Gerhard H. F. Lange

75 JAHRE IM
20. JAHRHUNDERT

oder

Wie ich mir meinen eigenen Weg suchte


ZWISCHENKRIEGSZEIT,  KRIEG
UND  NACHKRIEGSJAHRE  IN
EUROPA UND IN AUSTRALIEN





                                                                        VORWORT


Nachdem ich jetzt mehr als 80 Jahre alt bin, gibt es sicherlich so manches, das zumindest für einige jüngere Menschen von Interesse sein könnte. Ich weiß zwar, dass ein Zuhörer - oder in diesem Fall ein Leser - das Gehörte oder Gelesene nur den Worten nach verstehen kann; die Umsetzung in Bilder, die seiner Fantasie überlassen bleibt, kann sich nur nach den eigenen, auf Erfahrung beruhenden Vorstellungsmöglichkeiten vollziehen.
Dies ist auch der Grund, warum die Jüngeren oft unwillkürlich versuchen, das Gehörte in die gewohnten Gegebenheiten der heutigen Zeit zu übertragen. So kann es dann kommen, dass die Geschehnisse und Bilder, an die sich der Erzähler erinnert, sehr viel anders sein können als die, die in der Vorstellung des Zuhörers entstehen. Das ist nichts Schlimmes, sondern in den meisten Fällen etwas Unvermeidliches.
Trotzdem will ich versuchen, Sie in Gedanken mitzunehmen in eine Welt, die es nicht mehr gibt. Und das, obgleich das Ganze noch gar nicht so lange her ist.
Ich schildere Ihnen eine Kindheit zwischen den beiden Weltkriegen, eine Jugend im Krieg und später konfrontiert mit den Folgen dieses Krieges, die Hoffnung auf einen Neuanfang am anderen Ende der Welt (Aussteigen würde man heute dazu sagen), die vorübergehende Abkehr vom gewohnten Leben, sowie den Aufbau eines völlig neuen Arbeitslebens, das von Australien nach Südafrika und schließlich auch wieder nach Deutschland führt.
Sie erleben die Suche nach einem Leben, das es irgendwann, irgendwo einmal gab, von dem man aber feststellen muss, dass es das nirgends noch einmal gibt. Gewiss, man kommt wieder zu den gleichen Plätzen, man trifft sogar zum Teil noch dieselben Menschen, aber doch ist alles jetzt anders, nicht zuletzt man selbst.
Es dauert lange, bis man sich darüber im Klaren ist, dass man die Vergangenheit nicht wiederfinden kann. Die Vergangenheit existiert nur noch in der eigenen Erinnerung.
In der Kriegsgefangenschaft prägte ich einmal den Ausdruck "gelebt werden". Damit meinte ich, dass wir damals (und natürlich auch vorher schon) keinen Einfluss auf den Ablauf unseres Lebens hatten. Als ich dann wieder frei war, nahm ich mir vor, wenn irgend möglich nie wieder "gelebt" zu werden, sondern mein Leben selbst zu steuern und mich - wenn immer notwendig - möglichst frei zu entscheiden. Ich glaube jetzt im Rückblick, dass ich das Glück hatte - und die damalige Zeit es mir auch gestattete, meinen Vorsatz weitgehend auszuführen. Aber urteilen Sie doch bitte selbst.
Verständlicherweise wäre all das nur schwerlich möglich gewesen ohne die passende Frau an meiner Seite, mit der zusammen ich Pläne schmieden konnte, um dann gemeinsam mit ihr zu versuchen, diese Pläne auch zu verwirklichen. Ohne sie wären meine Erinnerungen für mich auch nur wenig wert, denn erst durch das gemeinsame Erleben hat man später auch gemeinsame Erinnerungen. Ich bin ihr dankbar, dass sie immer an meiner Seite war und dass wir beide uns immer so gut verstanden haben.






INHALTSVERZEICHNIS

EINLEITUNG
DIE ZEIT UM 1925
MEINE FAMILIE
EIN KLEINER JUNGE IN FLENSBURG
DIE FRÜHEN DREISSIGER
1933  BIS  1942
KRIEGSDIENST
IN ENGLISCHER GEFANGENSCHAFT
IN DEN COTSWOLDS
IN DEN MIDLANDS
DIE NACHKRIEGSJAHRE
AUSWANDERER
DER REGENSTEIN
AUSTRALISCHE STAATSBÜRGER
NACH  EUROPA
UM DAS KAP DER GUTEN HOFFNUNG
NASHÖRNER
ERLEBNISSE IM KRÜGER NATIONAL PARK
WIEDER IN ADELAIDE
DURCH ASIEN

IN STUTTGART
UND WIEDER:  AUSTRALIEN
RUND UM AUSTRALIEN
AUSTRALIEN UND DAS LEBEN DORT
ERINNERUNGEN AN VERGANGENE  WEIHNACHTEN


VORWORT

Nicht die schwierige Phase bis 1950 etwa, aber die darauffolgende Zeit ließ mir ungewöhnlich viel persönliche Freiheit und bot mir Chancen, die - auch bei entsprechender Risikobereitschaft - in anderen Jahren kaum denkbar gewesen wären. So konnte ich Eindrücke und Erfahrungen sammeln, die weit entfernt vom gewohnten Leben lagen. Ich habe in entlegenen Gebieten gelebt und gearbeitet und hatte dort viele Begegnungen mit Europäern und Nichteuropäern, mit Weißen und Farbigen. In den weiten ausgedörrten Ebenen Nordaustraliens, in einem entlegenen Bergwerk unter Tage, aber auch in Management-Etagen, in Logen und natürlich im rein privaten Bereich lernte ich viele interessante Menschen und ihre unterschiedlichen Lebensbedingungen kennen. Aus den engen Amtsstuben eines Hamburger Finanzamtes kommend, war mein Lernbedarf allerdings auch besonders groß.
Ich stamme aus dem deutsch/dänischen Grenzland und wurde 1925 in Flensburg geboren. Damit gehöre ich zu den Jahrgängen, die ihre Kindheit zuerst in der Weimarer Republik und dann im sogenannten "Dritten Reich", ihre Jugend aber im Krieg und in der Kriegsgefangenschaft verbrachten.
Im Krieg wurde unsere Familie ausgelöscht. So war ich denn nach meiner Rückkehr aus der Gefangenschaft allein auf mich gestellt. Ich habe es Freunden zu verdanken, daß ich bei meiner Heimkehr nach Hamburg dort wieder Fuß fassen konnte.
Veranlaßt durch einen wenig versprechenden Beginn meines Berufslebens entschloß ich mich 1953, nach Australien auszuwandern. Die folgenden 16 Jahre verbrachte ich dort und in Südafrika. Erst 1969 kehrte ich, jetzt als Australier, wieder nach Deutschland zurück.
Natürlich ist man als Wanderer zwischen den Welten in gewisser Beziehung in sich zerrissen. Man hat Freunde in einigen Teilen der Welt, von denen man sich irgendwann für immer trennt, und man hat manchmal Heimweh nach einer Zeit, die man irgendwo einmal erlebt hat, die es aber, wenn man sich auf die Suche macht, gar nicht mehr gibt.
So hatte sich auch 1969 das Nachkriegsdeutschland, das wir einmal verlassen hatten, sehr verändert. Zugegeben, es war im allgemeinen besser geworden. Aber von draußen kommend, dauerte es lange, bis wir wieder etwas Nestwärme verspürten. Ähnlich ging es uns später 1986 in Australien. Unser altes Australien der fünfziger oder noch der sechziger Jahre gab es längst nicht mehr. Jüngere Jahrgänge hatten dafür gesorgt.
Entsprechende Wahrnehmungen werden natürlich vervielfacht durch Veränderungen, die man selbst in der Zwischenzeit erfahren hat. Nichts bleibt wie es einmal war. Das war ja wohl immer schon so; nur sind die Veränderungen heutzutage durch ihr enormes Tempo gravierender als noch vor fünfzig oder vor hundert Jahren.
Nachfolgend versuche ich, anhand von Beschreibungen einiger Abschnitte meines Lebens Einblicke in das Auf und Ab, aber auch in die Zwänge und Freiheiten zu geben, so wie ich sie erlebte und so, wie ich sie verstanden habe....
Hamburg, im Dezember 1998


 
DIE ZEIT UM 1925

Die zwanziger Jahre waren insgesamt eine Umbruchszeit, in der als Auswirkung des Ersten Weltkrieges nicht nur Deutschland, das diesen Krieg verloren hatte, verändert wurde. Die großen Kriege vorangegangener Jahrhunderte waren in der Hauptsache auf einen Kontinent beschränkt gewesen, diesmal aber hatten sich die Kampfhandlungen von Europa auf den Vorderen Orient sowie auf überseeische Besitzungen und auf sämtliche Weltmeere ausgedehnt. Der Hauptunterschied zu früher lag aber wohl in der fortgeschrittenen Industrialisierung, die es ermöglichte, die Kräfte eines großen Teils der Bevölkerung für Kriegszwecke zu konzentrieren.
Der Erste Weltkrieg war in den zwanziger Jahren noch allgegenwärtig. Die durch den Krieg zerrüttete Wirtschaft mit ihrer wachsenden Arbeitslosigkeit zog eine Polarisierung auf sozialem Gebiet nach sich, die durch die Inflation auch auf politischem Gebiet noch verstärkt wurde. Dies wiederum hatte zur Folge, daß eine große Anzahl politischer Parteien um das Vertrauen der Bürger warb und schwache Regierungen vergeblich versuchten, den Staat wieder auf einen stabilen Kurs zu bringen. Eine starke extreme Linke in der Mitte der zwanziger Jahre hatte einen entsprechenden Anstieg der Rechtsradikalen zur Folge. Beide Gruppierungen waren Gegner eines pluralistischen Parteienstaates. In den Reichstagswahlen von 1930 stieg die Mandatszahl der Rechtsradikalen von 12 auf 107 (von insgesamt 577 Sitzen). Im Juli 1932 waren es bereits 230 Mandate von insgesamt 608. Am 30. Januar 1933 wurde Adolf Hitler dann durch von Papens Vermittlung und mit Unterstützung der Deutschnationalen vom Reichspräsidenten von Hindenburg mit der Bildung der Regierung beauftragt.
Was damals für viele Deutsche wie ein gangbarer Weg aus wechselnden politischen Krisen erschien, sollte sich als der schlimmste Fehler der neueren deutschen Geschichte erweisen. In der Tat so folgenschwer, daß nicht nur Deutschland, sondern ein großer Teil der Welt die furchtbaren Folgen des von Hitler vorbereiteten und planmäßig entfachten Krieges zu spüren bekam.
Ich, der ich im Juni 1925 in Flensburg zur Welt kam, merkte von all dem zunächst noch gar nichts. Mutter Kruse, die Hebamme, versorgte mich vortrefflich. Meine Geburt fand bei uns zu Hause - im 2.Stock des Gebäudes der Reederei H. Schuldt in der Schiffbrücke - statt. Schiffbrücke heißt die Straße, die entlang der Westseite des zum Hafen ausgebauten innersten Teils der Flensburger Förde verläuft.

Mein Vater war in der Buchhaltung der Flensburger Reederei angestellt und hatte unsere kleine Zweizimmerwohnung kurz vor meinem Erscheinen als vorläufige Bleibe erhalten, bis die im 1. Stock direkt über dem Kontor gelegene große Vierzimmerwohnung frei wurde. Daß wir dort einziehen konnten, ist dem Umstand zu verdanken, daß der Senior-Chef und Firmengründer Heinrich Schuldt in seiner Jugend mit meinem Urgroßvater Paul Jensen Lange befreundet gewesen war. 


MEINE FAMILIE

Die Familie Lange oder Lang, wie sie in älteren Kirchenbüchern bezeichnet wurde, kommt aus der Nordhälfte des einstigen Herzogtums Schleswig. Dieses Herzogtum Schleswig wurde als Lehen der dänischen Krone vom Herzog - meist ein Angehöriger des dänischen Königshauses - regiert. Bereits 1460 waren Schleswig und Holstein - letzteres war als Grafschaft ein deutsches Lehen des dänischen Königs - von Christian I vertraglich als "up ewig ungedeelt" (auf ewig ungeteilt) anerkannt worden.
Mein schon erwähnter Urgroßvater Paul J. Lange ging als junger Mann nach Flensburg und heiratete dort 1852 ein Flensburger Mädchen. Vom Lande kommend, wollte er sein Glück in einem der vielen Handelshäuser in Flensburg, das schon 1284 das Stadtrecht erhalten hatte und um die Mitte des letzten Jahrhunderts etwa 20.000 Einwohner zählte, suchen. Ganz offensichtlich war er erfolgreich, denn er gewann in Flensburg Ansehen und ließ zwei seiner vier Söhne studieren. Der jüngste dieser Söhne war mein Großvater, der 1861 in Flensburg das Licht der Welt erblickte. Er folgte dem vom Vater eingeschlagenen Weg und trat als Handlungsgehilfe, damals sagte man dazu noch Kommis, in eine Handelsfirma ein.
Inzwischen hatten sich die politischen Verhältnisse im Herzogtum Schleswig grundlegend verändert. Auf dem Wiener Kongreß, auf dem die politische Landkarte Europas nach den napoleonischen Kriegs- und Besatzungsjahren neu geordnet wurde, waren die Gebiete Holsteins und Lauenburgs dem Deutschen Bund zugesprochen worden, nicht jedoch das Herzogtum Schleswig. Das hatte zur Folge, daß der dänische König in seiner Eigenschaft als gleichzeitiger Herzog von Holstein und Lauenburg (ebenso wie der englische König, als König von Hannover) Mitglied des Deutschen Bundes wurde. Die jetzt beginnenden Bestrebungen der Dänen, das außerhalb Deutschlands verbliebene Schleswig dem dänischen Gesamtstaat einzugliedern, verursachten starke Erregung in Schleswig-Holstein und darüber hinaus auch in ganz Deutschland und hatten die Erhebung von 1848 und letztendlich die Kriege von 1848 und 1864 zur Folge.
1867 schließlich wird Schleswig-Holstein dem Königreich Preußen als Provinz einverleibt. Jetzt waren die beiden Herzogtümer zwar zusammen, aber die Selbständigkeit war auch dahin.
Es ist schwer zu sagen, wie viele Bürger Schleswigs sich trotz aller Selbständigkeitsbestrebungen den Dänen zugehörig fühlten und auch dänisch sprachen. Zum Ende des 19. Jahrhunderts wurde die dänische Sprache wohl in vielen, wenn nicht den meisten Teilen Nordschleswigs und in ganz wenigen Teilen Südschleswigs gesprochen. Die Sprachgrenze lag damals etwas nördlich von Flensburg; in der Stadt selbst war auch der nördliche Teil eher dänisch und der südliche Teil eher deutsch. Natürlich lebten die meisten Bürger Schleswigs, wie auch in anderen Grenzlanden, zweisprachig. Und die Langes?
Man kann wohl annehmen, daß sich die alten Langs aus Nordschleswig mehr den Dänen zugehörig fühlten und zu Hause auch dänisch sprachen. Die von mir eingesehenen Kirchenbücher aus dieser Zeit waren alle dänisch. Als mein Urgroßvater jedoch nach Flensburg kam, sprach er wohl deutsch, denn meine Urgroßmutter kam aus einer deutschen Familie namens Lauer. Wie dem auch sei, zog es doch zwei seiner Söhne, die beiden ältesten, nach Dänemark. Beide ließen sich in Kopenhagen nieder. Einer von ihnen brachte es als Syndikus zu einem gewissen Wohlstand, von dem, nach seinem frühen Tod etwa um die Jahrhundertwende, die Familien seiner Brüder profitierten; der andere wurde Handlungsgehilfe in Kopenhagen und gründete den dänischen Zweig unserer Familie. Der dritte Sohn meines Urgroßvaters starb bereits in sehr jungen Jahren in Flensburg als cand. med..
So war mein Großvater der einzige in Flensburg verbliebene Sohn. Er heiratete 1897 ebenfalls ein deutsches Mädchen, das mit seinen Eltern von Wandsbek in Holstein nach Flensburg gekommen war. Mein Vater war der älteste von zwei Söhnen aus dieser Verbindung.
Nach dem Krieg 1870/71 fühlte man in dem anschließend aus der Taufe gehobenen deutschen Kaiserreich, vielleicht sogar besonders in den Grenzgebieten, deutsch und war auch stolz auf sein Deutschtum. Das heißt nicht, daß man in Flensburg seine vielen dänischen Nachbarn deshalb mit anderen Augen ansah. Man gehörte ja seit eh und je zueinander. Es macht aber verständlich, daß der Beginn des Ersten Weltkrieges in Flensburg, nicht anders als in den übrigen Teilen des Zweiten Reichs, mit patriotischen Gefühlen zur Kenntnis genommen wurde.
Mein Vater meldete sich, sobald er alt genug war, als Einjährig-Freiwilliger und wurde auch 1916 zu einem Regiment der bespannten Artillerie eingezogen. Das Kriegsende erlebte er schwerverwundet in einem Lazarett. Als er dann 1919 wieder nach Hause kam, war die Welt verändert. Er war jetzt 21 Jahre alt; die Ärzte hatten ihn soweit wieder hergestellt, daß er mit einem Stock gehen konnte. Später bekam er dann orthopädische Stiefel mit Schiene.
In einer Volksabstimmung 1920 stimmten 75% der Nordschleswiger (das war die 1.Abstimmzone) für Dänemark. Einen Monat später entschied sich jedoch die weit überwiegende Mehrheit in Flensburg und einem schmalen Streifen bis zur Nordsee (die 2.Abstimmzone) für den Verbleib in Deutschland. So wurde nur Nordschleswig "abgetreten", wie es damals hieß.
Die Abstimmung brachte dann doch etwas Unruhe zwischen die bis dahin verhältnismäßig friedlich miteinander lebenden Deutschen und Dänen. Das hatte zur Folge, daß ein Teil der Dänen nach Dänemark ging und ein anderer, der sich für das Verbleiben in der angestammten Heimat entschied, sein Dänentum nicht mehr öffentlich zur Schau trug. Wenngleich ein sehr großer Teil der deutschen Bürger in Flensburg neben deutsch auch noch dänisch - wie die Dänen verächtlich meinten: "kartoffel-dänisch" - sprach, wurde letzteres kaum noch öffentlich praktiziert.
Zufällig hörte mein Vater von einer Stelle bei der Flensburger Reederei Schuldt und wurde beim Einstellungsgespräch auch zum Senior-Chef vorgelassen. Dieser stellte dann nach eingehender Befragung fest, daß er der Enkel seines alten Jugendfreundes Paul Jensen Lange war. Damit schließt sich der Kreis zur oben bereits erwähnten Anmietung der im Firmengebäude in der Schiffbrücke befindlichen Wohnung.


