.
Oskar erzählte, dass man unter Umständen beim Royal Aero Club die Gelegenheit hätte, mit der Tiger Moth (das waren kleine englische Doppeldecker-Flugzeuge) wieder fliegen zu üben. Das kam mir zwar ziemlich optimistisch vor, ich verabredete jedoch mit ihm, dass ich im kommenden Jahr auch nach Adelaide kommen würde. Dann wollten wir zusammen versuchen, unseren australischen Pilotenschein zu machen - um endlich wieder fliegen zu können.
                                                   *  *  *
1963 .....  "Kommst Du jetzt mit, ein paar Besorgungen machen, Gerhard?" fragte mein Freund und Kollege John. Wir waren beide Prüfungsleiter bei einer großen südafrikanischen Wirtschaftsprüfungsgesellschaft in deren Niederlassung in Durban. Ich war damals Australier und war - inzwischen zusammen mit meiner Frau - von einem Europaurlaub zurückkommend für zwei Jahre in Südafrika geblieben um dort wichtige ausländische Erfahrungen zu sammeln. Es war jetzt der letzte Arbeitstag vor Weihnachten.
In der West Street kauften wir Zigaretten, Tabak, einige Paar Socken und noch andere Sachen. Dann zogen wir mit unseren Einkäufen zu der im oberen Teil des Gebäudes befindlichen Unterkunft der vier schwarzen Wachmänner, wie sie jedes größere Gebäude dort hat. Tagsüber versorgten diese Männer uns in unseren Büros mit Tee und wir kannten sie daher recht gut. Von der Firma hatten sie zwar auch etwas zu Weihnachten bekommen, aber unsere persönlichen Geschenke erfreuten sie doch besonders.
                                                   *  *  *
1970 .....  "Komm Tante Ingrid, lass uns diesen Weg gehen, dann sind wir schneller zu Hause", krähte der kleinste unserer Neffen mit seiner hohen Stimme, als wir auf dem Rückweg aus der Stadt waren, und bog zusammen mit meiner Frau in eine Nebenstraße ein.
Wir, meine Frau und ich, waren am Morgen des 24. Dezembers bei richtigem Winterwetter von Stuttgart auf Weihnachtsbesuch zur Familie meines Schwagers nach Osnabrück gekommen. Dort hatten wir es übernommen, am Nachmittag mit unseren drei kleinen Neffen zu Fuß in das nahegelegene Stadtzentrum zu gehen. Das gab den Eltern etwas Zeit für die letzten Vorbereitungen.
Ich blieb also mit zwei unserer Neffen zurück, die mir versicherten, dass wir viel früher zu Hause ankommen würden als Tante Ingrid unter der Führung des kleinen Bruders.
Wir waren dann auch zuerst zu Hause. Bei der nun aber inzwischen gestiegenen Spannung, mit der die bevorstehende  Bescherung, die sich jetzt durch letztes Papierrascheln andeutete, erwartet wurde, war unser Spaziergang jedoch schnell vergessen ......
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1987 .....  Die aufgeregten Schreie der Papageien in unserem Garten zeigten an, dass wieder eine der Obstsorten zu reifen begann. War das immer ein Geschrei und Geschnatter, wenn die von uns gerne gelittenen bunten Räuber die Bäume im hinteren Teil unseres Gartens bevölkerten. Welch ein Unterschied zu Deutschland - denn wir waren mal wieder in Australien - zumal jetzt zur Weihnachtszeit.
Es war heute der zweite Weihnachtstag und wir erwarteten den Besuch unserer beiden Patenkinder. Zusammen mit ihren Eltern hatten wir vor mehr als 30 Jahren hier in Adelaide angefangen. Jetzt waren die Kinder fast 30. Während wir in der Zwischenzeit einige Male unseren Wohnsitz gewechselt hatten, waren die Eltern der beiden dort geblieben, wo sie Mitte der fünfziger Jahre ihre Zelte aufgeschlagen hatten. Der Junge war inzwischen ein Junior - Bank Manager geworden und 2000 km entfernt in Darwin, dem kommerziellen und administrativen Zentrum des Nord Territoriums an der Timor See, stationiert.
Darwin -  Wie lange war es her, dass ich das kleine Städtchen auf der Suche nach Arbeit - damals noch  nach manueller Arbeit - besucht hatte. Jetzt war es fast auf das Zehnfache gewachsen und hatte sich zu einem wirklichen Zentrum mit nahezu 100.000 Einwohnern entwickelt. Natürlich kann er sich das frühere Darwin, trotz meiner Erzählungen, nicht so richtig vorstellen. Aber so ist es ja immer. Auch wir haben die Bilder, die uns in den Erzählungen der Alten beschrieben wurden, stets nur durch die Brille unserer eigenen Vorstellungswelt sehen können.
Er war jetzt seit zwei Jahren verheiratet und der erste Nachwuchs wurde im kommenden Jahr erwartet. Seine um vier Jahre jüngere Schwester hatte auch ihre Ausbildung beendet und war jetzt ebenfalls im Begriff, eine Familie zu gründen, das heißt, sie hatte gerade erst geheiratet.
Beide brachten ihre Partner mit. Wir gingen mit Ihnen zusammen essen und saßen dann auf der Terrasse und plauderten. Sie erzählten uns von ihren Erfahrungen und ihren Plänen und wir steuerten etwas von unseren Erinnerungen bei.
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So, wie in meinen Gedanken längst vergangene Tage wieder gegenwärtig werden, wird es bestimmt bei vielen Menschen, vor allem natürlich bei den älteren, sein. Weihnachten ist eine Zeit der Erinnerung. Es sind nicht immer nur schöne und einfache Zeiten, die einem bei so einem Rückblick auf ein abwechslungsreiches Leben in die Erinnerung kommen - wie könnte man das auch vom Schicksal erwarten. Sicherlich gibt es aber bei den meisten Menschen auch Weihnachtstage, an die man gerne noch einmal denkt. Es sind die Erinnerungen daran, die den Blick auf die vor uns liegende Weihnachtszeit beeinflussen können.
Sollten Sie dieses gerade zur Weihnachtszeit lesen, wünsche ich Ihnen und auch allen anderen:


"
Eine schöne Weihnachtszeit mit
vielen Rückbesinnungen"

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