EIN KLEINER JUNGE IN FLENSBURG

Meine ersten Erinnerungen an die Zeit in der kleinen Zweizimmerwohnung in der Schiffbrücke sind verständlicherweise vage und beziehen sich auf zwei oder drei Situationen, Bilder meiner Mutter, die um mich herum tätig ist, während ich auf einem Kissenberg sitze und zuschaue. Oder wenn ich für meine Mutter im nahegelegenen Stadtpark Blumen pflücke, während sie daneben auf einer Bank sitzt.
Ich war zwei Jahre alt, als wir die große Wohnung im 1. Stock beziehen konnten. Im August des darauffolgenden Jahres kam Mutter Kruse wieder zu uns, um meiner Mutter bei der Geburt meines Bruders Harro zu helfen.
In der Zwischenzeit hatte ich mich, wohl sehr zum Leidwesen meines Vaters, nicht zu einem robusten kleinen Jungen entwickelt, zumal meine Kindheit sehr behütet verlief. Ich war das erste Kind und auch das erste Enkelkind beider Großeltern, in das natürlich die verschiedensten Erwartungen gesetzt wurden.
Unsere schöne Wohnung in der Schiffbrücke hatte aus der Sicht meines Vaters einen großen Nachteil: die Einflüsse unserer direkten Umgebung. Die Lage des Hauses in der Schiffbrücke, zwischen der Neuen Straße und dem Oluf-Samsons-Gang, brachte die Nachbarschaft von all den Gewerben mit sich, die Hafengegenden in der ganzen Welt auszeichnen. Sicherlich war der Flensburger Hafen kein Welthafen, aber damals liefen noch sehr viele in- und ausländische Schiffe Flensburg an.
Es war ein reges Treiben, das sich da direkt vor unseren Fenstern abspielte. Waren der verschiedensten Art wurden, vom Ausland - von den skandinavischen Ländern oder über Hamburg von Übersee - kommend, gelöscht und mit Pferdefuhrwerken zur Zwischenlagerung in die vielen Speicher in den Höfen zwischen Schiffbrücke und Norderstraße und zwischen Norderhofenden und Große Straße gebracht. Was waren das für interessante Bilder für den kleinen Jungen, der aus dem Fenster die vielen unterschiedlichen Eindrücke in sich aufnehmen konnte. Natürlich waren mir die einzelnen Flensburger Schiffe genau bekannt; ich konnte sie schon von weitem an Aufbauten und Schornstein erkennen. Dadurch wurde bereits in früher Jugend meine Phantasie angeregt, einige Namen fremder Häfen prägten sich mir schon damals ein.
Leider gab es in unserer Umgebung keine "passenden" Spielgefährten für mich. Lediglich die beiden bedeutend älteren Jungen des Hausmeisters, deren Wohnung zum Hof zu lag, durften mit mir spielen, als ich alt genug war, alleine in den Hof zu gehen. Mein Vater machte sogar den älteren der beiden dafür verantwortlich, daß keine fremden Kinder in unseren Hof kamen. So wuchs ich denn viel alleine spielend auf. Mein drei Jahre jüngerer Bruder konnte mir, als ich vier oder fünf war, auch noch kein Spielgefährte sein. Die Folge war, daß ich meine Phantasiespiele und, wie mir später erzählt wurde, auch meinen Phantasiefreund hatte.
Es gab allerdings etwas, was ich in meinem schüchternen Tatendrang erkundet hatte. Hinter unserem Hof lag der Hinterhof des entsprechenden Grundstücks in der Norderstraße. Dort stand das vierstöckige Lagerhaus eines Fuhrunternehmers, mit Wagenschuppen und Stall. Das war vielleicht nicht so interessant wie das bunte Treiben an der Schiffbrücke, wenn ich jedoch zum richtigen Zeitpunkt da war, konnte ich sehen, wie beladene Fuhrwerke durch die schmale Durchfahrt von der Norderstraße her in den Hof einfuhren. Kisten und Säcke wurden dann in die verschiedenen Böden des Speichers hinaufgehievt, wobei es anscheinend nur notwendig war, an einem von unten bis ganz nach oben führenden Seil zu ziehen - und schon bewegten sich die schweren Lasten rauf oder runter. Wie gerne hätte ich das auch mal versucht.
Der Fuhrmann hatte einen zweispännigen Wagen, mit dem er selbst fuhr, und einen einspännigen zweiten, den ein für ihn arbeitender Kutscher lenkte. Dieser Fuhrmann war ein resoluter, nicht sehr freundlicher Mann, vor dem ich immer etwas Angst hatte. Einmal hatte er mich schon von seinem Hof verjagt. Der Kutscher aber war schon ziemlich alt, jedenfalls aus meiner damaligen Sicht, und immer nett. Mit ihm durfte ich auch ab und zu neben ihm auf dem Kutscherbock mitfahren. Das heißt, an sich durfte ich das nicht, mein Vater hatte so etwas ausdrücklich verboten. Aber ich versuchte es so einzurichten, daß mein Vater nichts davon erfuhr.
Das waren aufregende Erlebnisse für mich. An steilen Abfahrten, zum Beispiel am unteren Ende der Duburger Straße zum Norder Tor zu, konnte das Pferd Schwierigkeiten haben, den beladenen Wagen trotz angezogener Bremse zu halten. Aus diesem Grund benutzte man dann einen sogenannten Hemmschuh. Das ist eine flache Stahlplatte mit hochstehenden Kanten, die, an einer Kette befestigt und unter einem der großen Hinterräder liegend, das Rad blockierte. Dadurch wurde die Abfahrt so verlangsamt, daß das Pferd den auf drei Rädern rollenden und auf dem blockierten vierten Rad rutschenden Wagen sogar jetzt leicht ziehen mußte. Damals waren alle Straßen der Stadt ja noch mit Steinen gepflastert.
Trotz solch aufregender Erlebnisse blieb ich ein schüchternes und wohl auch ängstliches Kind. Als ich alt genug war, um alleine zu meiner Großmutter zu gehen, die am ca. 2 km entfernten Turnerberg wohnte, machte ich einen weiten Umweg, weil ich nicht alleine an der Norderfischerstraße vorbeigehen wollte. Dort wohnten nämlich Zigeuner, vor denen ich eine panische Angst hatte. Wenngleich meine Mutter das bestritt, wußte ich ja doch, daß die Zigeuner kleine Kinder mitnahmen. Dabei sah man dort, abgesehen von einigen Erwachsenen, meist nur eine große Horde von fröhlich spielenden kleinen Zigeunerkindern. Aber den wenigen Erwachsenen konnte man eben nicht trauen. Wie konnte ich wissen, daß sie mehr als genug an ihrem eigenen Nachwuchs hatten. Vielleicht waren es Geschichten unseres Hausmädchens, die ich, wie damals wohl alles, zu ernst nahm.
Ostern 1931 wurde ich dann für die Einschulung angemeldet. Ich war 5 Jahre und 9 Monate alt, als ich, begleitet von meiner Mutter, in die Schule in der Schloßstraße ging.
Damit begann für mich eine Leidenszeit. Ich kann mich noch an die erste große Pause erinnern, wo ich umringt von Kindern, die alle größer waren - sicherlich ein Zufall, denn die Gleichaltrigen waren damals auch nicht größer als ich - meine Pausenmilch in Empfang nahm. Heiße Milch, die es zu Hause nie gab, in emaillierten, abgestoßenen Bechern. Ich war einer der jüngsten in der Klasse, umgeben von Kindern die bereits genügend Gelegenheit hatten, sich an das Leben mit Altersgenossen der verschiedensten Art zu gewöhnen. So schien es jedenfalls.
Wenngleich meine Phantasie gut entwickelt war, so war mir doch, wie den meisten Erstkläßlern, jede systematische Tätigkeit noch fremd. Entsprechende Schwierigkeiten hatte ich denn auch bei meinen ersten Hausaufgaben. Eine Schiefertafel voll großen Blockschrift "A"s, das sind etwa fünf Zeilen mit je acht oder zehn "A"s, dauerte Stunden und konnte nur mit gutem Zureden und unter Tränen zu Ende gebracht werden. Es war ein Fiasko.
Nun war ich wohlbehütet und unter Vermeidung schädlicher Einflüsse fast sechs Jahre alt geworden, nur um in der Schule ein Versager zu werden. Wo doch mein Vater angeblich sogar einmal auf Anraten der Lehrer eine Schulklasse übersprungen hatte. Wenn ich mit sämtlichen, auch nicht so "passenden" Kindern aus den umliegenden Straßen gespielt und gerauft hätte und vielleicht auch noch ein Jahr später eingeschult worden wäre, dann hätte meine Jugend vielleicht auch anders verlaufen können. Meine Schwierigkeiten sollten sich durch mein ganzes Schulleben fortsetzen. So machen es eben besonders wohlmeinende Eltern auch nicht immer richtig...


DIE FRÜHEN DREIßIGER

Die Zeit hatte wirtschaftliche Krisen, Arbeitslosigkeit, Armut bei einem großen Teil der Bevölkerung und politisches Chaos gebracht. Das Volk, größtenteils noch aufgewachsen im Kaiserreich und gewöhnt "an Zucht und Ordnung", glaubte nur zu gerne, daß das deutsche Heer "im Felde unbesiegt geblieben" und von linken Revolutionären verraten worden war. Diese "Dolchstoß-Legende" wurde schnell und gutgläubig aufgegriffen.
Die Bürger warteten darauf, daß jemand kam und ihnen den Glauben an ein Deutschland in politisch und wirtschaftlich stabilen Bahnen zurückgab. Da boten sich Hitler und die Nazis mit ihrer gezielten Propaganda für ein Deutschland in Ruhe, Ordnung und wirtschaftlicher Prosperität förmlich an. Und sie schafften es, auf demokratischem Wege an die Macht zu kommen. Hindenburg, in dem viele noch einen Repräsentanten des "alten soliden Zweiten Reiches" sahen, berief Hitler zum Reichskanzler. Das "Dritte Reich" begann.
Als die Nazis 1933 an die Macht kamen, war ich im zweiten Schuljahr. Aus der Zeit davor kann ich mich an Propagandamärsche rechtsradikaler und linksradikaler Parteien erinnern, die, wie ich von nicht so behüteten Schulkameraden hörte, stets mit Schlägereien endeten. Gesehen haben ich davon allerdings nichts. Wir durften ja abends nicht mehr auf die Straße. Und in unserer Anwesenheit wurde auch nicht über Politik gesprochen. Gut erinnern kann ich mich aber noch an die Propaganda vor der Reichspräsidentenwahl im März und April 1932. Aus Lautsprechern ertönten in allen Straßen die Namen der Kandidaten. So hörte ich damals neben Hindenburg, dessen Name mir bekannt war und den ich anläßlich seines Besuches in Flensburg einmal gesehen hatte, andere Namen wie Thälmann und Hitler.
Geprägt durch die deutsch-dänischen Auseinandersetzungen, mit denen mein Vater als Kind herangewachsen war, und seine Erlebnisse im Ersten Weltkrieg, die ihn bei der Abstimmung 1920 zu einem Verfechter des Deutschtums werden ließen, vertraute er dem greisen Generalfeldmarschall von Hindenburg. Er gehörte bis Anfang der dreißiger Jahre dem deutsch-nationalen Frontkämpferbund "Stahlhelm" an, trat dann aber 1933 oder 1934 aus. Aus meiner frühen Kindheit kann ich mich an den Stahlhelm an seinem Jackenaufschlag erinnern.
Von Unterhaltungen in der Familie weiß ich, daß ihm jede Art von Extremismus zuwider war. Entgegen seinen Bemühungen in meiner frühen Kindheit, möglichst alle schädlichen Einflüsse von mir fernzuhalten, versuchte er aber niemals in der Nazizeit, mich politisch zu lenken oder zu beeinflussen. Oder habe ich es nur nicht gemerkt? Sicherlich wird er es versucht, aber dann erkannt haben, daß ich auch für derartige Themen noch nicht reif genug war. Außerdem wollte er wohl einen Konflikt zu dem in der Schule und später in der nazistischen Jugendbewegung aufgenommenen Gedankengut vermeiden.
Von Bekannten habe ich erst nach seinem frühen Tod gehört, wie erbittert er über die Entwicklung in Deutschland war.
Was veränderte sich denn jetzt bei uns, in unserem Familienleben? Vorläufig gar nichts. Bereits in den vergangenen Jahren war der Umzug der Reederei Schuldt von Flensburg nach Hamburg beschlossen worden. Zwei Aspekte waren damals wohl ausschlaggebend. Erstens war durch den 1895 fertiggestellten Kaiser-Wilhelm-Kanal (Nord-Ostsee-Kanal) allmählich der Hauptverkehr auf dem Wasser an Flensburg vorbeigegangen und zweitens war nach dem 1.Weltkrieg ein großer Teil des Hinterlandes, nämlich Nordschleswig, abgetrennt worden. Es war also eine Überlebensfrage für eine Reihe Flensburger Firmen, die auf dem Weltmarkt tätig waren. Die Reederei Schuldt hatte bereits seit Jahren ein Kontor in Hamburg. So bereitete sich mein Vater mit seinen Kollegen und ihren Familien auf den Umzug nach Hamburg vor.
Anfang 1933 wurde das schöne Bürogebäude der Reederei verkauft. Das Haus, vor dem noch in den zwanziger Jahren die für damalige Verhältnisse großen Passagierdampfer der Reederei Schuldt, "Rio Bravo" und "Rio Panuco", gelegen hatten und vor dem ich das große Flugboot DO-X gesehen hatte, das auf der Förde wasserte und dann unter unseren Fenstern anlegte. Flugkapitän Christiansen, ein ehemaliger Schiffskapitän der Reederei Schuldt, leitete das Manöver des großen 12-Propeller Flugboots.
Es war ein großer Schritt für die Reederei Schuldt - und für mich. Ein prägender Teil meiner Kindheit war unwiederbringlich zu Ende, ein Abschnitt meines Lebens, in dem das unbewußte langsam in das bewußte Leben überging.


1933 BIS 1942

Einige Monate vor unserem Umzug unternahm meine Mutter eine Reise nach Hamburg, um eine geeignete Wohnung für uns zu suchen. Mein Vater, mein kleiner Bruder Harro und ich, wurden inzwischen von meiner Großmutter Lange betreut, die während dieser Zeit auch bei uns schlief.
Da meine Großmutter seit fast fünf Jahren Witwe war und alleine lebte, war vereinbart worden, daß sie mit uns nach Hamburg ziehen sollte, zumal ihr jüngerer Sohn, mein Onkel Gerhard, bereits seit vielen Jahren dort wohnte.
Eine passende Wohnung für uns in Hamburg zu finden, die einerseits verkehrsgünstig zum neuen Büro der Reederei Schuldt am Alsterdamm (Ballindamm) lag, andererseits uns allen aber das Einleben in dieser zwanzigmal größeren Stadt nicht zu schwer werden ließ, war in der Tat nicht so einfach. In Flensburg konnten viele Angestellte das Büro zu Fuß zu erreichen, andere mußten die Straßenbahn benutzen. All das wurde in Hamburg jetzt anders. Nach dem Umzug fanden sie sich in den verschiedensten Stadtteilen oder in sogenannten Vororten wieder. Die jetzigen Wohnviertel Hamburgs sind ja ursprünglich zum großen Teil als Vor-Orte außerhalb der eigentlichen Stadt entstanden. Es gab aber auch Vororte, die gar nicht zu Hamburg gehörten, sondern selbständige Städte in benachbarten preußischen Provinzen waren. Trotzdem waren sie der Großstadt inzwischen aber so nahe, daß sie zusammen mit Hamburg ein wirtschaftlich zusammenhängendes Gebiet bildeten. Das waren in erster Linie Altona (All zu nah), Harburg und Wandsbek. 1937 wurden diese drei Städte im Rahmen des Groß-Hamburg-Gesetzes Stadtteile von Hamburg.
In Wandsbek, im Stadtteil Marienthal, hatte meine Mutter eine günstige 5 ½ Zimmerwohnung für uns gefunden. Die Löwenstraße (jetzt heißt sie Rantzaustraße) lag verkehrsmäßig günstig zum sogenannten Chausseebahnhof der S- und Vorortsbahn (jetzt S-Bahn); und die Haupteinkaufsstraßen waren auch nicht weit. In der Löwenstraße gab es in der Hauptsache Einfamilienhäuser. Wir zogen in das einzige größere Mehrfamilienhaus an der Ecke Freesenstraße. Die Grenze zu Hamburg war nur etwa 200 Meter entfernt. Sie verlief in der Mitte der Hammerstraße.
Auf der Hamburger Seite der Hammerstraße standen große vier- oder fünfgeschossigen Mietshäusern mit Durchgängen zu einer Reihe gleichhoher Hinterhäuser. Im Erdgeschoß der Vorderhäuser waren Läden aller Art, unsere späteren Quellen für "Kolonialwaren", wie es damals hieß, sowie für Milch, Fleisch, Fisch und Gemüse. Das Angebot war groß und die Läden waren nicht weit. Der Kundendienst ging damals, in den dreißiger Jahren, aber soweit, daß wir Milch und Brötchen zwischen sechs und sieben morgens angeliefert bekamen und im Laufe des Vormittags vom Schlachter, vom Gemüsehändler und noch einmal jeweils vom Milchmann und Bäcker aufgesucht wurden.
Auf unserer, der Wandsbeker Seite der Hammerstraße gab es vorwiegend ein- oder zweistöckige Häuser, die dann in den Nebenstraßen in eine Villengegend übergingen.
In Wandsbek war nun also unser neues Zuhause. Wandsbek, wo meine Großmutter 1872 zur Welt gekommen war und in das sie mit uns jetzt zurückkehrte, sollte die Stätte meiner bewußten Kindheit werden. Hinter mir lag die Zeit der Schiffbrücke mit den frühkindlichen Träumen und Erinnerungen, vor mir lag die Knabenzeit. Es gab hier keine Förde, keine Hügel wie in Flensburg, aber auch Wandsbek war eine alte gewachsene Stadt, einwohnermäßig sogar etwa gleich groß wie Flensburg.
Ich besuchte die Schule in der Rennbahnstraße (jetzt Bovestraße), die spätere Hermann-Göring-Schule, nicht sehr weit von uns, am Ende der Löwenstraße und dann über den Chemnitzplatz. Letzterer, von uns Tschemmer genannt, war später ein beliebter Treffpunkt für Einheiten der Hitler-Jugend.
Es dauerte nicht lange, bis ich mich mit einigen Gleichaltrigen, die mit mir in einer Klasse waren und auch in unserem Teil der Löwenstraße wohnten, anfreundete. Wenngleich ich mich auch heute noch an einige Namen meiner Mitschüler in Flensburg erinnere, so hatte ich doch nie Gelegenheit, sie auch einmal außerhalb der Schule zu treffen. All das wurde jetzt anders. Um uns herum gab es Kinder, sowohl im Haus wie auch in den Nachbarhäusern, auf allen Seiten.
Hauptsächlich war ich jetzt und in den folgenden Jahren mit einem Klassenkameraden zusammen, dessen Eltern etwa 100 Meter von uns ein Haus mit einem schönen Garten hatten. Wir freundeten uns bereits im Laufe des ersten Jahres in Wandsbek an und sind, trotz unterschiedlicher Werdegänge, die jeden von uns viele Jahre von Wandsbek fernhielten, bis zum heutigen Tag, da er wieder zu Hause wohnt und auch ich mich nicht weit von der alten Gegend niedergelassen habe, befreundet.
In unserer Schulklasse waren nicht nur Kinder aus Marienthal, sondern auch aus den angrenzenden Bezirken, in denen zum Teil sozial schwächer gestellte Familien wohnten. Damals wurde periodisch abgefragt, wessen Vater noch erwerbslos war oder kurzarbeitete. Diese Kinder nahmen dann an einer kostenlosen Schulspeisung teil. Natürlich gab es auch für alle wieder Milch, aber keine heiße aus abgestoßenen Emaillebechern.
Mit neun Jahren wurde ich trotz verschiedener Schwächen zusammen mit einer kleinen Anzahl meiner Klassenkameraden ins Gymnasium übernommen. Hier zeigte sich jedoch bald, daß ich offensichtlich überfordert war. Das erste Schuljahr war noch nicht zu Ende, als ich erkrankte, einige Wochen im Bett verbrachte und anschließend auf den Rat der Ärzte in ein Kinderheim nach Wyk auf Föhr geschickt wurde. Als ich zurückkam, wurde Familienrat gehalten und beraten, was nun geschehen sollte. Auf das Gymnasium wollte ich nicht wieder, so beschloß man denn, mich in die Volksschule zurückzuschicken, um eventuell später eine weiterführende Schule zu finden.
Inzwischen waren wir mitten im "Dritten Reich". Einige Lehrer fragten uns, wer noch nicht im Jungvolk sei. Am Anfang waren es noch viele - und man ließ es dabei bewenden. Dann kam aber die Zeit, als die meisten der Zehn- und Elfjährigen schon eingetreten waren. Ich murmelte auf Befragen etwas wie "noch keine Gelegenheit gehabt". Das stimmte sogar. Es waren ja entweder das Elternhaus oder die gleichaltrigen Freunde, durch die man zum Beitritt animiert wurde.
Zu Hause stand man den Nazis zumindest skeptisch gegenüber. Von meinen engeren Freunden war auch noch keiner "Pimpf". Trotzdem sah ich natürlich viele, die ich kannte und die in Uniform zum "Dienst" gingen. Bei Umzügen, von denen es damals viele gab, marschierte neben der SA auch die HJ und das Jungvolk (die Zehn- bis Vierzehnjährigen) mit. Ich hörte auch, daß Jungvolkgruppen "auf Fahrt" gingen, d.h. sie fuhren mit dem Fahrrad oder der Bahn zum Zelten in landschaftlich schöne Gegenden. Man redete von Abhärtung und von Kameradschaft.
Ende 1936 wurde das Gefrage in der Schule so intensiv, daß ich mich, zusammen mit einem Freund, entschloß, den Erklärungen und Ausflüchten ein Ende zu bereiten. Eines Nachmittags nahmen wir dann zur Information an einem Treffen einer Jungvolkgruppe teil. Diese Treffen nannten sich Heimabende, obgleich sie, jedenfalls zu meiner Zeit, fast immer am Nachmittag stattfanden. Der Heimabend, zu dem wir gingen, wurde in einem kleinen Gemeinschaftsraum unserer Schule abgehalten - mit etwa 10 oder 12 Jungen in mehr oder weniger vollständiger Uniform und einem Jungschaftsführer, der vielleicht zwei Jahre älter war.
Wir wurden mit kräftigem Handschlag begrüßt. Dann ging es los. Thema war das Packen eines Tornisters, von den Eingeweihten "Affen" genannt. Zum ersten Mal hörte ich, daß die Schuhe an die Seiten des unteren Teils, des sogenannten Kastens, gehören und sonstige wichtige Regeln, von deren Bedeutung ich bisher gar keine Ahnung gehabt hatte. Auch das komplizierte Falten einer dreieckigen Zeltbahn wurde erklärt und vorgeführt, die dann zusammen mit der Decke mittels Riemen hufeisenförmig oben und an den Seiten des Tornisters befestigt wurde. Alles Dinge, die mir später in der HJ und noch später beim Militär zur Selbstverständlichkeit wurden. Damals waren wir beiden "Zivilisten" allerdings nicht sonderlich beeindruckt.
Trotzdem hatte mir das Zusammensein in der Gruppe, in der übrigens auch einige waren, die ich flüchtig von der Schule her kannte, gefallen. Es war so ähnlich, wie ich mir die Pfadfinder- oder Wandervogelbewegung vorstellte. Daß HJ und Jungvolk ganz andere Zielsetzungen hatten - die vormilitärische Ausbildung nämlich - war mir damals noch nicht klar. Ich ging also in der Woche darauf nochmals hin und ließ mich vorläufig aufnehmen.
So einfach war die Aufnahme als "Pimpf" aber dann doch nicht. Ich mußte zuerst eine sogenannte "Pimpfenprobe" bestehen. Wenn ich auch kein Sportler war, so konnte ich doch einigermaßen laufen und springen. Auch die Mutprobe, die in meinem Fall im Herabspringen von einer hohen, aber letztlich doch ungefährlichen Sanddüne bestand, bereitete mir keine Schwierigkeit - im Gegensatz zu den Schwierigkeiten, die mir die vorgeschriebenen drei Klimmzüge und der Schlagball-Weitwurf bereiteten. Letztendlich schaffte ich es aber doch.
Meine Mutter kaufte mir dann ein braunes Hemd mit Halstuch und Knoten. Eine schwarze Kniehose hatte ich. Statt mit einem dünnen Gürtel wurde sie jetzt mit einem Koppel gehalten. Einen Schulterriemen durfte nur tragen, wer die Pimpfenprobe erfolgreich abgelegt hatte und offiziell als Pimpf anerkannt worden war. Das waren die Anfänge meiner "aktiven Nazizeit".
Inzwischen waren alle in unserer Klasse im Jungvolk. Ich lernte viele Wandsbeker Jungen kennen und fühlte mich in ihrem Kreis auch wohl. Mindestens einmal in der Woche hatten wir Dienst, entweder Heimabend, Sport oder Geländespiele. Auf Heimabenden wurden uns überwiegend Geschichten aus der sogenannten "Kampfzeit" nahegebracht. Die klangen Ende der dreißiger Jahre für mich etwas abstrakt, da ich die einige Jahre zurückliegende "Kampfzeit" der Nazis gegen Sozialdemokraten und Kommunisten nie kennengelernt hatte. Trotzdem muß natürlich eine Anzahl meiner damaligen Kameraden aus eben diesen Sozi- und Kommunistenfamilien gekommen sein. Auf deren Eltern ist sicherlich politischer Druck ausgeübt worden, so daß sie ihre Jungen zähneknirschend zum Dienst in der HJ oder im Jungvolk geschickt haben. Das waren jedoch Dinge, die ich damals nicht wußte.
Die "Judenfrage" war für mich auch sehr theoretisch, weil ich keine Juden kannte, die Anlaß für entsprechende Gespräche gegeben hätten. Ich hatte wohl einigemal Juden in meinem Leben getroffen, wie den alten Lumpenhändler in Flensburg, der in einem Nachbarhof sein Geschäft hatte. Gesprochen hatte ich allerdings nie mit ihm oder er mit mir. Ähnlich ging es mir mit einem Jungen, mit dem ich 1931 in Flensburg eingeschult worden war. Ich wußte, daß seine Eltern ein Schuhgeschäft in der Stadt hatten und daß es Juden waren. Das hatte für mich aber keinerlei Bedeutung. Ich hatte zu diesem Jungen ebensowenig ein engeres Verhältnis wie zu all den anderen Mitschülern. Später dann in Wandsbek lebte zu Anfang der dreißiger Jahre eine Judenfamilie in der Löwenstraße. Sie hatte auch einen Sohn, den ich sogar einmal besuchte. Da er aber viel jünger als ich war, sah ich ihn nur sehr selten, später dann gar nicht mehr. Ich glaube, es wurde gesagt, daß die Familie fortgezogen sei. Darüber nachgedacht, was das unter Umständen zu dieser Zeit hieß, habe ich allerdings erst viel später.
So wuchs mit mir und den Gleichaltrigen um mich herum eine junge Generation auf, deren Eltern, oft politisch völlig verunsichert, kaum oder nur zaghafte Schritte unternahmen um innerhalb der Familie eine eigene Meinung durchzusetzen. Gewiß, wären wir fünf Jahre älter gewesen, dann hätte sich so etwas wohl automatisch ergeben. So aber waren wir noch im politisch unreifen Alter von 10 bis 14 Jahren. Und die Älteren scheuten in den meisten Fällen eine offene Konfliktsituation zum täglichen Leben in der Schule oder in der Hitler-Jugend.
Viele verantwortungsbewußte Väter beschränkten sich - wie mein eigener Vater - darauf, unser Gedankengut zu kontrollieren. Ich mußte viel erzählen und man legte großen Wert darauf, meine Freunde persönlich kennenzulernen. Ich weiß nicht, ob ich von mir und meinen damaligen Freunden sagen kann, wir waren junge deutsche Idealisten, fern jeder Radikalität, Idealisten ohne Fanatismus. Wir hatten einige der alten Ideale wie: "dem Schwachen zum Schutz und dem Starken zum Trutz", an die wir glaubten, nur blieben davon bei den Nazis wenig positive Aspekte übrig. Es war diese propagandistisch aufbereitete Jugend, die von Hitler für seine Wahnvorstellungen vom weltbeherrschenden "Großdeutschen Reich" mißbraucht wurde. 1939 wurde ich von einem "linientreuen" Propst konfirmiert, so daß auch von der Seite keine Denkanstöße erfolgten.
Noch im selben Jahr begann Hitler den Krieg.
Natürlich waren meine Eltern heilfroh, daß ich erst 14 Jahre alt war. Ich kann mich gut an einen Traum aus dieser Zeit erinnern. Ich träumte, daß ich das Kriegsende in England in der Kriegsgefangenschaft, dort jedoch in relativer Freiheit, verleben würde. Was sich dann Jahre später tatsächlich ereignen sollte, war 1939 so unvorstellbar, daß meine Mutter, der ich meinen Traum erzählte, mich nur auslachte.
1939 beendete ich die Volksschule und bestand mit Vorbehalt die Aufnahmeprüfung für die Staatliche Handelsschule. Es war erst während des letzten Teils meiner Handelsschulzeit, daß ich mir meiner Lernfortschritte bewußt wurde und eine vorher nie gekannte Selbstsicherheit beim Unterricht verspürte. Es war wie ein plötzliches Erwachen. Mit Ach und Krach in die Schule aufgenommen, verließ ich sie nach zwei Jahren mit einem der besten Zeugnisse der Klasse.
Ich bewarb mich für die gehobene Laufbahn der Reichsfinanzverwaltung und wurde aufgrund meines guten Abschlußzeugnisses auch angenommen.
Von 1941 bis 1942 nahm ich an einem Lehrgang an der Reichsfinanzschule Herrsching teil. Es gab einige solche Schulen in Deutschland, in denen jeweils mehrere hundert junge Anwärter, Jungmänner genannt, aus allen Teilen des Reichs ein Jahr lang intensiv ausgebildet wurden. Neben der fachlichen Ausbildung wurden wir auch noch in allgemeinen Fächern, hier aber hauptsächlich in Deutsch und deutscher Geschichte, geschult. In Anbetracht der Tatsache, daß die gehobene Laufbahn nur für Abiturienten offen war, sollte durch diesen einjährigen Intensiv-Lehrgang eine Art Verwaltungsabitur geschaffen werden. Ich bestand auch hier die Abschlußprüfung mit "gut" und kehrte zu meiner Dienststelle nach Hamburg zurück.
Noch 1942 wurde ich zum Reichsarbeitsdienst und Anfang 1943 zur Luftwaffe eingezogen. Zur Luftwaffe hatte ich mich freiwillig gemeldet, um als Flieger meinen Kriegsdienst zu leisten. Die hierfür notwendige Zustimmung der Eltern erhielt ich nur, weil meine Eltern hofften, daß der Krieg vor dem Ende der Ausbildung zu Ende sein würde.


KRIEGSDIENST

Zusammen mit vielen hundert Fluganwärtern war ich fast ein Jahr im besetzten Frankreich stationiert und die Aussicht, einen Platz auf einer Flugzeugführerschule zu bekommen, schien sehr gering.
Zu meinem ersten Heimaturlaub traf ich am Morgen des 23. Juli 1943 in Hamburg ein. Natürlich war die Wiedersehensfreude groß.
Am ersten Abend zu Hause sprachen wir u.a. auch über das Risiko eines alliierten Bombenangriffs auf Hamburg. Mein Vater plante, für meine Mutter und sich selbst in Bad Oldesloe ein Zimmer zu mieten und von dort zur Arbeit nach Hamburg zu fahren. Das klang sehr vernünftig. Mein kleiner Bruder Harro - drei Jahre jünger als ich - war damals mit seiner Klasse des Wandsbeker Gymnasiums in Ungarn. Die meisten Kinder waren, soweit möglich, evakuiert.
Meine Großmutter Lange, die bei uns gelebt hatte, war bereits 1941 gestorben.
Ich habe damals nur eine einzige Nacht zu Hause geschlafen. Bereits in der nächsten Nacht vom 24. zum 25. Juli l943 fand der erste der befürchteten Großangriffe auf Hamburg statt.
Meine Eltern gingen immer in den als Schutzraum vorgesehenen Keller des zweigeschossigen Nachbarhauses. Die Decke des Raumes, der zum größten Teil unter der Erde lag, war abgestützt, die Fenster waren mit Sandsäcken verbarrikadiert. Unser Haus hingegen, in dem sechs Partien wohnten, war nicht unterkellert. Es gab jedoch einen kleinen etwas tiefer gelegenen Raum in jeder der Parterrewohnungen, der ursprünglich als Speisekammer vorgesehen war, dafür aber nicht benutzt wurde. Die anderen Bewohner unseres Hauses gingen bei Fliegeralarm in einen dieser Räume, der nicht besonders gesichert war und auch nicht als Schutzraum ausgewiesen wurde.
Diese eingespielte Routine lief auch in der Nacht zum 25. Juli ab. Nachdem wir uns schnell angekleidet hatten, lief ich mit meinen Eltern ins Nachbarhaus. Natürlich erwarteten wir, daß die feindlichen Flugzeuge Hamburg, wie so oft in der Vergangenheit, überfliegen würden. Mit meinem Vater und unserem Nachbarn hielt ich mich die ersten fünf Minuten noch im Garten auf. Als das Feuer der schweren Flak aber immer intensiver wurde und wir zwischendurch auch das Dröhnen der Motoren von vielen Flugzeugen hörten, begaben auch wir uns in den Keller.
Da saßen wir - acht Personen - und warteten. Es waren bange Minuten. Plötzlich schreckte uns ein Geräusch auf, das wir noch nicht kannten: das Heulen von fallenden Bomben. Es schien so, als wenn Reihenwürfe auf uns zukamen. Eine Bombe schlug in einiger Entfernung ein, dann eine zweite aus der gleichen Richtung, schon ganz nahe bei uns. Als wir die dritte Bombe heranheulen hörten, blieb uns allen das Herz stehen. Keiner bewegte sich, keiner sagte etwas. Das Unausweichliche mußte jetzt kommen. Und es kam:
Ein vielstimmiger Aufschrei vermischte sich mit der Detonation der Bombe und dem Herabstürzen der Decke. Obgleich die Decke abgestützt war, brach sie doch unter der Wucht des zertrümmerten Hauses zusammen. Gleichzeitig mit der Detonation wurde es vollkommen dunkel. Ich fühlte einen starken Schlag auf den Kopf. So laut es Sekunden vorher hier noch war, so still wurde es jetzt. Ich hörte zwar weiterhin Bomben und Flakfeuer, aber nicht mehr in unmittelbarer Nähe. Ich saß direkt neben einer Tür in einer Zimmerecke, das rettete mir wohl das Leben. In panischer Angst lauschte ich ins Dunkle, dann schrie ich nach meiner Mutter und meinem Vater, die eben noch wenige Meter entfernt gesessen hatten. Ich hörte jedoch nur das leise Rieseln von Schutt.
Als ich wieder denken konnte, merkte ich, daß mir etwas Schweres, wohl ein Balken, auf dem Kopf lag. Es ließ sich nicht viel bewegen, da das eine Ende oder auch der größte Teil anscheinend unter dem Schutt lag. Meine Beine waren auch bis zu den Oberschenkeln von Schutt umgeben. Unter Aufwendung meiner ganzen Kräfte kam ich dann doch heraus. Ob ich durch eine offene Tür oder durch ein Loch in der Wand ins Freie gelangte, weiß ich nicht mehr.
Plötzlich stand ich im Garten des Hauses, dessen ganzer oberer Teil nicht mehr vorhanden war. Ich mußte Hilfe holen.
Das Haus nebenan, in dem wir wohnten, brannte im zweiten Stock. Ich sah aber keine Menschen. Die mir so vertraute Löwenstraße war nicht wiederzuerkennen. Ich lief zum 50 Meter entfernten Polizeirevier. Dort war kein Mensch. Ich erinnerte mich jetzt, daß ja sämtliche Aktivitäten von einer Zentrale in der Horst-Wessel-Straße (jetzt Schädlerstraße) geleitet wurden. Was sollte ich nun tun, ich wollte mich ja auch nicht zu weit entfernen. Dann lief ich aber doch. Zwischen Claudius und Schillerstraße, fiel ich in einen riesigen Bombentrichter, stolperte jedoch weiter, erreichte die Horst-Wessel-Straße, meldete, daß das Haus, in dem wir waren, eingestürzt sei und daß sich noch sieben Personen in den Trümmern befanden.
Von einem Polizisten wurde ich zu der im Keller befindlichen Notarzt- Station gebracht. Ich sah wohl schlimm aus. Das Blut rann mir übers Gesicht, meine Kleidung war zerrissen, ich war am Ende meiner Kräfte.
Als ich mit genähter Wunde und verbundenem Kopf zu mir kam, hörte ich, wie jemand "Gerhard" rief. Es war unsere Nachbarin, die auch neben oder in einer Tür stehend überlebt und hierher gefunden hatte. Unter Schluchzen rief sie immer wieder: "Alle andern sind tot, alle andern sind tot!"
Sobald ich in der Lage war wieder aufzustehen, machte ich mich auf den Weg zurück in die Löwenstraße. Der Angriff war vorüber. Hamburg lag wie von einem gewaltigen Schlag gefällt da. Bevor die Stadt sich wieder aufrichten konnte, erhielt sie in den kommenden Tagen und Nächten weitere Schläge, die sie in eine Trümmerlandschaft von bis dahin nicht vorstellbaren Ausmaßen verwandelten.
Als ich wieder in unseren Teil der Löwenstraße kam, sah ich einen Trupp der technischen Nothilfe Wasser auf einen noch rauchenden Trümmerberg spritzen. Das Haus, in dem wir wohnten, war zur Hälfte abgebrannt, stand in seinen Grundmauern aber noch. Von einer Frau hörte ich, daß alle Personen das Haus unverletzt verlassen konnten.
Vollkommen benommen irrte ich umher und fragte alle möglichen Leute immer wieder, ob denn keine Menschen aus dem Nachbarhaus geborgen worden seien. Jeder sagte mir, daß dort alle im Keller verschüttet und verbrannt wären. Später stellte sich dann heraus, daß das den Tatsachen entsprach.
Auch meine Eltern waren tot...
Ich verbrachte den Rest meines Heimaturlaubs im Lazarett in Wandsbek-Gartenstadt, wo meine Wunde versorgt und ich auch von einer Station aufgenommen wurde, obgleich meine Kopfwunde eine stationäre Behandlung nicht eigentlich notwendig gemacht hätte. Am nächsten Tag wurde das Lazarett getroffen und kurz darauf nach Buchholz verlegt. Auch dahin nahm man mich mit.
Zwischendurch hatte ich mich beim zuständigen Militärkommando in Hamburg gemeldet, meine Ausrüstung in der Luftwaffenkaserne in Hamburg-Rissen wieder vervollständigen lassen und Kontakt mit meinem Onkel, der in Bergedorf stationiert war, aufgenommen. Mein Onkel hatte im selben Haus in der Löwenstraße in der Nebenwohnung gewohnt, hatte aber seine Frau, seine zwei kleinen Töchter und sich in Sicherheit bringen können.
Zwei Nachbarn hatten inzwischen bestätigt, daß sie bei der Bergung die Leichen meiner Eltern identifiziert hatten...
Anfang August war ich wieder nach Frankreich unterwegs. Vorher hatte ich noch einen Brief an den Lehrer meines Bruders in Ungarn geschrieben und ihn gebeten, meinem Bruder Harro den Tod unserer Eltern möglichst schonend beizubringen.
Zum Fliegen kam ich dann letztendlich eher zufällig. Ende 1943 befand sich auch der Neffe eines Luftwaffen Generals in meiner Kompanie. Dieser General veranlaßte damals die Versetzung seines Neffen auf eine Flugzeugführerschule. Während die meisten Fluganwärter 1944 zu Erdkampfeinheiten in den Osten versetzt wurden, gehörte ich zu einer kleinen Gruppe, die Ende Dezember 1943 - zusammen mit dem Neffen des Generals - zur Flugzeugführerschule A 10 in Warnemünde fuhr.
Während der nächsten Monate lernte ich fliegen. Da gab es den Umgang mit Gefahrensituationen in der Luft, den Überlandflug, Anfänge des Verband- und Instrumentenfluges und dann war da noch der Kunstflug! Was gibt es Schöneres für einen jungen Flieger, als in einem kleinen Flugzeug auf dreitausend Meter Höhe zu steigen und leichte und schwierigere Kunstflugfiguren zu üben:
Ich fühlte, wie der Gashebel, den ich in der linken Hand hielt, leicht nach vorne geschoben wurde. Dann wurde der Steuerknüppel, den ich mit meiner rechten Hand umfaßt hielt, nach links gedrückt. Gleichzeitig bewegte sich mein rechter Fuß auf dem Seitenruder etwas nach vorne. Jetzt wurde der Steuerknüppel leicht nach vorne gedrückt, die Füße waren inzwischen wieder nebeneinander. Der Horizont vor mir hatte sich auf den Kopf gestellt. Wo vorher die Erde war, also unten, war jetzt der Himmel. Und die Erde war jetzt über mir. Langsam glitt der Steuerknüppel, immer links bleibend, wieder von vorn zur Mitte zurück, während mein linker Fuß sich jetzt nach vorne bewegte. Gleich darauf standen die Füße wieder nebeneinander, der Steuerknüppel befand sich in der Mitte und das Flugzeug flog in seiner ursprünglichen Lage.
Der Fluglehrer erläuterte nochmals die einzelnen Phasen der soeben beendeten langsamen oder gesteuerten Rolle, die er gesteuert und ich nur mitgefühlt hatte. Ich konnte mir nicht so recht vorstellen, daß ich das - Loopings waren noch verhältnismäßig einfach dagegen - jemals alleine machen könnte.
Natürlich hatte auch ich eine oder zwei Wochen später bereits gelernt, wie man eine solche Rolle fliegen mußte; der Flugpfad durfte dabei ja für den kritischen Beobachter am Boden - trotz der vielen Stützbewegungen mit den Rudern - keine großen Schlingerbewegungen zeigen.
Ich lernte auf der guten alten "Bücker Bestmann" fliegen, die neben anderen Typen damals auf den A-Schulen hauptsächlich benutzt wurde.
Unsere Fliegerei dauerte leider nicht lange. Nach der Grundausbildung auf der A-Schule wurde ich an den zur B-Schule Roth gehörenden Flugplatz Deiningen bei Nördlingen und von dort nach Magdeburg versetzt, wo auf dem Flugplatz Magdeburg-Ost meine fliegerische Karriere erst einmal zu Ende ging. Ab Herbst 1944 gab es hier nur noch Theorie, weil kein Treibstoff für unsere Flugzeuge mehr vorhanden war.
Dann ging alles sehr schnell:
Im Januar 1945 geriet ich mit einer Fallschirmjäger-Kampfgruppe der Luftwaffe im Erdeinsatz, zu der ich abkommandiert worden war, in der Nähe der holländischen Grenze in englische Gefangensschaft.
Für mich war der Krieg zu Ende. Und ich hatte ihn überlebt, als einziger unserer Familie. Mein Bruder Harro wurde Anfang 1945 mit seiner Wandsbeker Schulklasse als Flaksoldat zum Fronteinsatz geschickt - an die Ostfront. Im April, in den schweren Kämpfen im Raum Frankfurt an der Oder und Küstrin, wurde er vermißt gemeldet. Alle späteren Nachforschungen sind erfolglos geblieben.


IN ENGLISCHER KRIEGSGEFANGENSCHAFT

Die letzten Stunden vor meiner Gefangennahme waren noch ziemlich turbulent. Unsere Gruppe hatte auf einer Wiese in der Nähe der holländischen Grenze, in Schützenlöchern Stellung bezogen, wurde aber am 28. März von den an uns vorbei vordringenden britischen Truppen abgeschnitten. In etwa 300 Meter Entfernung war auch eine britische Panzereinheit vorgestoßen. Als einige der Panzer sich in unsere Richtung in Bewegung setzten, befürchteten wir, daß sie uns in unseren Löchern entweder mit Flammenwerfern vernichten oder durch Überrollen und Drehen auf der Stelle eingraben würden. Beides hatten wir von anderen Abschnitten erzählen hören.
Wir waren acht Mann, jeder in einem Erdloch. Durch Zurufe konnten wir uns verständigen. So saß jeder für sich und mußte mit seinen beklemmenden Gefühlen fertig werden. Wir waren ja keine erfahrenen Frontsoldaten, sondern hatten nur das Elementarste schnell gelernt. Wir hatten kein Benzin zum Fahren und waren in den vergangenen Tagen große Strecken täglich marschiert. Und der einzige deutsche Panzer, den wir vor zwei Tagen gesehen hatten, war auch wegen Treibstoffmangels stehengelassen worden. Zwei von uns hatten noch eine Panzerfaust. Würden sie sie im Notfall einsetzen? Zum Glück für uns trat dieser Fall nicht ein, die britischen Panzer drehten ab. Dafür wimmelte es jetzt von feindlicher Infanterie, von denen eine Abteilung begann, unseren Abschnitt nach deutschen Soldaten abzusuchen.
Die beiden jungen Engländer, die auf mein Erdloch zukamen, hatten mindestens soviel Angst wie ich. Wir ließen unsere Waffen liegen und wurden gemeinsam zu einer naheliegenden Straße geführt, auf der eine schier endlose Kolonne britischer Fahrzeuge auf den weiteren Vormarsch wartete. Wir waren zwar nur eine kleine Gruppe, aber es gab sehr viele dieser kleinen Gruppen, die auf einem mit Stacheldraht umsäumten Gelände zusammengeführt wurden. Ein englischer Offizier rief die verschiedenen deutschen Einheiten, die in unserem Abschnitt eingesetzt waren, mit Namen oder Nummer auf. Man wußte genau Bescheid und war auf uns vorbereitet. Für uns war das sehr deprimierend.
Hier stieß ich mit anderen Kameraden unserer Einheit wieder zusammen. Insgesamt waren wir wohl einige hundert. Abends gab es sogar noch etwas zu essen, Corned Beef, für jeden eine Dose, dazu ein Päckchen Keks und Tee. Getrunken wurde aus dem unteren Teil der Corned Beef Dose.
Wir befanden uns auf einer feuchten Wiese, die sich nicht zum Hinlegen eignete. Ich sehe noch den großen Kreis der im Stehen schlafender Männer vor mir. Ein jeder legte seine verschränkten Arme auf den leicht vorgebeugten Rücken des Vordermannes. Umfallen konnte keiner, dazu waren es zu viele. Ausgeschlafen hatten wir sicherlich nicht, als sich der Kreis am frühen Morgen auflöste...
Eine Kolonne britischer Armeelastwagen brachte uns nach Zedelgem, einer kleinen Ortschaft in der Nähe von Brügge in Belgien, in ein riesiges Lager für Tausende von Gefangenen. Mit der am Eingang in Empfang genommenen Wolldecke sowie einem Eßnapf bezogen wir unser neues "Zuhause". Ich kann nicht erinnern, ob wir noch etwas Stroh erhielten. Das Schlafen auf dem Betonfußboden war jedenfalls nicht sehr komfortabel, aber wir waren ja nicht verwöhnt. Weil es auch noch kalt war, bildeten wir kleine Schlafgruppen, d.h. wir schliefen jeweils mit einem oder zwei anderen zusammen. Jeder hatte ja nur eine Decke, so legten wir denn eine Decke unter und deckten uns mit den restlichen Decken zu.
Das Hauptproblem war aber nicht das Schlafen, sondern die Verpflegung. Mittags wurde in die Gebäude ein Kessel mit Suppe für jeweils 25 Mann geliefert. Wir saßen dann bei der Austeilung im Kreis herum, um uns von der gerechten Verteilung zu überzeugen. Ein jeder erhielt einen halben Napf voll dünner Flüssigkeit, mit zwei kleinen oder einer mittelgroßen Kartoffel. Wir waren alle hungrig wie die Wölfe und löffelten unsere "Suppe" innerhalb weniger Minuten aus. Abends gab es für jeden ein Viertel eines locker gebackenen, viereckigen Weißbrots, das man bequem zu einer Scheibe zusammendrücken konnte, dazu Tee, sonst nichts. Das Brot war natürlich auch in wenigen Minuten gegessen und vergessen.
Wir kamen allmählich so von Kräften, daß wir nicht mehr schnell aufstehen durften, um nicht schwindelig zu werden. Von Zeit zu Zeit wurden gelernte Kräfte für irgendwelche Arbeiten angefordert. Ich kann mich noch gut erinnern, als bekannt wurde, daß Bäcker angefordert werden sollten. Der Kamerad mit dem ich damals zusammen war, hatte irgendwann auch einmal Bäcker gelernt. Er überraschte mich mit seinem freudigen Ausruf: "Da gehn wir zusammen hin!"
"Bist du verrückt?" antwortete ich, "ich habe eine Backstube ja noch nicht einmal von innen gesehen." Aber er meinte nur: "Das machen wir schon."
In den darauffolgenden Tagen lernte ich morgens, mittags und abends alles über Themen wie Sauerteig, etc. etc.. Es ist für mich sicherlich ein Glück, daß daraus nichts wurde; bezeichnend ist es aber, daß ich einmal bereit war meinen Namen auf die Liste für "gelernte Bäcker" zu setzen.
Ende April wurde bekanntgegeben, daß alle ehemaligen Angehörigen des Fliegenden Personals und der Marine nach England verlegt würden. Offiziell war ich ja noch Angehöriger des Fliegenden Personals, wie die Schwingen am Unterärmel meiner Uniformjacke bewiesen.
Am Abend, an dem wir in einem Transportschiff hätten auslaufen sollen, war so starker Sturm, daß sämtliche Schiffahrt über den Kanal eingestellt wurde. Kurz nach Mitternacht - der Sturm hatte sich etwas gelegt - ging es aber doch los.
Ganz vorne, wo die Landeplattform, über die wir vorher in das Schiff einmarschiert waren, bei geschlossenem Bug jetzt schräg nach oben anstieg, standen die Toilettenkübel. Ich saß oder kauerte ziemlich mittschiffs. Man erzählte sich, daß es bei dem stampfenden Schiff da vorne ganz fürchterlich sei. Ich bemerkte auch, daß kaum einer von denen, die mal kurz dorthin wollten oder mußten, zu uns zurückkam. Da wir viele Stunden unterwegs waren, mußte auch ich schließlich mal nach vorne. Es war wirklich fürchterlich. Das in der schweren See auf und ab stampfende Schiff, der Anblick der Unglücklichen, die es nicht mehr zurückgeschafft hatten, und der entsetzliche Gestank. Ich konnte mich kaum auf den Beinen halten. Mit großer Willensanstrengung schaffte ich es noch, ein Stück zurückzutorkeln. Bis zu meinem alten Platz kam ich aber nicht mehr. Auf halbem Wege ging ich zu Boden. In der Zwischenzeit hatte man die Luken nach oben an Deck geöffnet. Die frische Luft brachte eine leichte Linderung. Ich erholte mich wieder.
Es muß wohl am frühen Vormittag gewesen sein, als wir in die Themsemündung einliefen, um die Tilbury Docks zu erreichen. Jetzt mußten oder durften wir nach oben an Deck kriechen. Was für ein Bild. Auf Schiffen um uns herum waren die Decks angefüllt mit ausgehungerten, leicht verwahrlost aussehenden, kreidebleichen Gestalten, die im kalten Morgenwind froren. Nicht weit von der Pier hielt ein Eisenbahnzug, der uns zum Londoner Auffanglager, der großen Pferderennbahn Kempton Park, brachte.
Auf dem Gelände der Rennbahn standen viele Zelte für Neuankömmlinge vom Festland. Nachdem wir im Zug nach London wieder Corned Beef und Keks bekommen hatten, ging es im Lager erstmals zum Duschen. In der Duschbaracke gab es richtige schäumende Seife, wie wir sie aus der Zeit vor dem Krieg noch erinnern konnten. Sie war frisch und noch nicht ausgetrocknet.
Vor dem Duschen waren wir registriert worden und hatten jeder einen englischen Armeekleidersack, eine gefärbte englische Uniform (mit großen andersfarbigen Markierungsflicken, jeweils auf dem Rücken der Bluse und auf einem Hosenbein) sowie etwas Wäsche erhalten.
Nach dem Duschen zogen wir unsere frische Wäsche und die neue Uniform an und verstauten die alte, die inzwischen chemisch gereinigt worden war, im Kleidersack. Wir fühlten uns plötzlich wieder wie Menschen, ein angenehmes lange entbehrtes Gefühl. Fast hätten wir die vergangenen Wochen bereits vergessen, wenn wir nicht, trotz Corned Beef und Keks, nach diesem ausgedehnten aber auch ermüdendem Duschbad jetzt mächtig hungrig gewesen wären.
Man erzählte sich, daß es heute noch eine warme Mahlzeit geben würde. Schön wär's. Wir trugen erst einmal unsere Sachen zu den uns zugewiesenen Zelten und gingen dann zu einer Baracke, vor der sich eine große Traube von Männern in die Nähe der schmalen Tür drängte. Dort, so hieß es, gäbe es warmes Essen. Es kamen aber immer nur kleine Grüppchen von jeweils fünf oder sechs Leuten heraus und eine entsprechende Anzahl wurde dann auch nur hineingelassen.
Der Grund dieser langsamen Abfertigung war einzig und allein der nicht übermäßig große Speiseraum. Wir fanden einen Platz. Auf den Tischen standen Terrinen mit heißer Suppe, in der neben Gemüse und Kartoffeln auch viel Fleisch war. Diese Terrinen wurden laufend wieder gefüllt. Wir erhielten Teller und Löffel und konnten essen, bis wir satt waren. Es war ganz offensichtlich wirklich genügend da.
Am nächsten Morgen wurden wir in Gruppen eingeteilt, die von Kempton Park aus in Lager in verschiedenen Teilen Südenglands gebracht werden sollten. Meiner Gruppe gehörten noch etwa zwanzig andere an. Am späten Vormittag ging es mit Armeelastwagen in östliche Richtung, wie jemand aus dem Stand der Sonne schloß. Die Landschaft war leicht hügelig, wurde aber immer einsamer. Irgendwann zweigte unser Wagen dann vom Konvoi ab; wir fuhren jetzt auf einer Hügelkette entlang. Ganz plötzlich bogen wir von der Straße ab und hielten nach knapp 100 Metern vor einem großen Tor. Wir waren im Spring Hill Camp in den nördlichen Cotswolds angelangt. Ein großes Areal mit etwa 30 Baracken lag vor uns. Hier sollte ich die kommenden eineinhalb Jahre verbringen.


IN DEN COTSWOLDS

Wir waren offensichtlich von Städten weit entfernt, selbst bei kleinen Ortschaften handelte es sich nur um Bauerndörfer.
Kurz nach unserer Ankunft in Spring Hill - der Krieg war inzwischen zu Ende - wurden wir erstmals von einem Verhöroffizier in Kategorien (A bis C) eingestuft. "A" bedeutete "Antifaschist" und "C" bedeutete "faschistischer Militarist". Zusätzlich gab es Abstufungen in Form von plus oder minus, von "A+" bis hin zu "C-". Da ich dem Verhöroffizier, der meine Meinung zu den Konzentrationslagern, über die ich damals noch nicht sehr viel wußte, erfahren wollte, die Terrorangriffe auf unsere Städte entgegenhielt, wurde ich als "C+" eingestuft.
Es war die Zeit, in der ich an die Greueltaten der Nazis noch nicht glauben konnte. Das kam erst später nach vielen Gesprächen mit anderen Gefangenen, die mehr gesehen hatten als ich. So wurde mir hier im englischen Kriegsgefangenenlager klar, was die Nazis wirklich alles angerichtet hatten.
Wir hatten jetzt ja Muße; so suchte ich Gespräche mit Leuten, die schon vor 1933 politische Erfahrungen gemacht hatten. Sie waren jetzt wieder Sozialdemokraten, Kommunisten, Liberale oder Konservative. Für mich eröffnete sich eine ganz neue Welt. Ich besuchte Vorträge und diskutierte mit Gleichaltrigen. All das wurde von den Engländern gefördert. Zum Glück, denn nur durch politische Umerziehung unserer Jahrgänge, die im "Dritten Reich" aufgewachsen waren, konnte ein positiver Wandel im Denken in Deutschland unterstützt werden. Die Erkenntnis, daß auch politische Abstinenz keinen Bürger einer Demokratie von der Mitverantwortung entbindet, war wohl mein Fazit dieser "Umerziehung".
Für viele Jüngere mag mein vorangegangener Bericht über das Erleben des "Dritten Reiches" unverständlich oder gar unglaubwürdig erscheinen. Aber ich habe meine Erinnerungen an diese Zeit, wie ich glaube, realistisch wiedergegeben. Jetzt, mehr als 50 Jahre später, klingt sogar für mich manches etwas pathetisch. Und zugeben muß ich natürlich, daß ich politisch damals noch sehr unreif war. Sicherlich gab es viele wie mich, für die es niemals eine direkte Konfliktsituation gegeben hat, in der ich Unrecht tun bzw. miterleben und dulden mußte oder die persönliche Konsequenz hätte ziehen müssen. Wäre ich in Situationen, von denen ich erst später wußte, auch schuldig geworden? Darauf kann ich nur ehrlich antworten: "Ich weiß es nicht".
Im Spring Hill Camp wurde viel geboten. Es gab ein Orchester, eine Theatergruppe, auch Kurse und allgemein interessierende Vorträge von Fachleuten der verschiedensten Richtungen. Unter hunderten von Kriegsgefangenen gab es natürlich auch ältere, die im Zivilleben interessante Berufe ausgeübt hatten und jetzt bereit waren, uns jüngeren davon zu berichten. Beliebt waren zum Beispiel die Erlebnisberichte eines Pastors, der viele Jahre als Missionar in Afrika gelebt hatte. Für Interessierte, und sehr viele von uns waren interessiert, gab es plötzlich viel zu lernen: Sprachkurse, philosophische Vorträge, solche über Geschichte oder über Kompositionslehre usw. usw., um nur ein paar zu nennen, an deren Teilnahme ich mich noch erinnern kann. Was hatte wir nicht alles nachzuholen...
Dann, es war wohl Spätsommer 1945, wurden Arbeitskommandos eingeteilt. Für einen Minimalverdienst arbeiteten wir auf Bauernhöfen und im Straßen- oder Siedlungsbau. Es war für uns eine willkommene Abwechslung. Mit den verdienten Schillingen und Pence konnten wir uns auch nützliche Kleinigkeiten kaufen.
Die Verpflegung war eigentlich ganz gut, obgleich wir, nachdem der ständige Hunger erst mal vertrieben war, schnell anfingen zu meckern. Dabei vergaßen wir, daß die Lebensmittel in England in den ersten Jahren nach dem Krieg noch rationiert waren. Ich kann mich zum Beispiel erinnern, daß der Bevölkerung damals einmal erklärt wurde, den Kriegsgefangenen müßten mehr Kartoffeln als die normale Ration zugeteilt werden, weil man in unserem Land gewohnt sei, größere Mengen davon zu essen.
Ganz allmählich gewöhnten wir uns wieder an einen geregelten Tagesablauf. Morgens um 8 Uhr wurden wir von Lkws oder Bussen abgeholt. Unser Mittagsbrot hatten wir dabei. Abends zwischen 5 und 6 Uhr kamen wir von der Arbeit zurück. Manchmal, bei der Ernte, gab es sogar Überstunden, die dann direkt vom Bauern (bedeutend besser) bezahlt wurden.
Abends besuchten wir Kurse oder gingen zu Vorträgen oder Aufführungen, an Sonntagen zum Gottesdienst.
Mit dem Englischlernen war das so eine Sache. Gewiß, in der Theorie, d.h. im Kursus, lief es so wie in der Schule, aber wir waren ja in England.
Da wir in Gruppen arbeiteten, war immer einer der Dolmetscher. Die andern wechselten wohl auch mal ein paar Wörter mit den Einheimischen, besonders weit ging das aber nicht. Und das hatte einen einfachen Grund. Viele von uns hatten schon erlebt, daß selbst die kürzesten Gespräche schnell zu Ende waren, weil wir unsere Gesprächspartner nicht verstanden. Natürlich sprach man in diesen Gegenden kein Schulenglisch, aber es ging einfach zu schnell. Wenn wir mutig genug waren und um langsamere Wiederholung baten, erhielten wir in den meisten Fällen denselben Satz noch einmal, diesmal aber in doppelter Lautstärke, leider jedoch ebenso schnell wie vorher. Dabei waren die Einheimischen aber fast alle ausgesprochen nett zu uns.
Innerhalb des Lagers entwickelten sich auch Freundschaften, die insofern besonders waren, als man hier, mehr als im normalen Leben, einen ständigen Ansprechpartner brauchte. Ein jeder lebte in der Erinnerung an die Zeit vor der Gefangenschaft, und die war ja auch nicht in wirklicher Freiheit verlaufen. Für die Älteren gab es das Vor-Vorher, für die Jüngeren, zu denen ich gehörte, nicht. Wir warteten ja noch auf unsere Jugend. Die wurde jetzt aber von den noch jüngeren Achtzehn-, Neunzehnjährigen zu Hause in Deutschland gelebt. Als wir zurückkamen, waren wir vergleichsweise schon alt. Aber das waren Probleme, die sich erst später zeigen sollten.


IN DEN MIDLANDS

Ende l946 wurden ein paar von uns in das kleine "Bromley Lane -Hostel" am Rande des Industriezentrums westlich von Birmingham verlegt. Dort konnten wir uns relativ frei innerhalb der umliegenden Ortschaften bewegen, nur mußten wir um 10 Uhr abends wieder in unserer Baracke sein.
Wir arbeiteten hier wieder zum Teil auf Baustellen, meist jedoch in der Industrie, in Ziegeleien, Eisenwerken, Glasfabriken bzw. Glasbläsereien, für die diese Gegend bekannt war.
Ich arbeitete damals zusammen mit einem Kameraden in einer Asphaltfabrik, wo der aus Trinidad importierte Rohasphalt mit anderen Zutaten aufgekocht und für die Verwendung als Straßenbelag aufbereitet wurde.
Seit einiger Zeit gab es für die umliegenden Gemeinden ein Kriegsgefangenen-Wohlfahrtskomitee, das es sich zur Aufgabe gemacht hatte, den Kriegsgefangenen die Möglichkeit zu privaten Kontakten zu vermitteln.
Dies war natürlich besonders zu Weihnachten schön. 1947, kurz vor dem Fest bekam auch ich einen Zettel mit dem Namen und der Anschrift einer Familie. An den Weihnachtstagen war die ganze Familie dort bei den Eltern bzw. Großeltern versammelt.
Wir waren alle zusammen in der Kirche gewesen, hatten zu Abend gegessen und fanden jetzt, ein jeder neben seinem Teller, einen zusammengefalteten Zettel. Dann ging es der Reihe nach. Jeder mußte den Zettel auseinanderfalten und laut vorlesen. Darauf standen in Reime gefaßte Hinweise, wo man ein Geschenk finden würde.
Auch neben meinem Teller lag so sein Zettel: "Gerhard my boy, search near a cue, you will find something there, that's intended for you" (Gerhard, mein Junge, suche in der Nähe eines Billiardstockes, dort wirst du etwas finden, das für dich bestimmt ist).
Ich wußte zwar nicht, was ein oder eine "cue" ist, wurde aber von den um mich sitzenden hilfsbereiten Familienmitgliedern aufgeklärt. Beim besten Willen kann ich mich heute nicht mehr erinnern, was ich in der Nähe des Billiardstocks fand. Viel wichtiger aber war, mit welchem Verständnis diese Familie einen deutschen Kriegsgefangenen an ihrer Familienfeier zu Weihnachten nicht nur mit teilnehmen ließ, sondern in ihren Kreis aufnahm. Krieg, Gefangenschaft, Feindesland waren jedenfalls während dieser Stunden vergessen.
Als das Jahr 1947 zu Ende gegangen war, rückte die Zeit der Repatriierung, der Rückführung in die Heimat, immer näher. Sogenannte Antifaschisten, oder die, die als solche eingestuft worden waren, fuhren bereits Anfang 1947 nach Hause. Jetzt ging es nur noch nach dem Zeitpunkt der Gefangennahme. Ich wurde im Mai 1948 von England nach Munster-Lager in der Lüneburger Heide verlegt und dort am 25. Mai 1948 mit einigen Hundert anderen aus der Kriegsgefangenschaft entlassen.
Im Sommer 1942 war ich zum Reichsarbeitsdienst eingezogen worden, jetzt hatten wir fast Sommer l948. Sechs Jahre waren vergangen, als ich jetzt wieder als Zivilist nach Hamburg zurückkam, die Jahre von 17 bis 23, das war meine Jugend. Aber so erging es ja allen Gleichaltrigen. Wir kamen "heim" mit Erfahrungen, die keiner hier brauchte, und fanden es schwer, dort wieder anzuknüpfen, wo unser Leben vor vielen Jahren unterbrochen worden war.
Wohin in Hamburg? Mein Onkel wohnte mit seiner Frau und den beiden Kindern in einem Zimmer. Sonst war von unserer Familie keiner mehr da.
Als ich mich in Hamburg anmeldete und um Unterkunft nachsuchte, verwies man mich an den Hochbunker am Hauptbahnhof, beim jetzigen ZOB. Bevor ich mich dort meldete, fuhr ich jedoch erst einmal wieder in unsere alte Gegend, in die Löwenstraße, die inzwischen Rantzaustraße hieß.


DIE NACHKRIEGSJAHRE

In der Rantzaustraße besuchte ich die Familie meines alten Schulfreundes, mit dem ich bereits aus der Gefangenschaft einige Briefe gewechselt hatte. Ebenfalls 1943 ausgebombt, hatten seine Eltern sich in ihrem Garten ein kleines Haus bauen lassen, welches dann später Basis für das durch mehrmalige Um- und Ausbauten in den vergangenen 40 Jahren neuerstandene Gebäude wurde.
Hier wurde ich herzlich empfangen. Und als ich von meiner zukünftigen Wohnung im Hochbunker am Hauptbahnhof sprach, lud man mich spontan zum Bleiben ein. Trotz beschränktem Platz fand ich bei dieser Familie wieder ein Zuhause und wurde als dritter Sohn oder fünftes Familienmitglied integriert, in einer Zeit, in der das Leben noch voller Entbehrungen war. Nicht nur, daß es in den ersten Nachkriegsjahren noch Schwierigkeiten bei der täglichen Beköstigung gab, auch heute kaum noch vorstellbare häusliche Probleme - wie zum Beispiel das Waschen für eine große Familie mit der Hand und das Haushalten ohne Kühlschrank - machten das Leben einer Hausfrau unvergleichlich viel schwerer als heute. Um so mehr war ich natürlich dankbar, daß ich so bereitwillig angenommen wurde. Was ich damals in die Haushaltskasse einbringen konnte, war außerdem so wenig, daß ich ohne dieses großherzige Verhalten meiner Freunde in ernste Schwierigkeiten gekommen wäre.
Letzteres hatte folgenden Grund. Die Finanzverwaltung sah sich die zurückkehrenden Beamtenanwärter jetzt noch mal erneut an. Zumal im Gehobenen Dienst mußte man jetzt erst noch einmal beweisen, daß eine Eignung wirklich vorhanden war. Drei Jahre nach Kriegsende waren natürlich inzwischen viele Beamte aus den Ostgebieten gekommen und neue Abiturienten drängten in den Staatsdienst nach. So war die Auswahl groß. Man wollte daher unter denen, die noch im "Dritten Reich" angenommen wurden, aber noch keinen Abschluß hatten, die jetzt als ungeeignet Erkennbaren aussondern.
"Erkennbar" sollte man sich in einer Eignungsprüfung machen, die in meinem Fall etwa zehn Tage nach meiner Rückkehr angesetzt worden war.
Ich traf eines Morgens Anfang Juni 1948 mit etwa zehn anderen Heimkehrern zusammen. Da man zu dem Zeitpunkt keine Fachkenntnisse prüfen konnte, beschränkte man sich auf die Prüfung der allgemeinen Intelligenz. Mittels eines Aufsatzes, eines Essays, sollten Stil bzw. Ausdruck und logische Denkstruktur und mit einer Reihe von Rechenaufgaben die Gewandtheit im Gebrauch mit Zahlen geprüft werden.
Von anderen hatte ich bereits gehört, daß sie sich Sorge machten, selbst hatte ich aber eigentlich keine Befürchtungen. Es sollte sich auch schnell erweisen, daß ich keine zu haben brauchte. Das Thema "Das Buch, der Freund des Menschen" war für mich nicht schwierig zu entwickeln. An Anfang und Ende setzte ich ein Sprichwort, dann leitete ich von der Geschichte der Buchherstellung und Druckkunst zum modernen Medium über, schrieb über den Wert des Buches in der Fach- und der Unterhaltungsliteratur - letztere besonders für Einsame und Kranke - und schloß mit der Feststellung, daß ständiges Lesen von guten Büchern die Phantasie anrege und fördere. Ich war ganz zufrieden. Das Rechnen war ebenfalls kein Problem.
Zwei oder drei Wochen später wurden wir zur Personalabteilung auf die Oberfinanzdirektion bestellt, um nun persönlich die Ergebnisse zu hören.
Es wurden Aufsätze, hauptsächlich aber die Rechenkünste der einzelnen kritisiert. Zwei waren so schwach, daß sie sich als ungeeignet zu erkennen gegeben hatten.
Und dann kam ich an die Reihe. Rechnen wurde nicht weiter erwähnt, aber der Aufsatz. Meine Sprichwörter wurden so quasi als geistesschwach abqualifiziert. "Sag mir, was du liest, und ich sag dir, wer du bist" mochte ja noch angehen, aber: "Ein Mensch von Geist ist nie allein", war ja wohl unmöglich. Der arme Mensch "von Geist" wurde mir höhnisch um die Ohren gehauen. Man könne im Gehobenen Dienst nur Leute gebrauchen, die auch verständliche Briefe und Berichte schreiben können, eine Fähigkeit, die mir offensichtlich völlig fehle. Was sollte ich da sagen. Ich hatte mich als ungeeignet "zu erkennen gegeben".
Wir Ungeeigneten wurden dann aber doch gnädig für den Mittleren Dienst zugelassen und neu eingestellt. Ein Jahr später bestand ich eine Prüfung so gut, daß der gleiche Beamte zu zwei anderen und mir sagte, man müsse sich dafür einsetzen, daß wir sofort in den Gehobenen Dienst aufsteigen könnten. Er hat mich wohl nicht erkannt.
Drei Jahre später gab es dann die erste Möglichkeit zum Wiederaufstieg. Als aber ein anderer aus "Dienstalters-Gründen" vorgezogen wurde, hatte ich endgültig genug. Trotz Protest wurde meine effektive Dienstzeit seit 1941 nicht berücksichtigt. Selbstverständlich gönnte ich meinem Kollegen seinen Aufstieg, nur konnte ich nicht einsehen, daß ich wieder einmal, wie ich meinte, ungerecht behandelt werden und mich damit zufriedengeben sollte.
Dies war der Hintergrund für meine Entscheidung, als Auswanderer in Übersee mir selbst zu beweisen, wozu ich fähig war. Behörden hatten ihren Reiz für mich verloren - und dabei war ich noch 1952 zum Beamten auf Lebenszeit ernannt worden.
Privat hatte sich seit meiner Rückkehr aus der Gefangenschaft nicht sehr viel verändert. Ich wohnte nicht mehr bei meinen Freunden in der Rantzaustraße, sondern hatte mir ein möbliertes Zimmer im Stadtteil Fuhlsbüttel genommen. Natürlich waren sie auch weiterhin meine Familie, d.h. die Menschen, die mir am nächsten standen.
In den frühen Fünfzigern hatte ich ein Motorrad, später ein altes Auto, ich segelte mit Freunden, die ein großes Boot hatten, auf der Ostsee und tat alles mögliche um meine Jugend nachzuholen. Einmal in der Woche traf ich mich mit einem Freund aus der Gefangenschaft. Auch seine Mutter verwöhnte mich u.a. mit guten Mahlzeiten in geselliger Runde.
Und dann - 1953 - war diese unbeschwerte Zeit zu Ende. Ich hatte es so gewollt. Mein Reisetermin stand fest.
Ich hatte mich für Australien entschieden. Es war damals das einzige Land, das Bedarf an ungelernten Arbeitern hatte, denn daß ich als solcher auswandern mußte, war mir klar. Ich würde drüben Einwanderer sein wie viele vor mir. Es kam allein auf mich an, was ich daraus machte...


AUSWANDERER

Ich arbeitete als Bergmann in einem der bedeutendsten Kupfer-, Zink- und Bleibergwerke der Welt, im australischen Mount Isa. Mount Isa liegt im Nordosten Australiens, im Bundesstaat Queensland, und ist eine typische kleine Bergwerksstadt, die Mitte der fünfziger Jahre noch weniger als 10.000 Einwohner hatte. Es war die Endstation der Eisenbahn, die einmal in der Woche von Townsville am Pazifischen Ozean in Mount Isa ankam und tags darauf wieder zurückfuhr. Außerdem hatte Mount Isa einen kleinen Flugplatz und war durch Autobusse mit dem Nord-Territorium verbunden.
Wir arbeiteten in drei Schichten, eine Woche in der Morgenschicht, von 8 bis nachmittags um 4, die nächste Woche in der Nachmittagsschicht, von 4 bis Mitternacht, und in der dritten Woche in der Nachtschicht, von Mitternacht bis morgens um 8 Uhr. Während der Arbeit merkte man nichts von dieser Einteilung, weil es mehrere hundert Meter unter der Erdoberfläche gleichbleibend dunkel war.
Nach Mount Isa hatte es mich auf der Suche nach Arbeit auf einer Cattle Station (Rinder-Ranch) verschlagen. Ich war einige Monate vorher als ungelernter Arbeiter nach Australien gekommen - ehemalige Finanzbeamte aus Hamburg waren in Übersee damals nicht so gefragt - und wollte jetzt auch Arbeit finden, die möglichst wenig mit dem für mich bisher normalen Leben zu tun hatte. Meine Mitauswanderer waren fast alle in der nächstgelegenen Landeshauptstadt (Melbourne oder Adelaide) geblieben und hatten dort auch schnell Arbeit in Fabriken, staatlichen Versorgungsbetrieben oder bei der Eisenbahn gefunden. Ich zog für mich allein weiter, mußte mir aber immer irgendwo etwas Geld verdienen. Zu meinem Glück war es damals noch möglich, überall in Australien zu arbeiten, wenn man nicht wählerisch war.
Von einer Apfelplantage in den Hügeln um Adelaide hatte ich an den Manager einer Cattle Station im Norden des Kontinents geschrieben. Als ich nichts hörte, fuhr ich erst einmal 300 km nach Norden, nach Port Augusta. Da gab es jedoch keine Cattle Stations, dafür aber Arbeit als Zuarbeiter (Handlanger) in einem Schweißer-Team. Wir bauten in Port Augusta ein großes Kraftwerk.
Meine nächste Station war Alice Springs, ziemlich genau im Mittelpunkt des australischen Kontinents. Bis Alice Springs fährt die einspurige Eisenbahn von Südaustralien, aus Port Augusta und Adelaide kommend. Ich hatte mir einen Schlafwagenplatz gebucht, was für die 2 ½ Tage-Strecke angebracht war, und fuhr damals mit dem letzten der legendären Dampfzüge. Diese Züge hießen traditionsgemäß Ghan, in Anlehnung an die früheren Kameltrecks, für die im letzten Jahrhundert mit den Kamelen auch Afghaner nach Australien gebracht worden waren.
Um Alice Springs herum waren zwar Cattle Stations, es dauerte aber nahezu vier Wochen, bis ich endgültig erfuhr, daß dort für mich keine Arbeit zu finden war.
Ich wohnte im alten, heute in der Form nicht mehr vorhandenen Stuart Arms Hotel in der Todd Street. Damals gab es noch sogenannte Junggesellenräume, die man mit drei oder vier anderen Männern teilte. Dadurch wurde das Wohnen im Hotel natürlich viel billiger.
Das waren für mich sehr interessante Wochen, denn ich traf dort erstmals mit Leuten zusammen, die zum Teil schillernde "Karrieren" im Innern des Landes hinter sich hatten. Sie hatten alle viel erlebt und waren reich an Erfahrung, anderen Reichtum hatten sie allerdings kaum gefunden.
Mein spezieller Freund war Peter, ein alter englischer Architekt, der ein kleines Büro in der Todd Street, ganz in der Nähe des Hotels, hatte. Peter wohnte zwar nicht im Hotel, er kam aber mittags und abends dorthin zum Essen. Mit ihm habe ich mich oft lange unterhalten. Er war in dem kleinen Städtchen - damals hatte Alice Springs gerade 5.000 Einwohner - sehr bekannt und konnte mir viel vom Nord-Territorium und von Alice Springs erzählen. Er war es auch, der mich an die für eine Vermittlung in Frage kommenden Leute verwies.
Als sich nun herausstellte, daß es in Alice Springs, bzw. in der Umgebung, keine Arbeit für mich gab, buchte ich einen Platz im Omnibus nach Darwin. Das war wieder eine lange Reise von 1.500 km, die der Bus in drei Tagesetappen zurücklegte. Darwin liegt an der Timor See und hatte etwa 10.000 Einwohner.
Meine Erkundigungen dort brachten mir zwar keine Arbeit, aber die Kenntnis, warum ich bisher noch keine Arbeit auf einer Cattle Station gefunden hatte. Ich hörte hier nämlich, daß es seit jetzt drei Jahren nicht mehr ausreichend geregnet hatte und daher die Aktivitäten auf den Stations auf ein Minimum heruntergeschraubt worden waren. Man arbeitete eigentlich nur mit Leuten, die hier aufgewachsen waren, so sehr viele Arbeitsplätze gab es sowieso nicht. Die Leute auf diesen Stations kannten sich fast alle, persönlich oder doch bei Namen - und das in einem Gebiet, das etwa so groß ist wie Großbritannien, Frankreich und Deutschland zusammen.
Ich suchte mir also erst mal wieder etwas anderes. 75 km südlich von Darwin entstand das Uranbergwerk Rum Jungle. Dort befand sich jetzt eine große Baustelle, an der Firmen aus Sydney Straßen, Anlagen und Holzhäuser in die Wildnis hinein bauten. Dort wurden stets Arbeiter gesucht.
Zwei Tage nach meiner Ankunft verließ ich also Darwin bereits wieder mit drei anderen auf der abgedeckten Ladefläche eines Lastwagens.
Das einzige feste Gebäude im Gelände von Bachelor, sechs Kilometer von Rum Jungle entfernt, war das Depot, in dem sich auch die Stehbierhalle, die sogenannte Bar befand, in der das Bier reichlich floß. Die Arbeiter waren in provisorischen Hütten untergebracht, oftmals waren es nicht mehr als ein paar roh zusammengenagelte Bleche. Wir hatten aber alle ein Feldbett mit Strohsack und auch ein Moskitonetz.
Wenn ich an die Zeit in Rum Jungle zurückdenke, erinnere ich mich vor allem an den im festen trockenen Lehmboden entstehenden Swimming Pool, an dem ich in den ersten zwei Wochen mitarbeitete. Meine Schläge mit der Kreuzhacke lösten jeweils nur winzige Erdpartikel. Es dauerte immer unendlich lange, bis ich zur Schaufel greifen konnte, um den losgelösten Boden in einer Schubkarre über eine schmale Planke nach oben zu fahren. Um mich herum machten etwa zehn andere das gleiche. Nie wieder habe ich so viele Blasen an den Händen gehabt. Dazu war es noch heiß, jeden Tag über 35 Grad im Schatten, in dem man aber leider nie arbeiten konnte. Wir waren hier nördlich des Wendekreises des Steinbocks, also in tropischen Breitengraden, und die Sonne brannte während der Mittagsstunden fast senkrecht auf uns herab. Einen Hut trug man hier grundsätzlich. Ich hatte mir einen ganz dünnen Leinenhut gekauft, den ich leicht waschen konnte und der auch ziemlich schnell trocknete.
In Rum Jungle war ich mit Einwanderern aus vielen verschiedenen Ländern zusammen. Mein Nachbar in unserer Hütte war ein junger Ire, dessen Aussprache des Buchstabens "R" mich so beeindruckte, daß ich mir angewöhnte, es ihm, so gut ich konnte, gleichzutun. Das hatte zur Folge, daß ich einige Monate später zwar nicht für einen Iren, aber für einen Amerikaner gehalten wurde.
Der ständige Gebrauch der englischen Sprache sollte für mich später von großem Vorteil sein. Ich bekam ein Ohr für die vielen feinen Unterschiede der Aussprache.
In Rum Jungle arbeitete ich auch eine Zeitlang mit einem Franzosen zusammen. Er erzählte mir von Mount Isa, der Bergwerksstadt im westlichen Queensland, wo ebenfalls einige hundert Einwanderer arbeiteten. Die Arbeitsbedingungen sollten gut sein und der Verdienst auch. Ein holländischer Zimmermann, der seit einer Woche bei uns arbeitete, wußte noch mehr über Mount Isa zu berichten. Dort wurde, zusätzlich zum normalen Lohn, ein Bleibonus gezahlt, der sich nach dem Marktpreis von Blei richtete und jeden Monat neu festgesetzt wurde. Er erzählte auch, daß es sehr strenge Einstellungsuntersuchungen gab, um die Tauglichkeit neuer Arbeitskräfte sicherzustellen.
Als dann wieder ein Einsatzwechsel stattfand, durch den ich andere Arbeit zusammen mit anderen Leuten bekommen sollte, war mein Entschluß schnell gefaßt. Ich ließ mich am Ende der Woche auszahlen und fuhr mit dem täglich zwischen Rum Jungle und Darwin verkehrenden Lastwagen zurück nach Darwin. Diesmal konnte ich sogar mit vorne sitzen. In Darwin fiel es mir auch nicht schwer, schon für den nächsten Tag einen Platz im Flugzeug nach Mount Isa zu bekommen.
Diese kleine Stadt war mit dem Bergwerk, das Anfang der dreißiger Jahre entstanden war, gewachsen. Es drehte sich dort alles um die Gewinnung und Aufbereitung von Erz.
Ich nahm ein Zimmer in einem der wenigen Hotels und erkundigte mich, wohin ich mich auf meiner Arbeitsuche wenden müsse. Man verwies mich direkt an das Bergwerk. So machte ich mich noch am ersten Nachmittag auf den Weg und fand auch die Verwaltungsbaracke. Nachdem ich ein Formblatt ausgefüllt hatte, wurde ich zur Ärztebaracke geschickt, untersucht und durchleuchtet. Leider konnte ich das Ergebnis nicht gleich mitnehmen, sondern wurde für den kommenden Morgen wieder in die Verwaltungsbaracke bestellt.
Auf dem Weg zurück in die Stadt traf ich einige Arbeiter, die ihre Schicht beendet hatten und nun auf dem Wege zu ihrer Unterkunft waren. Ich kam mit zwei Holländern und einem Engländer ins Gespräch, die in einer Art Hostel, genannt Central Lodge, wohnten und bereits seit mehreren Monaten in Mount Isa arbeiteten. Sie waren sehr zufrieden und gaben mir den Rat, auch in die Central Lodge umzuziehen, weil das Wohnen dort bedeutend billiger als im Hotel und vollkommen auf die Schichtarbeiter eingestellt sei. Sie nahmen mich gleich mit zur Lodge. Ich lernte die Manageress, eine energische aber freundliche Frau mittleren Alters, kennen.
Am nächsten Tag bekam ich tatsächlich eine Zusage. Ich solle mich mit weiteren drei Neuen am Tage darauf morgens um 8 Uhr am Bergwerkstor zur Arbeit melden.
Wieder in die Stadt zurückgekehrt, zog ich in die Central Lodge ein, die, wie der Name schon andeutet, im Zentrum der kleinen Stadt lag und aus vier langgestreckten Baracken bestand, von denen eine in Küche, Speise- und Vorratsraum und die anderen drei in Schlafräume aufgeteilt waren. Man wies mir ein Bett in einer Stube an, in der noch zwei weitere Betten standen, von denen aber nur eines belegt war. Mein Stubengenosse war ein Ungar, den ich jedoch selten sah, weil er immer eine andere Schicht als ich hatte.
Da die Lodge die Schlafplätze mit voller Verpflegung vermietete, brauchte man sich eigentlich um nichts zu kümmern. Die Essenszeiten waren so geregelt, daß jede Schicht einmal am Tag eine warme Mahlzeit bekam. Außerdem gab es Frühstück und zum Mitnehmen ein großes Lunchpaket. All das war einfach aber schmackhaft zubereitet.
Am nächsten Morgen um 8 Uhr, zum Beginn der Tagesschicht, traf ich am Tor mit den anderen Neuen zusammen. Die Schichtarbeiter waren inzwischen schon alle verschwunden, als wir von einem älteren Bergmann zu einer Baracke geführt wurden. Dort gab es erst mal etwas theoretischen Unterricht, bei dem wir lernten, mit welchen Risiken wir im Bergwerk zu rechnen hätten und wie man sich schützen müßte.
Eines der Hauptrisiken in einem Bergwerk mit bleihaltigem Erz war zum Beispiel der anfallende Staub, der aber nicht überall auftrat. Als Schutz dagegen gab es Masken, die die Atemluft filterten, sowie unterirdische Lüftungsanlagen, die aber nur an zentralen Stellen vorhanden waren. Außerdem wurden alle Arbeiter routinemäßig durchleuchtet, um eventuelle Schädigungen an Lunge und Atemwegen frühzeitig zu erkennen.
Das klingt alles sehr gefährlich; wir haben es aber nie so ernst genommen. Mir ist auch während meines Aufenthalts kein Fall einer Vergiftung oder Schädigung der Lunge durch Erzstaub bekannt geworden.
Viel gefährlicher aus unserer Sicht war ein anderes Risiko: die Unfallgefahr durch die unterirdische Bahn, die Erzzüge, in den engen Stollen. Um diesem Risiko vorzubeugen, mußten alle Bergleute Sicherheitsstiefel tragen, deren Stahlkappe angeblich einem Druck von mehreren Tonnen Gewicht widerstehen und uns so vor Quetschungen schützen konnte, falls uns einer der Erzzüge gegen die Füße fuhr. Von solchen Unfällen oder auch von Stürzen in Schächte hatten wir schon gehört, selbst wenn ich zum Glück keinen persönlich kannte, dem so etwas passiert war.
Nach den ersten Einweisungsstunden wurden uns die vorgeschriebenen Sicherheitsstiefel angepaßt, für die wir auf unserem Lohnkonto belastet wurden. Wir hatten auch Gelegenheit, Arbeitshemd und -hose zu kaufen. Diese Einkäufe waren preislich günstig, weil die Artikel in großen Mengen eingekauft wurden. Vom Bergwerk gestellt wurde der Helm nebst Lampe und Batterie. Die Batterie wurde am Gürtel getragen und war durch ein Kabel mit der am Helm befestigten Grubenlampe verbunden. Die Hose war aus einer Art Jeansstoff, das Hemd aus dickem Flanell, damit es sowohl den Schweiß aufnehmen, als auch bei der oft vorhandenen Zugluft wärmend wirken konnte. Diese Bekleidungs- und Ausrüstungsstücke waren übrigens die einzigen, die man unter Tag benötigte, mehr nahm man auch nicht mit. Eventuell notwendige Atemmasken waren unten vorrätig.
Am ersten Nachmittag, an dem uns auch unser Spind zugewiesen worden war, machten wir mit einem erfahrenen Bergmann eine Besichtigungstour unter Tage. Zum ersten Mal fuhren wir in einem Förderkorb ein. Inzwischen wußten wir, daß es zur Zeit insgesamt 12 Ebenen gab, in denen aber nicht überall gearbeitet wurde. So sahen wir beim Abwärtsfahren einige dunkle stillgelegte Stollen.
Als wir in der siebenten Ebene ausstiegen, befanden wir uns einige hundert Meter unter der Erdoberfläche. Wir wußten, daß es oben früher Nachmittag war. Hier unten in der Nähe des Schachts war zwar alles gleißend hell, die Helligkeit nahm aber schnell ab, je tiefer wir in den Stollen kamen.
In einem Kontrollraum hingen numerierte Marken an Haken, die auswiesen, ob sich der betreffende Bergmann im Stollen befand oder wieder ausgefahren war. Wir wurden von dem für die Ebene verantwortlichen Schichtboß begrüßt und hörten, daß zur Zeit 34 Bergleute in den verschiedenen Stollen der Ebene an der Arbeit waren.
Unweit vom Kontrollraum befand sich der Lunchraum, der sogenannte Crib Room. Auf dem langen Tisch standen die Lunchkoffer der Bergleute. Daneben war ein verhältnismäßig kleiner Waschraum mit Toilette. Geduscht wurde ja oben nach der Schicht.
In einem Stollen hörten und sahen wir dann auch die Bahn, lange Reihen von Wagen, bedeutend größer als unsere Loren, gezogen von Elektromaschinen. Viel Platz war hier wirklich nicht, wenn so ein Zug vorbeirumpelte.
Bevor wir wieder nach oben fuhren, kamen wir noch zu einem Crusher, einer Zerkleinerungsanlage, in die das Erz aus den Zügen gekippt wurde, um dann in einem riesigen Mahlwerk zerkleinert zu werden. Anschließend wurde es im nächst tieferen Stollen wieder in Zügen aufgefangen und durch den separaten Erzschacht nach oben befördert. Durch kräftige Lüftungsanlagen war die Luft um den Crusher herum ziemlich sauber.
Als wir wieder oben ankamen, fühlten wir uns fast schon wie richtige Bergleute.
Einen weiteren Tag arbeiteten wir Neuen noch über Tage, wurden dann aber unterschiedlichen Schichten zugeordnet. Ich mußte mit der Nachmittagsschicht in der Ebene 9 anfangen.
Ich gehörte also zu denen, die mittags ihre warme Mahlzeit erhielten und konnte mir auch mein sauber eingepacktes Lunchpaket in der Küche abholen. Mit ungefähr 30 anderen aus der Central Lodge machte ich mich auf den etwa anderthalb Kilometer langen Fußweg zum Bergwerk. Unterwegs trafen wir noch mit anderen zusammen, die aus verschiedenen Richtungen zu uns stießen.
Dies sollte für die nächsten Wochen immer das gleiche Bild sein, nur die Tageszeit änderte sich mit der Schicht von Woche zu Woche.
Unten angekommen, teilte mich der Schichtboss einem Vormann zu, der für die Befahrbarkeit der unterirdischen Bahnstrecke zuständig war. Zusammen mit einem anderen sollte ich ein Stück Strecke freischaufeln, in das von einem Zwischenschacht Geröll auf die Schienen gefallen war. Wir marschierten fast 10 Minuten, so schien es mir jedenfalls, und erreichten nach mehreren hundert Metern die Stelle, an der schon ein leerer Wagen bereitstand. Unterwegs waren wir an verschiedenen Abzweigungen vorbeigekommen und fühlten uns jetzt weit entfernt von allen anderen. Es war schon ein eigenartiges Gefühl, nicht nur Hunderte von Metern unter der Erde, sondern auch fast die gleiche Distanz vom Einstiegsschacht entfernt zu sein.
Um vier Uhr hatte unsere Schicht begonnen. Um halb acht kam der Vormann um uns zur "Mittags"-Pause, abzuholen. Im Crib Room trafen wir mit den anderen Bergleuten unserer Schicht zusammen. Es gab einen großen Kessel mit Tee, aus dem sich jeder bedienen konnte, dazu aßen wir unseren mitgebrachten Lunch.
Plötzlich fing es an zu rumoren, der ganze Berg vibrierte und zitterte. Erschrocken blickte ich mich um. Zu meinem Erstaunen schienen die andern gar nichts gemerkt zu haben. Mein Nachbar lächelte: "Ja, das sind die Sprengungen".
Ich erfuhr, daß immer zur Lunchzeit, wenn alle Bergleute im Crib Room saßen, auf allen Ebenen gesprengt wurde. Ich gewöhnte mich allmählich daran, wie all die anderen auch.
Ich hatte bereits einige Wochen im Bergwerk gearbeitet, als ich eines Tages einen interessanten Brief erhielt, der mir von Adelaide über die verschiedenen Stationen nachgesandt worden war. Der Manager der Cattle Station im Nord Territorium schrieb mir, daß ich bei ihm anfangen könne. Dazu müßte ich mich in Alice Springs mit einem Transportunternehmen verständigen, das einmal im Monat zur Station fuhr. - Was nun?
Gerade den Tag zuvor hatte man mir ab nächste Woche einen neuen Arbeitsplatz am Crusher mit Sonderbonus angeboten. Es war ein Glücksfall für mich, daß ich so schnell dorthin kommen sollte. Das meinten jedenfalls meine Arbeitsgefährten, die auch darauf warteten. So mußte ich mich jetzt entscheiden: gutes Geld im Bergwerk oder endlich die Möglichkeit, Cowboy zu werden.
Nachdem ich eine Nacht darüber geschlafen hatte, entschied ich mich für die Cattle Station, kündigte zum Wochenende und buchte einen Platz im Bus nach Tennant Creek und von dort weiter nach Alice Springs. Das war eine Zweitagesreise mit Übernachtung in Tennant Creek, an der Nord/Süd Straße, die ich ja schon kannte.
In Alice Springs stellte sich heraus, daß der Transport zur Zeit noch unterwegs war und erst in einigen Tagen zurück erwartet wurde. Wieder wohnte ich im Stuart Arms Hotel. Als ich nach einigen Tagen mit dem zurückgekehrten Eigentümer der Transport Firma sprach, erfuhr ich, daß es wohl noch mindestens drei Wochen dauern würde, ehe er wieder nach Norden zur Station fahren würde. Das bedeutete für mich einen teuren Zwangsurlaub. Ich entschloß mich, durch das Alice Springs Post Office über Funk anfragen zu lassen, ob die Station unter den gegebenen Umständen bereit wäre, meinen Flug zu bezahlen. Nach einigen Stunden war die Antwort da. Ich konnte mit dem Postflugzeug fliegen.
Bereits am übernächsten Tag flogen wir frühmorgens in einem kleinen einmotorigen Flugzeug, in dem außer mir noch ein Passagier saß, nach Norden. Natürlich nicht nur zu "meiner" Station, sondern zu allen größeren Stations auf dem Wege - über 1.000 km weit. Bevor wir am späten Nachmittag zu meiner Station kamen, hatten wir bereits vier andere besucht. Während des Fluges in diesem kleinen Flugzeug konnte ich viel mehr vom Land sehen, als vom großen Passagierflugzeug und natürlich auch als vom Bus aus.
Für Stunden sah das Land unter uns immer gleich aus - trockene Steppe, einzelne Bäume oder Baumgruppen. Letztere markierten die ausgetrockneten Wasserläufe. Hier und da konnte ich sternförmige Spuren erkennen, die stets eine Wasserstelle zum Mittelpunkt hatten. Bei diesen Wasserstellen handelte es sich oft um Brunnen, an denen das Wasser mit Kraft eines Windrades in einen Tank mit angeschlossener Tränke gepumpt wurde. Diese Brunnen lagen weit voneinander entfernt und ich konnte die immer wieder benutzten Trampelpfade der Rinder vom Flugzeug aus gut erkennen. Von den Rindern selbst sah ich so gut wie nichts; die waren, wie ich später lernen sollte, um diese Tageszeit im Schatten der wenigen Bäume zu finden.
Ich wurde vom Buchhalter der Cattle Station, einem Engländer, in einem uralten Ford am Rollfeld empfangen. Für die ersten beiden Tage blieb ich dann auf der eigentlichen Station, bevor ich in einem Lastwagen zu einer etwa 60 km entfernten Outstation gebracht wurde, um dort mit zwei anderen Weißen und einigen australischen Eingeborenen - Aborigines - den Beruf eines Stockmans kennenzulernen.
Die Station liegt am Wickham River, einem Nebenfluß des Victoria Rivers, nach dem sie ihren Namen hat. Entlang des Flußbetts gab es eine üppige Vegetation, die sich vom sonst so trockenen Land dieser Gegend stark abhob.
Da ich noch Zeit hatte und als einziger am Tage nicht beschäftigt war, unternahm ich kleine Erkundungswanderungen in die Umgebung.
Nicht weit von der Station war der Fluß, dessen Oberfläche zum großen Teil im Schatten weit ausladender Bäume lag. Ich fand es äußerst erfrischend, hier zu schwimmen, zumal die Lufttemperatur am Nachmittag sehr hoch war. Nachdem ich mehr als eine halbe Stunde im Fluß geschwommen hatte, ließ ich mich von der warmen Luft im Schatten eines großen Baumes trocknen. Als ich so vor mich hinträumte, kamen zwei junge Männer der Station vorbei. Der eine rief mir zu: "In dem Wasser würde ich nicht baden". "Und warum nicht?" Er lachte. "Ich bade nicht gerne zusammen mit Krokodilen."
Später bestätigte mir der Buchhalter, es gebe hier zwar keine großen Salzwasserkrokodile, aber doch viele Süßwasserkrokodile, wie weit man denen trauen könne, wüßte er auch nicht. Er jedenfalls würde es nicht darauf ankommen lassen...



DER REGENSTEIN

Wir waren auf dem Rückweg von einer entfernten Wasserstelle und wollten vor Einbruch der Dunkelheit unsere Outstation erreichen. Wir, das waren außer mir der neben mir reitende Tobacco-Jack, kurz Tobacco genannt, und zwei weitere eingeborene australische Stockmen. In Nordamerika sagt man Cowboy, in Südamerika Gaucho und in Australien heißen sie Stockman. Letztendlich sind sie alle Rinderhirten, deren Aufgabe es unter anderem ist, die Rinder zusammenzutreiben, die Neuzugänge - als Eigentum der Station - mit Brandzeichen zu versehen, die Bullen zu kastrieren, die Tiere in Trockenzeiten zu neuen Wasserplätzen zu treiben und schließlich einmal jährlich Tiere auszusondern, die zum Schlachten verkauft werden sollen.
Die Gebiete, in denen sich das alles abspielt, heißen in Australien Cattle Stations. Während die Randgebiete Australiens, hauptsächlich im Südosten und Westen, entweder für den Getreideanbau oder für die Schafzucht genutzt werden, findet man Rinderzucht überwiegend im trockenen Norden des Kontinents.
Ich war jetzt seit einigen Monaten Stockman auf einer Cattle Station im Nord Territorium, und zwar der Victoria River Downs Station, der V.R.D., die damals noch mehr als 12.000 qkm groß und damit eine der größten in Australien und wohl auch in der Welt war. Zum Vergleich: Schleswig-Holstein ist 15.000 qkm und das Saarland 2.500 qkm groß.
Wegen der geringen Niederschläge und daraus resultierender Dürre waren die Stations so riesig, um neben der Weidefläche auch ständige Wasservorräte in ausreichendem Maße sicherzustellen. Nur wer Wasser hat, kann dort Neuzugänge bei den Herden durch Brandzeichen seinem Besitz zufügen, selbst wenn sie auf dem Gebiet des Nachbarn zur Welt gekommen sind und auch dort weiden. Dies ist natürlich nur verständlich, wenn man weiß, daß die Gebiete der Stations nicht eingezäunt und die Grenzen nur dem Einheimischen anhand von Hügeln, Tälern oder durch meist trockene Bach- und Flußbette bekannt sind.
Die Rinder müssen im allgemeinen jeden zweiten oder zumindest jeden dritten Tag Wasser haben, daher halten sich die Tiere auch in einer entsprechenden Entfernung zur gewohnten Wasserstelle auf. Tagsüber weiden sie bzw. suchen während der heißesten Stunden im Schatten der wenigen Baumgruppen oder einzelner Bäume Schutz vor der Sonne. Zum Wasser ziehen sie während der Nacht.
In besonders regenarmen Jahren trocknen auch die gewöhnlich Wasser enthaltenden Teile der Flußbette, die sogenannten Water Holes, vor den ersten Niederschlägen der neuen Regenzeit aus. Die Rinder sind aber nicht in der Lage, sich umzustellen und sich selbst neues Wasser zu suchen, sondern kommen auch weiterhin zur ausgetrockneten Wasserstelle und verenden auch letztendlich dort. Es ist daher eine der Aufgaben der Stockmen, das Austrocknen einer solchen Wasserstelle zu bemerken und, soweit möglich, die Rinder zu einer anderen Wasserstelle zu treiben. Als ich dort arbeitete, war das eine der Hauptaufgaben unserer Station.
Die Station hatte - neben zentralen Wellblech- oder Holzgebäuden mit Vorratsmagazin, Werkstätten und Häusern für vier Familien sowie einigen Junggesellenhütten - noch vier sogenannte Outstations, die in verschiedenen Richtungen zwischen 40 und 60 km von der Station entfernt lagen und mit jeweils zwei oder drei weißen Stockmen besetzt waren. Außerdem gab es auf der Station und auf jeder der Outstations eine große Anzahl eingeborener Stockmen, zum Teil mit Familien.
Die Kinder in der zentralen Station (auf den Outstations waren nur Junggesellen) wurden von der Frau des Buchhalters unterrichtet und waren außerdem der School of the Air (Schule über Radio) angeschlossen. Die medizinischen Betreuung erfolgte durch den Flying Doctor Service. Krankheitssymptome, körperliche Beschwerden oder Verletzungen wurden über das Kurzwellen Radio an Zentren in Alice Springs oder Darwin gemeldet. Von dort ergingen dann Anweisungen für die Behandlung oder der "fliegende Arzt" erschien. Jede Station hat ihr Rufzeichen und eine zugeteilte Zeit, zu der sie regelmäßig gerufen wird. Die Kurzwelle ist auch das Kommunikationsmittel zwischen den einzelnen Stations. Eine vergleichbare Verbindung zwischen der Station und den verschiedenen Outstations gab es aber nicht. Auf den Outstations hatten wir auch keine Fahrzeuge, sondern nur unsere Pferde. Da mußte man sich schon auf die gelegentlichen Besuche des Managers oder des Technikers, der für die Pumpen zuständig war, verlassen.
Bei solchen Anlässen erhielt ich dann auch meine Post, die zweimal in der Woche per Flugzeug zur Station kam. Die Versorgung, außer Fleisch, erfolgte über Land mit Lastwagen von der Eisenbahn-Endstation in Alice Springs. Der regelmäßige Transport, ein großer Sattelschleppzug, kam - mit Ausnahme der Regenzeit, die gewöhnlich irgendwann im November begann und im späten Februar oder Anfang März endete - gewöhnlich einmal im Monat und benötigte für die Strecke zwischen vier und acht Tage. Seinerzeit gab es im Nord Territorium nur eine Asphaltstraße, nämlich die von Alice Springs nach Darwin, mit einer Abzweigung ungefähr auf halbem Wege, die nach Osten, nach Queensland führte.
Alle anderen "Fahrbahnen" unterschieden sich oftmals für den uneingeweihten Betrachter kaum von der Landschaft. Sie waren nur schon oft benutzt worden, änderten ihren Verlauf aber manchmal auch im Laufe der Zeit. Die "Fahrbahnen" mußten aber alle die verschiedensten Flußläufe durchqueren und solange die Flußbette trocken waren oder nur wenig Wasser führten, war das auch kein Problem. Das Problem lag schließlich auch nicht so sehr in der Wassertiefe, sondern in der Bewältigung der Uferböschung, die durch mehrmalige Versuche naß und rutschig wurde. Da kam es vor, daß ein Transport für einen oder auch für mehrere Tage aufgehalten wurde.
Das alles war in der ersten Hälfte der fünfziger Jahre so. Seither hat sich auch dort vieles verändert. Als ich über dreißig Jahre später das Nord Territorium wieder einmal besuchte, kannte keiner meiner dortigen Gesprächspartner die Zeit, von der ich hier berichte, aus persönlicher Erfahrung, sondern nur aus Erzählungen. Die Fahrbahnen waren zum Teil zu Straßen ausgebaut oder doch grundlegend verbessert worden und Stockmen auf den moderneren großen Stations reiten nicht mehr nur auf Pferden, sondern fliegen zum Teil in kleinen Helikoptern. Die Bevölkerung des Nord Territoriums hat sich inzwischen fast verzehnfacht. Letzteres merkt man hauptsächlich in den beiden Städten, Alice Springs und Darwin, die sich von überschaubaren kleinen Städtchen mit 5.000 bzw. 10.000 Einwohnern zu geschäftigen kommerziellen Zentren entwickelt haben.
Auf unserer Outstation waren, wie bereits erwähnt, außer mir noch zwei weiße und acht eingeborene Stockmen. Die Eingeborenen - australische Aborigines oder Aboriginals, wie sie auch bezeichnet werden - gehören einer Menschenrasse an, deren zivilisatorischer Abstand zu den Weißen wohl größer ist als bei den meisten eingeborenen Rassen anderer Erdteile, bedingt sicherlich durch die lange Isolation, in der die Eingeborenen in Australien gelebt haben. Man geht heute davon aus, daß die Ur-Australier vor 20.000 bis 30.000 Jahren vom asiatischen Festland über eine damals noch bestehende Landverbindung einwanderten.
Bis zum Eintreffen der Europäer vor ca. 200 Jahren hatten sie eine ihren Lebensbedingungen entsprechende Kultur entwickelt, welche zum Beispiel die Bevölkerungsentwicklung sowohl durch die Beschränkung der gegenseitig erlaubten Heiratsgruppen wie auch durch die Auswahl der Zeugungsberechtigten steuerte. Der Rat der Alten soll in vergangenen Jahrhunderten hierbei auch den Einfluß langer Trockenperioden auf die Ernährungsmöglichkeit der Menschen berücksichtigt haben. Ihre Nahrung gewannen sie durch die Jagd, den Fischfang und das Sammeln von Wurzeln, Würmern, Eiern etc..
Bei der Beurteilung ihres aus unserer Sicht sicherlich noch sehr primitiven Lebensstandards und der Schwierigkeiten bei der Anpassung an die Erfordernisse unserer Zivilisation dürfen wir natürlich nie vergessen, wie lange unsere Evolution bis zum derzeitigen Standard gedauert hat. Und dabei hatten wir über die Jahrtausende immer Gelegenheit, mit benachbarten Völkern Erfahrungen auszutauschen, die Australier nicht.
Bestimmte Gruppen glauben an ein höheres Wesen und die meisten Aborigines an eine Traumzeit und an Traumzeitwesen, separat und losgelöst von der Jetztzeit. Sie haben ihre geheimen Zeremonien und Riten, die von Weißen kaum beobachtet werden können, nicht zu verwechseln mit den heutzutage den Touristen gezeigten Darbietungen. Ebenso besitzen sie ihre geweihten Plätze an bestimmten Wasserstellen und in Felshöhlen.
Ich erfuhr viel über die Ureinwohner von älteren Weißen, die den größten Teil ihres Lebens hier verbrachten, aber auch von alten Eingeborenen, mit denen ich täglich auf der Station zusammenkam.
Damals war es für die eingeborenen Stockmen ganz selbstverständlich, daß sie einen Teil des Jahres, außerhalb unserer Zivilisation entsprechend ihrer in Jahrhunderten überlieferten Tradition verbrachten. Sie gingen on "Walk About", d.h. sie wanderten umher. Dies war für die sonst in die Arbeitsgänge der Station integrierten Aborigines von so fundamentaler Wichtigkeit, daß ihre Arbeitgeber auch keinen Versuch machten, sie davon abzuhalten. Sie erhielten sogar gewisse Vorräte für die Zeit des Übergangs zum Stammesleben. Diese "Walk Abouts" dauerten etwa zwei oder drei Monate und fielen in die Regenzeit, während der auf den Stations die Aktivitäten sowieso auf ein Minimum beschränkt waren, das Leben der sonst kargen Natur jedoch aufwachte. Überall grünte und blühte es, man fand wieder Wasser und auch Kleintiere.
In der Zeit allerdings, von der ich berichte, hatte es seit drei Jahren nicht mehr ausreichend geregnet. Viele Wasserstellen waren ausgetrocknet. Das Land schrie förmlich nach Regen.
Auch eine der im Bereich unserer Outstation liegenden Wasserstelle war nahezu ausgetrocknet. Wir hatten jeweils Herden zwischen fünfzig und hundert Rindern an eine andere Wasserstelle gebracht, die von einer Pumpe gespeist wurde. Hier wurde auch jetzt ausreichend Wasser gefördert.
Im Vormonat hatten wir hier noch drei Wochen lang unser Branding Camp gehabt und jeden Morgen die am Wasser befindlichen Tiere auf Brandzeichen geprüft und die Neuzugänge mit dem Brandzeichen unserer Station versehen.
Wenn ich von "unserem Camp" spreche, so meine ich damit, daß ein anderer Weißer, fünf eingeborene Stockmen und ich unsere Decken am Rande eines ausgetrockneten Bachbettes auf dem Boden ausgerollt hatten. Regen war ja nicht zu befürchten. Auch die nachts zum 100 Meter entfernten Wasser ziehenden Rinder würden uns nicht belästigen. Unsere Pferde waren in einiger Entfernung angehobbelt, d.h. mit losen Schlingen um die Vorderbeine am Laufen gehindert. Außerdem hatten wir noch ein Seil um die dort spärlich vorhandenen Bäume gespannt.
Unser selbstgeschlachteter Fleischvorrat hing eingesalzen in einem Sack im Schatten eines Baumes. Alle anderen Vorräte hatten wir auf Packpferden mitgebracht. Von unserem eingeborenen Koch über dem Campfeuer gebraten, schmeckte das Fleisch einigermaßen. Er konnte auch eine Art Brot, in Asche gebacken, herstellen. Nur wurde das gebratene Salzfleisch nach einigen Wochen - gegessen mit Brot und Aprikosenmarmelade - sehr eintönig, zumal wir ja anläßlich der beiden täglichen Mahlzeiten das gleiche aßen und Tee dazu tranken. Die Station belieferte die Out-Stations unter anderem auch mit Marmelade. Bei der letzten Lieferung hatte man uns nur Aprikosenmarmelade geschickt. Das wurde jedoch ohne Murren hingenommen.
Als ich damals nach zwei Tagen Aufenthalt auf der Station zusammen mit unserem Pumpenspezialisten in seinem Lastwagen zur Outstation Moolooloo kam, bereitete man sich dort gerade auf einen mehrwöchigen Aufenthalt am sogenannten Shoeing Tool Creek vor (dort war angeblich irgendwann in der Vergangenheit einmal ein Hufbeschlags-Werkzeug verlorengegangen, daher der komische Name). Aus diesem Grund waren vier eingeborene Stockmen seit zwei Tagen unterwegs, um Pferde für dieses Unternehmen zu finden. Da man kein Futter für Pferde in größeren Mengen vorrätig hatte, ließ man die Tiere frei, so daß sie sich selbst etwas suchen konnten. Dies hatte zur Folge, daß sie abwanderten und sich vielleicht auch irgendwo mit Wildpferden, den sogenannten Brumbies, von denen es noch viele gab, vermischten. Entsprechend zeitaufwendig konnte es dann sein, die erforderliche Anzahl an bereits einmal gerittenen Pferden zusammenzutreiben. Aber man hatte ja Zeit. Es kam nicht auf einen Tag an.
Als die Stockmen schließlich mit ungefähr 20 Pferden zurückkamen, trieb man diese zuerst in einen der in einiger Entfernung hinter unserer Hütte gelegenen Yards (im amerikanischen als Corrals bekannt). Dann ging es an die Zuteilung, wobei ich mich ja vollkommen auf meine beiden weißen Kollegen verlassen mußte. Sie waren auf dem Rücken der Pferde zu Hause. Aber natürlich traf das auch auf meine eingeborenen Kollegen zu. Ich hingegen hatte nur einmal in einem Hamburger Tattersall einige Reitübungen mitgemacht und verstand entsprechend wenig von Pferden. Ich wußte, daß man für mich ein Bay Horse vorgesehen hatte. Zu meinem Glück gehörte "bay" (= rotbraun) auch zu den mir bekannten, aber doch ziemlich selten benutzten Wörtern. Als ich mir dann ein rotbraunes Tier einfangen wollte, wurde ich lachend darauf hingewiesen, daß man das als Packpferd benutzen wollte.
Schließlich hatte auch ich mein Pferd, hatte ihm das mir vorher auch zugeteilte Halfter übergestreift und zog dann damit hinüber zum Shoeing Shed, einem Überdachten, an zwei Seiten offenen Raum hinter unserer Hütte, in der einige Werkzeuge und ein Sack mit Einheitshufeisen lagen. Die Tiere hatten keine Hufeisen mehr, die sie in der freien Wildbahn ja auch nicht benötigten. Anders war es, wenn sie einen Reiter oder Lasten trugen und sich ihren Weg nicht selbst suchen konnten, zumal der Grund nicht überall aus weichem Sand, sondern oft auch aus Felsen bestand.
Wir bereiteten erst mal die oft sehr ausgetretenen Hufe mit der Raspel vor, wobei ich natürlich ständig nach links und nach rechts sah, um die Handgriffe zu lernen. Dann holte man sich Hufeisen, die aber nur in einer Größe vorrätig waren, und paßte sie, so gut es ging, den Hufen an. Mittels eines Hammers änderte man die Breite und mit einem beil- ähnlichen Instrument und Hammer verkürzte man sie. Diese Hufeisen waren natürlich nicht aus hartem Stahl, sonst wäre diese Bearbeitung ohne Erhitzen gar nicht möglich gewesen.
Selbstverständlich war das Ganze sehr interessant für mich. Wer hier reiten wollte, mußte sich also erst ein Pferd einfangen und es dann auch selbst beschlagen. Als es dann schließlich losging, hatte ich nur die Sorge, ob mein Pferd auch schon einmal eingeritten worden war. Aber es ging alles ganz gut. Wenn ich damals auf diesen Pferden einigermaßen klarkam, so lag das sicherlich nicht an meiner Reitkunst, sondern einzig und allein daran, daß ich zu der Zeit noch sowohl sportlich als auch mutig genug war, um damit fertig zu werden.
Wir hatten inzwischen den größten Teil der Strecke zu unserer Outstation zurückgelegt, als der neben mir reitende Tobacco mich fragte: "You see dem big clouds ober dere, Gerald?"
Ja, ich konnte die Wolken auch sehen und fragte zurück: "You think there might be rain coming?"
Tobacco wollte sich zwar nicht festlegen, meinte aber, daß es nach einem Sandsturm aussehe und daß ein mit Regen beladenes Frontensystem gewöhnlich auch einen Sandsturm vor sich her treibe. So drückte er sich zwar nicht aus, sagte aber doch so etwas ähnliches in seinem sympathischen Eingeborenen-Englisch.
Tobacco Jack war übrigens sein White Fellow Name, neben dem er natürlich noch seinen eigentlichen, den Black Fellow Namen hatte, der ihm von den Alten des Stammes gegeben worden war. Ich hatte mir seinen Eingeborenen-Namen zwar auch von ihm sagen lassen, habe ihn aber leider genau so schnell wieder vergessen, weil er schwer auszusprechen und noch schwerer zu behalten war. Alle mit Weißen lebenden oder arbeitenden Eingeborenen hatten neben ihren für unsere Ohren im allgemeinen schwierigen Namen von den Weißen einen zweiten Namen bekommen oder hatten ihn sich in vielen Fällen auch selbst gewählt. Populär waren Namen wie zum Beispiel Captain, von denen ich gleich mehrere kannte, oder Namen die sich auf irgendwelche Besonderheiten ihres Trägers beziehen, wie Tobacco Jack.
Tobacco hatte mir früher schon vom Regenstein erzählt, den sein Stamm ursprünglich besessen hatte, der jetzt aber bereits seit langem verloren gegangen war. Die Alten waren angeblich noch auf der Suche, um ihn wiederzufinden. Mit dem Regenstein kann sein Besitzer Regen erbitten. Die jetzt schon seit Jahren anhaltende Trockenheit war - nach Tobacco - also eine direkte Folge des Verlustes.
Wir ritten jetzt durch eine Gegend, die wie ein riesiger Friedhof mit übergroßen Grabsteinen aussah. Bis zu drei Meter hohe White Ant Hills (Termitenhügel) bedeckten das Land, so weit man sehen konnte. Sie waren in Abständen zwischen zwanzig und fünfzig Metern auf einem Gelände von mehreren Quadratkilometern verstreut. Für uns war dies aber das Zeichen, daß wir bald zu Hause waren.
Es war später Nachmittag, als wir auf unserer Outstation eintrafen. Die Wolken am Horizont hatten sich inzwischen zu einer dunklen, gelbgrauen Wand verwandelt. Sturm kam auf. Dann sahen wir die Staubwand, feiner Sand, der über viele Kilometer vor dem Wind hergetrieben wurde. Für einige Minuten waren wir mitten drin, dann fing es an zu regnen. Zuerst nur in einzelnen großen Tropfen, dann in Sturzbächen. Wir liefen aus der Hütte heraus und tanzten im Regen wie kleine Kinder, bis wir völlig durchnäßt zurückgingen, um trockene Sachen anzuziehen.
Unsere Hütte - eine offene Holzkonstruktion - bestand aus einem Mittelteil mit Vorratsraum, Küche und einem kleinen Raum in dem wir unsere Mahlzeiten einnahmen. Dieser von Moskitonetzen geschützte Mittelteil war umgeben von offenen Veranden, in denen wir schliefen - wenn wir uns mal dort befanden. Jeder hatte ein Feldbett und einen Strohsack. Die meisten der Stockmen trugen ihr Bett dann aber nach draußen unter den freien Himmel.
Die Eingeborenen hatten Blechhütten, ähnlich unseren Junggesellenhütten in der Station, die sie aber auch so gut wie nie benutzten. Ich war der einzige Außenseiter, dem das Schlafen unter dem Dach gar nichts ausmachte.
Am nächsten Morgen hatte der Regen aufgehört, wohl aber den Beginn der diesjährigen Regenzeit angekündigt. Das hieß, daß unsere Outstation für die nächsten drei Monate durch wasserführende Flüsse vollkommen von der Außenwelt abgeschnitten sein würde. Im Verlauf des Vormittags kam, für uns unerwartet, der monatliche Transport auf seiner letzten Fahrt zur Station. An die vor uns liegende Regenzeit denkend, in der auch ich dort festsitzen würde, entschloß ich mich plötzlich, die Outstation mit dem Transport in Richtung Station zu verlassen. Der Fahrer war bereit, mich mitzunehmen. Dringende Arbeiten standen meiner Abfahrt auch nicht im Wege.
Zum vorläufig letzten Mal näherte ich mich unserer Station. Aus der Weite des Landes kamen wir zu den riesigen eingezäunten inneren Weiden, auf denen die zum Verkauf ausgesonderten Rinder jährlich zusammengefaßt wurden, um von hier zu den Schlachthöfen getrieben zu werden.
Früher gab es das kleine und das große Treiben, entweder nach Wyndham an der Timor See (ca. 500 km) oder nach Queensland an die Pazifik Küste (ca. 1.500 km). Diese Treiben, die von Spezialisten, den sogenannten Drovers mit ihren Teams durchgeführt wurden, bewegten sich notwendigerweise langsam von Wasserstelle zu Wasserstelle, die jeweils zwischen etwa 10 bis 20 km voneinander entfernt lagen. Das große Treiben, welches einige Monate dauerte, gab es schon zu meiner Zeit nicht mehr. Heute, vierzig Jahre später, werden die Rinder in großen Transportern, den sogenannten Road Trains, zu den Schlachthöfen gebracht.
In der Station angekommen, sprach ich mit dem Manager und bat dann den Buchhalter, mich auszuzahlen. Auch wurde veranlaßt, daß ich mit dem nächsten Postflugzeug nach Alice Springs fliegen konnte. Am Ende der Woche befand ich mich bereits im Zug von Alice Springs nach Port Augusta am Spencer Gulf, wo ich zwei Tage später den Zug nach Adelaide erreichen wollte.


WEIHNACHTEN 1954

Ich hatte mir auch eine Kerze gekauft und befand mich jetzt inmitten vieler Menschen, die in der Dämmerung des ersten Weihnachtstages auf dem Rasen am Torrens River saßen und Weihnachtslieder sangen (Carols by Candle Light). Unweit von mir, auch allein, saß ein blonder junger Mann, mit dem ich ins Gespräch kam. Es war dies mein späterer Freund Oskar, der wie ich aus Deutschland kam und der während des Krieges auch Flugzeugführer gewesen war.
Für einige Tage war ich in Adelaide, der Hauptstadt des Bundeslandes Südaustralien. Um Mitternacht war ich allein in der überfüllten anglikanischen Kathedrale gewesen und verlebte jetzt noch den Rest der Zeit in der Stadt, bis ich wieder mit dem Zug zurück aufs Land fahren mußte. Ich arbeitete auf einer 200 km südöstlich von Adelaide gelegenen Farm.
Oskar erzählte, daß man unter Umständen beim Royal Aero Club die Gelegenheit hätte, mit der Tiger Moth (das waren kleine englische Doppeldecker-Flugzeuge) wieder fliegen zu üben. Das kam mir zwar ziemlich optimistisch vor, ich verabredete jedoch mit Oskar, daß ich im kommenden Jahr auch nach Adelaide kommen würde. Dann wollten wir zusammen versuchen, unseren australischen Pilotenschein zu machen - um endlich wieder fliegen zu können.


AUSTRALISCHE STAATSBÜRGER

Bevor ich, wie mit Oskar besprochen, auch nach Adelaide kam, verbrachte ich aber noch einige Monate auf der Farm - mit zum Teil Schwerstarbeit.
So war ich einen Tag lang für das Heranschleppen von Schafen für mehrere Scherer verantwortlich. Das war am Anfang eine Kleinigkeit, wurde nach einigen hundert Tieren jedoch zum "Ringkampf". Sie mußten von den Beinen geschwenkt, auf das Hinterteil gesetzt und dann zum Scherer getragen bzw. geschleift werden. Da die Schafe zu diesem Zeitpunkt nur um das Hinterteil herum geschoren und desinfiziert wurden, hatte ich die ganze Zeit voll zu tun, um schnell genug für Nachschub zu sorgen. Auch das Tragen von Weizensäcken, die ja etwa einen Doppelzentner wiegen, das Anderthalbfache meines eigenen Gewichts, war für mich nicht die richtige Arbeit. Zudem war die Unterbringung erbärmlich.
Ganz plötzlich hatte ich genug von dieser Art des Lebens. Ich fuhr nach Adelaide, um die bereits zu Weihnachten besprochenen Pläne mit meinem neuen Freund Oskar zu verwirklichen.
In Adelaide wandte ich mich vertrauensvoll an den mir bekannten Manager des Arbeitsamtes. - Aber so einfach war´s nicht. Beim Arbeitsamt hatten sie nur eine Stelle, die in Frage kam, als Lagerist. Als ich mich dort vorstellen wollte, hatte man bereits jemanden gefunden. Jetzt war ich ja der Gastarbeiter, der zum ersten Mal "nach Höherem strebte". Draußen auf dem Lande war ich auf der Arbeitssuche fast nur Einwanderern begegnet, weil der normale Großstadt-Australier nie auf die Idee kommen würde, dort hinzugehen. Jetzt in der Stadt - Adelaide hatte damals etwa 600.000 und in den achtziger Jahren etwa eine Million Einwohner - war alles anders.
In der Tageszeitung las ich, daß Singer Sewing Machine Coy. einen Buchhalter suchten. Das wäre doch genau das richtige für mich, dachte ich. Buchführung hatte ich ja bereits in der Handelsschule und auf der Reichsfinanzschule in Herrsching gelernt. Das sollte doch wohl genügen, oder? Mit der Zeitung in der Hand machte ich mich also auf, um meine Dienste dort anzubieten. Es gab noch drei weitere Bewerber, die aus dem Felde zu schlagen waren, alles keine "Gastarbeiter"...
Doch der Manager meinte, daß ich gerade der passende Mann sei. Nachdem dann auch noch der General Manager aus Melbourne mit mir gesprochen und mir mitgeteilt hatte, daß vom Bewerber erwartet würde, die Unterlagen und das Berichtswesen für 12 Geschäfte in einem Büro für den Staat Südaustralien zusammenzufassen - und das in den nächsten drei Monaten -, hatte ich eine Anstellung.
Ich machte mich also auf und kaufte mir ein kleines Buch über Buchführung u.ä., um mich an neue Namen und Ausdrücke zu gewöhnen. Ich mußte mich damals an die elementaren kaufmännischen Begriffe in englisch erst herantasten. Was für mich allerdings in den ersten Wochen das größte Problem darstellte, war das Lesen von Ziffern.
Da saß ich nun also nach mehr als einjähriger Arbeitszeit im Innern des Landes wieder mit Oberhemd und Krawatte im ersten Stock eines alten, nicht klimatisierten Gebäudes in der Großstadt, während die Temperatur draußen für mehr als eine Woche täglich über die 40 Grad-Marke kletterte. Oft saß ich noch abends im Büro und prüfte die Additionen des großen Kassenbuches mit Hilfe einer Rechenmaschine. Wenn ich beim Nachrechnen eine neue Summe erhielt - und das kam damals leider sehr oft vor - mußte ich Tippstreifen nach Tippstreifen vergleichen und abhaken. Das Problem lag bei den Ziffern 1 und 7. Im Englischen ist die Eins ein ungefähr senkrechter Strich. Wenn dieser Strich nun auch noch einen Aufstrich hat, mag er noch so klein oder so groß sein, so ist das eine Sieben. Da auf jeder Seite - in jeder der vielen Spalten mit jeweils wieder 20 oder 30 Zahlen - die Ziffer Sieben häufig vorkam und ich anfangs beim schnellen Addieren die meisten davon wie gewohnt als Eins las, mußte das Ergebnis natürlich falsch sein. Es erforderte große Konzentration, bei einigen hundert Zahlen keine Sieben für eine Eins zu lesen.
Dieses Problem überschnitt sich mit meiner ebenfalls nicht einfachen Anpassung an die ständige berufliche Benutzung von Pfund-, Schilling- und Pence-Rechnungen. Es war natürlich ein Unterschied, ob man die notwendigen kleinen privaten monetären Überlegungen anstellte oder von morgens bis abends mit erheblichen Größen jonglieren mußte. Die ersten zehn Jahre meiner Bürotätigkeit im Ausland fielen ja noch in die Zeit der alten Währung. Selbstverständlich konnte ich nachher gut in diesen Einheiten rechnen und kannte auch sämtliche Tricks, sie zum Beispiel für das Prozentrechnen schnell in Dezimalzahlen und auch zurück umzurechnen. Ich will hier nur erzählen, daß meine Schwierigkeiten unerwarteterweise auf einer Ebene lagen, an die ich gar nicht gedacht hatte.
Das Zentralbüro wurde dann, wie geplant, eingerichtet. Ich hatte jetzt fünf junge Damen, die für mich arbeiteten und mich in die Lage versetzten, wöchentliche Berichte unserer Umsätze, Kosten und Bestände nach Melbourne zu senden.
Es war für mich eine lehrreiche Zeit und wurde die Basis für mein ganzes späteres Berufsleben in der Privatwirtschaft. Die Arbeit hat mir damals und in den Jahrzehnten danach stets Spaß gemacht - im Unterschied zum Öffentlichen Dienst war man zwar nie so vollkommen abgesichert, man konnte sich aber doch stets neuen Herausforderungen stellen.
Im Oktober 1955 heiratete ich meine Ingrid, die mit ihrem Bruder auch aus Deutschland für zwei Jahre nach Australien gekommen war und jetzt in der Kreditabteilung eines der großen Kaufhäuser in Adelaide arbeitete. Zuvor hatte ich meine Auserwählte noch dadurch beeindruckt, daß ich sie mit zu Adelaides Flugplatz nahm, wo mein Freund Oskar und ich beim Royal Aeroclub die englische Tigermoth fliegen gelernt hatten. Und das gab dann ja wohl den Ausschlag. Wie auch immer, ich hörte danach jedenfalls auf zu fliegen, weil Fliegen und Heiraten finanziell einfach zu viel für mich waren.
Nachdem wir uns acht Wochen kannten, gingen wir während unserer Mittagspause zum Standesamt und luden abends ein paar Freunde zu einer kleinen Feier ein. Ein Jahr später holten wir die kirchliche Trauung nach.
Wir fanden ein möbliertes Zimmer in einem Haus, in dem, ebenfalls in möblierten Zimmern, alle unsere späteren Freunde wohnten. Zwei waren dabei zu studieren, weil ihre europäischen Qualifikationen in Australien nicht anerkannt wurden. Beide waren später Fachärzte, nachdem sie auch weiterführende Studien in London hinter sich gebracht hatten. Damals waren wir jedoch alle noch am Anfang. Auch ich bemühte mich um eine australische Qualifikation und begann 1956 ein Fernstudium in Accountancy (Betriebswirtschaft).
Um eine spätere Anerkennung durch die Australian Society of Accountants (eine der beiden australischen Wirtschaftsprüferkammern) sicherzustellen, mußte ich als erstes meine Qualifikation für die Zulassung zum Studium nachweisen. Zu meinem Glück brauchte ich kein Abiturzeugnis vorlegen, sondern mußte in einigen Sonderprüfungen meinen äquivalenten Bildungsstand beweisen. Wieder ein Essay, aber auch ein langes Diktat eines komplizierten Vertragstextes, Tests in Logik und sehr viel Rechnen. Ich bestand die Prüfungen, wurde zugelassen und meldete mich in den folgenden Jahren für Prüfungen in jeweils gleichzeitig mehreren Fächern an. Die mußten bei der Wirtschaftsprüferkammer abgelegt werden, wobei die Durchfallquote bei über 50 % lag.
Ungefähr vier Jahre lernte ich jeden Abend bis nach Mitternacht, nur kurz unterbrochen, wenn Ingrid zum Essen rief. Wir waren inzwischen umgezogen und hatten jetzt 2 Zimmer und Küche.
Ich bestand sämtliche Prüfungen, zwei davon als Bester in unserem Bundesstaat, und wurde 1960 als Associate in die Society of Accountants aufgenommen. Jahre später, 1965, als ich von Südafrika wieder nach Adelaide zurückgekommen war, traf ich einen der mit mir angefangen hatte und der mir stolz erzählte, daß er jetzt nur noch ein Prüfungsfach vor sich habe. Die Durchschnittszeit für das Fernstudium lag bei fünf bis sieben Jahren. So war ich verständlicherweise ganz zufrieden.
Da ich mich so an Prüfungen gewöhnt hatte, holte ich mir auch noch eine weitere Qualifikation. Nach Bestehen auch dieser Prüfungen wurde ich vom Gouverneur bevollmächtigt, Urkunden über Umschreibungen, Hypotheken und andere Immobilien-Belastungen zu entwerfen, zu beglaubigen und Eintragungen und Löschungen im Grundbuch vornehmen zu lassen.
Um auch diese Qualifikation zu erlangen, mußte man allerdings Staatsbürger sein. Aus diesem Grund ließen wir uns 1959 naturalisieren und wurden Australier. Leider verloren wir dadurch automatisch unsere deutsche Staatsbürgerschaft. Eine doppelte Staatsbürgerschaft war damals nicht möglich.
Inzwischen hatte ich Singers verlassen, war bei einer der großen amerikanischen Ölgesellschaften durch sämtliche Sparten der Ölhafenverwaltung gegangen - dort sogar für ein halbes Jahr für die Abfertigung von Tankern in den beiden südaustralischen Häfen zuständig gewesen - und wechselte dann zu einer Immobiliengesellschaft, um die zu Grundbucheintragungen führenden Verträge zu bearbeiten. Da mir das Arbeiten im Immobilienwesen dann aber doch nicht zusagte, nutzte ich eine wirtschaftliche Flaute, um zu kündigen und mit Ingrid den lange versprochenen Europaurlaub anzutreten.
Wir verkauften das erst ein Jahr vorher erstandene Haus wieder, lagerten unsere Möbel ein und bereiteten uns auf einen mehrmonatigen Urlaub vor.

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